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Der Traummann

Ulli lernt ihren Nordtiroler Kollegen kennen und ist gleich hin und weg.
Liebes Tagebuch,
 
es ist zum Verrücktwerden! Irgendwie scheinen alle Männer, mit denen ich es in letzter Zeit zu tun habe, was von mir zu wollen. Normalerweise nervt mich dieser Sabberblick ja nur, aber vor ein paar Tagen habe ich meinen Traummann kennengelernt. (Auch wenn ich schon vergeben bin, man wird ja wohl noch schauen dürfen. Herrje!)
 
Er ist natürlich nicht einer von den Luschen, die jeden Tag um mich herumschwänzeln. Nein, es ist einer von Welt, kein Südtiroler, aber ein echter Freiheitlicher, der wie ich beim M-Wort (das freiheitliche Codewort für M-o-s-c-h-e-e) lauter kleine Pickelchen auf dem Körper bekommt. Wir beide scheinen echt gleich zu ticken. Tatsächlich hat er gesagt, wie ihm diese „Migrationsfolklore” auf die Nerven gehe. Und ich solle mich bloß nicht verbiegen, für keine Wählerstimme der Welt.
Das Bild, das von uns am Tag des Kennenlernens gemacht wurde und durch die Südtiroler Presse ging, hab ich mir heimlich aus der Zeitung geschnitten. Wenn niemand im Büro ist, dann drück ich es ganz fest an die Brust. Er sah so rattenscharf aus an diesem Tag, mit blauer Krawatte, weißer Bluse und schwarzem Anzug. Der weiß, wie man sich anzieht, dachte ich nur, im Gegensatz zu Sigmar. Seine widerlichen karierten Hemden hängen mir zum Hals raus! Auf dem Foto wirke ich neben ihm wie ein dummes Huhn! Warum ich immer so schüchtern sein muss, wenn mir einer imponiert ... Andererseits fahren Männer ja genau darauf ab! Und schenkt man dem Geschwätz Glauben, mag er mich auch: Der soll total aufdrehen, wenn er von mir spricht: Wie scharfsinnig und bissig ich doch wäre, einfach charmant! So ein Format wie mich gäbe es kein zweites Mal!
 
Am meisten freue ich mich darüber, dass ich ihn jetzt ganz oft sehen kann. Künftig werde ich nämlich im Tiroler Landesparteivorstand mit Sitz und Stimme vertreten sein. Wir Südtiroler und Nordtiroler Freiheitliche haben beschlossen, unsere Zusammenarbeit auszubauen. Ach, hier muss ich seine Existenz ja nicht verschweigen: Ich steh auf den neuen Parteiobmann der Tiroler Freiheitlichen, Markus Abwerzger! 
 
Ich will nicht oberflächlich klingen. Es ist nämlich nicht nur sein Aussehen, das mich antörnt. Mit ihm kann ich anders sprechen, schließlich haben wir beide studiert. Schade, dass wir uns in Innsbruck nie über den Weg gelaufen sind. Ist schon was anderes, wenn man sich intellektuell auf Augenhöhe befindet. Es zählt also nicht nur, was in der Hose, sondern auch, was im Hirn ist.  Tja, da hab ich wohl wieder was dazu gelernt ...

Barbara Bachmann

ist freie Journalistin und in der Welt zu Hause. Als Reporterin sucht und findet sie gute Geschichten wie das Schwein den Trüffel.
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Liebes Tagebuch

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