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Zur Not Katzenfleisch

Wie es damals war: Die Lebensgeschichten von 23 Villnösser zwischen Faschismus und Nachkriegszeit. Sie berichten von haarsträubenden Überlebensstrategien. Ein Auszug aus dem Buch.

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Bild: Edition Raetia

In der Edition Raetia ist kürzlich das Buch „Gsessn isch man lei beim Essn. Villnösser erzählen" von Martina Mantinger erschienen. Hier ein Auszug:

Karl Michaeler
„Klinger Karl“

Aufwachsen ohne Vater

Meine Kindheit war geprägt vom frühen Tod unseres Vaters. Er war Tischler und starb bei einem Arbeitsunfall, als ich erst eineinhalb Jahre alt war. Somit kann ich mich auch nicht an ihn erinnern. Man hat mir nur erzählt, dass ihm bei der Arbeit ein Stück einer abgebrochenen hölzernen Riemenscheibe an den Kopf geflogen ist. Er ging noch nach Hause und sackte dann in der Stube plötzlich zusammen. Dabei fiel er nochmals mit dem Kopf gegen die Tür der Stubenkammer. Der Arzt und der Pfarrer wurden gerufen, doch es war nichts mehr zu machen. Einen Transport ins Spital hätte er nicht überlebt. So legten sie ihn in sein Bett, und gegen 17 Uhr starb er. Das war ein großer Schock für die Familie, denn es war so schon schwierig gewesen, über die Runden zu kommen. Unsere Mutter konnte nicht allein für uns sorgen, und so kam mein Bruder Pepi, der drei Jahre alt war, zu unserer Tante nach Auer. Meine fünfjährige Schwester Miedl wurde beim Gsoier untergebracht und nur mich jüngstes Kind behielt die Mutter zu Hause. Meine Mutter verdiente sich das Notwendigste als Wäscherin und Haushälterin bei unserer Tante Mitzi. Außerdem vermieteten wir schon damals ein Zimmer an eine Familie aus Mailand, die jeden Sommer wiederkam. Im Herbst kam immer eine andere Familie, ebenfalls aus Mailand. Dieser ältere Herr, ein Doktor der Pharmazie, hatte immer zwei große Koffer voller Bücher mit. Jeden Tag ging er in den Wald, um Pilze zu suchen. Die brachte er dann mit heim, studierte sie, zeichnete sie ab, schlug in seinen Büchern nach. Das war sein Hobby, mit dem er die ganze Urlaubszeit verbrachte. Für diese Gäste kochte die Mutter auch manchmal recht exotische Gerichte wie panierte Lauchstängel und anderes Grünzeug. So etwas kam sonst bei uns nicht auf den Tisch. Eine Zeit lang war im Parterre unseres Vaterhauses eine Filiale des Geschäfts Grutsch untergebracht. Ich kann mich noch an die riesigen Säcke Mehl, Zucker und Salz erinnern, die dort standen. Die Leute kamen alle mit Säckchen einkaufen. Auch dort half meine Mutter aus. Doch natürlich hatten wir auch die Not, wie viele Leute. Wir besaßen einen Gemüsegarten und ein paar Hasen, von denen dann ab und zu einer auf den Tisch kam. Zu Weihnachten wurde meistens die Katze geschlachtet. Gut war sie! Sonst hatten wir halt auch kein Fleisch.

»Rompete le righe!«

Unsere Schule war nur auf Italienisch. Ich hatte nur das Glück, dass unser Großvater mütterlicherseits aus dem Trentino stammte und unsere Mutter daher auch Italienisch konnte. So konnte sie uns bei den Aufgaben helfen, und wir lernten ein bisschen etwas. Aber natürlich hatten wir auch jede Menge Blödsinn im Kopf. Einmal im Frühling fiel uns ein, Schnecken mit ins Klassenzimmer zu nehmen, und zwar diese großen, die mit dem Häuschen. Wir legten sie in das Fach unter die Bank. Doch leider blieben sie nicht dort, sondern krochen munter hervor und herauf auf unsere Tische. Als die Lehrerin auf uns zukam, machten wir uns schon auf ein Donnerwetter gefasst. Aber sie war nicht zornig, im Gegenteil, sie war richtig erfreut, als sie die Schnecken erblickte. Sie sammelte sie alle ein und steckte sie in ihre Tasche. Die hat sie mitgenommen zum Kochen! Und wir sollten ihr ja noch welche bringen, denn das seien ganz besondere Köstlichkeiten, meinte sie. Das machten wir Buben selbstverständlich gerne. Auch unsere Mutter hat immer erzählt, dass bei ihnen im Dorf immer Schnecken gesammelt und gekocht wurden. Wenn sie gut zubereitet waren, schmeckten sie besser als ein Fleischgericht. Aber in Villnöß kannte man die Kost nicht.

Ich war auch bei der Balilla, denn da bekam man die Schulbücher und Hefte gratis. Als Gewand hatten wir eine Dreiviertelhose, ein schwarzes Hemd und ein blaues Tüchlein und eine Mütze mit Tschoggl, die man »il fez« nannte. Erinnern kann ich mich auch noch gut an das Baumfest, wo wir Balilla ein Striezl und ein Kracherle umsonst bekamen. Jeden Tag nach der Schule mussten wir vor dem Schulhaus in einer Reihe antreten. Dort rief die Lehrerin: »Rompete le righe!« Und wir antworteten: »A noi.« Darauf durften wir nach Hause gehen. Wir rannten immer zu Mittag heim zum Klinger zum Essen und stapften zum Nachmittagsunterricht wieder hinauf zum Schulhaus neben der Kirche. Donnerstags hatten wir frei. Gegen Ende meiner Schulzeit hatten wir einmal eine Lehrerin aus Brixen. Bei der durften wir manchmal ein bisschen Deutsch reden, etwas erzählen oder so. Sonst war es streng verboten gewesen, Deutsch zu reden. Diese Lehrerin ist dann bei der Option ausgewandert. Unsere Mutter hat bei der Option »Deutsch« gewählt. Ich weiß noch, wie der italienische Lehrer mit einer Liste in die Klasse kam, wo alle drauf waren, die »Deutsch« gewählt hatten. Er verlas die Namen der Schüler und entließ sie aus dem Unterricht. So konnten wir nach Hause gehen. »Dableiber« waren nicht mehr viele übrig. Erst ein paar Monate später hatten wir dann eine deutsche Schule.

Zum Bergbauernleben im Villnösstal läuft bis zum 1. November außerdem eine Sonderausstellung im Bergvölkermuseum MMM Ripa in Schloss Bruneck.

Bild: Edition Raetia

 

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