Im Limbus

Reisen, feiern, ausflippen. Nach ihrem Wehrdienst feiern junge Israelis ihre Freiheit als Backpacker in Asien oder Südamerika. Viele dieser Trips enden in der Drogen-Psychose.
Im Limbus
Reisen, feiern, ausflippen. Nach ihrem Wehrdienst feiern junge Israelis ihre Freiheit als Backpacker in Asien oder Südamerika. Viele dieser Trips enden in der Drogen-Psychose.

Die vorerst letzte Frau, die Hilik Magnus in einen Flieger steckte mit dem Ziel Ben Gurion Airport Tel Aviv, musste er aus einem nepalesischen Gefängnis holen. Er fand sie, 23 Jahre alt, in einer Zelle eingesperrt mit einheimischen Prostituierten und Trickbetrügerinnen, auf dem Steinboden mit ihrem Bettlaken spielend. Die Polizei in Pokhara hatte die junge Frau wegen merkwürdigen Verhaltens festgenommen, sie hatte keine Dokumente bei sich. Zehn Tage lang hatte sie still sitzend an einer Vipassana-Meditation teilgenommen. Hier, am Boden der nepalesischen Zelle, war sie nicht ansprechbar, beinahe katatonisch, der Schizophrenie nahe.

Selbst Hilik Magnus, der in den letzten 23 Jahren Hunderte verschollener Israelis auf der ganzen Welt aufspürte, hat solch eine Verstörung selten gesehen. Bis zu neun Monate im Jahr ist der 67-jährige Mann mit dem langen weißen Bart eines Nikolaus beruflich unterwegs. Er ist 24 Stunden erreichbar, sein Smartphone klingelt im Dauertakt. Magnus arbeitete früher für den israelischen Geheimdienst. Mit 45 Jahren gründete er ein Rettungsunternehmen, seither befreit er Extremsportler aus Gletscherspalten und Dschungeltiefen, tot oder lebendig. Aber bekannt ist er in Israel wegen anderen Einsätzen geworden.

Hilik Magnus hat aus einem nationalen Problem ein Geschäft gemacht. Junge Israelis, die in Indien, Peru oder Malaysien die Kontrolle verlieren, nicht mehr unterscheiden können zwischen Realität und Traum, sucht er und bringt er nach Hause zurück. Ein Team von 15 Leuten und einheimische Informanten helfen ihm dabei. In Indien werden T-Shirts verkauft mit der Aufschrift „Hilik, du kriegst mich nicht“. Aber kaum einer ist ihm bisher entgangen. 

Sie war nicht ansprechbar, beinahe katatonisch, der Schizophrenie nahe.

Hilik Magnus bringt junge Israelis wieder nach Hause zurück.

Man könnte es Israels unbekannte Plage nennen, eine „Volkskrankheit" der Jugend. Ein Drama in drei Akten: reisen, feiern, ausflippen. Es ist so zur Normalität geworden, dass zuhause die Rettung institutionalisiert wurde, dass ganze Berufssparten davon leben, dass ein auf das Krankheitsbild zugeschnittener Zufluchtsort entstand. Und doch sind die psychotischen jungen Reisenden eines der größten gesellschaftlichen Tabus des Landes.

Was in den 8oer-Jahren als Abenteuer einiger Kampfsoldaten begann, ist heute für junge Israelis eine Pflichtveranstaltung im Lebenslauf: Die große Reise nach abgeschlossenem Militärdienst. Ähnlich einer Pilgerfahrt soll sie die Soldaten in Zivilisten zurückverwandeln. Davor haben die Frauen zwei Jahre, die Männer drei Jahre lang Befehle befolgt, vor Vorgesetzten pariert, funktioniert. Die Jahre beim Militär gelten in Israel als die prägendste Zeit im Leben, Freundschaften werden dort geschlossen, Nationalstolz und Solidarität gefestigt.

Aber die Militärjahre sind auch Jahres des Verzichts. Der große Trip ist die Belohnung, die ihnen im Anschluss an die Strapaze zugestanden wird. Reisen ohne Verpflichtungen, ohne Programm, möglichst weit weg von Zuhause. Von einem kontrollierten Leben unter hierarchischen Militärstrukturen hinein in die totale Anarchie. Nichtstun scheint die größtmögliche Auflehnung zu sein gegen eine Heimat, die zu ewiger Wachsamkeit verpflichtet.

In der Phase der totalen Freiheit werden viele zu täglichen Drogenkonsumenten, 90 Prozent der Reisenden laut der Israelischen Anti-Drogen-Behörde (IADA). In den Ländern, die sie bereisen, sind Drogen billig und jederzeit verfügbar. Starkes Haschisch, Kokain, MDMA. Manchen wird das zu viel. Und irgendwann ticken sie aus. Jeden kann es treffen, oft gerade die Vorzeigesoldaten. Rund 2.000 Ex-Soldaten leiden an mentalen Störungen aufgrund des Drogenmissbrauchs, von diesen brauchen 800 eine anschließende Therapie.

Die große Reise soll die Soldaten in Zivilisten zurückverwandeln.

Israelische Soldaten

Shy Dan*, 27, ist einer, an dem man Fall und Rettung gut erzählen kann: Mitglied der Magellantruppe, einer militärischen Spezialeinheit, Sohn einer Unternehmerfamilie aus Haifa. Der Vater Josi* ist Colonel in der Armee. Shy sieht aus wie der perfekte Schwiegersohn, hellblaues T-Shirt, Jeanshose, Sportuhr. Er trägt einen Dreitagebart und die dunkelblonden Haare kurz. Man würde ihm nicht zutrauen, dass er jemals etwas mit Drogen zu tun gehabt hat.

Mittwoch, der 28. September 2011. Ein Tag vor Rosh Ha Shana, dem jüdischen Neujahr. Die Familie Dan war gerade auf dem Weg zum Roten Meer, da erhielt die Mutter einen Anruf: Ihr Sohn, 22 Jahre alt, seit einem Monat alleine durch Südamerika unterwegs, verhalte sich merkwürdig, er behaupte seltsame Dinge, glaube, mit der Sonne sprechen zu können. Reisen und merkwürdiges Verhalten – die Eltern mussten nicht lange überlegen, um das Schlimmste zu vermuten.

Von Eilat am roten Meer flog Vater Josi Dan direkt ins peruanische Lima, fuhr weiter mit dem Nachtbus zu seinem Sohn in die Andenstadt Huaraz. Dort traf er auf einen veränderten Menschen: Shy, sonst ein ruhiger junger Mann, sprach ohne Pause, monoton wie ein Roboter. Er konnte nicht stillsitzen, sprang ständig vom Stuhl auf. „Er glaubte in einem Cafébesitzer Jesus Christus zu erkennen“ erzählt Josi Dan, warmherzige Stimme, drogenlose Jugend.

Psychotische Menschen fallen in einen Zustand extremer Dünnhäutigkeit, sind wahrnehmungsgestört und zutiefst ambivalent. Die Grenzen zwischen innerem Erleben und äußerer Realität gehen verloren. Als der Vater den Sohn aufforderte, mitzukommen, weigerte sich Shy, warf mit Möbeln um sich, zerriss den Reisepass. Da fesselte Josi ihn an ein Hostelbett. Shy, 190 Zentimeter groß, kräftig gebaut, befreite sich von den Fesseln, der Vater zog die Bänder fester. Heute sind Shys Hände ein Narbenfeld ob der Verletzungen, die er sich in jenen Stunden zufügte.

Weil der Vater erfolglos blieb, organisierte die Mutter zuhause Hilfe: Hilik Magnus. 36 Stunden später kam dieser zur Tür herein, band Shy los, umarmte und beruhigte ihn. Den Weißbärtigen hielt Shy für den Auserwählten, der gekommen war, um ihn zu holen. In einem Krankenhaus in Lima ließen sie Shys Wunden verarzten. Als Hilik ihn am Flughafen von Tel Aviv seiner Mutter übergab, kamen Shy das erste Mal Zweifel: „Vielleicht bin ich doch nicht auserwählt.“ 

Als der Vater den Sohn aufforderte, mitzukommen, weigerte sich Shy, warf mit Möbeln um sich, zerriss den Reisepass.

Shy Dan, hier in einem Lokal in Israel, verlor bei seinem Trip nach Südamerika den Bezug zur Realität.

Von Goa nach Geha hieß es früher, vom indischen Bundesstaat in die staatliche Psychiatrie. An der Situation hat sich in den Jahren nichts geändert, aber am Umgang mit ihr: Heute bieten zwei der fünf Versicherungen, mit denen Hilik Magnus zusammen arbeitet, einen Rückholservice nach Drogenexzessen im Ausland an. Und staatliche Psychiatrien besuchen nur noch die wenigsten. Stattdessen landen sie in einer einzigartigen Rehabilitationsklinik, in der auch Shy Dan, der Elitesoldat aus gutem Haus, behandelt wurde: in Kfar Izun.

Ihr Name bedeutet Dorf der Harmonie und sie ist eigentlich keine richtige Klinik, zumindest keine geschlossene, abgeschirmte Abteilung in einem Krankenhaus. Kfar Izun liegt am Strand, ein elegant getarnter Ort mit Platz für 40 Personen, von weitem sieht Kfar Izun aus wie eine Hotelanlage. Gelbfarbene Bungalows mit roten Ziegeldächern, die Liegestühle bieten einen Blick über das Mittelmeer. Im Garten steht ein Volleyballfeld. In einem Urlaubsambiente wurden die Ex-Soldaten krank, nun soll es sie wieder zurück ins normale Leben führen.

Nach Kfar Izun kommen die Patienten freiwillig. Wer hier eincheckt, braucht kein Stigma zu fürchten, anders als im öffentlichen System wird die Krankenakte nur intern festgehalten. Dafür zahlen die Eltern Betroffener in monatlichen Raten von rund 15.000 Schekel, 3.600 Euro. Ehemalige Militäroffiziere, Freiwillige und Sozialarbeiter gründeten 2001 die Klinik unter Palmen. Der heutige Direktor Omri Fresh, Spezialist in der Behandlung von Drogenopfern, wurde 2010 mit einem Preis für außergewöhnliche Sozialarbeit ausgezeichnet.

2010 hat das IADA die Daten der bis dahin behandelten Patienten in Kfar Izun ausgewertet. 63 Prozent waren Kampfsoldaten und 61 Prozent männlich, ihr Durchschnittsalter betrug bei der Einweisung 22,7 Jahre. 100 Prozent konsumierten Cannabis, 40 Prozent zusätzlich andere halluzinogene Drogen und 30 Prozent Kokain. Die Hälfte soll bereits vorher psychische Probleme gehabt haben. 74 Prozent sind durch Asien gereist, 13 Prozent durch Südamerika. Über die Hälfte fand alleine zurück nach Israel, ein Viertel wurde professionell nach Hause gebracht.

Ihr Zustand sei keine Abhängigkeit, sondern ein momentaner mentaler Zusammenbruch, so die Klinikleitung auf der Homepage. Die Jugendlichen stünden an einem Scheideweg, müssten schnell behandelt werden, sonst bliebe der Schaden permanent. Sie befänden sich in einer Art Limbus, zwischen den Sphären, in der Theologie ist es der Aufenthaltsort für aus dem Himmel gefallene Seelen. Die Therapie im Harmony Village mischt östliche und westliche Ansätze. Der Tagesablauf ist genau geregelt, Kung Fu, Yoga, Tai Chi-Einheiten. Gruppensitzungen, Einzelgespräche, Familientherapie.

Nur die Härtefälle landen in der Drogenklinik am Strand, die, bei denen die Situation lebensbedrohlich ist. Die meisten kommen ohne sofort erkennbaren Schaden nach Israel zurück. Aber das bedeutet nicht, dass sie ganz gesund sind. Nach Monaten ohne Verpflichtungen und Zwänge fühlen sich auch die, die keine schlechten Drogentrips erlebt haben, verloren. Der schwierigste Teil der Reise, das Landen, bereitet ihnen Probleme. Im verwirrten Zustand verharren sie oft Wochen oder Monate, und manchmal werden Jahre daraus. 

Drogenklinik am Strand: Junge israelische Soldaten landen häufig mit Drogenproblemen und psychischen Problemen in Kfar Izun, einer Rehaklinik direkt am Mittelmeer.

Psychologe Shlomo Herbet, 59, hat Hunderte von ihnen betreut. In der Küstenstadt Netanya führt er mit seiner Frau die Privatpraxis Mavarim. Der Name bedeutet „Übergangsphase“. Seine Klienten sind zwischen 20 und 35 Jahre alt, „sie sitzen fest“, sagt Shlomo Herbet. „Sie finden keinen Job, haben Probleme eine Beziehung einzugehen, sie schreiben sich in die Universität ein, ohne zu studieren.“ Sie führen zu Hause das Backpacker-Leben weiter, hängen in Cafés herum, die den ganzen Tag Frühstück servieren.

Dass so viele junge Israelis im Ausland zu Drogen greifen, ist für ihn naheliegend. „Die Freiheit nach dem Militär ist ein Schock.“ Problematisch sei das Experimentieren, weil viele von ihnen mit Kriegstraumata ins Ausland reisen, oft ohne sich derer bewusst zu sein. „In Israel leben hunderttausende junge Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen“, sagt der Psychologe. In Verbindung mit Drogen können sie Psychosen auslösen. Psychedelische Drogen bringen das Unterbewusstsein an die Oberfläche, dringen tief in den Schmerz hinein.

In den Anfangswochen in Kfar Izun kam und ging Shys Psychose. Als die Medikamente, die die Dopamin-Rezeptoren im Gehirn schlossen, zu wirken begannen, wurde er depressiv. Die schönen Gefühle, die intensiven Farben waren nicht mehr da, und er nur ein normaler Jugendlicher in einer Rehabilitationsklinik. Drei Monate lang nahm er Medikamente, nach vier Monaten verließ er Kfar Izun gesund und ohne Selbstbewusstsein. Sein erster Job in einem Restaurant wurde ihm nach einer Woche gekündigt, er konnte sich das Menü nicht merken.

Aber Shy Dan gab nicht auf. Er bewarb sich für eine neue Arbeit, er holte sein Abitur mit den besten Noten nach, er lernte für die Universitätsaufnahmeprüfung und bestand sie. Er begann wieder Mut zu fassen, Vertrauen in sich selbst. Und er reiste noch einmal. Drei Monate Südostasien. Drei Wochen lang begleitete ihn die Mutter, eine Woche der kleine Bruder, die restliche Zeit reiste er allein. Ohne israelische Ex-Soldaten, ohne Drogen.

Warum gibt es gerade in Israel einen Ort wie Kfar Izun? Und warum werden die Kosten seit August 2011 zur Hälfte vom Ministerium für soziale Angelegenheiten bezahlt? Warum unterstützen wohlhabende Privatpersonen wie der Besitzer eines der größten israelischen Panzerunternehmens die Klinik finanziell? Weil sie sich mitverantwortlich fühlen? Die Antwort der Involvierten lautet: weil Israelis solidarisch miteinander sind. Nur wenige sprechen in dem Zusammenhang so offen von den Kriegstraumata, so wie es der Psychologe Shlomo Herbet tut.

„Die Freiheit nach dem Militär ist ein Schock.“

Psychologe Shlomo Herbet

Studenten in Israel

Hilik Magnus vergleicht den psychotischen Zustand lieber mit einem Beinbruch. So wie man nach Monaten erfolgreicher Physiotherapie nicht mehr sagen könne, ob das linke oder rechte Bein gebrochen war, so würden auch nach einer richtigen Behandlung die Erfolgschancen des Gesundwerdens 100 Prozent betragen. Auf seiner Homepage spricht Kfar Izun von einer 90-prozentigen Erfolgsquote. In einer von IADA veröffentlichten Untersuchung steht: Von 115 Patienten, die zwischen Januar und September 2005 in der Klinik behandelt wurden, waren fünf Jahre später 24 Prozent vollständig geheilt. 39 Prozent wiesen eine Besserung auf, ein Drittel litt unter chronischen mentalen Störungen.

Aber wie lässt sich das messen, vollständige Gesundheit? Ob eine Therapie wirklich funktioniert, kann man oft erst viele Jahre später sagen, glaubt der Psychologe Shlomo Herbert und eigentlich wisse man es nie so genau. Gerade betreut er einen Patienten, der fast sieben Jahre völlig gesund wirkte und wieder ausflippte, als er sich nicht sicher war, ob er seine Freundin heiraten soll. Von denen, die nie wieder gut werden, redet niemand gern. In der Statistik der IADA sind sie eine Ziffer, sechs Prozent der in Kfar Izun Behandelten.

Wenn über die Problematik gesprochen wird, dann allenfalls über Erfolgsgeschichten wie die von Shy. Seine Eltern sagen: „Unser Sohn ist komplett gesund.“ Hilik sagt: „Es geht ihm besser als vorher.“ Der ehemalige Patient selbst sagt: „Ich glaube, ich bin wieder ok.“ In Beer Sheva, der Hauptstadt der Negev-Wüste, studiert Shy Elektroingenieurwesen. Seine Eltern haben ihm aufgetragen, niemandem anzuvertrauen, was in Peru passiert ist. Nur die engsten Freunde kennen das Familiengeheimnis. „Wir haben den Tsunami unseres Lebens überstanden“, sagen die Eltern.

Sie verdanken das Hilik. Für die Dans ist er eine Art Messias. Shy würde gerne in die Fußstapfen von Hilik Magnus treten - bewundert von allen, immer auf dem Sprung ins Abenteuer. „Es ist einfach, Hilik zu sein“, glaubt er. Und lukrativ, für einen regulären Rettungseinsatz von fünf Tagen verlangt er inklusive aller Flüge und Steuern circa 70.000 Schekel, rund 16.000 Euro. In Kfar Izun hat Shy ein Junge gefragt, „Glaubst du es ist gut für Hilik, dass so viele von uns durchdrehen?“ „Zumindest lebt er davon“, habe er ihm geantwortet.

Für einen regulären Rettungseinsatz von fünf Tagen verlangt Magnus Hilik inklusive aller Flüge und Steuern circa 70.000 Schekel, rund 16.000 Euro.

Hilik Magnus vor seinem selbstgebauten Holzhaus in der Ortschaft Dekel.

Hilik sagt, so toll wie es sich von außen anhört, ist seine Arbeit nicht. Um die psychotischen Menschen zu beruhigen, muss er ihre Sprache sprechen. „Sie denken und fühlen nicht normal, sind achtmal sensibler als wir“, sagt er. „Sie reagieren nicht auf das, was man ihnen sagt, sondern nur auf das, was ihr Gegenüber fühlt.“ Nie darf er im Kontakt mit ihnen die Kontrolle über sich verlieren. Am Anfang schreien sie ihn oft an, „verpiss dich“. Hilik hört nicht hin, mit der Zeit geben alle nach.

Nach ein paar Tagen mit einem psychotischen Menschen sei er meist so erschöpft, dass er fiebere. Die Anstrengung ist Hilik Magnus anzusehen. Er wirkt zehn Jahre älter als die Zahl in seinem Reisepass, sein Gesicht ist sonnenverbrannt und von Altersflecken gezeichnet. Sein Körper aber gleicht dem eines Vierzigjährigen. Er hält ihn mit täglichen Fahrradfahrten durch die Wüste fit, Hilik trinkt und isst wenig. Aber wichtiger als die körperliche Fitness sei die mentale.

Abgeschieden lebt Hilik Magnus mit seiner Frau in einem selbstgebauten Holzhaus in der 150 Einwohner zählenden Ortschaft Dekel. Sieben Zeitzonen hängen an der Wand seines Arbeitszimmers, daneben Bilder seiner Reisen durch die Sahara, den Amazonas, die Alpen. Im weißen Jeep düst Hilik gerne durch die Dünen, vorbei an Verbotsschildern. Er lebt rund zehn Kilometer entfernt vom Gazastreifen und der von IS-Truppen belagerten Halbinsel Sinai. Nicht unbedingt ein entspannter Ort, aber einer, in dem ein Mann wie er zur Ruhe kommt.

Die Entspannung dauert nur bis zum nächsten Anruf. Dann, wenn wieder ein Elternteil bittet, Hilik Magnus möge das verlorene Kind nach Hause bringen. Koste es, was es wolle.

*(Namen geändert)

Die Entspannung dauert nur bis zum nächsten Anruf.