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Achtung, Hund!

Auf den Hund gekommen

Wird man als Hundehalter geboren? Unsere Kolumnistin hatte schon immer das Gefühl, dass in ihr Leben ein Hund gehört.

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Selma und ihr Puck

Bild: Selma Mahlknecht

Ich wusste schon sehr früh, dass ich einen eigenen Hund haben wollte. Im Haus meiner Großeltern gab es zwar während meiner Kindheit diverse Jagdhunde, die meinen Großvater mehr oder minder erfolgreich auf die Pirsch begleiteten, doch diese Hunde waren eher beiläufige Mitbewohner als echte Beziehungspartner (Beziehungspartner? Ist das nicht übertrieben? Nein. Aber dazu komme ich noch.). In den 1980er-Jahren herrschte in Plaus, wie vielerorts in Südtirol, noch eine relativ unbekümmerte Art der Haustierhaltung vor. Unsere Hunde gingen stundenlang „auf die Schlatter“, kamen irgendwann zum Essen nach Hause, wussten gerade einmal ihre Namen und waren ansonsten eher autonome Wesen. Unsere letzten beiden Hunde, Hella und Silva, starben an Gift, das sie irgendwo auf ihren eigenständigen Touren gefunden haben mussten. Danach war für meine Oma Schluss. Noch einmal wollte sie sich so etwas nicht mehr antun. Da war ich elf. Mein Großvater war wenige Monate zuvor gestorben, meine Mutter aus dem Großelternhaus ausgezogen, und jetzt war der Hund auch noch weg. Ich schwor mir, wenigstens das mit dem Hund würde ich irgendwann wieder gutmachen.

„Er zog an der Leine, war unruhig, ein Sturkopf. Und ich war hin und weg. Der musste es sein.”

Dann kam natürlich jede Menge Leben dazwischen, Gymnasium, Studium, Studentenheim, erste Stolperschritte in die Arbeitswelt, eigene Wohnung, und für einen Hund war nie Zeit und Raum. Erst relativ spät, 2010, kam ich auf meinen ursprünglichen Hundewunsch zurück. Unterdessen war ich verheiratet und mein Mann und ich wohnten in Rabland. Das Tierheim Naturns lag ganz in der Nähe, und als Mitglied durfte ich ab und zu Hunde zum Spazieren ausführen. Wer weiß, dachte ich, vielleicht funkt es bei einem der Hunde. Freilich hatte ich Vorstellungen, wie dieser Hund auszusehen hatte, nämlich klein bis maximal mittelgroß. Im Tierheim gab es aber damals hauptsächlich große Hunde – und einen kleinen, der allerdings nur an erfahrene Hundehalter abgegeben wurde, da er schon zu viel Negatives mit Menschen erlebt hatte und erst wieder Vertrauen aufbauen musste. Uns war also klar: „Unser“ Hund war noch nicht dabei. Im Jänner 2011 dann landete ein neuer Hund im Tierheim – er war mittelgroß. Und ein vier Monate alter Welpe. Seine wie mit weißen Söckchen gefärbten Pfoten verrieten: Der wird ein Riese. Also nix für uns. Oder doch? Wir gingen mit ihm spazieren. Er zog an der Leine, war unruhig, ein Sturkopf. Und ich war hin und weg. Der musste es sein.

Mein Mann war unsicher. Meine Mutter riet ab. Wir hatten ja nur eine kleine Wohnung und waren täglich mehrere Stunden außer Haus. Keine guten Voraussetzungen. Wir warteten also noch zu. Vielleicht kommt der kleine Große ja noch zu einem besseren Platz, einem Bauernhof beispielsweise. Aber nichts tat sich. Nach einem Monat war klar: Wenn ihn nicht bald jemand nimmt, ist er schon zu groß, um noch als süß durchzugehen. Und außerdem hatte ich dem Hund schon einen eigenen Namen gegeben. Für meinen Mann das Zeichen, dass die Würfel gefallen waren. Er hatte natürlich recht. Wir bewarben uns.

Im Tierheim stellte man uns einige Fragen, und die erste lautete: „Wo wird er schlafen?“

Wir staunten über die Frage.

„Na ... bei uns in der Wohnung im Flur. Wir richten ihm da einen Korb.“

„Aber nicht draußen im Freien oder im Zwinger?“

„Nein.“

„Gut.“

Wir durften ihn haben. Am selben Tag gingen wir einkaufen: Hundekorb, Hundegeschirr, Leine, Futternapf, Futter wie vom Tierheim angegeben. Am nächsten Tag holten wir den kleinen „Beethoven“ ab.

„Wollt ihr den Namen beibehalten?“

„Nein. Er bekommt einen neuen Namen.“

„Wie wird er heißen?“

„Puck.“

Seither sind wir „auf den Hund gekommen“. Das zumindest war die gängige Formulierung in den ersten Tagen, wenn ich Freunde und Bekannte traf: „Bisch aufn Hund kemmen?“, fragten sie mich, und ich musste „ja“ sagen, obwohl ich lieber gesagt hätte: „Ganz im Gegenteil.“

Ich mag diese Redewendung nämlich nicht. „Auf den Hund gekommen sein“ bedeutet, alles verloren zu haben, ruiniert, am Ende zu sein. Mit der Anschaffung unsers Hundes aber sind wir nicht „auf den Hund gekommen“, sondern – draufgekommen, warum Hund und Mensch seit Jahrtausenden ein starkes Team sind. Puck ist unser ständiger Begleiter. Mitbewohner, Personal Trainer, Kumpel. Mit ihm gibt es viel zu lachen, er wirkt beruhigend und ausgleichend, er sorgt dafür, dass wir täglich an die frische Luft kommen. Er hat unsere Lebensqualität verbessert. Er tut uns gut.

„Es gibt offensichtlich Menschen, die genetisch auf das Halten von Hunden ausgelegt sind.”

Kein Wunder, dass Hunde die allerersten Haustiere waren, die sich Menschen anschafften. Gezähmte Wölfe als Begleiter auf Jagdzügen, so stellt man sich den Beginn der Mensch-Hund-Beziehung vor. Mittlerweile weiß man aber, dass noch mehr dran gewesen sein muss. Wolf (und in der Folge Hund) und Mensch vereint neben der Jagd nämlich noch eine wichtige Eigenschaft: Sie leben in Familien. Sie brauchen ein soziales Gefüge, in dem sie aufgehoben sind. Und über die Jahrtausende haben sich Hunde genetisch an das Zusammenleben mit dem Menschen angepasst. In Versuchen wurde nachgewiesen, dass sich Wölfe für den Menschen nicht interessieren. Hunde hingegen lernen rasch, Mimik, Stimmlage und Gestik der Menschen zu verstehen und darauf zu reagieren. Dadurch können sie mit Menschen besser kommunizieren als jede andere Tierart (sorry, Katzenfreunde).

Aber noch erstaunlicher ist, dass auch umgekehrt gilt: Es gibt offensichtlich Menschen, die genetisch auf das Halten von Hunden ausgelegt sind. War mein früher Wunsch nach dem Halten eines Hundes also Teil eines in meine Gene eingeschriebenen Programms? Gut möglich. Das würde bedeuten: Mein Hund ist genetisch auf das Leben mit Mensch eingerichtet, ich genetisch auf das Leben mit Hund. Als wir uns gefunden haben, kam also nur zusammen, was zusammengehört. Klingt romantisch, ist aber nur Teil des natürlichen Pragmatismus, der dafür sorgt, dass wir meistens gern tun, was unser Überleben sichert: essen, schlafen, Kinder machen. Und offensichtlich (zumindest in meinem Fall) Hunde halten.

Mit welchen Tücken, Fallstricken und Schlamasseln das einhergeht, darüber schreibe ich in dieser Serie. Also liebe Tierfreund*innen, seid gewarnt: Ohne Sabber, Häufchen und viele Hundehaare auf der eleganten schwarzen Hose wird es nicht abgehen. Aber, und das wisst ihr auch: Das tut der Liebe keinen Abbruch.

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