Mit Kopf, Herz und Hand

Mit Stress, Notendruck und Prüfungsangst zur Matura? Schule geht auch anders: Ein Besuch in der Waldorfoberschule in Bozen.
Mit Kopf, Herz und Hand
Mit Stress, Notendruck und Prüfungsangst zur Matura? Schule geht auch anders: Ein Besuch in der Waldorfoberschule in Bozen.

Während ihre gleichaltrigen Freunde an staatlichen Schulen Gleichungen mit mehreren Variablen lösen, sitzt die 17-jährige Marie mit verschiedenen Farbtuben an einem großen Tisch im Gang vor ihrer Klasse. Sie nimmt gerade mit ihrem Pinsel blaue Farbe auf, um den Himmel auf ihrem DIN-A3-großen Bild zu kolorieren. Die Mitte des Bildes ist noch mit Bleistift vorgezeichnet, ein Ufo mit zwei Außerirdischen ist zu erkennen.

Marie Vedani Plattner ist eine Musterschülerin, noch nie hatte sie schulische Probleme, schrieb in Grund- und Mittelschule immer gute Noten, wirkt sehr reif und reflektiert. Wenn sie über ihre neue Schule erzählt, strahlt sie. Sie selbst hat sich nach der staatlichen Montessori-Mittelschule für diese „andere“ Oberschule in Bozen Süd entschieden. Weil sie gut zu ihrer Lebenseinstellung passt. Das offene Arbeiten gefällt ihr hier, ihre Fähigkeiten werden unterstützt. Marie ist eine von 90 Jugendlichen, die derzeit die Waldorfoberschule in Bozen besuchen. 

Waldorflehrerin Nives Magosso gibt Marie Tipps für ihr Bild.

Dass es in Südtirol nicht nur Grundschulen mit waldorfpädagogischer Ausrichtung, sondern auch eine Oberschule gibt, wissen viele nicht. Dabei ist die WOB schon über elf Jahre alt. Markus Feichter und Doris Laner-Theiner waren Eltern und Vorstandsmitglieder der Waldorfschule „Christian Morgenstern“ in Meran, als sie 2004 beschlossen, eine Waldorfoberschule zu gründen. Sie wollten damit ihren eigenen Kindern eine waldorfpädagogische Ausbildung bis zur Matura ermöglichen.

Es seien immer Eltern, die Schulen gründen, erklärt Feichter, seit 2008 ist er Vollzeitdirektor seines Herzensprojektes. Die Waldorfpädagogik lernte er erst durch den Schulbesuch seiner Kinder kennen, merkte dann aber: „Für uns als Familie hat sich dadurch das Leben verändert.“ Eine eigene weiterführende Schule zu gründen, war deshalb der einzige folgerichtige Schluss. Die WOB ist heute eine von mehr als 1.000 Waldorfschulen weltweit und neben jener in Mailand die einzige Waldorfoberschule Italiens. 380 Euro zahlen Eltern für den Schulbesuch ihres Kindes im Monat. Sei das für eine Familie aber nicht schaffbar, versuche man stets individuelle Lösungen zu suchen, die im Bereich der Möglichkeiten der Eltern liegen, erklärt der Direktor der privaten Schulinitiative.

„Für uns als Familie hat sich durch die Waldorfschule das Leben verändert.“

Direktor Markus Feichter

Direktor Markus Feichter begutachtet ein noch unfertiges Werk eines Waldorfschülers.

Mit Kopf, Herz und Hand – das Leitmotiv der Reformpädagogik ziert den Pullover eines Schülers.

Ein Werkraum, in dem die Kunstwerke der Schülerinnen und Schüler entstehen.

Die Waldorfpädagogik geht auf die reformpädagogischen Ansätze Rudolf Steiners zurück, der kurz nach dem Ersten Weltkrieg in Stuttgart die erste Waldorfschule gründete. Einer der Grundsätze seiner Pädagogik ist das Lernen mit Kopf, Herz und Hand. Der Lehrplan nach Steiner ist klar strukturiert. Es wird nicht dem Zufall überlassen, wann ein Kind was lernt. So gibt es in der neunten Schulstufe (erste Oberschule) ein landwirtschaftliches, in der zehnten ein handwerkliches und in der elften ein soziales Praktikum. Denn erst dann seien die Jugendlichen in ihrer Entwicklung so weit, sich mit anderen zu beschäftigen und Verantwortung zu übernehmen, so Steiner. Er macht die Entwicklungsstufen der Kinder in 7-Jahres-Schritten, den sogenannten Lebensjahrsiebten, fest.

Die WOB als Lebensschule: Die Marokko- und Segelreisen gehören zu den fixen Bestandteilen der Oberschule.

Steiners Pädagogik musste sich aber auch schon oft kritischen Stimmen stellen. So wurden seine anthroposophischen Ideen etwa manchmal als esoterisch oder gar weltfremd bezeichnet. Die Eurythmie, die Bewegungskunst, hat den Waldorfschulen das Klischee eingebracht, dass dort die Schülerinnen und Schüler ständig ihre Namen tanzen würden und es keine Regeln gäbe. Dabei versperrt diese wirre Vorstellung allzu oft den Blick auf das, was an Waldorfschulen wirklich im Zentrum steht. Die Waldorfschulen verfolgen nämlich klare Strukturen, Regeln müssen befolgt werden, Disziplin ist wichtig. Der Unterschied zu anderen Schulen ist vor allem, dass Regeln aber nicht mit Druck, sondern „liebevoll, mit viel Geduld, Kompetenz und Erfahrung“ durchgesetzt werden, erklärt Markus Feichter.

Esoterisch und weltfremd?

„Es ist wie ein Abenteuer“, beschreibt der Mathelehrer Riccardo Vantini das Unterrichten an der Waldorf Oberstufe. In der Klasse geht es bei ihm nicht nur um Mathematik, sondern auch um das Leben im Allgemeinen. Allerdings: Der Lehrer soll nicht Freund der Schüler sein. Es braucht eine gewisse Strenge, eine liebevolle Strenge aber. 

Auch Marie stellt klar, dass die Waldorfoberschule sehr viel von den Jugendlichen abverlange. In der zwölften Klasse muss etwa eine 40-seitige Jahresarbeit zu einem selbst gewählten Thema verfasst werden. In Portfolios reflektieren die Schülerinnen und Schüler das eigene Lernen. Immer häufiger stehen Präsentationen vor der Klasse oder der ganzen Schule an. „Die meisten, die keine Lust haben, verlassen die Schule dann auch wieder“, weiß Marie, „Schüler, die das aber wirklich wollen, können alles schaffen“, ist sie überzeugt.

Direktor Feichter ist sich sicher: „Wir fordern viel.“ Schüler müssen für das eigene Lernen Verantwortung übernehmen und geforderte Aufgaben pünktlich abgeben. „Es ist eine Gratwanderung zwischen Notendruck und Erziehung zur Freiheit. Bist du zu lieb, werden sie zu bequem. Bist du zu streng, steigen sie schon mal aus“, erklärt Feichter die Herausforderung der täglichen Unterrichtsarbeit. Sitzenbleiben ist an Waldorfschulen bis zur zwölften Klasse eigentlich nicht vorgesehen, dennoch müssen die Schülerinnen und Schüler etwas leisten. Nicht jeder schafft das, manche steigen nach einiger Zeit wieder aus. Dass die Schule aber zum Teil schon Auffänger vieler Schulaussteiger herkömmlicher Oberschulen ist, stimmt durchaus. Ungefähr 40 Prozent steigen nicht mit der ersten Oberschule ein, sondern wechseln erst später in die WOB.

Die WOB als Auffänger für Schulaussteiger anderer Oberschulen.

Die WOB legt viel Wert auf künstlerisches Gestalten. Die Mittagspause ist noch nicht ganz um, als Michela Migazzi mit ihrem Kunstlehrer Martin Gerull an der richtigen Technik für ihr Abschlusskunstwerk weiterarbeitet.

Auch Esmeralda Mochino ist schon im Kunstatelier. Die Maturantin hat sich für ihr Abschlussprojekt mit Gold in Kunstwerken auseinandergesetzt.

Esmeraldas Werke mit goldfarbenen Elementen.

Das Werktagebuch begleitet den Arbeitsprozess und gibt Möglichkeiten zur Selbstreflexion.

Überall im Atelier bezeugen die unterschiedlichsten Kunstwerke die Kreativität der Schülerinnen und Schüler.

Auch Direktor Feichter wird künstlerisch in Szene gesetzt.

So etwa Bertrand Rise. Heute ist er in Südtirol vor allem als Festivalorganisator und Sänger der Reggae-Band Shanti Powa bekannt. Als er 14 Jahre alt war, war von diesem selbstbewussten Strahlemann mit dem ansteckenden Lachen noch nicht viel zu erahnen. Der Übergang in die Oberschule machte ihm zu schaffen, im zweiten Jahr an der Handelsoberschule war er in zehn Fächern negativ, durch das Scheitern in der Schule geriet sein Leben ins Wanken. Er stand sogar einmal vor dem Jugendgericht. Dann zogen seine Eltern die Notbremse, wofür er bis heute dankbar ist. Er wechselte an die WOB.

„Für mich war die Schule life changing“, sagt Bertrand heute über diesen Schritt. An der staatlichen Schule war er oft überfordert, es war für ihn „zu viel auf einmal“. Von den Lehrpersonen an der WOB fühlte er sich verstanden, sie kräftigten seine Stärken und fixierten nicht nur seine Schwächen. „Die Schule hat mir gelernt, dass wenn man will, alles möglich ist. Sie hat mir brutal viel Selbstvertrauen gegeben, was ich vorher nicht gehabt habe“, resümiert Bertrand. 

„Für mich war die Schule life changing.“

Bertrand Rise

Bertrand Rise (links) ist bis heute an der Organisation des Watchamacallit-Festivals der WOB beteiligt. Hier ist er mit Clemens Agnelli und Franzi und Anna Feichter beim ersten Schulfestival zu sehen.

Nives Magosso ist schon seit 20 Jahren Waldorfpädagogin. Das Problem an herkömmlichen Schulen sieht sie im Urteil. Die Fehler stehen im Mittelpunkt: „Die Kinder wachsen heute mit der Haltung auf: Ich darf keine Fehler machen. Lernen darf nicht Spaß sein. Sie lernen, weil sie müssen.“ In der Waldorfschule hingegen wird Wert auf das gelegt, was die Kinder schon können. Natürlich gehe es dann aber auch um Verbesserungsmöglichkeiten. Erziehung zur Freiheit ist wohl jedem Pädagogen wichtig, meint Nives Magosso. Den Begriff der Freiheit verstehen viele allerdings falsch. Es gehe nicht darum, dass man einfach tun kann, was man will. Vielmehr gehe es um das Erlernen von Selbstständigkeit. 

Nives Magosso im Gespräch mit Markus Feichter.

Seit 2013 ist in den Räumlichkeiten neben der WOB die WUB untergebracht, die Waldorf Mittelstufe (Unterstufe) mit den Schulstufen sechs bis acht, die vormalig in Kohlern zu finden war. Daraus ergibt sich eine interessante Situation: die WUB war nämlich schon in Kohlern eine italienischsprachige Mittelschule und ist deshalb dem Italienischen Schulamt unterstellt, die WOB hingegen dem Deutschen. Wechseln WUB-Schüler also in der neunten Schulstufe an die WOB, ist Deutsch nicht mehr Zweitsprache, sondern Erstsprache. Eine Schwierigkeit, aber auch eine Chance.

Die Mehrsprachigkeit der Schülerinnen und Schüler ist ein wichtiges Ziel, das die Waldorfschule zu erreichen versucht. Persönlich fände Feichter einen Zusammenschluss der Schulämter und eine gemeinsame Schule für alle drei Sprachgruppen sehr erstrebenswert. Da dies aber nicht in absehbarer Zeit passieren wird, schöpft die WOB das CLIL-Kontingent – also den Fachunterricht in der Zweitsprache – so gut es geht aus. Sie hält sich schon jetzt an die Rahmenrichtlinien des Schulamtes, da sie den Schritt zur gleichgestellten Schule schnellstmöglich schaffen möchte. Derzeit ist die Schule ein anerkanntes Kunstgymnasium, was bedeutet, dass sie finanzielle Unterstützung des Landes erhält, und dafür ihre Lehrpläne und Bilanzen vorweisen muss.

Mehrsprachigkeit als wichtiges Ziel.

Zehn Schülerinnen und Schüler maturieren heuer an der WOB, zwei davon sind Alex Rehbichler und Judith Kuen. Die Maturaprüfungen sind anders als an staatlichen Oberschulen übers ganze Schuljahr verteilt. In den 13 Fächern gibt es schriftliche und mündliche Prüfungen. Zudem muss für jedes Fach eine kurze, schriftliche Arbeit zu einem selbst gewählten Thema verfasst werden.

Würde die WOB den staatlichen Oberschulen gleichgestellt, müssten alle Richtlinien des Schulamtes befolgt werden, etwa dass die Lehrpersonen der deutschen Sprachgruppe zugehörig sein und ein Fachstudium vorweisen müssen. Die Gleichstellung würde aber auch zur Matura befähigen. Derzeit wird die Matura an der WOB in Zusammenarbeit mit anderen Schulen –  dem Warnborough College in Dublin sowie Headquater in Canterbury – angeboten. Ab dem Schuljahr 2017/18 dann auch in Zusammenarbeit mit der gleichgestellten Waldorfschule „Nuovo Liceo“ in Mailand. Mit diesen Diplomen kann an fast allen Universitäten weltweit studiert werden, bisher aber noch nicht an der Freien Universität Bozen und der Universität Innsbruck. Bertrand Rise ging etwa nach London und studierte dort Eventmanagement – ohne Probleme und in Regelstudienzeit, wie er betont. Auch Marie will nach der Matura studieren, da ist sie sich sicher. 

Die Waldorf Oberstufe in Bozen ist keine Schule wie jede andere. Aber sie ist auch nicht vollkommen anders. Vieles läuft hier so wie in anderen Schulen auch. Es gibt Noten, es gibt Tests, es gibt Regeln, die befolgt werden müssen. Engagierte Lehrpersonen, die das Wesen der Kinder verstehen und diese in ihrer Entwicklung begleiten wollen, gibt es auch an staatlichen Schulen. An der Waldorfschule ist eine solche persönliche Einstellung allerdings Voraussetzung.

Die Universitäten Bozen und Innsbruck akzeptieren die Maturadiplome noch nicht, an anderen Unis der Welt können WOB-Absolventen problemlos studieren.

Ein Fleckchen Grün mitten in der Bozner Industriezone – die Dachterrasse der WOB ist die Wohlfühlzone für Schüler und Lehrpersonen.

Der Treffpunkt in der Mittagspause.

Täglich sind die Schülerinnen und Schüler bis 16.20 Uhr an der WOB, deshalb essen mittags alle gemeinsam. Jeweils zwei Schüler sind für den Küchendienst zugeteilt und helfen beim Kochen und Abwasch.