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Kommentar zu den Laternenumzügen

Großes Rabimmel ums Rabammel

So, Schluss mit St. Martin. Ich feiere das Sonne-Mond-und-Sterne-Fest. Und gehe dann auf den Wintermarkt, bevor die Jahresendfeier losgeht. Warum? Weil’s ja irgendjemand tun muss.

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Lizenz: CC by-nc (bearbeitet)
Bild: Stephan Dinges/Flickr

„Jedes kleine Abrücken von Traditionen und Bräuchen unserer Heimat aufgrund einer falsch verstandenen Toleranz gegenüber verschiedenen Einwanderergruppen ist eine Bankrotterklärung unserer Wertegemeinschaft.“ (Landtagsabgeordnete Ulli Maier in einer Presseaussendung)

Jetzt kommt sie also wieder, die besinnliche Zeit. Wo Kekse gebacken, Glühwein und Punsch gebraut und ausländerfeindliche Hetznachrichten verbreitet werden. Wo aufrechte Bürger wieder stolz per Social Media-Verlautbarung kundtun, dass sie auf keinen Fall zum „Sonne-Mond-und-Sterne-Fest“ gehen, sondern ausschließlich zum Martinsumzug. Und dass das gefälligst Weihnachtsmarkt und Adventsbeleuchtung zu heißen habe und nicht Wintermarkt und –beleuchtung. Und natürlich feiern sie alle glücklich Weihnachten und nicht die Jahresendfeier. Damit wäre das auch mal geklärt.

Man darf fragen, woher so viele Menschen das Bedürfnis nehmen, ein kulturpolitisches, ja, geradezu ein sittlich-moralisches Treuebekenntnis abzulegen – und das zu so etwas Wankelmütigen wie Wörtern. Als Frau der Feder erfreut es mich ja an sich, wenn mehr Mitbürger ihre Sensibilität für Begriffe entdecken. Aber zugleich darf ich anmerken, dass ein Wort auch nichts weiter ist als ein Konsens. Wir waren ja mal der Meinung, „realisieren“ bedeute, etwas zu „verwirklichen“. Heute verwenden das aber immer mehr Leute im Sinne von „Gewahr werden“ – dem englischen „to realize“ folgend: Ich habe realisiert, dass er mich die ganze Zeit betrogen hat. Das findet auch keiner komisch (dafür sagt aber keine mehr „Gewahr werden“). Und erst recht gibt es keine dröhnenden Richtigstellungen in Sozialen Medien. Ich zumindest habe noch keine pathosschwangeren Affichen in Facebook-Timelines entdeckt, in denen jemand im Brustton eines Kämpfers für Recht und Gerechtigkeit ein Bekenntnis zum „Fernsprecher“, zum „Blaustrumpf“ oder zu den „Kolonialwaren“ ablegte. Vielleicht, weil die Wörter jetzt anders heißen, ihre Inhalte aber immer noch da sind? Naja – aber eine „Wählscheibe“ vermisst auch niemand so wirklich, oder?

Ich glaube ja, dass nur Wörter aussterben, die es nicht besser verdient haben. 

Ach so, es geht beim St.-Martins-Bekenntnis gar nicht um sprachhüterischen Bewahrungseifer? Ich verstehe das alles falsch? Das Anliegen ist ein völlig anderes? Es geht darum, dass wir uns das Fest nicht wegnehmen lassen?

Da hab ich wohl geschlafen. Wer nimmt uns das St.-Martins-Fest weg? Und den Christkindlmarkt und den Advent und überhaupt alles, was uns heilig ist?

Ach so. Die anderen. Die Nichtchristen.

Aber warum, ich verstehe immer noch nicht, warum versuchen sie es dann nicht einfach zu streichen? Warum begnügen sie sich damit, das einfach nur umzuetikettieren?

Wenn Raider jetzt Twix heißt, ändert sich doch nix. Bis auf den Namen.

Wie stellen sie das denn an, die anderen? Kommen die zu mir nach Hause und setzen sich vor den Christbaum, damit ich meine Krippe nicht mehr sehen kann?

Ach so, die höhlen das von innen aus. Also, sie kleben außen einen anderen Namen drauf und nehmen innen den Inhalt weg. Verstehe.

Nein, verstehe schon wieder nicht. Wie stellen sie das denn an, die anderen? Kommen die zu mir nach Hause und setzen sich vor den Christbaum, damit ich meine Krippe nicht mehr sehen kann?

Ach, es geht um die Schulen und Kindergärten. Und da kommen die Nichtchristen und sagen: Das heißt jetzt Sonne-Mond-und-Sterne-Fest? Aber warum denn? Kann ihnen doch egal sein, wie das heißt, sie feiern es ja sowieso nicht.

Ach so, es sind gar nicht die anderen, die umetikettieren? Sondern wir selber? Im vorauseilenden Gehorsam?

Ja, wo denn dann? Wer denn?

Aha, nichts Genaues weiß man nicht. Aber angeblich hat irgendwo irgendein Kindergarten. Oder eine Grundschule. In Deutschland. Wahrscheinlich in der Uckermark. Oder dort ums Eck. In der Ferne. Aber dafür ganz sicher!

Das heißt, obwohl es keine konkreten Fälle gibt, wo einem Kind die St.-Martins-Laterne aus der Hand gerissen und als Sonne-Mond-und-Sterne-Laterne zurückgegeben wurde, obwohl die Großen der Szene nicht im Traum daran denken, ihre publikumsträchtigen Christkindlmärkte kundenfeindlich in „Wintermarkt“ umzubenennen, regen wir uns schon mal präventiv auf. Weil man denen alles zulieb tut, denen. Dabei dürfen wir nicht einen Fingerbreit nachgeben! Schon gar nicht zu  Weihnachten! Wo Weihnachten draufsteht, da ist Heimat drin! Identität! Selbstbewusstsein! Wo Weihnachten draufsteht, finden wir Geborgenheit. Gemütlichkeit! Tradition! Das lassen wir uns doch nicht wegnehmen! Nicht einmal von erfundenen Solchen! Da müssen wir präventiv aggressiv werden! Damit die bloß nicht glauben! Miar sein miar!

Und also veranstaltet man ein großes Rabimmel ums Rabammel. Da stellt man dann auch schon mal eine Anfrage im Landtag, wie es denn jetzt ist mit dem Sankt Martin. Ob der schon noch ganz pflicht- und traditionsbewusst gefeiert wird bei uns im Landl. Mit dem Laterne-Lied und der dazugehörigen Laterne. Rabimmel, rabammel, rabumm! Eventuell auch mit dem Martinsspiel. Wo er hereingereitet kommt, der Martin. Und seinen Mantel teilt mit dem ... also ... Rabumm. Hauptsache, Tradition!

Jedes Abweichen von der Tradition ist ein fatales Zugeständnis. Einen Schritt weiter im Todesmarsch! Soweit kommt’s noch!

Und deswegen kontrollieren wir ab sofort auch das Adventssingen und die Krippenspiele. Dass da ja keiner seinen Text vergisst! Jedes Abweichen von der Tradition ist ein fatales Zugeständnis. Einen Schritt weiter im Todesmarsch! Soweit kommt’s noch!

Aber siehe da – kein Feind weit und breit. Überall werden Laternen gebastelt, überall freut man sich auf den Advent. War also die Aufregung umsonst?

Nein, das darf ich nicht zulassen. Wäre doch schade um die schöne Empörung. Ich werde also am 11. November vor dem Haus eine Laterne aufstellen. Und mein privates Sonne-Mond-und-Sterne-Fest abhalten. Ganz untraditionell. Mit den falschen Keksen und dem falschen Punsch. Und dazu singe ich die falschen Lieder. „Völker, hört die Signale“. Und „Atemlos durch die Nacht“. Ich sehe schon meine Nachbarn vor mir, wie sie entsetzt ihren Kindern die Hände vor die Ohren halten. Wie sie sich vor mir aufbauen und mich anschreien: „Keinen Fingerbreit!!“  

Hach, so ein Kulturkampf ist doch was Schönes. Noch schöner natürlich ist er mit einem echten Feind. Bitte. Gern geschehen. 

 

 

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