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Krimi aus Südtirol

Die Stille der Lärchen (1-2)

Der zweite Krimi von Lenz Koppelstätter erscheint am 13. Oktober. Commissario Grauner ermittelt diesmal im Ultental. Hier gibts einen Vorabdruck zum Reinschnuppern.

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Bild: Martin Geisler

Prolog

Die Stille gibt es nicht. Schon gar nicht jetzt, wenn es plätschert und taut. Glaubt man, es ist still, ganz still, dann rauscht immer noch ein Bach in der Ferne. Dann raschelt der Wind in den Baumwipfeln, dann springt ein Rehkitz durchs Gebüsch, dann haut ein Specht seinen Schnabel ins Holz, dann ruft ein Kuckuck, dann zwitschern sich frühlingsverliebt zwei Rotkehlchen zu.

Stille, absolute Stille, die gibt es nur im Himmel, sagten die Rosenkranzfrauen von St. Gertraud. Oben, hinter den Wolken, jenseits des Blaus. Oben, inmitten der Sterne, die da funkeln. Wenn es still ist, ganz still, dann bist du nicht mehr auf Erden, sagten die Frauen. Nur wenn einer stirbt, dann hält auch auf Erden die Totenstille Einzug. Dann plätschert einen Wimpernschlag lang nichts. Dann rauscht nichts, raschelt nichts. Dann klopft nichts, zwitschert nichts. Dann ist es still, still, lärchenstill.

Natürlich wird sie in den Himmel kommen, die Marie, sagten die Rosenkranzfrauen, die drei Tage und drei Nächte lang auf den Bänken der Pfarrkirche des Dreihundertseelenortes knieten, um für sie zu beten. Ein Vaterunser, ein Gegrüßet seist du, Maria, ein Glaubensbekenntnis und dann alles, all das Flehen, die Huldigungen, die Lobpreisungen, noch einmal von vorne.

Sie beteten noch, als ihre Knie längst taub geworden waren. Sie beteten noch, als sich das kantige Holz der Kirchenbänke bereits schmerzhaft in ihr Fleisch geschnitten hatte.

Die Bewohner des Ultentals waren gottesfürchtige Leut’ – und die Rosenkranzfrauen von St. Gertraud waren die allergottesfürchtigsten unter ihnen.

Natürlich wird sie in den Himmel kommen, flüsterten die Leut’ in St. Gertraud, als sie sich draußen vor dem Kirchentor begegneten. Weil wir sie salben, beweinen, beklagen. Weil wir sie in einen weißen Sarg legen, unschuldsweiß – weil sie fast noch ein Kind war.

Sie wird in den Himmel kommen, weil Kinder noch ohne Sünde sind. Weil der Herr Pfarrer sie segnen wird, die Marie, dies blutjung heimgeholte Gottesgeschöpf.

Schöne Haare hat sie gehabt, goldenschön, flüsterten die Leut’, und große blaue Augen, engelsblau.

Im Höllenschlund, der dort seinen Eingang hatte, dessen waren sich alle gewiss, wo eine der alten Lärchen unter ihrem Stamm ein sandiges Loch offenbarte – da war es nicht still. Da spürst du die hochkommende Hitze, sagten die Frauen, da erhascht dich der Funke der lodernden Feuer, da schreien die Seelen der Verdammten. Die der Todsünder. Die der Fleischeslüstigen. Die der Völlerer. Die der Gottesächter. Die der Mörder. Und all die Seelen jener, für die niemand gebetet hat.

Mancher Sünder mag in den Himmel kommen. Wenn er bereut, wenn er Buße tut, wenn die Frommen für ihn klagen. Doch manchem bleibt er verwehrt. Da hilft kein Klagen, keine Buße, keine Reue, kein Beten.

Für den Michl, sagten die Rosenkranzfrauen von St. Gertraud, wird es nicht reichen. Was der Michl getan hat, sagten sie, das kann ihm keiner verzeihen. Auch der liebe Gott nicht. Für den Michl beteten sie nicht. Der Michl sollte sterben. Und in die Hölle kommen. Hinab ins sandige Lärchenloch. Das sollte seine gerechte Strafe sein, das wünschten sie ihm.

„Das tote Mädchen, das am Stamm einer der alten Lärchen lehnte. Das Rot an ihrer Brust um ihren Mund. Das Rot wirkte dunkler als Blut, so als hätte sie sich nur mit Kirschmarmelade befleckt.”

Sie saß da, so schien es Benedikt Haller, als schliefe sie mit offenen Augen. Als träumte sie einen Tagtraum. Die Pupillen starrten ihn an. Er schauderte, und ihm war bewusst, dass er diesen Moment, diesen Blick aus diesen toten, offenen Augen, sein ganzes verdammtes restliches Leben lang nicht mehr vergessen würde.

Es schien ihm, als atmete sie noch. Doch es war nicht der Brustkorb, der ihr weißes Kleid und ihre Wolljacke hob und senkte. Es war der mit dem Stoff spielende Wind. Der Wind, er hob auch ihre blonden Strähnchen. Sie kitzelten ihr Gesicht. Aus ihrem offenen Mund war Blut gequollen. Es haftete verkrustet an ihrem Kinn. Rund um ihr Herz hatte es sich in die Fasern des Kleids und der Jacke gefressen.

»Marie!«, sagte Haller, »Marie!«

Er drückte das Gesicht gegen die Scheibe des bodentiefen Fensters und legte auch die Hände auf das kalte Glas. Kurz schloss er die Augen, fest, bis er hinter den geschlossenen Lidern Sterne sah. Je fester er drückte, so hoffte er, desto eher könne alles verschwunden sein, wenn er die Augen wieder öffnete – vielleicht, so dachte er, war alles nur ein kurzer, böser Traum.

Aber alles war noch da. Alles war real: der Wald, der hinter dem mit Moos überwachsenen Holzzaun begann. Das tote Mädchen, das am Stamm einer der alten Lärchen lehnte. Das Rot an ihrer Brust um ihren Mund. Das Rot wirkte dunkler als Blut, so als hätte sie sich nur mit Kirschmarmelade befleckt.

Benedikt Haller nahm die Hände von der Fensterscheibe, blutrote Streifen blieben zurück. Dann ging er zum Glastisch, der neben den geschwungenen Sofasesseln in der Mitte des lichtdurchfluteten Raumes stand. Einige Architekturzeitschriften lagen darauf, akkurat gestapelt. Haller hasste es, wenn nicht alles seine Ordnung hatte. Er entdeckte einen Brotkrümel auf dem Tisch, schnappte mit zwei Fingern danach und ließ ihn in der Hosentasche verschwinden. Haller hasste Krümel. Er hasste Flecken. Haller hasste Schmutz. Er hasste es, wenn seine Schuhe von einer Staubschicht überzogen waren.

Haller wischte die Glaswand sauber und wusch sich die Hände, das dunkle Wasser verschwand im Abguss des Edelstahlwaschbeckens. Er rieb die Finger mit einem weißen Handtuch trocken und spürte Freude in sich hochkriechen, als er bemerkte, dass das Tuch dadurch zwar nass, aber nicht schmutzig geworden war. Er faltete es sorgsam und legte es auf die Marmorplatte neben dem Designerherd.

Haller war Perfektionist. Die Natur ist perfekt, auf ihre Weise, und der Mensch hat es auch zu sein, auf seine Weise, das sagte er oft, auch wenn ihm dabei niemand zuhörte. Haller bewunderte die Natur. Aber er verstand sie nicht. Sie faszinierte ihn, aber er traute ihr nicht. Sie zog ihn an, doch er hielt sie auf Distanz.

Haller lebte schon seit über einem Jahr in diesem hintersten Teil des Ultentals, aber noch nie war es ihm in den Sinn gekommen, sich ein Beil zu schnappen, um das gestapelte Holz zu hacken, auf einer Lichtung Beeren zu sammeln, im Winter eine Skitour zu unternehmen, sich im Sommer in eine ungemähte Wiese zu legen.

Haller verbrachte seine Zeit am liebsten im verglasten Wohnzimmer. Von einer Seite konnte er so in den Wald blicken, auf die drei Lärchen, die schon Hunderten Wintern getrotzt hatten. Von der anderen Seite reichte der Blick hinunter ins Tal.

Haller liebte es, hier zu stehen, sich im Kreis zu drehen, ein Glas Blauburgunder in der Hand, und rauszuschauen, auf diese wundersame Welt. Haller war anders. Das war ihm schon klar. Er war nicht Teil der Natur so wie die Menschen aus dem Tal. Er war nicht Teil der Wälder, nicht Teil der Gipfel, des Peilstein, der Gleckspitze, des Laugen und des Hasenöhrl. Er war nicht Teil des schwarzen Wassers im Zoggler-Stausee, das immerfort gegen die Ufersteine klatschte. Er war nicht Teil des Zwölf-Uhr-Mittags-Geläuts der Pfarrkirche, er war keiner der Männer, die im Schwarzen Adler ihre Wattkarten auf die Holztische knallten und nach der Bella – der Revanche der Revanche – noch ein paar schwere Kugeln in die Holzkegel der neuen Kegelbahn krachen ließen.

Haller war nicht Teil dieser Welt, das wollte er auch niemals sein. Aber sie zu beobachten, das gefiel ihm.

Haller nahm sein Smartphone in die Hand und wählte die Nummer der Questura in Bozen. Dann ging er über die frei hängende Treppe in den oberen Bereich des Glaskubus. Aus Michaels Zimmer tönte laute Musik.

 

26. März

1

Das Dorf war wie ausgestorben, als Grauner es erreichte. Er parkte seinen Panda vor der Kirche, die auf einer kleinen Anhöhe thronte. Er holte den Stein, den er neuerdings mit sich herumfuhr, aus dem Kofferraum. Die Handbremse hielt mittlerweile überhaupt nicht mehr, und er war es leid, immer und überall nach passenden Brocken oder Holzstücken zu suchen, um sie hinter eins der Räder zu legen.

Die goldenen Zeiger der Kirchturmuhr standen auf halb neun, es war noch etwas frisch, hier, auf tausendfünfhundert Meter Meereshöhe. Im Schatten der Wälder würde es den ganzen Tag über kühl bleiben, aber über den Bäumen würde die Sonne ihre weißgelben Strahlen in den wolkenlosen Himmel setzen.

Grauner blickte in die Höhe, in die sich der spitze Kirchturm mit seinen rotkäppchenroten Schindeln reckte, dann schaute er in die Tiefe, wo sich die Falschauer voller Gletscherwasser aus dem Tal hinauswand.

Es war ein typischer Südtiroler Frühlingsmorgen. Grauner war gut gelaunt, und das hatte damit zu tun, dass er inmitten dieses Dorfes im hintersten Ultental stand und den Tag nicht an seinem Schreibtisch verbringen würde, auf dem sich die Akten gipfelhoch türmten. Auf dieses Glück hatte er am frühen Morgen noch nicht zu hoffen gewagt. Die vergangenen Tage hatten an seinen lädierten Nerven gezerrt. Claudio Saltapepe, sein Ispettore, war vier Wochen lang in dessen Heimatstadt Neapel gewesen. Und so hatte Grauner das Büro zwar für sich alleine gehabt – aber auch die doppelte Arbeit.

Nun atmete er vergnügt die frische Bergluft ein. Doch gleichzeitig plagte ihn ob seiner guten Laune auch das schlechte Gewissen. Schließlich war ein Mord passiert. Zumindest hatte sich am Telefon alles danach angehört. Und nur dieser Mord hatte es ihm ermöglicht, nicht in der Questura schmachten zu müssen.

„Grauner flüsterte seinen Kühen beruhigende Worte zu und klopfte ihnen liebevoll auf den Rücken. Der Mitzi, der Margarete, der Marta, der Josefine, der Olga, der Mara. Jeder gleich lang. Denn seine Kühe merkten genau, wenn er einer mehr Zuneigung schenkte als den anderen, und dann muhten sie protestierend.”

Grauner, der außer Commissario auch Viechbauer war, hatte die frühen Morgenstunden im Stall verbracht. Er hatte während des Ausmistens Mahlers Dritte gehört. Es war so, dass er immer eine Zeit lang von einer der Sinfonien nicht genug kriegen konnte, sie dann Woche für Woche hörte, bevor er sich von ihr erholen musste und ein anderes Stück an der Reihe war. Zum Ausmisten, dachte Grauner, passte die Dritte gut, besonders der vierte Satz, bei dem sich die Harfen wie ein Grauen hervortaten; und dann das liebliche Altsolo, das warnend riet: O Mensch! Gib acht! Die Welt ist tief … Tief ist ihr Weh …

Grauner flüsterte seinen Kühen währenddessen beruhigende Worte zu und klopfte ihnen liebevoll auf den Rücken. Der Mitzi, der Margarete, der Marta, der Josefine, der Olga, der Mara. Jeder gleich lang. Denn seine Kühe merkten genau, wenn er einer mehr Zuneigung schenkte als den anderen, und dann muhten sie protestierend. Nur wenn eine trächtig war oder gerade gekalbt hatte, wurde die Sonderbehandlung schweigend akzeptiert.

Der Commissario liebte den Geruch von Kuhmist am Morgen. Er atmete ihn tief ein, er konnte nicht genau sagen, welche Gefühle die dampfende Würze in ihm auslöste. Geborgenheit? Innere Ruhe? Kindheitserinnerungen? Draußen vor dem Stall mochte ein neuer Tag anbrechen, mit neuen Grausamkeiten, mit neuem Irrsinn. Drinnen im Stall war alles gut. Das Donnern der Geigen. Das Muhen der Kälber. So konnte der Tag erwachen.

Um sieben Uhr war Grauner vom Stall in die Stube gekommen, um mit seiner Frau Alba das Birnenkompott umzufüllen, welches sie aus den Früchten der drei Bäume, die an der Südseite des Graunerhofs standen, gemacht hatten. Ein zufälliger Blick auf sein Handy zeigte neun unbeantwortete Anrufe in Abwesenheit von Sovrintendente Piero Marché, einem seiner Mitarbeiter.

Der Commissario hatte den Klingelton nachts ausgeschaltet, nun stellte er ihn auf laut, suchte nach der Rückruffunktion, doch da rief der Sovrintendente schon zum zehnten Mal an.

»Hier ist Marché«, sagte Marché – und dann nichts mehr.

Er wartete auf eine Reaktion. Aber Grauner antwortete nicht. Er wartete ebenso. Darauf, was da noch kommen würde. Er wartete vergebens.

»Ja, Marché«, sagte er schließlich. »Sprich weiter! Warum rufst du mich an?«

»Weil wir im Ultental sind. Auf dem Weg nach St. Gertraud.«

Grauner hörte das Sirenengeheul im Hintergrund. Marché saß in einem der Polizeiwagen. Klar, dachte der Commissario, bin ich einmal nicht dabei, werden die Sirenen aufgedreht. Er mochte das nicht. Meistens waren Sirenen unnütz. Man machte sich bei der Bevölkerung nur unbeliebt. Die Sirene der Feuerwehr, das war die Sinfonie der Flammenhelden, das Geheul der Polizei, das Requiem der Spielverderber.

Grauner unterdrückte einen Flucher und sparte sich den süffisanten Unterton, den Marché ohnehin nicht heraushören würde: »Gut, und warum seid ihr alle unterwegs nach St. Gertraud?«

Es knisterte, die Sirenen stockten. Der Handyempfang in Südtirols Tälern ließ zu wünschen übrig.

»Äh, ja, ja, weil – – – einer hat uns angerufen. Da liegt ein totes Mädchen – – – erschossen.«

Dann brach die Verbindung ab.

Einige Minuten später bog Commissario Johann Grauner vom Graunerhof hoch über dem Eisacktal von den Serpentinen in die Staatsstraße ein und schleckte sich dabei das Birnenkompott von den Fingern. Auf der MeBo erreichte der Panda klappernd die hundert Stundenkilometer. Bei Lana bog die Straße links ab, über die Gaulschlucht hinweg zog sie sich im Zickzack den Hang empor. Oben angelangt, begann das ins Ortlermassiv eingebettete Tal, in dem sich bereits tausend Jahre vor Christus die ersten Menschen angesiedelt hatten.

Wilde Kirschbäume säumten die Leitplanken, die Stämme mächtiger Nussbäume waren mit Efeu bewachsen. Schilder warnten vor Steinschlag und Rotwild. Zwei Tunnel, finster wie Stollen, führten durch den Fels. Am Ende der Tunnel hingen die Kieferngewächse des Mischwalds in tausend grünen Farbschattierungen über die Fahrbahn. Farne und Rotklee wucherten. Knospen platzten. Bienen summten. Bauernhöfe und Heustadel am Straßenrand wechselten sich ab. Auf die Gemäuer der Häuser waren Jagdszenen gemalt, geschulterte Gewehre, prächtige Auerhähne, manchmal auch die Muttergottes.

Grauner ließ die Dörfer St. Pankraz und St. Walburg hinter sich und passierte die mit geschmolzenem Gipfelschnee gefüllten Stauseen; frisches Nass, es sorgte für grüne Frühlingswiesen, für saftiges Holz in den Wäldern, für satt gefressene Kühe, für dickflüssige Milch, für neues Leben.

Der Commissario erreichte Kuppelwies, St. Nikolaus und schließlich St. Gertraud. Die Dörfer waren zu Dörfchen geworden. Die Täler, das wusste Grauner, hatten eigene Gesetze. Und je tiefer sie lagen, je kleiner die Orte waren, desto schweigsamer, stolzer und gottesfürchtiger die Bewohner.

Der Commissario hielt sein Handy in die Höhe. Kein Netz. Er packte den Stein wieder in den Kofferraum, fuhr den Hügel wieder hinunter. Als er das Dorfgasthaus erreichte, hatte er immer noch keine Menschenseele gesehen. Wo waren die alle? Er trat ein.

„Passiert nicht alle Tage so ein Mord bei uns.”

Der Wirt stand alleine hinter dem Budl des Schwarzen Adler. Er hatte ein Küchentuch über die Schultern gelegt, mit einem zweiten polierte er Weingläser. Der Mann trug lange rauchgraue Haare und einen rauchgrauen Stoppelbart. Seine Unterarme waren mit verschwommenen Tätowierungen verziert.

»Grüß Gott«, sagte Grauner.

»Was darf’s sein?«, fragte der Wirt und musterte den Commissario dabei mit einem Blick, der sagte: Sei du dir mal nicht so sicher, dass du was bekommst. Wer bist du eigentlich? Und was willst du bei uns?

»Erst mal nichts, danke«, antwortete Grauner, der den Blick verstanden hatte. »Ich wollte …«

»Nichts gibt es nicht«, unterbrach ihn der Wirt.

Grauner nahm die Brieftasche in die Hand und fischte zwischen den Geldscheinen die Tessera hervor, die ihn als Commissario auswies. Er hielt sie dem Wirt hin, doch der schaute sichtlich bemüht nicht darauf und griff nach einem neuen Glas.

»Wo sind alle?«, fragte Grauner.

»Wer alle?«, erwiderte der Wirt.

»Na alle, die Dorfbewohner. Draußen …« Grauner zeigte zum Fenster raus, das mit blutroten Gardinen aus grobem Stoff behangen war, »… hier«, nun zeigte er auf die leeren Tische, die so wirkten, als ob gerade eben noch reges Gasthaustreiben geherrscht hätte. Es war gespenstisch: Halb leere Espressotassen standen herum, auch ein, zwei halb ausgetrunkene Weißweingläser. Wattkarten lagen ausgespielt in der Mitte der Tische. Ein Schellkönig, der den Herzober stach. Eine Laubacht, die den Schlag verriet.

Es war, als ob alle Dorfbewohner sich vom einen auf den anderen Moment in Luft aufgelöst hätten. Grauner spürte die Gänsehaut, die sich bei diesem Gedanken auf seinen Armen ausbreitete. Auch ein Polizeiauto hatte er nicht entdeckt. Marché, Saltapepe – die mussten doch schon längst hier sein. Gerade wollte er sein Handy aus der Jackentasche holen, um noch einmal zu versuchen, einen der beiden anzurufen, da stellte der Wirt das Glas ab und räusperte sich.

»Die sind alle hinauf zu den Lärchen.«

Grauner, der eben noch zum Fenster hinaus auf das Stillleben des Platzes geschaut hatte, drehte sich wieder zu dem Mann um.

»Die sind oben bei den Lärchen, da, wo die tote Marie liegt«, präzisierte der Wirt.

Dem Commissario kroch die Gänsehaut über den Nacken.

Der Wirt erklärte ihm in knappen Worten den Weg. »Ist ja logisch, dass die oben sind. Passiert nicht alle Tage so ein Mord bei uns«, sagte er.

Grauner bestellte einen Schwarzen, kippte ihn heiß in den Rachen, bezahlte, murmelte ein »Wiederschauen« und trat vor die Tür.

An der Bushaltestelle neben dem Gasthaus saßen ein paar Buben auf Vespas, die in knalligen Farben besprüht waren. Granny-Smith-Grün. Ferrari-Rot. Gewürztraminer-Gelb. Sie rauchten und schauten zum Commissario. Hatte er die vorhin übersehen? Waren die gerade erst gekommen? Hatte er sie überhört? Das war unmöglich. Die Vespas der Jugendlichen waren, wie in allen Dörfern, dermaßen illegal auffrisiert, dass selbst Polizeisirenen gegen den Lärm nicht ankamen.

Grauner machte einen Schritt auf die Buben zu, da warfen sie ihre Zigaretten auf den gepflasterten Boden, traten in ihre Anlasser und ließen die Motoren aufheulen. Dem Commissario war klar, dass er ihnen mit dem Panda nicht würde folgen können. Aber es war ihm auch egal. Er war schließlich kein Verkehrspolizist.

In dem Augenblick, als Grauner den Stein vom Hinterrad entfernte, um ihn in den Kofferraum zu hieven, ertönte ein Knall, das Echo der Berge multiplizierte ihn. Grauner kannte den Knall. Es war der einer Beretta, wie die Polizia di Stato sie benutzte. Wie er selbst eine im Handschuhfach liegen hatte.

 

2

Die Bewohner von St. Gertraud standen im Halbkreis um die Lärchen herum. Das halbe Dutzend Polizisten tat sich nicht leicht, sie auf Abstand zu halten. Schon von Weitem spürte Grauner die aggressive Stimmung. Es wurde geschoben und gestoßen, gedrückt und gezogen. Hunde bellten. Der Commissario kämpfte sich durch die Menge und bückte sich unter dem rot-weiß gestreiften Sicherheitsband hindurch.

Er blieb stehen und blickte auf ein paar alte Gehöfte, die sich in der Nähe befanden. Auf ihr sonnverbranntes Holz und die schweren Steine, die auf den Dächern lagen. Es waren Schindeldächer aus harzigem Lärchenholz, die hundert Jahre und mehr überdauerten. Die Häuser lagen am Hang, etwa zehn Meter tiefer als die versammelte Menge, die hinter dem Absperrband wütete. Daneben erhob sich ein Neubau aus Glas und Beton samt einem Flachdach ohne Schindeln; hineingepinselt in ein Historienaquarell.

Der Commissario wandte den Blick ab und schaute in die Gesichter der Menschen: Er blickte in verweinte Augen und in zornige Mienen. Einige Frauen, ganz in Schwarz gekleidet, hatten sich etwas abseits versammelt. Sie schienen zu beten. Neben ihnen stand ein dürrer Mann, auch er ganz in Schwarz, es musste der Pfarrer sein.

Grauner drehte sich um. Vor ihm erhoben sich die Giganten. Über dreißig Meter hoch. Über sieben Meter im Umfang. Jedes Kind in Südtirol kannte die Urlärchen von St. Gertraud. Bei einem 1930 umgestürzten Exemplar hatte man angeblich über zweitausend Jahresringe gezählt.

Der Commissario betrachtete das morsche Geäst, das sich in alle Richtungen streckte und Fledermäusen, Mardern und Eulen Unterschlupf bot. Er sah die Geschwülste, knollenförmige Wucherungen, die sich am oberen Teil der Stämme aufblähten, von Flechten, Pilzen, Algen und Moosen befallen.

Sie waren nicht schön, diese nimmertoten Ungetüme, und doch konnte Grauner den Blick kaum von ihnen abwenden. Er betrachtete sie, wie ein Enkelkind die faltige Haut des greisen Großvaters betrachtet – voller Faszination und Ehrfurcht.

Langsam senkte er den Kopf. Er sah das Stück Zaun, das der hinterste der Bäume in sich hineingefressen hatte. Daneben plätscherte Wasser in einem zum Brunnen ausgehöhlten Stamm.

Schließlich lenkte Grauner den Blick zu der vordersten Lärche, an der das tote Mädchen lehnte.

Die Lärchen und das tote Mädchen. Scheinbare Ewigkeit und plötzliche Vergewisserung der eigenen Vergänglichkeit. Der Commissario spürte einen Kloß im Hals. Die Haut des Opfers war unnatürlich blass, das Mädchen musste viel Blut verloren haben. Er berührte die Leiche nicht, aber er wusste, wie ihre Haut sich anfühlte. Kalt. Totenkalt.

„Die Marie ist tot. Alles ist voller Blut. Kommen Sie schnell! Ich weiß nicht … kommen Sie!”

Grauner ging hinüber zu den Polizeiautos, deren Blaulichter noch lautlos blinkten und bei denen Saltapepe und Marché standen.

»Lichter aus!«, raunte der Commissario den beiden anstatt einer Begrüßung entgegen. Er wollte die Ermittlungen auf keinen Fall mit einer Plauderei über Saltapepes Neapel-Aufenthalt beginnen, er hatte auch keine Lust, sich Saltapepes Geschichten darüber anzuhören, wie schön Süditalien war.

Bei jeder Gelegenheit verglich der Ispettore sein neues Dasein in Südtirol, wohin er ungewollt versetzt worden war, mit seinem alten Leben am Fuße des Stiefels. Beim Knödelessen sprach er davon, wie man Spaghetti al dente zubereitete, beim Weintrinken darüber, warum der Negroamaro aus Apulien besser schmeckte als der Südtiroler Vernatsch, und für Espressotrinker sei diese Provinz zwischen den Bergen – das wiederholte Saltapepe rund fünfmal täglich wie andere das Rosenkranzgebet – sowieso braches Land.

Grauner wollte gleich zur Sache kommen. »Was ist passiert? Wer hat vorhin geschossen?«

»Es, ähm, ging nicht anders.« Saltapepe schaute verlegen zu Boden. »Grauner, die haben uns alles zertrampelt. Wir konnten sie nicht weghalten. Die wollten die Tote gleich mitnehmen und in die Leichenkapelle der Kirche bringen, ich habe in die Luft geschossen, erst dann sind sie zurückgewichen.«

Grauner schaute Saltapepe böse an.

»Deshalb ballert man doch nicht gleich in der Gegend herum. Du bist nicht mehr in Neapel, falls du das noch nicht bemerkt haben solltest.«

Er drehte sich demonstrativ zu Marché um, der mit hochrotem Kopf dastand; es war ihm sichtlich unangenehm, zwischen die Fronten zu geraten.

»Was wissen wir bislang?«

Der Sovrintendente riskierte einen vorsichtigen Blick zu Saltapepe, bevor er den Commissario auf den Stand der Dinge brachte.

Zehn Minuten später hatte Grauner einen ungefähren Überblick darüber, was in den vergangenen Stunden passiert war: Ein gewisser Benedikt Haller, Architekt von Beruf, der in dem Kubus neben den Bauernhöfen wohnte, hatte um halb sieben Uhr morgens die Nummer der Questura in Bozen gewählt.

»Die Marie ist tot. Alles ist voller Blut. Kommen Sie schnell! Ich weiß nicht … kommen Sie!«, das waren die Worte, die der diensthabende Polizist sich notiert hatte.

Um kurz vor halb acht hatten die ersten beiden Einsatzwagen den Fundort erreicht. Da standen bereits einige Dorfbewohner an den Lärchen. Um kurz nach halb neun war Saltapepes Schuss gefallen.

»Wo ist Weiherer?«, fragte Grauner. Er hatte die Mitarbeiter der Spurensicherung bereits gesehen, den Chef aber noch nicht. »Und wo ist dieser Haller?«

»Weiherer streift im Wald umher. Die Kollegen von der Spurensicherung sind sich nach einer ersten Inspektion ziemlich sicher, dass der Fundort der Leiche nicht der Tatort ist. Das Mädchen muss hierher geschleppt worden sein. Warum auch immer.«

»Und Haller ist …« Marché sprach den Satz nicht zu Ende, sondern zeigte stattdessen auf eins der Polizeiautos.

Grauner konnte im Inneren die Umrisse eines Kopfes sehen. Er war an die Scheibe gelehnt. Ein Teil der Scheibe war vom warmen Atem angelaufen.

»Er hat übrigens bereits gestanden. Er sagt, er habe das Mädchen erschossen.«

 

Hier gehts weiter zu den Kapiteln drei und vier.

Lenz Koppelstätter: „Die Stille der Lärchen“, Erscheinungstermin: 13. Oktober 2016.

© 2016 by Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln.

Bild: Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln
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