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Der „bessere“ Mensch?

Weg mit dem hässlichen Menschen! Kommt jetzt die posthumane Ära? Letzter Teil der Serie „Das digitale Zeitalter“ von Selma Mahlknecht.

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Bild: Photo by Franck V. on Unsplash

Es gibt Gründe, mit dem Menschen an sich unzufrieden zu sein. Er ist irrational und mangelhaft, lässt sich von Emotionen überwältigen und tut Dinge wider besseres Wissen, einfach weil sie ihm Spaß machen, weil sie ihm einen Nervenkitzel bringen oder weil er neugierig ist. Er schwänzt die Schule, meldet sich bei der Arbeit krank, geht irrsinnige Risiken ein, verkalkuliert sich, stürzt sich und andere ins Unglück. Jeder von uns hat sich ob der Trotteldichte, von der er sich umgeben sieht, bereits an den Kopf gegriffen. Ineffizient, langsam, umständlich, schwer von Begriff, nicht teamfähig, nicht belastbar, nicht stressresistent – auch in der Arbeitswelt ist der Mensch eine Enttäuschung. „Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll“, schreibt Friedrich Nietzsche im Kapitel „Der hässliche Mensch“ von „Also sprach Zarathustra“. Und zumindest im Bezug auf einige – vielleicht sogar die meisten – unserer Mitmenschen hätten wir wohl keinen Einwand, wenn sie in ihren großen und kleinen Unzulänglichkeiten demnächst der Vergangenheit angehören würden.

Die Idee, dass man den „hässlichen“ Menschen hinter sich lassen und eine goldene Ära der besseren, edleren Menschen einläuten müsse, bewegt die Menschheit schon lange. Die digitale Ära nährt Hoffnungen.

An diesem „Demnächst“ wird, mutmaßlich seit Menschengedenken, eifrig gearbeitet. Die Idee, dass man den „hässlichen“ Menschen hinter sich lassen und eine goldene Ära der besseren, edleren Menschen einläuten müsse, bewegt die Menschheit schon lange. Bislang freilich mit mäßigem Erfolg. Doch die digitale Ära nährt Hoffnungen. Durch die Verschmelzung mit der Technologie werden wir die Mängel unserer eingeborenen Natur überwinden und zu klügeren, gesünderen, rundum verbesserten Wesen werden. Diese fortschrittsbegeisterte Denkschule nennt sich Transhumanismus und verspricht sich von der digitalen Technik nicht weniger als ein Paradies auf Erden, in dem wir nicht nur glücklich, sondern auch ewig leben werden. Der Vorstellungskraft sind dabei keine Grenzen gesetzt: Vielleicht können wir in absehbarer Zeit austauschbare Gliedmaßen und Organe generieren, die uns einen unerschöpflichen Körper ermöglichen. Vielleicht laden wir in Zukunft aber auch unser Bewusstsein in digitaler Form in eine Cloud hoch, die uns ähnlich wie im Film Matrix eine Welt mit unbegrenzten Möglichkeiten zur Verfügung stellt. Die Natur und ihre Brutalitäten lassen wir hinter uns, wir leben frei von körperlichen und geistigen Gebrechen, erweitern uns intellektuell, indem wir mit unserem Gehirn direkten Zugriff auf das digital erfasste Weltwissen haben.

Ich könnte noch lange so weiterschwelgen in den hochfliegenden Phantasien der Transhumanisten. Folgt man ihren Ausführungen, so ist alles, was derzeit an technischem Fortschritt geschieht, nur zu unserem Besten und wir sollten keine Gedanken auf etwaige Fehlentwicklungen verschwenden (sehr lesenswert hierzu übrigens die Artikel von Dr. Dr. Dr. Roland Benedikter, der dazu wiederholt publiziert hat).

Was kann schon schlecht daran sein, sich und sein eigenes Verhalten penibel zu studieren und zu überwachen? 

Zurück in der Realität hingegen gibt es durchaus Fragen, die wir uns stellen müssen. Das großangelegte Menschheitsüberwachungsnetz, das sich immer invasiver über den gesamten Globus ausspannt, schmeichelt unserer Eitelkeit und bedient sich unseres Narzissmus, um ohne nennenswerte Gegenwehr bis in die intimsten Bereiche unseres Daseins vorzudringen. Und das nicht nur im Namen der Bequemlichkeit, sondern auch im Namen des Fortschritts, der Wissenschaft, des Guten schlechthin. Was kann schon schlecht daran sein, sich und sein eigenes Verhalten penibel zu studieren und zu überwachen? Ist nicht das der Weg zu Selbsterkenntnis und Selbstverbesserung? Endlich sagt mir mal jemand, warum ich vor dem Schlafengehen immer diese Blähungen habe!

Als Erfüllungsgehilfen unserer geradezu obsessiven Selbstbeobachtung bieten sich neben dem unabdingbaren Smartphone auch noch eine Reihe anderer „smarter“ Spielzeuge an, die in Form von Armbändern, Uhren oder sogar Ringen jeden unserer Schritte überwachen und auswerten. Wie gut habe ich heute eigentlich geschlafen? Wie steht es mit der Herzfrequenz? Habe ich genug Schritte gemacht? Die „Tracker“ bleiben uns und unseren Liebsten (verwanzen Sie noch heute Ihren Hund, Ihre Katze, Ihr Kaninchen und natürlich Ihre Kinder!) immer dicht auf den Fersen, und das sollen sie auch. In schicken Magazinen werden die neuen „Gadgets“ gefeiert und als Must-haves vorgestellt, sodass man sich als Nicht-Self-(and Others)-Tracker geradezu altbacken vorkommt.

Darf man Siri Befehle geben, ohne „bitte“ und „danke“ zu sagen? 

Und wozu auch die Skepsis? Unsere dienstbaren Geister wollen doch nur unser Bestes! Sie studieren uns, um uns besser dienen zu können. So devot und hingebungsvoll wie die digitalen Assistenten könnten menschliche Assistenten gar nie sein.

Wobei der Begriff „Assistenten“ genaugenommen falsch ist. Alexa, Siri, Cortana – suggeriert wird gerne, dass die dienstbaren Geister weiblich sind. Ihre Stimmen sind sanft, sie sind gefügig, unterwürfig. Für manche ist diese Verquickung serviler Eigenschaften mit einer „weiblichen“ Figur problematisch. Natürlich haben solche Systeme kein Geschlecht, doch da wir uns ja vorstellen sollen, es mit einer in irgendeiner Form menschenähnlichen Gestalt zu tun zu haben, werden gewisse Schlüsseleigenschaften entsprechend gestaltet, man könnte auch sagen, sexualisiert. Selbstverständlich ist Alexa ebensowenig eine reale Person wie Siri. Trotzdem wirft die Tatsache, dass man sich ja letztlich doch „irgendwie“ ein kleines Menschlein vorstellt, das unsere Anfragen erledigt, auch moralische Fragen auf: Darf man Siri Befehle geben, ohne „bitte“ und „danke“ zu sagen? Vor allem Eltern scheint diese Frage durchaus umzutreiben. Erziehen wir unsere Kinder zu Tyrannen, wenn wir zulassen, dass sie mit Siri herablassend und unhöflich reden?

Wer jetzt sagt, dass diese Überlegungen lächerlich seien, der sollte sich Folgendes vor Augen halten: Schon jetzt kommunizieren wir in vielen Bereichen mit sogenannten „Chatbots“, also mit automatischen Hilfeprogrammen, die uns zum Beispiel bei Problemen mit einer bestimmten Software beistehen sollen. Ebenso gibt es viele Apps, die sich uns als ganz persönliche Coaches anbieten. Auch hier wird mit dem Versprechen von Bequemlichkeit, individuell zugeschnittenen Lösungen, eben maßgeschneiderten „Sklaven“ geworben. Dahinter stecken jedoch weitreichende Veränderungen in unserer Selbstwahrnehmung, aber auch in unserem Blick auf die Umwelt.

Das beginnt beim Bereich Fitness, wo uns maßgeschneiderte Trainingsprogramme vorgeschlagen werden. Doch es geht noch viel weiter: Immer mehr Menschen vertrauen sich auch bei psychischen Problemen Apps an. Der Grund dafür ist offenbar, dass es vielen leichter fällt, mit einer „unpersönlichen“ Maschine zu sprechen oder sich einem Roboter anzuvertrauen als einem echten Menschen. Oder von wem würden Sie sich im Alter lieber aufs Klo bringen lassen, von einem etwas steril wirkenden, aber diskreten Roboter oder von einem menschlichen Pfleger, bei dem Sie nicht sicher sind, ob er sich nicht doch über Sie lustig macht? Das Problem: Viele scheinbar autonome KI-Systeme sind in Wirklichkeit gar nicht autonom. Das Deep Learning hat seine Tücken und führt manchmal zu absonderlichen Ergebnissen – die hochgegriffenen Erwartungen werden bei weitem nicht immer erfüllt.

Mich erinnert unser Enthusiasmus für geradezu surreale neue Technologien immer an den „Schachtürken“, der im 18. und 19. Jahrhundert für Furore sorgte. Eine Maschine, die jeden Menschen im Schach besiegen konnte – so wurde er angepriesen und als dieses wurde er bestaunt. Erst später stellte sich heraus, dass im Inneren der Maschine ein Mensch saß und den Schachtürken bediente.

​Gerade im Bereich der KI wird viel getrickst. Aufwendige Werbevideos zeigen unglaubliche Fähigkeiten, die dann tatsächlich genau das sind: unglaublich. 

Mit manchen vollmundig angekündigten Technologien unserer Zeit sieht es ganz ähnlich aus. Nicht Künstliche Intelligenz ist dort am Werk, sondern menschliche, und das zum Teil zu haarsträubenden Arbeitsbedingungen. Aber davon wollen wir lieber nichts wissen (trotzdem anschauen: The Cleaners, die beklemmende Doku über jene, die für uns den Dreck aus den Social Media wegmachen).

Und auch das Internet der Dinge wird nicht ganz schnell völlig frei von menschlicher Leitung funktionieren. Selbstfahrende Autos der fünften Stufe, also wirklich völlig autonom fahrende Autos ohne menschlichen Chauffeur, wird es außerhalb definierter Verkehrsstrecken wohl so bald nicht geben. Wir werden weiterhin einen menschlichen Fahrer brauchen, auch wenn uns Automobilkonzerne und Elon Musk etwas anderes erzählen.

Gerade im Bereich der KI wird viel getrickst. Aufwendige Werbevideos zeigen unglaubliche Fähigkeiten, die dann tatsächlich genau das sind: unglaublich. Sehr häufig muss am Ende doch ein realer Mensch noch Hand anlegen, damit es mit der versprochenen Dienstleistung klappt. Wir tun also gut daran, auch mit „Chatbots“ höflich zu bleiben – möglicherweise sitzt ja doch ein echter Mensch am anderen Ende.

Der Mensch als etwas, das überwunden werden muss, wird somit auch in absehbarer Zukunft noch ein bisschen da sein. Seine Arbeitskraft, seine Intelligenz und seine Solidarität werden bei aller Unzulänglichkeit das Maß der Dinge bleiben.

An die Stelle von Perfektion tritt also nur der Anspruch auf „besser als ein Mensch“.

Doch all das sollte uns nicht in Sicherheit wiegen: Die Entwicklung autonomer Systeme wird weitergehen, vielleicht nicht ganz so schnell und apokalyptisch (oder je nach Geschmack paradiesisch), wie von vielen herbeischwadroniert, aber stetig und unaufhaltsam. Argumentiert wird dabei gerne damit, dass es ja nicht darum geht, beispielsweise Autos zu haben, die überhaupt keinen Unfall, sondern einfach weniger Unfälle verursachen als Menschen. Und angesichts der menschlichen Fahrkünste könnte dieses Ziel tatsächlich schon bald erreicht werden. An die Stelle von Perfektion tritt also nur der Anspruch auf „besser als ein Mensch“. Natürlich bedeutet das idealerweise „billiger als ein Mensch“ und letztlich geht es ja genau darum. Wenn wir nicht mehr teure Sitzungen beim Psychotherapeuten brauchen, weil eine App für 19,99 Euro dieselbe Funktion erfüllt, nehmen wir gerne in Kauf, dass die App auch ihre Mängel haben kann. Die Gefahr dabei ist, dass wir uns von eventuellen Kostenersparnissen und angeblichen Aufwandserleichertungen blenden lassen. Ja, es ist praktisch, wenn eine künstliche Intelligenz die Lebensläufe von Bewerbern auswertet und eine Vorauswahl trifft oder direkt die Bewerbungsgespräche führt. Aber ist es tatsächlich sinnvoll und fair? Und sollten wir Investitionen in Aktienmärkten wirklich dem freien Spiel der Algorithmen anvertrauen? Was, wenn es schiefgeht?

Vor allem unsere geradezu kindliche Naivität, mit der wir den „intelligenten“ Maschinen Unfehlbarkeit zuschreiben, ist bedenklich. Wenn ein Computer Wahrscheinlichkeiten errechnet und Ergebnisse präsentiert, glauben wir der mathematischen Überlegenheit der Technik. Mit dieser „Überlegenheit“ lassen wir menschliche Leistung auswerten, Wahlergebnisse ausrechnen oder kriminelles Verhalten vorhersagen. Dass die Programme fehlerhaft, voreingenommen oder manipulierbar sein könnten, ist uns zwar dumpf bewusst, doch wer von uns kann das wirklich überprüfen? Wir ergeben uns in unsere technische und mathematische Unbedarftheit und hoffen, dass am Ende schon alles passen wird.

So machen wir uns letztendlich selbst zu Sklaven der Systeme, lassen uns von ihnen herumhetzen (nur noch 3.453 Schritte bis zu den 10.000, komm, du schaffst das!), erziehen und lenken. War das nicht einmal anders herum gedacht? Aber in einer digital deformierten Welt, in der die Grenzen zwischen Realität und „Reality“, zwischen Wollen und Müssen, Zwang und Freiwilligkeit, Wahn und Sinn mehr und mehr verwischen, ist diese Frage bedeutungslos.

Ich frage mich vielmehr, ob unsere Vorstellung von menschlicher Freiheit tatsächlich nichts anderes ist als ein romantischer Traum. So viele andere Dinge scheinen wichtiger zu sein, Sicherheit, Komfort, Selbstbespiegelung, ja, sogar so etwas scheinbar Banales wie Spaß. Für sie geben wir unsere Freiheit freudig auf.

Am Ende meiner Serie über unser Digitales Zeitalter darf ich ihn zitieren, auch um damit Godwin’s Law zu erfüllen, das besagt, dass mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion die Wahrscheinlichkeit wächst, dass ein Nazi- oder Hitlervergleich auftaucht.

Hat er vielleicht doch recht gehabt? Er, dessen Satz aus der Reichenberger Rede vom 2. Dezember 1938 mir im Kontext mit der Digitalisierung immer wieder einfällt. Ja, genau: Adolf Hitler. Am Ende meiner Serie über unser Digitales Zeitalter darf ich ihn zitieren, auch um damit Godwin’s Law zu erfüllen, das besagt, dass mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion die Wahrscheinlichkeit wächst, dass ein Nazi- oder Hitlervergleich auftaucht. Hier ist er also, mein kleiner Hinweis auf Hitler. Als dieser über die Indoktrinierung der NS-Jugend in den verschiedenen Instanzen von HJ bis SS sprach, sagte er: „Und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben.“ Was gerne vergessen wird: Der Nachsatz lautete: „Und sie sind glücklich dabei.“ 

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Das digitale Zeitalter

Wie verändert sich unser Leben in der digitalen Welt? Was geschieht, wenn wir online einkaufen und einigen wenigen Konzernen immer neue Daten von uns liefern? Welche Auswirkungen auf unser Sozialverhalten hat es, wenn wir statt mit gesprochenen oder geschriebenen Worten nur noch über Kürzest-Nachrichten oder Emojis kommunizieren und dabei rund um die Uhr erreichbar sind? 

Die Schriftstellerin, Dramaturgin und Medienkritikerin Selma Mahlknecht greift all diese und viele weitere Themen rund um den Begriff der Digitalisierung auf und unterzieht sie einer kritischen Analyse. Ihr Fazit: Die Technologie verändert uns, unser Sozialverhalten und unsere Welt. Ihr blindlings zu vertrauen, wäre dabei ebenso fehl am Platz wie eine grundsätzlich kulturpessimistische Haltung. Medien und Technologie bedrohen unsere Gesellschaft nicht, sie fordern sie heraus, neue und intelligente Lösungen im Umgang mit ihnen zu erproben.

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