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Solidarität

Die ultimative Challenge

Kettenbriefe, Spielaufforderungen, Online-Petitionen – wir inszenieren uns gerne sozial und solidarisch. Nur bezahlen wollen wir für diese Ideale nicht.

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Bild: Adventure Height, Sasin Tipchai; Pixabay

„Ich nominiere Pinco Pallino, Tutti Frutti, Yada Yada und Blabla.“ Welch ein Horror, wenn mein Name in solchen Spielaufforderungen erscheint! Ich soll ein Foto von mir mit meinem Lieblingsgemüse machen, in absteigender Reihenfolge meine zehn liebsten Bettbezug-Muster auflisten, einen Satz bilden, in dem „Gabelstapler“ und „Walzer“ vorkommen, das Buch, das ich grade lese, auf Seite 34 aufschlagen und das fünfte Wort in der dritten Zeile posten; einfach so, ohne Erklärung. Hin und wieder mache ich bei solchen Sachen mit, allerdings zunehmend widerstrebend. Ich hab ja auch schon fast alles durch: Ich habe mysteriöse Sätze auf meine Pinnwand gestellt, die nur von den „Eingeweihten“ verstanden werden: „Nein, aber dafür in Blau.“ Habe Hashtags verwendet und bei Online-Flashmobs mitgemacht und sogar das Schlimmste von allen: Petitionen unterzeichnet.

Als Theatermensch weiß ich, wie wichtig Spiele und Rituale auch für Erwachsene sind, letzten Endes beruht ja ein Großteil aller Kunst auf diesen beiden Prinzipien. Trotzdem hat es mich zunehmend genervt und gelangweilt, wenn schon wieder eine „psst, psst, streng geheim“-Privatnachricht in mein Postfach ploppte, um mir obskure Spielregeln zuzuraunen. „Zu Ehren aller unschuldig frühreif gepflückten Bananen verdecken wir unsere Profilbilder mit einem gelben Punkt“ – „aus Respekt für alle, die den Kampf gegen die Personenwaage verloren haben, teile ich hier kommentarlos das Foto einer Selleriestange“ – „als Zeichen der Solidarität mit den Helden und Heldinnen der Origami-Zunft falte ich meine Hände zu einem perfekten Quadrat“. Vor allem die scheinbar noblen Anliegen sind mir ein besonderer Graus. Natürlich kann ich mich in meinem Schlafzimmer auf ein Bein stellen und das Alphabet rückwärts aufsagen. Ob das aber wirklich zum Durchbruch in der sekundären Schulbildung für erwachsene Frauen in Afghanistan beiträgt, darf bezweifelt werden.

Trotzdem wundere ich mich immer wieder, dass den vielen schönen Lippenbekenntnissen und Applausspenden keine handfesten Wahlergebnisse folgen.

Und – psst, psst, euch kann ich es ja verraten – ich hab mich auch nicht in meinem Wohnort im Engadin auf den Balkon gestellt und geklatscht. Erstens hätten das höchstens die Alpendohlen gehört. Zweitens bin ich keine Freundin von Applaus. Er ist gut gemeint, aber letztlich billig. Auch da lehrt mich die Erfahrung als Theatermensch. Der Spruch „der begeisterte Applaus des Publikums ist unser schönster Lohn“ klingt zwar herzallerliebst, geht aber an der oftmals nur allzu prosaischen Realität des Theaterhandwerks vorbei. Natürlich ist es wunderbar, wenn man die Menschen mit seiner Kunst begeistert. Wunderbarer ist es aber, wenn man auch noch die Miete bezahlen und den Kühlschrank füllen kann. Ich habe also nicht geklatscht. Für eine Aufwertung und damit einhergehend eine gerechtere Bezahlung sozialer Berufe setze ich mich allerdings schon lange ein (ja, da hab ich auch mal eine Online-Petition unterschrieben – lange vor Covid-19), unter anderem, indem ich von meinem Wahlrecht Gebrauch mache und diejenigen Politikerinnen und Politiker unterstütze, von denen ich weiß, dass es ihnen damit wirklich ernst ist. Diese Möglichkeit hätten wir alle – schon längst.

Trotzdem wundere ich mich immer wieder, dass den vielen schönen Lippenbekenntnissen und Applausspenden keine handfesten Wahlergebnisse folgen. Gewählt wird seit Jahren eine neoliberale Politik, die mit Sündenböcken von der immer eklatanteren Ungleichheit in unserer Gesellschaft abzulenken versucht, eine Politik, die ein phantomatisches „Wir“ gegen irgendwelche „anderen“ ausspielt. Dabei sehen wir doch gerade jetzt, wie illusorisch das Herstellen getrennter Sphären ist, wie sehr wir alle aufeinander angewiesen sind und wie wortwörtlich lebensnotwendig jene „anderen“ sind, auf die wir gerne mit Geringschätzung hinabschauen. Die Pflegerinnen und Pfleger, die Müllarbeiter und Putzkräfte, die Erntehelferinnen und Erntehelfer. Wir haben kein Problem damit, dass sie ein Dasein im Schatten fristen, weil es uns oft seltsam unangenehm ist, dass sie überhaupt da sind, dass sie überhaupt gebraucht werden. Letzten Endes, weil wir am liebsten vergessen wollen, dass wir in einer Welt leben, in der es Müll und Schmutz, Krankheit und Pflegebedürftigkeit gibt und in der die Kartoffeln nicht von alleine ins Supermarktregal springen.

In diesen Wochen erleben wir, wie fragil dieses Wunderwerk des Sozialstaates ist, das wir allzu häufig einfach als gegeben angenommen haben.

Jetzt ist uns in einer unerbittlichen Drastik vor Augen geführt, wie wichtig, wie wortwörtlich lebensnotwendig die „Unsichtbaren“, die Geringgeschätzten, die An-den-Rand-Gedrängten, die Kaputtgesparten sind. Und noch etwas anderes ist uns überdeutlich klar geworden: Wie sehr wir alle vom Funktionieren des sozialen Netzes abhängen, auf das wir uns so selbstverständlich verlassen. Wenn ich beim Radfahren stürze und mich verletze, kommt „selbstverständlich“ ein Rettungswagen, um mich zu versorgen. Wenn mein Keller überflutet ist, schaut „natürlich“ die Feuerwehr vorbei. Meine Kinder weiß ich in der Schule gut aufgehoben, „das versteht sich von selbst“. So vieles fällt uns nicht ins Auge, weil es zur Gewohnheit geworden ist: Der Müll wird abgeholt, die Straße wird asphaltiert, das Jugendzentrum bekommt eine neue Tischtennis-Platte. Das Wichtigste: Wenn es mir oder meinen Lieben nicht gut geht, haben wir Anspruch auf (nicht nur ärztliche) Hilfe. Es stehen Medikamente und Untersuchungsinstrumente bereit, ein Bett ist frei, im Notfall kann schnell operiert werden. Wie vielen von uns hat diese „Selbstverständlichkeit“ schon das Leben gerettet?

In diesen Wochen erleben wir, wie fragil dieses Wunderwerk des Sozialstaates ist, das wir allzu häufig einfach als gegeben angenommen haben. Ja, stellen wir uns auf den Balkon, klatschen wir. Teilen wir Fotos und Illustrationen mit rührseligen Sprüchlein, die allzu oft damit enden, dass jemand voraussieht, dass „kaum jemand“ ein Herz haben und das Bild weiterteilen werde. Wir wollen zu den Guten gehören und das auch zeigen. Aber ich hätte da noch eine andere Challenge für euch, für uns alle. Sie ist nicht nur in diesen Tagen die quasi ultimative Herausforderung, vor der wir uns nur allzu gerne drücken. Doch im Gegensatz zu obskuren Internet-Spielchen hat sie das Potential, einen echten gesellschaftlichen Paradigmenwechsel herbeiführen. Nein, ich sage euch jetzt nicht, dass ihr anders wählen sollt. Und erst recht nicht sage ich euch, wen ihr wählen sollt. Wenn ihr überhaupt zur Wahl geht, habt ihr schon viel getan.

Versteckt euch nicht hinter den üblichen Stammtisch-Grunzereien von den überbezahlten Politikern und dem kranken System.

Aber ich habe einen anderen Vorschlag für euch, der gewagt ist und vielleicht sogar geradezu frivol klingt: Zahlt eure Steuern.

Da seid ihr jetzt aber ganz schön erschrocken, oder? Nicht nur in Italien haftet dem Steuerzahlen etwas Unanständiges an. Angefangen bei den großen Konzernen bis hin zum kleinen Selbstständigen: Wer nicht unbedingt muss, vermeidet es, soweit es geht. Dafür wird geschummelt und getrickst, was das Zeug hält, denn wer will sich schon um den Lohn seiner Arbeit bringen lassen? So wird argumentiert, und hinterher kommt gleich der Zeigefinger, der auf all jene zeigt, die ja noch viel größere Steuervermeider sind als man selbst. Selbstverständlich sollten auch die ihre Steuern zahlen, keine Frage. Und dass es noch viel zu viele Schlupflöcher für die Großen gibt, ist einfach nur ein Skandal. Aber lenken wir nicht ab. Bleiben wir bei unserer Challenge. 

Zahlt eure Steuern. Überlasst es nicht denen, die gar keine andere Wahl haben, weil ihnen die Steuern automatisch vom Lohn abgezogen werden.

Zahlt eure Steuern. Alle. Unterschlagt nichts, schafft nichts beiseite. Zahlt eure Handwerker nicht schwarz, meldet die Putzkraft regulär an. Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist. So hat es der große Revolutionär aus Nazareth gesagt, dessen Auferstehung ihr erst kürzlich mit Massentierhaltungs-Schinken und Kinderarbeits-Schokolade gefeiert habt. (Wer mir nicht glaubt, dass sich Jesus über solche Banalitäten wie das Steuernzahlen geäußert hat: Er hat. Und das sehr deutlich. Matthäus 22.21.)

Zahlt eure Steuern. Vergesst eure Ausreden. Versteckt euch nicht hinter den üblichen Stammtisch-Grunzereien von den überbezahlten Politikern und dem kranken System. Denkt an unsere Kindergärten und Schulen, Krankenhäuser und Kläranlagen. Denkt an die Straßen, die öffentlichen Gebäude, denkt an die Vereine, die Theater, die Landwirtschaft, all die Betriebe, die subventioniert und gefördert werden, letzten Endes zu unser aller Wohl. Wartet nicht ab, bis euch die Politik oder das System hundertprozentig überzeugen. Dieser Moment kommt vielleicht nie. Aber dass wir nicht alleine dastehen, wenn wir in Not sind, dass uns geholfen wird, wenn wir verletzt sind, dass wir geheilt werden, wenn wir krank sind, dass muss uns mehr wert sein als ein Kettenbrief oder ein hohler Applaus.

Zahlt eure Steuern. Füllt unsere öffentlichen Kassen auf, ermöglicht den Geldfluss, der auch euch zugutekommt. Denkt an die vielen hundert Millionen Euro, die allein in Südtirol pro Jahr hinterzogen werden – wieviel Gutes könnte damit getan werden? Auch euch!

Zahlt eure Steuern. Das wird natürlich ein bisschen wehtun – und ihr dürft auch mit den Zähnen knirschen, diesmal sogar mit Recht. Aber keine Sorge, das letzte Hemd kosten wird es euch nicht. Einige von euch bringt es sogar um die Verlegenheit, nicht zu wissen, wie sie ihr Schwarzgeld unauffällig ausgeben sollen – eine Sorge, die in unserem Land gar manche umtreibt.

Zahlt eure Steuern. Und sorgt mit eurem Wahlrecht dafür, dass diese Steuern für das Richtige ausgegeben werden. Denn so funktioniert Demokratie.

Zahlt eure Steuern. Das wäre mit Abstand das stärkste Signal der Solidarität und echten Wertschätzung, das ihr geben könnt.

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