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Kommentar zur Schießerei in München

„Ich habe es satt“

Die Statistiken sprechen Klartext: Terroranschläge zu fürchten ist Schwachsinn. Der Grund, warum sie uns dennoch betreffen, ist ein anderer.

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Bild: flickr/metropolico

Eigentlich war ich am Freitagabend gar nicht in München. Als sich die bayerische Hauptstadt im Ausnahmezustand befand, saß ich geborgen und sicher in meinem Heimatdörfchen in Südtirol. Mein Studienort aber ist München und einige von denen, die nicht wussten, wo genau ich mich befand, haben sich eilig gemeldet, um sich nach meinem Aufenthaltsort und meiner Unversehrtheit zu erkundigen. Eigentlich eine Geste, die sehr sympathisch ist. Eine Geste, die gestern Abend von Münchnern und deren Angehörigen wohl millionenfach wiederholt wurde. Und nichtsdestotrotz auch eine hysterische Geste.

Betrachten wir mal die Fakten: Es wurden nach jetzigem Stand neun Menschen getötet. Neun Menschen auf ganze 1,5 Millionen, die in München leben. Bricht man dieses Verhältnis auf Südtirol herunter, so wären es drei Tote auf 500.000 Einwohner. Dazu reicht ein einfacher Verkehrsunfall. Und bei jedem Verkehrsunfall, der in die Schlagzeilen kommt, wird man doch auch nicht aus aller Welt kontaktiert, damit man Bescheid gibt, dass alles in Ordnung ist. Oder?

Natürlich gab es am Freitagabend auch noch die Verletzten, aber an der Grundaussage ändert das wenig. Selbst, wenn es in München einen Unfall mit 20 Toten gegeben hätte, wäre wohl kaum jemand auf die Idee gekommen, sich bei jedem näher bekannten Münchner zu erkundigen, ob es ihm gutgehe. Aber es war eben kein Unfall. Es war ein Anschlag oder zumindest ein Amoklauf. Die obengenannten Zahlenverhältnisse dürften nun etwas klarer veranschaulichen, wie übertrieben unsere Reaktionen auf solche Vorfälle sind. Warum ist das so?

An einer Fischgräte zu ersticken ist wahrscheinlicher

Als die Anschläge noch weiter entfernt waren – Paris, Brüssel, Nizza – fühlte ich mich nicht angegriffen. Ich fühlte mich auch dann nicht bedroht, als ich mich im November letzten Jahres bei höchster Terrorwarnstufe in Brüssel befand und auf den Straßen mehr Soldaten als Passanten vorübergingen. Es war mir gelungen, die Statistiken gut zu verinnerlichen. Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Terroranschlag sein Leben zu verlieren, ist um ein Vielfaches geringer als die Gefahr, durch eine Fischgräte zu ersticken oder von einem Blitz getroffen zu werden. Obwohl ich mich vegetarisch ernähre, esse ich zu manchen Gelegenheiten auch Fisch. Und wenn es nicht zu stark regnet, finde ich auch einen gewissen Reiz darin, Gewitter unter freiem Himmel mitzuerleben. Ab und zu rauche ich sogar, obwohl das Risiko, irgendwann daran zu sterben, 1:260 beträgt – unvergleichlich höher als die anderen beiden Risiken. Warum sich also plötzlich völlig überflüssige Sorgen wegen eines Terroranschlags machen?

Es ist zwar richtig, mit den Opfern mitzufühlen, die Täter zu verdammen, das Geschehen zu bedauern. Aber nicht mehr auf Konzerte zu gehen, Urlaub nur noch auf entlegenen Almen zu machen und Großstädte zu meiden? Das ist die falsche Reaktion. Auch die gewaltige Medienpräsenz dieses Themas in der vergangenen Woche fand ich völlig fehl am Platz. Wegen dieser übertriebenen Reaktionen habe ich das Ganze sogar schon seit einer Weile satt. Und zugegeben: Wenn ich ironischerweise nicht selbst diesen Kommentar verfasst hätte, hätte ich ihn vermutlich nicht einmal angeklickt.

Der Angriff jenseits der Statistik

Dennoch bleibt ein mulmiges Restgefühl, man fühlt sich irgendwo ja doch betroffen. Nach dem gestrigen Abend verstehe ich nun besser, welcher psychologische Vorgang dahintersteckt. Jetzt, da ein vermeintlicher Anschlag auch München, den Ort, wo ich wohne, traf – es könnte sich aus jetziger Sicht aber auch um einen Amoklauf handeln – fühle ich mich persönlich angegriffen. Die Tat hat zwar „nur“ neun Getötete (Stand: Samstag, 11 Uhr) und noch einige Verletzte gefordert. Wenn man auch an die nahen Angehörigen denkt, so sind bei dem Anschlag also nur einige Dutzend Menschen direkt betroffen – könnte man meinen. So ist es aber nicht. Denn ein Anschlag gilt nicht nur den Unglücklichen, die getroffen werden, sondern allen Bewohnern der Stadt, der Region, ja manchmal auch des ganzen Landes. Wenn das Ereignis gestern ein Terroranschlag war, so galt er jedem beliebigen Münchner. Getroffen wurden nur wenige, aber angegriffen wurden alle.

Das ist auch der Grund, warum man nach Paris überall die französische Fahne gehisst hat, um Solidarität zu bekunden. Dadurch, dass der Anschlag in der Hauptstadt stattfand, galt er der ganzen Nation, jedem einzelnen Franzosen. Es ist letztlich ein einfacher psychologischer Trick, der dahintersteckt. Die Terroristen benutzen ihn, um mit schwindend geringem Aufwand hunderttausende Menschen gleichzeitig zu verunsichern – entgegen jeder Statistik. Leider hat das auch am Freitagabend wieder glänzend funktioniert. Obwohl noch gar nicht feststeht, ob es sich wirklich um einen geplanten Terroranschlag oder um einen Amoklauf handelt, ist die Gesellschaft bereits gespalten. Und die eine Hälfte davon hetzt wieder.

Teseo La Marca

hat neulich eingesehen, dass Freiheit mehr bedeutet, als Bindungsängste gegen alles zu haben. Will daher sein Studium beenden und lebt nun in Wien, wo er nach wie vor zu viel prokrastiniert.
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