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Kommentar zur Toponomastik

Auf Gegenwartsentzug

Wenn italienische Ortsnamen überschmiert werden, ist das keine antifaschistische Aktion, wie manche es gerne darstellen würden, sondern ein primitives Vandalenwerk.

cornaiano.jpg

Bild: Pro Eppan

Eine dicke Schicht weißer Sprühfarbe bedeckte am Morgen des 25. Jänners die Ortstafel von Girlan, sodass der italienische Ortsname „Cornaiano“ kaum noch zu erkennen war. Ich habe bei der Straßenbeschilderungsfirma, die für die Gemeinde Eppan solche Arbeiten übernimmt, nachgefragt: Ungefähr 400 Euro wird es wahrscheinlich kosten, das Schild, das von unbekannten Vandalen beschmiert wurde, neu anfertigen und ersetzen zu lassen. Keine Unsummen, aber das Steuergeld hätte zweifellos auch auf vernünftigere Weise investiert werden können. Jetzt muss man es hernehmen, um für eine Beschädigung öffentlichen Eigentums aufzukommen, die kein Lausbubenstreich war, sondern eine gezielte politische Aktion.

Südtirol ist nicht Italien und italienische Namen haben hier nichts zu suchen, das soll wohl die Botschaft der Harlekinade sein. Gewieftere Sympathisanten der Aktion würden aber anders argumentieren: Für sie richtet sich das Überschmieren italienischer Ortsnamen nicht gegen das Italienische an sich, sondern ausschließlich gegen den italienischen Faschismus. Ortsnamen wie „Cornaiano“ seien im Zuge der faschistischen Unterdrückung deutscher Sprache und Kultur „erfunden“ worden und sollten daher entsorgt werden, so lautet die Beweisführung. „Wer gegen den Faschismus eintretet (sic!), sollte das auch konsequent tun“, fordert zum Beispiel Matthias Hofer, Gemeinderat der Südtiroler Freiheit in Olang, unter einem Facebook-Post des Eppaner Gemeinderats Felix von Wohlgemuth, der sich über den vandalischen Akt empört zeigte. Für Hofer von der Südtiroler Freiheit handelt es sich bei der Ortstafelbeschmierung offenbar um eine begrüßenswerte antifaschistische Aktion.

Und damit ist er nicht allein. Hinter ihm stehen immer noch viele – vornehmlich deutschsprachige – Südtiroler mit der Ansicht, allein die deutschen und ladinischen Orts- und Flurnamen seien historisch gewachsen und hätten somit eine Existenzberechtigung. Doch was auf den ersten Blick logisch klingt (→ Italienische Ortsnamen wurden vom Faschismus erfunden → Der Faschismus ist schlecht → Ergo: Italienische Ortsnamen müssen weg), ist in Wirklichkeit aus mindestens drei Gründen falsch.

  1. Die Ortsbezeichnung „Cornaiano“ wurde von den italienischen Faschisten gar nicht erfunden. „Cornaiano“ hat als Ortsname eine mindestens 800 Jahre alte Geschichte und geht auf das romanische „Corneianum“ zurück. Insofern sollte niemand, der sich über die Willkürlichkeit faschistischer Toponomastik aufregt, mit der italienischen Bezeichnung für Girlan ein Problem haben. Es sei denn, man stört sich gar nicht so sehr an der faschistischen Geschichte bestimmter Ortsnamen, sondern daran, dass sie einfach nur italienisch sind.
  2. Die selbsternannten Antifaschisten, die fast einem Drittel der Südtiroler Bevölkerung die Verwendung einer eigenen Toponomastik untersagen wollen, vergessen wohl, wie wichtig Sprache ist, um die Welt um sich herum zu erfassen. Eine Welt, deren Begriffe und Bezeichnungen fremdartig klingen, ist auch an sich fremd und kann nie zur Heimat werden. Italienische Ortsnamen – ob „historisch gewachsen“ oder nicht – sind daher eine Notwendigkeit, damit sich im Jahr 2020 alle Südtiroler – nicht nur die deutschsprachigen – zuhause fühlen. Italienische Ortsnamen zu entfernen, würde daher bedeuten, einem Drittel der Südtiroler die Heimat zu verweigern. Und das ist eine Praxis, die ironischerweise gerade von den Faschisten mit Vorliebe gepflegt wurde.
  3. „Historisch gewachsen“ ist eine relative Kategorie. Die italienischen Orts- und Flurnamen sind inzwischen seit mindestens 75 Jahren in Gebrauch. Während dieser Zeit haben Südtiroler aller Sprachgruppen gelernt, friedlich und konstruktiv miteinander zusammenzuleben. Die Geschichte, wie ein Begriff entstanden ist, kann nicht von der Geschichte getrennt werden, wie der Begriff seither gebraucht wurde. Und noch weniger kann sie von der Gegenwart getrennt werden. Wer heute also italienische Ortsnamen verwendet, verherrlicht dadurch keinen Faschismus, genauso wenig, wie jemand, der sich einen Volkswagen kauft, ein Nazi ist.
    Auch Cristian Kollmann, Toponomastik-Experte der Südtiroler Freiheit, hat dies in Ansätzen anerkannt. Als Kriterien für die „historische Fundiertheit“ nennt er unter anderen einen „hohen Verkehrswert des Namens auf Grund der Relevanz des benannten Objekts für den italienischen Sprachraum“. Das dürfte im Falle von „Cornaiano“ in der Gemeinde Eppan, wo sich 13,29 Prozent der Einwohner bei der letzten Volkszählung der italienischen Sprachgruppe zugerechnet haben, eindeutig zutreffen.

Vor diesem Hintergrund erscheinen die Stimmen, welche die Vandalen von Girlan zu überzeugten Antifaschisten stilisieren wollen, als peinliche Verbrämung eines immer noch tief sitzenden Antiitalianismus, der nicht einmal mehr mutig genug ist, sich offen zu zeigen.

Die gute Nachricht: Wenn manchen Südtirolern wirklich so viel an der Aufarbeitung der faschistischen und nationalsozialistischen Geschichte Südtirols liegt, dann gibt es in der Gemeinde Eppan noch viel zu tun. In Hochfrangart steht ja immer noch – von weitem sichtbar – eine als Kunst ausgegebene, geschmacklose Riesenkugel, errichtet vom Herrn Karl Nicolussi-Leck, Mitbegründer des völkischen Kampfringes, SS-Hauptsturmführer und Nazi-Fluchthelfer, der sich durch geschäftliche Beziehungen zu geflüchteten Nazis in Argentinien finanziellen Wohlstand verschafft hatte. Was wäre, wenn sich hier einmal nächtliche Randalierer ans Werk machten? Aber dann müsste man, um ganz konsequent zu sein, auch gleich die Claudiana und das Museion (beide vom besagten Herrn Altnazi gegründet) abreißen. Und das geht ja nun wirklich nicht.

 

Teseo La Marca

hat neulich eingesehen, dass Freiheit mehr bedeutet, als Bindungsängste gegen alles zu haben. Will daher sein Studium beenden und lebt nun in Wien, wo er nach wie vor zu viel prokrastiniert.
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