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David gegen Goliath

Der sympathische Underdog gegen das korrupte System: Fake News versprechen, die ungefilterte Wahrheit zu erzählen. Doch dahinter stecken knallharte Geschäftsinteressen.

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Bild: Esteban Lopez, Unsplash

Wann immer über Fake News gesprochen wird, kommt zunächst einmal der Hinweis, dass es Fake News in Medien immer schon gegeben hat. Da hießen sie halt noch ein bisschen uncool „Lügen“, aber das Prinzip war bekannt und wurde gerne genutzt, um Menschen, Parteien, Ideen zu diskreditieren – oder im Gegenteil noch ein bisschen glamouröser zu machen.

Einige dieser Lügen haben es sogar in unser kollektives Bewusstsein geschafft und gelten mitunter als „Allgemeinwissen“, zum Beispiel Marie Antoinette und ihr Spruch „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen“ oder die Behauptung, dass Einstein schlechte Noten in der Schule hatte. Das erste Beispiel wurde verbreitet, um zu zeigen, dass die französische Königin abgehoben, weltfremd und zynisch gewesen sei – was sie letztlich den Kopf kostete. Das zweite Beispiel stellt Einstein in eine Reihe von Schulversagern, die sich nun alle einreden können, nicht ihre Leistungen seien ungenügend gewesen, sondern die ihrer Lehrer, die sie nicht richtig eingeschätzt hätten.

Das haben alle Lügen und Fake News gemeinsam: Sie erzählen meist eine gute Geschichte.

Damit kann sich jeder, der je eine schlechte Note hatte, für ein verkanntes Genie halten. Dabei war Einstein ein ausgesprochen guter Schüler. Aber das ist freilich keine so gute Geschichte. Denn das haben alle Lügen und Fake News gemeinsam: Sie erzählen meist eine gute Geschichte. Oder zumindest eine bessere Geschichte als die Realität. Die ist häufig komplex und vielschichtig und passt nicht in die heute gängige Form von Schlagzeile, Aufmacherbild und Teaser-Text, die für viele schon zur einzigen Art geworden ist, Nachrichten überhaupt noch wahrzunehmen. 

Wenn es Lügen aber immer schon gegeben hat, warum sind dann Fake News heute so ein großes Thema? 

Unter anderem deswegen, weil wir heute mehr denn je der Illusion aufsitzen, die Wahrheit sei nur zwei Klicks entfernt. 

Das Internet war von Anfang an ein Versprechen: Endlich können Menschen schrankenlos austauschen, was wirklich Sache ist. Keine störenden und manipulativen Leitmedien mehr, die für uns filtern und zurechtstutzen, was wir wissen dürfen: Wenn uns keiner „von denen“ die Wahrheit darüber sagt, was in Syrien wirklich los ist, dann werden die Menschen, die dort sind, sie uns selber sagen. Mit dem Internet kann jeder zum Reporter seiner eigenen Realität werden. Seht her, so schaut es grade bei mir aus.

Der engagierte Aktivist, der seine eigene verwackelte Live-Schalte macht, wirkt auf uns glaubwürdiger als der geschniegelte Korrespondent mit seiner Krawatte und seiner sauberen Aussprache. Letzterer riecht zu sehr nach sattem Establishment und Gemauschel mit den Mächtigen – so viel Rest-68er steckt uns noch in den Knochen, dass wir diesen Reflex nach wie vor verspüren. Der alternative Berichterstatter, der mutig und unerschrocken aus dem Untergrund sendet, fasziniert uns. Er verkörpert ja auch – ich wiederhole mich – die bessere Geschichte.

So sind wir zunächst einmal gar nicht verwundert, wenn wir die vielfältigsten Inhalte auf teilweise etwas obskur klingenden Seiten finden. politicallyincorrect – das klingt doch mal nach einer Ansage! Endlich wird Tacheles geredet, endlich kommt die Wahrheit ans Licht. Wenn diese Seiten dann teilweise ein bisschen handgemacht wirken, umso besser: Da sind noch echte Liebhaber am Werk, die mit Leidenschaft arbeiten. Und außerdem hören wir doch auch ständig, wie sehr sie verfolgt, verfemt und behindert werden. Dabei wollen sie uns doch nur die Wahrheit sagen über die Muslime, die Schwarzen, die Pädophilen, die Juden, die Illuminaten, die Feministinnen oder (Feindbild hier einsetzen). Und sie wollen, dass jetzt endlich allen kundgetan wird, dass gekochte Walnussschalen Krebszellen töten (denn Big Pharma verschweigt es uns aus Raffgier!).

Snowden hätte sich mit seinen Enthüllungen wohl eher nicht an die Betreiber selbsternannter „Wahrheitsportale“ gewandt.

Hier treffen einige unsere liebsten Erzählungen aufeinander: Hier der sympathische, hemdsärmelige Underdog, der finstere Machenschaften aufdeckt, dort das korrupte, brutale „System“, das jeden niedermacht, der es bekämpfen will; „der kleine Mann“ gegen „die da oben“, David gegen Goliath, Asterix und die Gallier gegen Cäsar und das scheinbar übermächtige Rom. Viele Verbreiter von Lügen arbeiten mit dieser Matrix als Hintergrunderzählung. „Sie“ wollen nicht, dass ihr die Wahrheit erfahrt. „Sie“ führen euch in die Irre.

Ironischerweise steckt in diesem Narrativ ja auch meistens ein Körnchen Wahrheit. Propagandalügen gehören seit jeher ins Repertoire der Mächtigen, und es sind manchmal tatsächlich Außenseiter, die unlautere Praktiken publik machen, man denke etwa an Edward Snowden. Gerade Snowden ist aber auch ein Beispiel für die Kooperation eines Whistleblowers mit etablierten Journalisten. Er hätte sich mit seinen Enthüllungen wohl eher nicht an die Betreiber selbsternannter „Wahrheitsportale“ gewandt. Hier kann man einen wichtigen Marker für Fake News ausmachen: Werden gewisse Experten, Insider oder Autoritäten ausschließlich auf „alternativen“ Seiten zitiert, nie aber in etablierten Medien oder – wichtiger noch – in anerkannten wissenschaftlichen Publikationen, so darf man an ihrer Expertise Zweifel anmelden. 

Natürlich kann man weiterhin daran glauben, dass sich sämtliche großen Zeitungen von der New York Times über die Süddeutsche, die NZZ, die Repubblica bis zum Guardian gemeinsam verschworen haben, um die Wahrheit über die gekochten Walnussschalen zu verschleiern, doch plausibel ist das nicht. 

Traut man Big Pharma tatsächlich zu, Unsummen in die Bestechung von Journalisten zu investieren, statt sich flugs ein Patent für gekochten Walnussschalen-Saft unter den Nagel zu reißen und diese Wundermittel zum Goldpreis auf den Markt zu bringen? 

Andersherum sind angebliche Wundermittel gegen körperliche Leiden umso lukrativer, wenn sie nicht als offizielle Medikamente anerkannt sind. Wer jenseits der Pharmabranche operiert, unterliegt nicht der Aufsicht von Behörden. Man kann windige Zeugenberichte angeblicher Wunderheilungen aufführen, ohne die tatsächliche Wirksamkeit des Mittels nachweisen zu müssen. Es reicht ein schreierisch aufgemachter Artikel über düstere Pharmaverschwörungen und die jahrtausendealte Weisheit irgendwelcher indigenen Völker, die es „immer schon gewusst“ haben, um die Aufmerksamkeit der Leser auf sich zu ziehen. Die Faszination des „Insidertipps“ und des Geheimnisumwitterten tut dann ihr Übriges.

Dabei geht es um knallharte Geschäftsinteressen. Gerade im Bereich Gesundheit und Wohlbefinden sind Sensationsberichte häufig mit Produkten verknüpft, die man „ganz zufällig“ auf derselben Homepage bestellen kann – oder aber man wird auf gewisse Seiten gelenkt, die einschlägige Dienstleistungen oder spezialisierte Einrichtungen anpreisen. Hier bewegen wir uns im Bereich des sogenannten „Content Marketings“, das darin besteht, scheinbare Info-Artikel als trojanische Pferde für den Produktverkauf zu lancieren.

Nicht immer ist das wirklich bösartig. Werbelügen sind wir auch von anderswoher gewohnt. Wenn im zunächst interessant klingenden Artikel mit Tipps gegen brüchige Fingernägel plötzlich Produktnamen auftauchen, ist das noch nicht direkt „Fake News“. Und doch geht es bei „Fake News“ nur allzu oft um Geld, wenn es auch nicht immer so offensichtlich ist wie beim Content Marketing. Darüber schreibe ich im nächsten Artikel. 

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