Anzeige
Interview mit Simon Prudenziati

Der Faustball-Veteran

Simon Prudenziati spielt seit 25 Jahren beim SSV Bozen Faustball. Im Interview spricht er über seine Leidenschaft für den Sport und die große Bedeutung von Sportvereinen.

IMG-20210125-WA0000.jpg

Im Vordergrund: Simon Prudenziati

Bild: Mario Cibien

Simon Prudenziati, Jahrgang 1983, ist Kapitän des Faustballteams des SSV Bozen und holte 2019 mit der italienischen Nationalmannschaft den 5. Platz bei den Faustballweltmeisterschaften in Winterthur. Neben dem Faustball ist im Verwaltungsbereich eines Betriebes in der Speditionsbranche. Was ihn an dieser eher unbekannten Sportart begeistert und warum Sportvereine für eine Gesellschaft unverzichtbar sind, verrät er im Interview.

Wie und wann bist du zum Faustballsport gekommen?
Ich war 13 Jahre alt und spielte Faustball zunächst als Ausgleichssport zum Eishockey. Dort hat mich ein Vater eines Mitspielers überhaupt erst zum Faustball gebracht. Ich und eine Gruppe von Mitspielern haben dann im Sommer diesen Sport ausprobiert. Wir waren von Anfang an begeistert und die meisten Spieler sind fortan dem Faustballsport treu geblieben.

Was hat dich an diesem Sport und dem Verein begeistert?
Mich begeisterte vor allem das Umfeld. All die Wertschätzung, die ich von Beginn an erfahren habe. Das fand ich faszinierend, vor allem was die menschliche Seite betrifft. Der Sport an sich ist athletisch und dynamisch. Im Laufe der Zeit rückte die sportliche Seite immer mehr in den Vordergrund. Wir haben als Jugendliche beschlossen, diesen Sport „semiprofessionell“ zu betreiben, um auch auf internationaler Ebene ein Wörtchen mitzureden. Wir haben dann tolle Erfolge einfahren können, wie den vierten Platz bei der Jugend-WM 2003. Das hat uns zusätzlich motiviert. Faustball ist eine richtige Leidenschaft für mich geworden.

Was macht diesen Sport so attraktiv?
Es braucht viele Voraussetzungen, um diesen Sport auf höherem Niveau zu spielen. Es benötigt viel Ballgefühl, Antriebsschnelligkeit und Beweglichkeit. Dann muss man taktisches Spielverständnis mitbringen, um ein Spiel lesen zu können. Zudem ist Faustball als Mannschaftssportart attraktiv, da man zu je fünf Spielern der gegnerischen Mannschaft entgegentritt.

Wie verbreitet ist Faustball in Südtirol und in Italien?
Die Sektion im SSV Bozen ist leider der einzige Verein in Italien. Vor etlichen Jahren gab es Vereine in Brixen, Meran und sogar Mailand. Faustball hat sich dort leider nicht durchgesetzt. 

Der Erfolgshunger ist im Laufe der Jahre weiter gestiegen.

Du hast an insgesamt sechs Weltmeisterschaften teilgenommen. Welche Erinnerungen hast du daran?
Das Erlebnis WM ist nicht nur auf das Sportliche begrenzt, sondern betrifft auch die Freizeit und das Miteinander. Besonders in Erinnerung ist mir die erste WM 1999 geblieben. Ich war damals 15 Jahre alt und bin im Team herzlich aufgenommen worden. Man muss bedenken, dass der Stamm der Mannschaft 20 Jahre älter war als ich. Ich hatte keine Erwartungshaltung, da ich keine Vorstellung hatte, was mich erwartete. Ich durfte dann Interviews geben und sogar Autogramme schreiben. Ich spielte vor 5.000 Zuschauern. Diese Momente sind mir stark in Erinnerung geblieben und motivierten mich, erstens, weiterzumachen, und zweitens, der nächsten Generation diese Erinnerungen weiterzugeben. Der Erfolgshunger ist im Laufe der Jahre weiter gestiegen und je älter ich wurde, desto höher setzte ich auch die Messlatte. Mit der Zeit hat sich die Sportart weiterentwickelt und das Niveau der Mannschaften stieg. Es wurde alles professioneller, wie Fernsehübertragungen zeigen.

Gibt es ein spezielles Spiel, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Es gibt mehrere Momente, aber kein spezielles Spiel. Mir kommen da wieder meine Debütspiele gegen die besten Mannschaften der Welt, wie Deutschland oder Brasilien, in den Sinn. Präsent ist sicherlich auch 2019 das Platzierungsspiel um Platz fünf bei der WM gegen Chile. Dieser Sieg hat einen außerordentlichen Stellenwert für meinen faustballerischen Werdegang. Wir haben uns dies als Ziel gesetzt, obwohl es sehr hoch war. Mit einer super Teamleistung haben wir es dann erreicht. Das war sicher ein Höhepunkt.

Seit ca. zehn Jahren spielt der SSV Bozen in der österreichischen Bundesliga, wie ist es dazu gekommen?
Es ist ein Riesenaufwand, den wir betreiben. Wir fahren pro Saison 10.000 km. Die Idee dahinter ist einfach: Wir haben gesehen, dass wir bei Großereignissen in den entscheidenden Momenten oft den Kürzeren gezogen haben. Deswegen wollten wir einfach besser werden, mehr Spielpraxis sammeln, um die Bigpoints tatsächlich zu holen und Spiele zu gewinnen.

Nach Niederlagen wächst und reift man. Sportmannschaften unterstützen solche Reifeprozesse.

Du bist nicht nur sportlich aktiv, sondern bist auch im Vorstand des Vereins. Was treibt dich an?
Wir sind ein kleiner Verein. Damit er funktioniert, muss jeder mithelfen, sonst geht es nicht. Ich bin bereits seit 20 Jahren im Vorstand. Vorrangig fungiere ich als sportlicher Leiter, aber auch in der Planung, Trainingsleitung und der Finanzierung bin ich involviert. Faustball hat mir im Leben so viel gegeben, und ich finde es selbstverständlich, etwas davon zurückzugeben.

Welche gesellschaftliche Stellung haben Vereine?
Es wird immer wichtiger, Dinge zu tun, ohne bereits im Vorfeld etwas dafür zu bekommen. Sportvereine oder kulturelle Vereine arbeiten ausschließlich auf ehrenamtlicher Basis. Ohne diesen Einsatz würden viele Sachen im Lande nicht funktionieren. Ich sehe meine Hauptaufgabe darin, den Kindern und Jugendlichen ein Wertesystem mitzugeben. Es geht darum, die Mannschaft und nicht den Einzelnen in den Vordergrund zu stellen. Disziplin ist wichtig, um sich in ein Mannschaftsgefüge einzuordnen. Nach Niederlagen wächst und reift man. Sportmannschaften unterstützen solche Reifeprozesse.

Wie sieht es mit der nächsten Generation aus?
Es gibt viele Kinder und Jugendliche, die gerne Faustball spielen. Wir hätten das Potential, mehr Kinder und Jugendliche aufzunehmen, doch uns fehlen personelle Ressourcen. Das Jugendteam umfasst SpielerInnen zwischen 14 und 19 Jahren. Da gibt es ein Riesenpotential. Gemeinsam können sie unsere Generation sogar noch übertrumpfen. Wir sind stolz auf unseren Nachwuchs und blicken voller Zuversicht in die Zukunft, nicht nur leistungssportlich. Faustball als Breitensport haben wir etwas vernachlässigt. Den wollen wir wieder aufgreifen.

Wie siehst du den Verein in zehn bis zwanzig Jahren?
Es wird sich langsam herausstellen, wo unsere Jugendspieler studieren werden. Gibt es da Trainingsmöglichkeiten? Ich hoffe, dass sie nach ihrem Studium wieder zurückkehren und weiter Faustball spielen. Es entstehen auch tiefe Freundschaften innerhalb der Teams. Ich sage ihnen immer wieder, dass sie viele tolle Dinge erleben werden, wenn sie dabei bleiben. Mit Faustball kommt man um die Welt. 

Anzeige
Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Mehr Artikel

 | 
Gastbeitrag eines Studenten

"Es geht nicht nur ums Saufen und Flirten"

Studierende sind zunehmend frustriert und fühlen sich nicht gehört, sagt Julian Nikolaus Rensi. Was andere jetzt Auszeit nennen, ist für sie verlorene Lebenszeit.
0    

„Die Leute hier kämpfen ums Überleben“

Armin ist Krankenpfleger auf der Covid-Intensivstation in Bozen. Ihn schockiert, dass seine Patienten immer jünger werden.
 | 
Interview mit Lukas Kofler Pellegrini

Dichten als Heilungsprozess?

Vom BWL-Studenten zum Dichter: Wo anderen die Worte fehlen, schreibt Lukas Kofler Pellegrini Gedichte.
1    
 | 
Gastbeitrag von Alexander Agethle

Plädoyer für Bio

Alexander Agethle, Öko-Bauer aus Schleis im Vinschgau, betrachtet eine immer wiederkehrende Aussage von Landesrat Arnold Schuler als gefährlich.
1    
 | 
Interview zur Zwangsprostitution

Grundursachen bekämpfen

Tausende nigerianische Frauen werden in Italien zwangsprostituiert. Beatrix Bauer erforschte die Hintergründe und erhielt dafür den Förderpreis für Chancengleichheit.
0    
Anzeige