Queer in Südtirol

In Verona gehen Menschen für eine traditionelle Familienpolitik auf die Straße, ein Bozner Politiker beleidigt Schwule öffentlich. Gibt es eine neue Homophobie-Welle im Land?
Queer in Südtirol
In Verona gehen Menschen für eine traditionelle Familienpolitik auf die Straße, ein Bozner Politiker beleidigt Schwule öffentlich. Gibt es eine neue Homophobie-Welle im Land?

An einem Dienstagnachmittag im Juni will Andreas Burger eine queere Revolution starten. In der Hocke sitzend, vom Balkon einer Almhütte aus, in einem Seitental des Pustertals. „Hallo, ich bin Andreas. Ich bin 21 Jahre alt, komme aus Gsies und bin schwul“, sagt er am Anfang seines fünfeinhalbminütigen Videos. 

Andreas spricht darüber, wie es ist, als schwuler junger Mann in Südtirol zu leben. Kritisiert, dass sich die Szene hauptsächlich in größeren Städten wie Bozen und Meran abspielt. Und fordert sein Publikum auf, sich bei ihm zu melden. Sein selbsterklärtes Ziel hinter dem Video: die queere Gemeinschaft im Land zusammenzubringen, um sich zu organisieren. 

Das Ganze ist nun fast vier Jahre her. Andreas ist mittlerweile 24 Jahre alt und arbeitet als Kellner in seinem Heimatort. „Schwul in Südtirol – Projekt GAYL“, so der Name seines Videos auf YouTube, wurde bisher etwas mehr als 5000 mal aufgerufen. Nach diesem Clip hat Andreas nur einige wenige halb ernst, halb scherzhaft gemeinte Videos veröffentlicht – seine Motivation ließ nach. „Mir hat das Feedback gefehlt“, sagt er. Ist seine queere Revolution gescheitert?

„Ich bin 21 Jahre alt, komme aus Gsies und bin schwul.“

Andreas Burger

Andreas Burger wollte eine queere Revolution starten.

Ganz umsonst war sein Projekt nicht, findet Andreas. „Es haben sich viele Menschen für die Videos bei mir bedankt. Einigen haben sie geholfen, sich zu outen.“ Nicht zuletzt auch ihm selbst, denn seit dem Video weiß das ganze Dorf von seiner Homosexualität – ein Thema, das in Südtirol nach wie vor tabuisiert wird. 

Andreas war 17 Jahre alt, als er sich vor seiner Familie outete. „Das war schwierig. Ich war noch nicht ganz bereit zu dem Zeitpunkt“, erinnert er sich. Er war mitten in der Pubertät, es ging ihm nicht gut. Seine Versetzung war gefährdet, er wollte die Schule abbrechen. Seine Mutter suchte schließlich das Gespräch mit ihm. Überfordert mit der Situation, outete sich Andreas. 

Seine Mutter reagierte „okay“, sagt Andreas heute. Danach fühlte er sich schlecht, er hätte sich eine positivere Reaktion erhofft. Auch der Rest der Familie reagierte anfangs nicht allzu gut auf sein Outing: „Nach ein paar Wochen hat sich das aber gelegt. Zum Glück.“ 

Seine Mitschüler wussten schon vor dem Video, dass Andreas schwul ist. Gelegentlich kommentierten sie seine Homosexualität mit einem Spruch. Nach der Mittelschule besuchte er eine Gewerbeoberschule. In seiner Klasse waren nur Jungs. „Jeder wollte besonders maskulin und hetero wirken, um nicht aufzufallen“, sagt Andreas und macht eine Pause. Es wirkt, als würde er nach den passenden Worten suchen: „Viele Jungs suchten da nur nach jemandem, der ,anders' ist.“

Seit dem Video weiß das ganze Dorf von seiner Homosexualität.

Beim Weltkongresses der Familien im März zogen 10.000 Menschen durch die Straßen Veronas. Die Demonstranten forderten von der italienischen Regierung mehr Unterstützung für „traditionelle Familien“.

Zum Abschluss des dreitägigen Weltkongresses der Familien im März zogen 10.000 Menschen durch die Straßen Veronas. Die Demonstranten forderten von der italienischen Regierung mehr Unterstützung für „traditionelle Familien“. Mit dabei Innenminister Matteo Salvini. Er propagierte in seiner Ansprache, dass die Regierung heterosexuellen Paaren helfen müsse, mehr Kinder zu bekommen. Bereits während des Wahlkampfs hatte er für ein traditionelles Familienmodell geworben: Kinder hätten ein Recht auf einen Vater und eine Mutter. 

Wie Salvini ist auch Lega-Politiker und Familienminister Lorenzo Fontana ein bekennender Gegner der Homo-Ehe. So tätigte der bekennende Freund Putins Aussagen wie „Homo-Ehen und Massenimmigration löschen das italienische Volk aus“. Aber auch in Südtirol fiel die Lega zuletzt durch homophobe Aussagen auf.

Während einer Sitzung des Bozner Gemeinderats im Januar bezeichnete Kurt Pancheri Homosexuelle als „finocchi“, im Italienischen ein Schimpfwort für Schwule. Die Bemerkung wurde heftig kritisiert, allen voran vom LGBTI+-Verein „Centaurus“. „Wir werden gegenüber diesen Angriffen weder still noch stillstehend sein“, kommentierte der Verein die schwulenfeindliche Bemerkung des Gemeinderatmitglieds. Zwar distanzierte sich seine Partei von der Aussage, entschuldigt hat sich Pancheri aber nie.

„Homo-Ehen und Massenimmigration löschen das italienische Volk aus.“

Lorenzo Fontana, Familienminister

Bozens Bürgermeister Renzo Caramaschi und Centaurus-Präsident Andreas Unterkircher unterzeichnen im Jahr 2016 ein Einvernehmensprotokoll zwischen der Gemeinde und dem LGBT-Verein. LGBT steht als Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender, also Lesbisch, Schwul, Bisexuell und Transgender.

Centaurus ist die einzige schwul-lesbische Initiative in Südtirol. Eine Anzeige in einer Südtiroler Wochenzeitung führte einige homosexuelle Männer 1989 erstmals zusammen. Anfangs trafen sie sich in Gasthäusern, man wollte sich austauschen und gegenseitig helfen. Zwei Jahre später, im Oktober 1991, gründeten sie schließlich den Verein „Centaurus“.

Andreas Unterkircher ist langjähriger Vereinspräsident. Er beobachtet, dass die verbale Gewalt gegen LGBT-Minderheiten zugenommen hat. „Das Klima im Land ist schlimmer geworden. Wir haben viel erreicht, aber es gibt einen Gegentrend.“ Als Beispiel nennt Unterkircher eine Anfang April in Kraft getretene Verordnung: Künftig wird das Wort „Eltern“ in italienischen Personalausweisen mit „Mutter“ und „Vater“ ersetzt – ganz im Sinne des traditionellen Familienbildes. „Das diskriminiert gleichgeschlechtliche Paare mit Kinderwunsch“, sagt er. 

Martina Villscheider, 23, und Jasmin Palita, 19, bekommen vom zunehmenden Unmut gegenüber Homosexuellen wenig zu spüren. Die beiden sind seit fast einem Jahr ein Paar, Homophobie in Form von Gewalt haben sie noch nie erlebt. Dass sie auffallen, wenn sie sich in der Öffentlichkeit küssen oder Händchen halten, ist ihnen aber bewusst. Die Reaktionen reichen von irritierten Blicken bis hin zu anzüglichen Kommentaren wie „Wollt ihr einen Dreier?“ oder „Darf ich mitmachen?“ „Das nervt. Die Leute sollten sich fragen, wieso ich eine Frau küsse und keinen Mann“, sagt Martina. 

Das Paar hat den Eindruck, dass es homosexuelle Männer schwerer haben, akzeptiert zu werden als Frauen. „Oft heißt es: Lesben sind ja okay, aber Schwule gehen gar nicht. Lesbische Pärchen werden oft auf die Pornografieschiene geschoben“, sagt Jasmin. Viele Männer fänden es attraktiv, wenn sich Frauen küssen. Auch von heterosexuellen Frauen werden Jasmin und Martina auf ihre Sexualität angesprochen. Viele wollen wissen, ob sie ihr Typ wären, wenn sie denn lesbisch wären. Ein Klischee, mit dem das junge Paar immer wieder konfrontiert wird: Lesben hassen Männer. „Das ist Blödsinn. Ich habe nichts gegen Männer, ich finde sie einfach nicht attraktiv“, sagt Jasmin. 

Wenn die Beiden homophobe Aussagen hören, stellen sie sich vor allem eine Frage: Wovor haben die Leute Angst? „Es wird nichts Schlimmes passieren, nur weil sich zwei Menschen lieben“, sagt Martina.

„Das Klima im Land ist wieder schlimmer geworden.“

Andreas Unterkircher

Martina Villscheider (23) und Jasmin Palita (19)

Martina hat sich erst mit 18 Jahren geoutet. Leicht sei ihr das nicht gefallen, vor allem nicht vor ihren Eltern. Jasmin outete sich um einiges früher, mit 13 Jahren. Sie erinnert sich vor allem an eine Szene: „Ich saß neben meinen Freunden und sagte beiläufig, dass ich ein Mädchen echt gut finde. Anfangs waren sie etwas irritiert, aber meine guten Freunde haben es einfach so aufgenommen und mich unterstützt.“ Doch nicht alle reagierten so offen. Manche ihrer Freunde wussten nicht, wie sie mit Jasmin umgehen sollten und distanzierten sich von ihr. Wie bei Martina dauerte es auch bei Jasmin länger, bis sie sich endlich traute, sich ihren Eltern anzuvertrauen. 

Wie Jasmin und Martina geht es vielen Südtirolern. Experten schätzen, dass 5 bis 10 Prozent einer Bevölkerung homosexuell sind. Bei 500.000 Menschen in Südtirol dürften demnach etwa 25.000 davon homosexuell sein. Viele von ihnen trauen sich aber nicht, das offen zu sagen. Unterkircher führt das unter anderem auf die katholische Prägung und die geografische und gesellschaftliche Situation Südtirols zurück. So leben hierzulande etwa viele Menschen in Tälern, in denen die Menschen oft konservativer sind als in großen Städten. 

Aber auch im Rest Italiens müssen gleichgeschlechtliche Paare immer wieder um Anerkennung kämpfen. Der Oberste Gerichtshof entschied im Februar 2015, dass das Recht auf eine gleichgeschlechtliche Ehe nicht aus der Verfassung abgeleitet werden kann. Die sozialdemokratische PD-Politikerin und Senatorin Monica Cirinnà brachte daraufhin im Oktober desselben Jahres einen Gesetzesentwurf für eingetragene Partnerschaften ein. Bereits ein Jahr zuvor hatte Ex-Ministerpräsident Matteo Renzi angekündigt, dieses Recht durchsetzen zu wollen. Er hielt sein Versprechen: 2016 stimmten Senat und Abgeordnetenkammer für eingetragene Partnerschaften. Homosexuelle Paare werden damit unter anderem im Namensrecht, im Erbrecht sowie beim Bezug von Sozialleistungen Ehepaaren gleichgestellt. Ein Adoptionsrecht gibt es nicht. 2017 verzeichnete das Südtiroler Landesamt für Statistik 51 eingetragene Partnerschaften gleichgeschlechtlicher Paare – 35 männliche und 16 weibliche. 

Trotz solcher Fortschritte haben es gerade junge Menschen immer noch schwer, sobald sie sich outen. Mobbing auf den Schulhöfen ist Alltag, die Selbstmordrate bei homosexuellen im Vergleich zu heterosexuellen Jugendlichen entsprechend höher. Der Verein „Centaurus“ will jetzt mit einer Initiative an den Schulen aufklären.

2017 verzeichnete das Südtiroler Landesamt für Statistik 51 eingetragene Partnerschaften gleichgeschlechtlicher Paare.

Martina und Jasmin haben sich ganz klassisch in einem Brixner Club getroffen. Die Norm ist das aber nicht. Die Beiden kennen viele gleichgeschlechtliche Paare, die sich über Datingapps wie Lovoo oder Tinder kennengelernt haben. Jasmin sagt: „In Südtirol ist es schwierig, jemanden ganz normal kennenzulernen. Du siehst den Leuten ihre Sexualität ja nicht an.“ Viele junge Frauen fahren zum Feiern nach Innsbruck, um neue Bekanntschaften zu schließen. Das Club-Angebot für homosexuelle Singles ist dort größer. 

Auch Andreas kennt niemanden, der in Südtirol in einer Bar einfach so einen Mann ansprechen würde. „Die Leute würden sich das nicht trauen. Das gäbe zu viele Blicke“, sagt er. Dennoch möchte Andreas seinen Heimatort auf keinen Fall verlassen. Und auch wenn sich nur wenige Menschen nach seinem Videoaufruf bei ihm gemeldet haben, ist die queere Revolution für ihn nicht ganz gescheitert. Er will ihr noch ein wenig Zeit geben. Eine wichtige Person hat er über das Internet jedenfalls schon gefunden: seinen Freund. Die beiden haben sich vor zwei Jahren dank eines Facebook-Beitrags kennengelernt.

„In Südtirol ist es schwierig, jemanden ganz normal kennenzulernen.”

Jasmin Palita