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Satirisch gut

Diktator gesucht

Im Ausgang der Gemeinderatswahlen erkennen Historiker eindeutige Anzeichen für das baldige Ende der Demokratie. Was steckt dahinter?

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Bild: Flickr/Marion Doss

„Freistaat Südtirol“? Das war einmal. Die große Vision einiger Steinzeitpatrioten weicht neuerdings der Möglichkeit einer richtigen „Diktatur Südtirol“. Dies darf man jedenfalls behaupten, wenn man den alarmierenden Erkenntnissen einiger Historiker Glauben schenkt. Sie sehen in den Ergebnissen der letzten Gemeinderatswahlen – vor allem in der Gemeinde Bozen – eindeutige Hinweise für das Hereinbrechen eines neuen totalitären Systems.

„Man sehe sich die verblüffenden Parallelen zur Weimarer Republik an, bevor die Nazis an die Macht kamen“, erklärt uns der Geschichtsexperte Hans Herodot. „Wie Deutschland damals, befindet sich Südtirol nun am Ende einer langen Monarchie. Luis Durnwalder ist nicht mehr da und eine junge, zarte Demokratie versucht jetzt langsam und unentschlossen, Fuß zu fassen.“ Ob diese junge, zarte Demokratie den radikalen Kräften standhalten kann? Herodot zeigt sich skeptisch: „Sicher nicht, solange sich die Bürger einen Dreck darum scheren und kein Schwein mehr zur Urne geht!“

Eindeutige Worte fand der Historiker auch, um Andrea Bonazza zu umschreiben, den ersten Casapound-Neofaschisten, der in den Bozner Gemeinderat gewählt wurde. Laut Herodot könnte Casapound bald schon die neue Einheitspartei sein. Auf jeden Fall bemüht sich die etablierte Macht bereits sehr darum, sich den Rechtsextremen anzubiedern. So kursieren etwa kuriose Selfies, auf denen sich der amtierende Bozner Bürgermeister Luigi Spagnolli in feuchtfröhlicher Feierlaune mit Bonazza und anderen etwas rechtsgesinnten Kameraden zeigt.

Luigi Spagnolli mit einigen “Fans” aus dem rechten Lager

Welche Pläne Bonazza (vielleicht unser künftiger Diktator) wohl für Bozen hätte? Beispielsweise am Bahnhof, an dem die Situation mit den anströmenden Flüchtlingen zeitweilig untragbar ist? „Gar kein Problem“, sagt Bonazza, „in den guten alten Zeiten wurden hier auch schon massenweise Leute auf Zügen durchgefahren, und das hat doch ganz gut funktioniert.“ Was seine sonstigen Vorhaben angeht, wolle sich Bonazza ganz an seine Vorbilder halten. Dabei verweist er auf seine neulich getroffenen Aussagen aus einem Radiointerview: Hitler, der habe noch gewusst, wie man ein Land regiert.

Der Morgen danach: Bürgermeister Spagnolli gedenkt feierlich der Opfer des faschistischen Regimes

Bild: Luigi Spagnolli / Facebook

Als Reaktion auf dieses faschismusverherrlichende Statement legte Spagnolli vor dem ehemaligen Durchgangslager in der Reschenstraße einen Strauß Blumen zum Gedenken hin. „Die Aussagen von Bonazza machen mich sehr traurig“, sagt Spagnolli. „Er redet Mist und wer muss es ausbügeln? - - Und ich dachte schon, wir wären jetzt Freunde…“

Teseo La Marca

hat neulich eingesehen, dass Freiheit mehr bedeutet, als Bindungsängste gegen alles zu haben. Will daher sein Studium beenden und lebt nun in Wien, wo er nach wie vor zu viel prokrastiniert.
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