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Digital entgiften – warum überhaupt?

Der Mini-Computer in unserer Hosentasche weiß Rat in allen Lebenslagen, macht den Alltag so viel einfacher. Warum also überhaupt darauf verzichten?

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Lizenz: CC by-sa (bearbeitet)
Bild: Another Plug for the Digital Detox Campaign, Michael Coghlan

Detox “ ist ein Modewort aus dem Wellness-Bereich. Es bedeutet „Entgiftung“ und suggeriert, unser Körper müsse von gewissen Giften, die sich in ihm im Laufe der Zeit ansammeln, gereinigt werden. Man stellt sich dann vielleicht eine Wasserleitung mit Ablagerungen vor – tatsächlich hört man häufig auch das Wort „Entschlackung“, ganz so, als könnten sich irgendwo in unseren Blutgefäßen oder Organen „Schlacken“ ansammeln. Das ist Nonsens. Der Körper hat freilich sein eigenes Entgiftungssystem (schon mal was von der Leber gehört?). Und falls dieses tatsächlich nicht mehr verlässlich arbeiten sollte, hilft Brennnesseltee auch nicht mehr. 

Während also körperliche Entgiftung getrost als Geschäftemacherei windiger Wellnessgurus verworfen werden kann, hat digitale Entgiftung („digital detox“) durchaus einiges für sich.

Fragen wir uns zunächst, worin denn das „Gift“ besteht, von dem wir uns befreien müssen.

Der digitale Raum unterliegt anderen Regeln als die analoge Welt. So weit, so einleuchtend. Wenn wir uns im digitalen Raum bewegen, halten wir uns – meist unbewusst – an diese anderen Regeln und werden – ebenso unbewusst – zu anderen Personen. Unser Ich schlüpft im Alltag in viele Rollen und passt sein Verhalten an die Rahmenbedingungen an. Im Freundeskreis, in der Familie, im Klassenzimmer, im Büro oder beim Einkaufen – wir wählen die geeignete „Maske“ und handeln entsprechend. Im Normalfall wenden wir uns an einen Vorgesetzten mit einem anderen Ton und einer anderen Haltung als an einen Freund.

Wenig überraschend also, dass auch der digitale Raum uns in eine gewisse Rolle drängt. Wir tragen auch dort eine „Maske“, zeigen nur einen sehr spezifischen Teil von uns. Wir werden zu einer anderen Person, zu einem „Avatar“ – um einen Begriff aus der Computerspielsphäre zu bemühen. Dieser Avatar kann von uns scheinbar beliebig gestaltet werden, wir fühlen uns frei, vielleicht auch in gewisser Weise anonym (obwohl nur die allerwenigsten wirklich anonym surfen – wie schon in Teil 2 beschrieben, bräuchte man dazu gewisse Voraussetzungen wie den Tor-Browser, um die sich aber kaum jemand bemüht).

Die Freiheit im Netz besteht nur noch in der Auswahl des passenden Filters.

Konnte man im Cyberspace anfänglich nur statische Webseiten aufrufen, so wurde daraus mit dem Aufkommen von Chatrooms und Social Media mehr und mehr ein Raum, in dem wir ungeschminkt alles sagen, fragen und sein durften. Wir konnten Gleichgesinnte finden und uns über Nischeninteressen austauschen, für die wir in unserem unmittelbaren Umfeld auf kein Verständnis stießen. Das Internet als Spielwiese der Identität war und ist faszinierend und lädt zu kreativen Experimenten ein. Oft genug wurde schon – meist nicht ohne Verachtung – auf die zahllosen Geschlechterkategorien hingewiesen, die Facebook seinen Nutzern zur Verfügung stellt. Tatsächlich verwendet werden diese Kategorien jedoch kaum, die meisten definieren sich auch im Netz eindeutig binär als Mann oder Frau. Und hierin liegt ein seltsames Phänomen der Sozialen Netzwerke, die Marc-Uwe Kling in seinen Känguru-Chroniken nicht umsonst als „Asoziale Netzwerke“ bezeichnet. Anstatt dass die Avatare freier, bunter, vielfältiger würden, werden sie zunehmend „normiert“. Es hat sich eine Leitästhetik, ein Mainstream etabliert, dem vor allem junge Leute nacheifern. So und so sieht der ideale Körper aus – auch und gerade der virtuelle Körper. Diesen kann man mit Bildbearbeitungsprogrammen scheinbar beliebig manipulieren. Und doch kommt am Ende immer dasselbe Ideal „von der Stange“ heraus: superschlanke Modelfiguren mit makelloser Haut, großen Augen, vollen Lippen – mit einem Wort „Sexygirl “; oder in der männlichen Version gebräunte Muskelpakete, die Coolness ausstrahlen. Zwischen Sexygirl und Coolman gibt es wenig Spielraum. Je nach Vorlieben kann man seine Mode anpassen und seine politischen Ansichten, doch der Phänotyp aller ideologischen Richtungen ist beklemmend uniform. Mittlerweile bieten viele Fotoprogramme eine automatische Bildbearbeitung im Moment der Fotoaufnahme an. So bekommt der sich selbst ablichtende Nutzer gar nicht mehr sein eigentliches Gesicht zu sehen, sondern schon direkt ein ästhetisch angepasstes. Hautunreinheiten werden retuschiert, die Augen vergrößert, die Lippen aufgefüllt, Fältchen geglättet – die Freiheit im Netz besteht nur noch in der Auswahl des passenden Filters.

„Leg doch mal das Handy weg“, ist daher mehr als nur ein hilfloser Ausruf genervter Mitmenschen. Es ist ein Schlüsselsatz für den Erhalt unserer psychischen Gesundheit.

Vor allem Instagram versorgt seine Nutzer mit einer sehr klar definierten Ästhetik. Wir haben mittlerweile ein Gespür dafür, welche Bilder „instagramable“ sind und welche nicht. Dasselbe gilt für Inhalte. Wer sein Foto auf Instagram stellt, erwartet sich Reaktionen – und vor allem junge Menschen möchten positive Reaktionen in Form von Herzchen, Zustimmung oder Geteiltwerden erzielen. Diese positiven virtuellen Reaktionen werden als sehr reale Streicheleinheiten empfunden, nach denen man geradezu süchtig werden kann. Nun kann aber nicht jeder ein Instagramstar mit tausenden oder auch nur hunderten Followern werden. Die meisten Nutzer bleiben passiv und scrollen nur die endlose Timeline entlang, füttern ihr Gehirn mit immer anderen immer gleichen Bildern, ohne selbst irgendwelche Inhalte zu generieren. Zu groß die Angst, nicht gut genug zu sein, kein Interesse zu wecken, zu anstrengend auch die Jagd nach dem perfekten Bild. Für den spontanen Schnappschuss ist ohnehin Snapchat die geeignetere Plattform. Instagram hingegen ist die flauschige Hölle der perfekten Mahlzeiten und traumhaften Landschaften, der völlig bedeutungslosen unvergesslichen Momente und des ständigen Hochgefühls. Kein Wunder, dass die sozialen Medien ihre Nutzer zunehmend in die Depression treiben. Dem Vergleich mit dieser Hochglanzwelt hält keine noch so angenehme Realität stand. In der Realität gibt es nämlich auch solche Dinge wie übelriechenden Achselschweiß und bohrende Zahnschmerzen und deutschen Autobahnraststätten-Kaffee. Die Realität auszuhalten, lernt man nicht in den sozialen Medien. Sie bieten sich als Zufluchtsort an, doch sie sind trügerisch. Die größte Gefahr liegt dabei nicht einmal in den bunten Bildern, die man sich von anderen vorgaukeln lässt, sondern in dem Bild, das man von sich selbst generiert. Mehr und mehr gerät man in Widerspruch zu dem, was man sein will oder sein soll – und erlebt sein Ich als zerrissen zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

„Leg doch mal das Handy weg“, ist daher mehr als nur ein hilfloser Ausruf genervter Mitmenschen. Es ist ein Schlüsselsatz für den Erhalt unserer psychischen Gesundheit.

Doch wie kann man eine möglichst schmerzlose, unproblematische „digitale Entgiftung“ bewerkstelligen, ohne durch einen geradezu traumatisierenden „kalten Entzug“ gehen zu müssen? Darüber schreibe ich im nächsten Teil. 

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