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Alternativen zu den Internet-Monopolisten

Das Internet vergrößern

Was wäre das Internet ohne die großen Konzerne? Es ist ganz schön schwer, diesen dicken Fischen zu entrinnen. Doch es lohnt sich, es zu versuchen.

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Bild: Unsplash, Campbell Boulanger

Suchanfragen – über Google. Chatten – über Whatsapp. Hotels buchen – mit Booking.com. Einkaufen – über Amazon. Für viele mittlerweile eine Selbstverständlichkeit. Und Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen oder gar zu durchbrechen, ist gar nicht so einfach. 

Dabei liefern wir den Diensten, die wir nutzen, Unmengen an Daten. Die Bedeutung dieser Daten ist uns selbst nicht so klar. Was bringt es Google, ganz genau zu wissen, wann ich ins Internet gehe und was ich dort so treibe? Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen, meine Weste ist weiß. 

Und selbst wenn wir ein mulmiges Gefühl haben, wenn wir quasi nackt ins Netz gehen – was bleibt uns denn anderes übrig? Sollen wir zurück in die prä-digitale Ära, als wir noch mit dicken Telefonbüchern und Bestellkatalogen hantieren mussten, sobald etwas nicht in unserem Dorf oder unserer Stadt zu finden war?

Zugegeben, die Alternativen zu Google und Co. haben so ihre Schwächen. Und umständlicher wird die Geschichte ebenfalls, wenn man sich auch nur ein bisschen schützen will. Und – psychologisch vielleicht das größte Hindernis – man fragt sich, warum man sich das überhaupt antut. „Einfach nur um des Prinzips wegen“ ist keine befriedigende Antwort. Begnügen wir uns im Moment mit „weil es das Richtige ist“. 

Alternativen zu Google. 

Zu Google gehört ja – ich hatte schon darüber geschrieben – nicht nur die Suchmaschine. Zu Google gehört etwa ein Browser: Chrome. Auf Android-Smartphones ist dieser Browser vorinstalliert. Surft man auf Chrome, so „weiß“ der Browser natürlich auch jenseits der Google-Suche, auf welchen Seiten man war. Das ist durchaus Teil des Services – so kann man diese Seiten später leichter wiederfinden. Aber eventuell möchte man das „Wissen“ darüber, was man im Netz so macht, ein bisschen splitten, sodass nicht ein Konzern alle Daten in der Hand hat. 

Wenn man Hausmittel für Hämorrhoiden sucht, dann möchte man vielleicht nicht, dass es Google weiß.

Dann könnte man damit anfangen, Chrome nicht zu benutzen. Zumindest nicht als Hauptbrowser. Man könnte andere Browser installieren, beispielsweise Mozilla Firefox. Man könnte sogar für das Besuchen bestimmter Webseiten oder für spezielle Suchanfragen zusätzlich den Tor- oder Onion-Browser installieren. Mit diesem Browser kann man anonym im Netz surfen. Fühlt sich verrucht an, ist aber nicht illegal. Und wenn man Hausmittel für Hämorrhoiden sucht, dann möchte man vielleicht nicht, dass es Google weiß. (Mit dem Tor- bzw. Onion-Browser kann man auch noch andere Dinge anstellen, die tatsächlich illegal sind, beispielsweise gewisse Seiten im Darknet aufrufen, die man mit herkömmlichen Browsern gar nicht erreichen kann. Deswegen hat dieser Browser einen etwas zweifelhaften Ruf. Davon sollte man sich aber nicht abschrecken lassen.) Freilich gibt es einige Nachteile: Tor merkt sich keine Seite, die man aufgerufen hat – naheliegenderweise. Man muss also die Adressen immer eintippen. Das ist zwar nicht schlimm, aber wenn man Bequemlichkeit gewohnt ist, dann kann es nerven. Manche Seiten lassen sich mit Tor gar nicht öffnen, da sie anonyme Zugriffe nicht gestatten. Und ja, manchmal dauert es etwas länger, bis eine Seite geladen ist. Kein Wunder, wenn jede Verbindung über vier Stationen läuft (z.B. dein wirklicher Standort – Frankreich – die Seychellen – die USA – die Seite, die du aufgerufen hast). 

Dass sich Tor (höchste Anonymität) und Google (geringste Anonymität) nicht vertragen, liegt auf der Hand. Wer auf Tor surft, sucht mit DuckduckGo. Diese Suchmaschine ist eine Metasuchmaschine, das heißt, sie greift auf die Suchresultate verschiedener anderer Suchmaschinen zurück, darunter auch Microsofts Bing. DuckduckGo sammelt keine persönlichen Informationen – oder behauptet es zumindest. Man kann DuckduckGo auch auf anderen Browsern als Standard-Suchmaschine installieren. Allerdings – und hier kommt der Wermutstropfen: Nicht immer liefert DuckduckGo befriedigende Suchergebnisse. Ich selbst nutze, man kann es beim Lesen dieses Artikels ahnen, verschiedene Browser und Suchmaschinen. Komme ich mit DuckduckGo nicht mehr weiter, muss halt doch wieder Google ran. Und tatsächlich: Google ist in meinen Augen die bessere Suchmaschine. Seufz. 

Es gibt übrigens auch eine Alternative zu Googles YouTube: Vimeo. Lange Zeit dachte ich, Vimeo könne sich als ernsthafter Konkurrent zu YouTube etablieren. Davon ist Vimeo jedoch weit entfernt. Es bleibt ein Nischenanbieter mit interessanten und teilweise qualitativ sehr hochwertigen Videos, kann aber YouTube nicht das Wasser reichen. Trotzdem, mal reinschauen lohnt sich.

Wer auf Whatsapp ist, hat seine Seele genauso an Facebook verloren.  

Alternativen zu Facebook. 

Das mit Facebook ist so eine Sache. Am Anfang eine Spielerei für eher jüngere Menschen, ist es mittlerweile der Ort, wo sich die „Mittelalten“ tummeln. Und mit mittelalt meine ich: bis hochbetagt. Jugendliche sind eher nicht auf Facebook. Denken sie. Sie haben meistens ein Instagram-Konto. Gratuliere. Instagram aber gehört ebenfalls zu Facebook. Und wer auf Whatsapp ist, hat seine Seele genauso an Facebook verloren. 

Natürlich ist Facebook auch praktisch. Es ist quasi eine Kombination aus MySpace (erinnert sich noch jemand daran?) und einer Klatschzeitung. Ich kann selbst Inhalte teilen oder sogar generieren, etwa indem ich Fotos oder Videos hochlade. Oder ich kann ganz einfach passiv konsumieren und im Endlos-Feed herumscrollen. Das wirkt ebenso hirnentleerend und geradezu hypnotisch wie früher das Zappen am Fernseher (macht das heute noch irgendwer?). 

Facebook versorgt mich mit Streicheleinheiten in Form von Likes und Herzchen. Bietet mir was für meine Emotionen – und zwar hauptsächlich für die, die ganz tief sitzen (manche nennen sie auch: die „niederen Triebe“). Ich kann mich wichtig machen. Oder ich kann anonym bei anderen herumschnüffeln. So ist für jeden Geschmack was dabei. 

Alternativen zu Facebook gibt es zwar, aber die sind nicht ganz so bequem. Man müsste aus dem Haus gehen. Leute treffen. Sich irgendwo prominent platzieren und herumschreien. Oder beim Ex-Freund in den Garten schleichen und von dort aus in sein Wohnzimmer spannen. Alles eher aufwendig und eventuell mit unangenehmen Nebenwirkungen behaftet. 

Facebook zu ersetzen, ist also schwierig. Man könnte freilich versuchen, einen reiferen Umgang damit an den Tag zu legen (dazu mehr in einem späteren Teil dieser Serie). Dann macht es aber vielleicht nicht mehr so viel Spaß. 

Alternativen zu Whatsapp gibt es gar nicht so wenige.

Dass Whatsapp zu Facebook gehört, hatte ich erwähnt. Aus diesem Grund habe ich zum Beispiel kein Whatsapp – aus Prinzip. Was, wie ich hinzufügen möchte, immer wieder ein Ärgernis ist. Und eine Erleichterung. Jeder, der jemals von ständig aufpoppenden Nicht- oder Pseudo-Nachrichten genervt war, weiß, was ich meine. 

Alternativen zu Whatsapp gibt es gar nicht so wenige. Oft erwähnt wird beispielsweise Signal, mit dem Zusatz „die App, die Edward Snowden empfiehlt“. Noch hat dieser Zusatz freilich nicht dazu geführt, dass Signal großen Zulauf hätte. Ich habe sage und schreibe fünf Kontakte auf Signal. Anderen Whatsapp-Alternativen geht es auch nicht besser. Von Threema schon gehört? Manche nutzen vielleicht auch Telegram, das sich einen Namen gemacht hat, weil es der russischen Regierung die Stirn geboten hat. 

Wirklich weit verbreitet sind diese Kommunikationstools allerdings nicht, sie scheinen eher etwas für Nerds und Paranoiker zu sein. Schade. Andererseits: Wenn jetzt alle beispielsweise bei Signal wären, dann wäre das genauso ein Monopol wie Whatsapp. Schöner wäre es, wenn sich die Nutzer besser verteilen würden – dann könnte ein einzelner Konzern wie Facebook seine Macht nicht so schamlos ausnutzen. Demnächst soll nämlich auch auf Whatsapp Werbung eingeblendet werden. 

Ob das die Nutzer zu anderen Kommunikationsapps treiben wird? Abwarten. Vielleicht sehen wir uns ja demnächst auf Signal.

Alternativen zu Amazon. 

An dieser Stelle könnte jetzt eine längere konsumkritische Abhandlung kommen. Geißelung der Wegwerfgesellschaft, Heraufbeschwören apokalyptischer Szenarien mit plastikverseuchten Ozeanen, giftigen Müllbergen, ruinierten Kleinbetrieben. Lob des fairen, regionalen, nachhaltigen Handels. Liebe Leser, das sei euch hier erspart. Das wisst ihr – das wissen wir alle – schon längst. Manchmal bestellt man halt trotzdem im Internet. Weil man dieses eine spezielle Teil eben doch nicht im Laden um die Ecke kriegt. Weil es nur die Hälfte kostet. Weil’s so schnell und bequem geht. Und weil man die phantastischen Bücher von Selma Mahlknecht in der Großbuchhandlung gar nicht findet. Alles sehr verständliche Gründe. Trotzdem könnte man sich vornehmen, den Einkauf bei Amazon zu beschränken. Und zu überprüfen, ob es das gesuchte Produkt nicht doch in einem Laden gibt. Wenn es dort nur wenige Euro mehr kostet, sollte man diese Mehrkosten auf sich nehmen. Der Ladenbesitzer muss damit seine Miete bezahlen und seine Angestellten. Er bietet dafür (hoffentlich) kompetente Beratung, man kann das Teil in die Hand nehmen, sich erklären lassen und im Bedarfsfall vielleicht auch zur Reparatur bringen. Dafür hat man einen Laden vor Ort, der Arbeitsplätze schafft und Lebensqualität. Das darf einem auch einen kleinen Aufpreis wert sein.

Einfach das nächste Mal daran denken. Das wäre schon ein erster Schritt. 

Wie man sieht, ist es nicht so einfach, den dicken Fischen unserer digitalen Welt zu entrinnen. Kein Wunder, dass viele Leute vom „digital Detox“ schwärmen. Was hinter dem Konzept der digitalen Entgiftung steckt, warum sie sinnvoll sein und wie man das anstellen kann, darüber schreibe ich in den nächsten beiden Teilen. 

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