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Interview mit Forscherin Barbara Gross

Superdiverses Südtirol?

Viele Sprachen, viele Kulturen, viele Ansichten: Barbara Gross über ihre Forschung zur sprachlichen und kulturellen Vielfalt in den Bildungsinstitutionen Südtirols.

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Bild: Aarón Blanco Tejedor / unsplash

Barbara Gross, Dozentin und Forscherin an der Fakultät für Bildungswissenschaften an der Universität Bozen mit Sitz in Brixen, hat in diesem Jahr den Forschungspreis 2020 der Stiftung Südtiroler Sparkasse erhalten. Aktuell forscht Gross zur sprachlich-kulturellen Diversität in Bildungsinstitutionen. Dabei interessiert sich die Forscherin dafür, wie diese Diversität – also die sprachliche und kulturelle Vielfalt in Schulen und Kindergärten – Lernergebnisse beeinflusst und wie pädagogische Fachkräfte und Lehrpersonen mit der Herausforderung umgehen. 

Sprachlich-kulturelle Barrieren sollen schon in Kindergärten und Schulen abgebaut werden: Forscherin Barbara Gross.

Bild: Barbara Gross
Worum geht es in Ihrer Monografie „Further Language Learning in Linguistic and Cultural Diverse Contexts“?
Im Buch analysiere ich Faktoren, die das Erlernen der Zweiten Sprache in Südtirol bei Grundschulkindern beeinflussen. Dabei geht es um individuelle, schulische, familiäre und auch soziokulturelle Faktoren und wie diese die Leistung der Schüler*innen beeinflussen. Dabei untersuche ich auch, wie Kinder, Eltern und Lehrpersonen diese Faktoren wahrnehmen. In der Durchführung der Studie war es mir wichtig, nicht nur über Kinder zu forschen, sondern auch deren eigene Perspektive einzubeziehen und sie zu Wort kommen zu lassen. Es zeigt sich, dass bereits Grundschulkinder die Situation differenziert wahrnehmen und beschreiben.

Was ist für das Erlernen einer Zweitsprache besonders wichtig?
Die Familie ist als erste Instanz der Sozialisation (also der Anpassung des Individuums an die Normen der Gesellschaft, Anm.) ausschlaggebend. Die Unterstützung und Haltung der Eltern ist dabei als Beispiel zu nennen. Aber auch Bildungsinstitutionen leisten einen wesentlichen Beitrag. Dabei geht es weniger um die Anzahl der Unterrichtsstunden in der Zweiten Sprache, als vielmehr um Kontakte mit der anderen Sprachgruppe und die Möglichkeit des aktiven Austausches. Die außerschulische Umgebung, das soziokulturelle und linguistische Umfeld spielen beim Erwerb der Zeitsprache eine besondere Rolle.

Wie wichtig ist dieses außerschulische Umfeld?
Wenn kein Lebensbezug zum Gelernten besteht, erschwert dies das Lernen. Besonders Kinder müssen die Möglichkeit haben, eine gelernte Sprache auch anwenden zu können. Sie sollten sowohl einen spielerischen Umgang als auch die Notwendigkeit, die Sprache im Alltag zu beherrschen, erfahren. Die Daten zeigen, dass eine vorwiegend extrinsische Motivation – also zu wissen, dass sie beispielsweise später einen besseren Job bekommen und mehr verdienen, wenn sie die Zweite Sprache gut beherrschen – nicht zu besseren Leistungen führt.

“Sprachenlernen als interkulturelle Erfahrung finde ich genauso wichtig, wie das Erlernen der Sprache selbst.”

Welche Rolle spielt die Kultur beim Sprachenlernen?
Sprache hat immer etwas mit Kultur zu tun. So ist Sprachenlernen auch eine interkulturelle Erfahrung. Diesen Aspekt finde ich genauso wichtig, wie das Erlernen der Sprache selbst. „Interkulturalität“ wird dabei meist mit migrationsbedingter und kultureller Diversität assoziiert. In Südtirol stellen aber für viele Heranwachsende das Aufeinandertreffen und die Auseinandersetzung mit italienischsprachigen bzw. deutschsprachigen Bürger*innen bereits eine erste interkulturelle Erfahrung dar.

Inwiefern beeinflusst die institutionelle Trennung der Sprachgruppen in Südtirol die mehrsprachige und interkulturelle Erziehung und Bildung?
Das nach Sprachen getrennte Schulsystem beeinflusst nicht nur den Spracherwerb wesentlich, sondern auch die interkulturelle Erziehung und Bildung. Kindergärten und Schulen stehen im Bereich der interkulturellen Erziehung vor allem vor strukturellen Herausforderungen.

Welche Herausforderungen sind das?
Kindergärten und Schulen müssen Wege finden, Diversität zuzulassen, wertzuschätzen und zu fördern und das trotz getrennter Schulsysteme. Lehrpersonen geben an, dass dies eine Barriere für die interkulturelle Erziehung darstellt. Wie soll Diversität integriert, gefördert und wertgeschätzt werden, wenn Heranwachsende von Kindesbeinen an erfahren, dass Trennung und Exklusion die Normalität darstellen?

In einer aktuellen Forschung arbeiten Sie zum herkunftssprachlichen Unterricht. Inwiefern betrifft das Südtirol?
Nur wenige wissen, dass es in einigen Schulen Südtirols ein Unterricht in den Herkunftssprachen, zum Beispiel Arabisch oder Albanisch, angeboten wird. Auch in dieser Studie wird ersichtlich, dass die Entwicklung von Heranwachsenden davon beeinflusst wird, ob sie eine oder mehrere Erstsprachen sprechen und ob diese in der eigenen Familie und in den Bildungsinstitutionen beachtet und gelernt sowie in der Gesellschaft wertgeschätzt werden oder eben nicht. Es geht in meinen Studien also nicht nur um die Situation der Mehrsprachigkeit der autochthonen Bevölkerung, sondern auch um migrationsbedingte sprachlich-kulturelle Diversität.

“Wie soll Diversität gefördert und wertgeschätzt werden, wenn Heranwachsende von Kindesbeinen an erfahren, dass Trennung und Exklusion die Normalität darstellen?”

In einem Ihrer Beiträge sprechen Sie von Superdiversität. Was ist damit gemeint?
Der Begriff „Superdiversität“ beschreibt eine Gesellschaft, die durch hohe sprachliche und kulturelle Heterogenität gekennzeichnet ist. Migrant*innen bilden heute keine homogene und einheitliche Gruppe, sondern sind durch vielfältige soziale, nationale, kulturelle, religiöse und sprachliche Hintergründe charakterisiert. Neue Migrationsströme kommen somit in eine bereits diverse und komplexe soziale Struktur und tragen zu einer erneuten Diversifizierung bei.

Ist Südtirol superdivers?
Ja. Südtirol ist bereits durch seine sprachlichen Gegebenheiten durch eine hohe Diversität gekennzeichnet und auch hier sind gesellschaftliche Gruppen in sich divers. Diese Diversität ist also in sich schon mehrdimensional und heterogen. Durch neue Migrationsbewegungen wird diese Diversität zunehmend verstärkt. So kann man auch in dieser kleinen Grenzregion durchaus von Superdiversität sprechen.  

In einer Arbeit schreiben Sie von der Entwicklung einer gemeinsamen Identität. Können Sie mehr darüber erzählen?
Ich beschäftige mich mit der Frage, ob die Entwicklung einer gemeinsamen Identität in Bildungsinstitutionen innerhalb von Gesellschaften, die superdivers sind, ein erreichbares Ziel ist. Es wird aufgezeigt, wie sich die sprachliche von der ethnischen und nationalen Identität unterscheiden kann. Unter Umständen weichen also nationale, ethnische und sprachliche Identität in ein und demselben Individuum voneinander ab. Zum Beispiel kann ein Kind, das in Südtirol geboren ist und dessen Eltern aus Japan stammen eine japanische ethnische Identität, eine italienische nationale Identität und eine deutsche sprachliche Identität haben.  Die vielseitig-individuellen Identitäten stellen eine wichtige Ressource bei der Konstruktion einer gemeinsamen Identität in Kindergärten und Schulen dar.

Zu welchem Fazit sind Sie bisher gekommen?
Die Ergebnisse meiner Arbeiten zeigen, dass Südtirol durch seine sprachlich-kulturelle Diversität die Möglichkeit hat, als ein modernes, mehrsprachiges und interkulturelles Modell Europas zu dienen, wenn diese Chance richtig genutzt wird. Dafür ist aber die Beseitigung von sprachlich-kulturellen Barrieren in Kindergärten und Schulen unerlässlich. Die Ergebnisse meiner Forschung machen deutlich, dass die sprachliche und kulturelle Heterogenität gefördert und wertgeschätzt werden muss. Diese Wertschätzung muss nicht nur innerhalb der Landessprachen, sondern auch auf Ebene der Migration erfolgen. Außerdem sollen diese Studien dazu anregen, gerechte Bildungschancen für alle zu ermöglichen.

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