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Frauen im Literaturbetrieb

Ach, diese Lücke

Eine aus dem Kontext gerissene Aussage von Maxi Obexer sorgte neulich für Aufruhr. Dabei wurde das Thema, worum es Obexer eigentlich ging, ausgeblendet. Ein Kommentar.

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Frauen gab es im Literaturbetrieb immer schon. Sie wurden aber kaum wahrgenommen.

Bild: Laura Chouette/unsplash

Ich bin promovierte Wissenschaftlerin und sage heute: Nobelpreisträger Max Planck* war war außerhalb der Quantenphysik nicht sonderlich visionär und vom großen Möbius** würde ich persönlich, wenn er denn noch leben würde, mir nicht mal meinen Blutdruck messen lassen. Nobelpreisträger Konrad Lorenz***, an dessen Institut in Wien ich selbst zwischen Weißbüscheläffchen und Graugänsen als Studentin herumgesprungen bin, würde ich hingegen noch nicht mal die Hand zum Gruß reichen, dafür hat er seine zu oft zum römischen Gruß erhoben. Ich bitte, diese Kritik an den heiligen Kühen der Wissenschaft, auf die wir starren, während wir zahlreiche Wissenschaftlerinnen nicht sehen, mindestens ebenso ernst zu nehmen wie letzthin die Kritik von Maxi Obexer an N.C. Kaser — dessen Wirkmacht natürlich nicht ansatzweise mit den drei obgenannten Wissenschaftlern zu vergleichen ist, zumal sein posthumer Rahmen die alte männliche Südtiroler Literaturszene nicht sprengte — und gehe demnach davon aus, dass ich damit in den nächsten Tagen medial gerichtet werde.

Die heiligen Kühe, die glorreichen Koordinaten unserer Kultur und Gesellschaftssystems, die makellosen Väter unseres Landes, Stifter von Wissen und Werken, die darf man nicht schlachten — was übrigens auch mit weit mehr Einsatz als einem einzelnen Interview nicht schaffbar ist — nein, man darf ihnen noch nicht mal annäherungsweise ein Härchen krümmen, man darf ihnen posthum nur die Eier kraulen.

Aber von vorne: Vorne ist da, wo Obexer und Gruber sich in einem differenzierten Zwiegespräch auf salto.bz gar nicht vordergründig darüber unterhalten, sondern über die literarische Kulturlandschaft Südtirol, die Stellung von Künstlerinnen und vor allem die bemerkenswerte Lücke selbiger in der Literaturgeschichte. Sie sprechen darüber, dass in der „Neuen Literatur aus Südtirol“ von 1970 eine Frau und 23 Männer als Autor*innen vorkamen, sie sprechen über die Retardierung der Literatur von Südtiroler Frauen, über Bildungsvorsprung und Gleichstellung und darüber, dass unter den freiberuflichen Südtiroler Schriftstellerinnen kaum Mütter zu finden sind — über die klaffende Lücke also, die — wie alle Lücken —  erst in Anbetracht der Präsenten überhaupt zu einer wird.

Die Autorin Maxi Obexer

Bild: Nane Diehl

Ein (im Südtiroler Rahmen) Präsenter wie N.C. Kaser, dessen Hype Maxi Obexer in drei Sätzen eines insgesamt ellenlangen Interviews in Frage stellt und der ansonsten im Zwiegespräch übrigens auch durchaus gut wegkommt. Der eigentliche Inhalt scheint seither allerdings irrelevant, denn im medialen Abgang wird der aus dem Kontext gerissene Sager, dass Obexer den Hype auf N.C. Kaser, der „ein paar Gedichte verfasst hat und sich dann im Suff ertränkt hat, reichlich überzogen findet“, entrüstet unter dem Brennglas betrachtet. Es erhebt sich mahnend die Stimme der Hüter und Deuter der Kultur über eine Einschätzung mit einer Einschätzung, die auf einem aus dem Kontext gerissenen Zitat fußt und sich medial insbesondere an der Falschbehauptung von Obexers Rücktritt nährt: Natürlich ist Obexer nicht wegen ihrer Aussage zu Fasst-ihn-nicht-an-Kaser als Präsidentin der SAAV zurückgetreten, wie mir auf Nachfrage sowohl die SAAV als auch Obexer selbst bestätigen. Dennoch veröffentlichte die Südtiroler Tageszeitung einen Beitrag dazu, ein Foto von Obexer übertitelt mit „Erledigt“, passenderweise wirft man ihr im Rahmen dieser Geschmacklosigkeit so etwas wie Geschmacklosigkeit vor, weil sie die heilige Kuh mit einem Streich geschlachtet hätte und zur „Cancel Culture“ aufgerufen habe und man muss schon zweimal draufschauen, um es zu glauben und sich langsam fragen: Worum geht es denn jetzt hier eigentlich wirklich?

In Wirklichkeit sind die heiligen Kühe selbstverständlich zu 99% Stiere und an deren Stelen rüttelt frau nicht.

Nun darf Obexer Kasers Oevre natürlich einschätzen, wie sie mag, das dürfen Sie übrigens auch, selbst wenn Sie keine namhafte Schrifstellerin sind oder vergleichende Literaturwissenschaften studiert haben. Denn was ist das bitte für eine Kunst, was ist das für ein Oevre, das man nicht diskutieren darf? Was ist das für eine Literatur, die den finalen Selbstzweck in der banalen Existenz hat und die man nicht verhandeln darf? Dessen Deutung vor Dekaden von bestimmten Personen festgeschrieben wurde und die statisch starr über alle Gegenwarten hin kolportiert und reproduziert werden muss? Man bekommt als Zuschauerin im Literaturpingpong das Gefühl, es geht nun also im Grunde nicht um den Autor selbst, es geht um die Deutungshoheit, die andere auf ihn beanspruchen und für die das Ablehnen der gängigen Meinungen das kategorische Ende der eigenen Grenzen markiert. Nein, unsere Helden lassen wir uns nicht nehmen, Lücken hin oder her. Obexer wird seither jedenfalls ordentlich gemansplained, wo der Literatenhammer in der Provinz hängt. Denn in Wirklichkeit sind die heiligen Kühe selbstverständlich zu 99 Prozent Stiere und an deren Stelen rüttelt frau nicht.

Es ist dasselbe in Himmelblau: Wenn Jasmin Ladurner den Thomas Widmann subtil kritisiert, wenn Maxi Obexer den Hype um N.C .Kaser zur Diskussion stellt, dann sträuben sich die vordergründig männlichen Hüter des „guten“ Geschmacks, der „richtigen“ Politik, der literarischen „Deutungshoheit“ und verstricken sich dabei in bemerkenswerten Stilblüten. Es mutet etwa einigermaßen komisch an, dass Obexer vorgeworfen wird, sie würde Kaser auf sein Alkoholproblem reduzieren, zumal N.C.s C2-Abusus einerseits von ihm selbst ein vielfach dargestelltes und zentrales Thema in seinem Schaffen ist, andererseits ist Kasers Verfall doch auch gerade für Südtirol ein quasi essentieller Grundpfeiler seines posthumen Künstlertums: Der sich in den Verfall trinkende Künstler, bereits mit 31 kläglich an einer Leberzirrhose verstorben, der Inbegriff des Klischeekünstlertums, weil bekanntlich ohne autoaggressivem Selbsthass keine tragische Tiefe. Passenderweise ist vermutlich das einzige Gedicht, das Nicht-Literat*innen wie ich von N.C. ad hoc halbwegs rezitieren können sein letztes Gedicht „ich krieg ein kind“, der schmerzvolle Wehengesang eines sterbenden Alkoholikers, das ich als Jugendliche ohne Hintergrundinformationen lustig und als Erwachsene tragischtraurig finde. Nein, Obexer ist nicht vorzuwerfen, dass sie das Thema Suff aufbringt — dafür sorgte Kaser, übrigens selbst damit bekannt geworden, dass er Südtiroler Autorenkolleg*innen verspottete, schon selbst. Und warum sollte man den Alkoholismus auch nicht thematisieren?

Allein, wie gesagt, um N.C. Kaser ging es genaugenommen gar nicht und vielleicht sollte man es ausnahmsweise mal genaunehmen mit dem Kontext — es ging um die Lücke, diese entsetzliche Lücke, die so offensichtlich ist, dass man sie ähnlich dem Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Es ging darum, dass erst sehr lange keine und dann sehr wenige Frauen in der Literaturgeschichte Südtirols namhaft gemacht werden können, es ging um die weibliche Unsichtbarkeit, die in allen Bereichen und auch in der Literatur so frappant ist, dass ein Außerirdischer nach Sichtung der (globalen) Literaturgeschichte, Straßennamen und Geschichtsbücher in etwa auf einen Geschlechterschlüssel von 99:1 für die Erdbevölkerung kommen müsste.

Auch wenn sie gewollt hätten, hätten sie eben nicht gekonnt, die Frauen in der Geschichte — und erst recht nicht in betrunken.

Man liest aus dem Zwiegespräch zwischen Obexer und Gruber vor allem, dass immer dort, wo das Schlaglicht auf eine Person fällt, andere in den Schatten gestellt werden. Andere, und es sind vor allem Frauen, die nicht gesehen werden, weil sie die Wahrnehmungsschwelle nicht überschreiten können — und die Schwelle eben nicht jene der Qualifikation und Begabung, sondern jene der gesellschaftlichen Rollenvorstellung und Struktur ist. Hier sagt Obexer übrigens den schönen Satz, der viel wichtiger zu zitieren wäre: „Wir kennen die Geschichte nicht, die es gäbe, wenn Frauen in gleicher Weise wahrgenommen worden wären. Denn dass es sie genauso gab, daran zweifle ich nicht.“

Auch wenn sie gewollt hätten, hätten sie eben nicht gekonnt, die Frauen in der Geschichte — und erst recht nicht in betrunken, weil ist das verwahrloste Künstlertum beim Manne auch vielleicht kohärentes Identifikationsmerkmal, wäre es vermutlich nicht gerade ein Karriereboost, wenn etwa eine Maddalena Fingerle angetrunken zur Buchvorstellung hereintorkeln würde. „Eine Frau, die auch nur halbtags arbeitet, eventuell auch noch Kinder großzieht, und im Glücksfall sich die Hausarbeit mit jemandem teilt, wird kaum Zeit für das Verfassen eines anspruchsvollen, dickeren Romans finden“, sagt Gruber zur Lücke und Obexer ergänzt, dass viele Autoren trotz Familie gut Romane schreiben, weil ihnen der Rücken von den Frauen freigehalten wurde.

Das mag für viele bisher als billige Entschuldigung geklungen haben, aber nun hat die Pandemie uns diesbezüglich ja in einem globalen Reenactment plastisch illustriert, was passiert, wenn die Frau Haus- und Sorgearbeit ohne staatliche Unterstützung — wie sie es bekanntlich lange Zeit musste — übernehmen muss: SCHWUPP, verschwindet sie von der Bildfläche und ihre Leistung in sämtlichen Bereichen sinkt. In der Wissenschaft haben beispielsweise seit Beginn der Pandemie signifikant weniger Frauen Forschungsarbeiten produziert. Und nein, die sind nicht fulminant verblödet oder auf ein Mal nicht mehr ausreichend qualifiziert, das ist die schräge Gesellschaftsstruktur, die höflich grüßt.

Letztlich ist also insgesamt nichts gecancelt worden, denn tot ist man bekanntlich erst dann, wenn keine*r mehr von einem redet. So lebendig wie in den letzten Tagen war N.C. Kaser in Südtirols Medienlandschaft schon lange nicht mehr, was einigermaßen am Thema vorbei ist, aber damit immerhin konsequenterweise die theoretisch abgehandelte Lücke praktisch für den Hausgebrauch illustriert: Unsichtbarkeit ist, wenn man stundenlang von der Unsichtbarkeit konversiert und nachher alle das vordefinierte Schlaglicht der in einem Sätzchen erwähnten heiligen Kuh verteidigen. Damit hat die Südtiroler Kultur- und Medienlandschaft vor allem eines bewiesen: Dass die Lücke weiter bestehen wird, weil sie noch nicht mal erkannt wird und dass es vielleicht tatsächlich an der Zeit wäre, ein paar heilige Kühe zu schlachten. Und zwar nicht, weil man davon ausgehen muss, dass es in Wirklichkeit Ochsen waren, sondern weil man davon ausgehen muss, dass zu jeder Zeit im Stall der Literatur, der Geschichte und der Wissenschaft tatsächlich sehr viel mehr Tierchen jeglicher Couleur und Geschlechts gestanden haben.

 

*Sie alle haben Großartiges geleistet, lagen aber auch gründlich daneben – was der Personenkult ausblendet, lassen wir sie selbst sagen.
Max Planck (1858-1947): „Amazonen sind auch auf geistigem Gebiet naturwidrig.“

**Paul Julius Möbius (1853-1907): „Nur durch Abweichung von der Art, durch krankhafte Veränderung, kann das Weib andere Talente, als die zur Geliebten und Mutter befähigenden, erwerben.“ (in „Ueber den physiologischen Schwachsinn des Weibes“, 1900)

***Konrad Lorenz (1903-1989): „Der rassische Gedanke als Grundlage unserer Staatsform hat schon unendlich viel in dieser Richtung geleistet. Die nordische Bewegung ist seit jeher gefühlsmäßig gegen die Verhaustierung des Menschen gerichtet gewesen, alle ihre Ideale sind solche, die durch die hier dargelegten biologischen Folgen der Zivilisation und Domestikation zerstört werden würden.“

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