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Kommentar: Frauenanteil in der Südtiroler Politik

Der gläserne Himmel über Südtirol

Frauen sind Exoten – zumindest, was die derzeitige Südtiroler Politfauna betrifft. Und daran sind eben auch die Südtiroler Wählerinnen selbst schuld.

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Lizenz: CC0
Bild: Ashton Mullins, Unsplash

Eigentlich war’s ein Heimspiel. Locker hätten wir es gewinnen können. Wir sind mit 211.705 gegen 206.263 ins Spiel gegangen, das hätten wir schubsen können. Aber: Irgendwie ist aus dem Homerun ein Strikeout geworden. Wie damals beim Völkerball in den späten Nullerjahren – Sprachenlyzeum gegen Realgymnasium: Erst war man in der Überzahl, dann hatten drei die Regel, zwei keine Lust und eine den Turnbeutel vergessen – und derweil waren die anderen am Ball.

Jetzt hängt die gläserne Decke in Südtirol jedenfalls ordentlich tief: Von vormals elf Frauen sitzen nur noch neun im Landtag. Und 26 Männer. Damit sind Landtag und Landesregierung kein repräsentativer Spiegel unserer Gesellschaft – denn die besteht bekanntlich zur Hälfte aus Frauen. Europaweit wird‘s für Frauen aktuell wieder enger unter der Glasdecke, der Sättigungsgrad scheint mit rund 30 Prozent erreicht und ja, nicht mal den haben wir hierzulande erreicht. Dabei sind selbst 30 Prozent kein großer Wurf, aber bedeuten immerhin, dass das Mikro nicht schon abgedreht wird, bevor man ans Rednerpult tritt.

„In einem Land, in dem für jeden Apfel eine Königin, aber für kaum ein Amt eine Politikerin gewählt wird, ist die Aufgabenverteilung klar.”

Dieser Glasdeckeneffekt, also das Phänomen, dass Frauen nicht in die oberen Entscheidungspositionen kommen, hat nach Erstarken der rechten Parteien mit ihrem konservativen Frauenbild wieder zugenommen. Damit bleiben Frauen und ihre Themen am Rande der politischen Platzverteilung. Fehlende Frauenförderung in der Politik? Sowieso, aber für Südtirol jedenfalls nicht nur. Das halbe Land war mit Plakaten zugeklebt, sogar die Bushaltestellen wussten, dass man auch mal Frauen wählen könnte. Und jede Partei hatte immerhin einige Frauen zur Auswahl und ja, einige davon wären sehr gut qualifiziert gewesen. Wenn wir jetzt jemanden an den Pranger stellen, dann müssen wir bei der Minderheit beginnen, die eigentlich gar keine ist. Und uns fragen, warum wählen Frauen in Südtirol keine Frauen?

In einem Land, in dem für jeden Apfel eine Königin, aber für kaum ein Amt eine Politikerin gewählt wird, ist die Aufgabenverteilung klar: Der Mann macht die Gesetze und Schlagzeilen, die Frau posiert auf der letzten Seite mit Krönchen neben einem Auto und macht ein bisschen Charity für kranke Kinder. Luxusproblem? Nein, denn am anderen Ende wird für die Übrigen die Luft dünn. Sogar so dünn, dass aspirierende Jungpolitikerinnen dann zuallererst ihren Skilehrer in die Yellowpress halten und sich dezidiert als Nicht-Feministin bezeichnen müssen. Schon klar, strukturelle Benachteiligung von Frauen ist mittlerweile so festgetreten im Alltag unserer Gesellschaft, dass man sie ähnlich schlecht wie den Wald vor lauter Bäumen sieht: Die pöbelt nicht, die schubst nicht, die beleidigt nicht. Die steht leise in den Gehaltszetteln, Rentenbescheiden und Lebensläufen vieler. Und sie ist eben nicht das Versagen Einzelner, die halt mehr studieren oder weniger Kinder oder einen gescheiteren Mann sich hätten suchen sollen, sondern sie ist das Produkt eines soziokulturellen Monologs, unisono von Männern geführt.

„Die Wahl in Südtirol hat vor allem eines gezeigt: Es ist nicht der Mann der natürliche Feind der Frau. Es sind die Frauen selbst [...]”

Um es nochmal zu verdeutlichen: 1,4 Prozent aller beschäftigten Frauen in der Südtiroler Privatwirtschaft haben eine Führungsposition inne. In Deutschland sind es 26 Prozent und nimmt man Afrika zusammen, sind es dort übrigens ganze fünf Prozent. Mal so zum Vergleich. Und wir sind selbst schuld, wenn wir uns weiter Krönchen aufsetzen, auf Homestorys reduzieren, keine qualifizierten Frauen wählen oder nur solche, die Feminismus im Italien der Gegenwart für ein Auslaufmodell und flexible Kleinkindbetreuung für ein Luxusgut halten. Weil das Ganze die Summe seiner Einzelteile und mehr noch ist, ist das bisschen Sexismus im Alltag, das wir schulterzuckend hinnehmen und oft genug selbst befeuern, hochgerechnet auf uns alle, das gesamtgesellschaftliche Phänomen, das Berlusconi zum salonfähigen Habitus erhoben hat. Und das uns Frauen auf die Ersatzbank drängt. Nein, es nicht egal, wie wir uns präsentieren und es ist nicht egal, welche Prioritäten wir setzen und schon gar nicht, wen wir wählen. Denn am Ende hat dann wieder keiner ein Foto für uns, keine Rente, keine Führungsposition, keine Gehaltserhöhung und keine Wertschätzung. Und das ist dann noch würdeloser als Misswahlen.

Die Wahl in Südtirol hat vor allem eines gezeigt: Es ist nicht der Mann der natürliche Feind der Frau. Es sind die Frauen selbst, die sich noch immer nicht darauf verstehen, Sippschaften zu bilden und das Feld mit ihresgleichen und für ihre Themen zu unterwandern. Letztlich müssen sie den gordischen Genderknoten, und mögen ihn auch andere so sehr verfilzt haben, schon selbst durchschlagen – das können sie nicht den Männern überlassen, die haben sowieso genug mit ihrer neuen Maskulinität zu tun. Vor allem aber können wir die Männer nicht an den Pranger stellen dafür, dass wir unser Kreuzchen nicht neben Frauen, dafür aber gern ein Krönchen auf den Kopf setzen.

„Die Wahrscheinlichkeit von einem zwielichtigen Asylsuchenden um Geld und Ehre gebracht zu werden ist weit geringer, als beides im Alter an Väterchen Staat zu verlieren.”

Klar ist – für Frauen bleiben Führungspositionen eine Ochsentour, weil wenn man mit Kinderkriegen und Elternpflege alle Hände voll zu tun hat, hat man sonst keine mehr frei. Und es ist nun auch nichts verkehrt daran oder weniger wertvoll, bei Kindern oder Pflegebedürftigen zu bleiben – aber die Wahl, Unterstützung und Wertschätzung sollte man haben. Kinderbetreuung, Pflege und Rentenabsicherung für Frauen waren übrigens die Themen, die im Wahlkampf von den Parteien kollektiv ausgehungert wurden, zugunsten der großen Angst vor dem schwarzen Mann. Das Sicherheitsproblem ist statistisch gesehen tatsächlich eines unserer kleinsten, während die Altersarmut uns Frauen ähnlich epidemisch wie Fußpilz nach einem Hallenbadbesuch treffen wird. Wer sich mal vorrechnen lässt, wie viel eine Erzieherin nach 35 Arbeitsjahren mit der Opzione Donna als Rente bekommt, weiß, dass das Donna-Sein eigentlich keine Option in diesem Land hier ist. Mit Verlaub: Die Wahrscheinlichkeit von einem zwielichtigen Asylsuchenden um Geld und Ehre gebracht zu werden ist weit geringer, als beides im Alter an Väterchen Staat zu verlieren. Die etwas hysterische Angst vor Sicherheitslücken scheint aber zumindest eine Erklärung dafür, warum wieder mehr Männer gewählt werden und beispielsweise in Deutschland seit der letzten Bundestagswahl der Frauenanteil so gering ist, wie seit 1998 nicht mehr: Der starke Mann muss das Land schützen. In Amerika funktioniert das aktuell übrigens ganz hervorragend. 

Es hilft also nichts, wir können für Spenden singen, für Gleichberechtigung tanzen, schmissige Hashtags erfinden und beim Equal Pay Day mit einer Anstecknadel schlecht gelaunt in der Arbeit sitzen. Aber #bringtnix. Was wir brauchen sind Entscheidungsträgerinnen ganz oben. Die Gesetze erlassen, Regeln aufstellen und Handlungsspielräume in unsere Gesellschaft einzementieren. Wir brauchen eine Legislative, die Frauenverachtung kompromisslos zur Straftat macht und nicht erst, wenn die Frau mausetot mit einem Messer im Rücken in der Küche liegt oder sich Kohlrabiblätter auskochen muss, damit sie nach 36 Arbeitsjahren und zwei Kindern über die Runden kommt. Wir brauchen Frauen an der Spitze, die im intellektuellen Trümmerfeld der Post-Berlusconi-Zeit nicht auf der Welle des wiederkehrenden Konformismus zu stereotypen und vermeintlich sicheren Rollenverteilungen zurückkehren und von Qualifikation vor Quote reden. Hallo, es ist etwas nicht einfach gerecht, nur, weil es für alle gleich gilt. Weil, wir SIND nicht gleich. Unsere Lebensentwürfe sind es nicht, unsere Körper nicht, unsere Möglichkeiten nicht. Und der Feminismus zuallerletzt hat das je behauptet.

„Mami muss sie abwählen, die Quote-100-Typen, die auf Kosten der Jungen und ohne Rücksicht auf Frauen sozialen Raubbau betreiben! “

Frauen haben spätestens nach dem ersten Kind ein Loch im Lebenslauf und damit weniger Berufserfahrung, weniger Publikationen, weniger Auslandserfahrung, weniger Konferenzteilnahmen, weniger Fortbildungskurse, weniger alles. Und bevor sie Nachwuchs bekommen, sind sie potenziell ein unberechenbarer Ausfall. Also verwechselt paternalistischen Relativismus nicht mit Fairness, die es ohne gerechte Rahmenbedingungen gar nicht geben kann. Island verbietet Unternehmen seit letztem Jahr per Gesetz Frauen weniger als Männer für die gleichwertige Arbeitsleistung zu bezahlen, während wir hier ein paar Jutebeutel bedrucken und warten. Worauf eigentlich? Auf die Politikerinnen, die wir dann nicht wählen? Oder einfach darauf, dass die Herrenriege in Rom über Nacht plötzlich einsieht, dass ihr altväterlicher Männlichkeitskult nachhaltig der Gesellschaft schadet, weil er die eine Hälfte Frauen ins Ausland und die andere in die Armut treibt?

Ja, natürlich gibt es auch die Männer, die sich für Frauenrechte einsetzen – in etwa so wie für Asylrecht, Tierschutz und Behindertenparkplätze: Man sieht’s ja schon ein, man steckt aber halt nicht drin. Deshalb BRAUCHT es Frauen in der Politik, die im Kollektiv und als Korrektiv tätig sind und nicht nur kosmetisch ein bisschen Frauenquote spielen dürfen und sich sozial angepasst dann auch noch dezidiert das patriarchale Narrativ einverleiben, weil Öl länger im System bleiben darf als Sand. Behaltet doch euren Bücherrucksack zur Geburt unserer Kinder, wir wollen Wiedereinstiegsmöglichkeiten in den Job und zwar auf der gleichen Gehaltsebene wie der mittelmäßige Klaus, dessen stromlinienförmiger Lebenslauf inklusive Kopieren und Kaffeekochen in Brüssel kein Loch hat. Und bitte, erzählt niemandem, dass in einem Land, in dem Papi 1.356 € und Mami 689 € Altersrente kriegen, Feminismus ein Luxusproblem ist. Das sind Missstände, das ist Diskriminierung. Solange Männer in Italien selbstverständlich in der Übermacht sind, bleibt den paar Polit-Frauen nichts anderes übrig, als mit ihrem „Mami-sorgt-vor“-Koffer durchs Land zu touren und ein bisschen Schadensbegrenzung zu machen. Das reicht nicht! Mami muss sich wehren! Mami muss sich empören, Impfdebatte nichts dagegen! Mami muss sie abwählen, die Quote-100-Typen, die auf Kosten der Jungen und ohne Rücksicht auf Frauen sozialen Raubbau betreiben! Die von Fairness reden, wenn sie vorne Qualifikation sagen und hinten nur Führungspositionen in Vollzeit für den Klaus haben! Deswegen braucht es ganz oben schlicht und einfach beide, die Männer und die Frauen, sonst ist eine Gruppe unterrepräsentiert.

Politik würde sich verändern, wenn Frauen ganz genauso selbstverständlich vertreten wären wie Männer. Weil Frauen, wertfrei gesprochen, Entscheidungen anders als Männer treffen. Und nur, weil wir dran gewöhnt sind, dass eine Gesellschaft zum Nachteil von Frauen eingerichtet ist, sind Bemühungen um Gleichberechtigung nicht etwa Männerhass und Feministinnen allesamt frustrierte Kampflesben mit Bürstenhaarschnitt. Wer glaubt, dass Feminismus Frauen unattraktiv macht, dem sei versichert: So sexy ist Altersarmut dann auch nicht.
Für Südtirol verhält sich‘s nun in den nächsten vier Jahren jedenfalls wie beim Völkerball gegen die 5A: Je aussichtsloser die Situation auf dem Feld, desto mehr Lärm muss von den Tribünen kommen. Gerade auf den billigen Plätzen darf man jetzt keine Ruhe geben – bis man sich beim nächsten Spiel dann hoffentlich besser aufstellt.

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