Gefangene der Sucht

Sie leben am Rande der Gesellschaft: In einem Therapiezentrum oberhalb von Bozen kämpfen Suchtkranke um die vielleicht letzte Chance, ihrem Leben einen neuen Sinn zu geben.
Gefangene der Sucht
Sie leben am Rande der Gesellschaft: In einem Therapiezentrum oberhalb von Bozen kämpfen Suchtkranke um die vielleicht letzte Chance, ihrem Leben einen neuen Sinn zu geben.

Für Peter* ist es der letzte Tag in Sankt Isidor. Zusammen mit anderen Patienten und Betreuern sitzt er zur Mittagszeit am langen Esstisch. Hinter ihm lacht eine japanische Comicfigur von einem Bild, das an die Wand lehnt. Darauf steht: „Benvenuto San Isidor“. Zum feierlichen Anlass hat die Küche einen Obstkuchen gebacken. „Rede, Rede“, rufen einige am Tisch. Peter erhebt sich kurz und betont, dass es kein einfacher Weg war, der sich aber ausgezahlt habe. Die meisten klatschen. Er setzt sich wieder und richtet das Wort ernst an seinen Tischnachbarn. Bald werde er wieder in seinen alten Job einsteigen, sagt er, da könne er nicht mehr mit Sandalen herumlaufen wie hier. „Davor habe ich Angst“, sagt er trocken. Der Mittvierziger ist seit einem halben Jahr in dieser Einrichtung, um seine Kokainsucht und Depression wieder in den Griff zu bekommen. Er will seinem Leben einen neuen Sinn geben.

Sankt Isidor ist ein Therapiezentrum für Suchtkranke in Kohlern oberhalb von Bozen. Kurz vor dem Gasthof Bad Sankt Isidor auf rund 900 Metern weist ein kleines Schild auf die abgelegene Struktur hin, die von Wald und Wiesen umgeben ist. Die Lage ist idyllisch, der Lärm der Stadt weicht hier Vogelgezwitscher. Ursprünglich wurden das Hauptgebäude und die danebenliegende Kapelle von wohlhabenden Gästen genutzt, die auf Sommerfrische waren. Das ist lange her. Heute ist die Anlage in Landesbesitz – seit 2005 dient das dreistöckige Hauptgebäude dem Verein „La Strada – Der Weg“ als Therapiegemeinschaft für Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Denn wer hier landet, hat in der Regel eine lange Leidensgeschichte hinter sich: Abdriften in die Sucht, mehrere Entgiftungskuren, Aufenthalte in psychiatrischen Anstalten in Südtirol und Österreich – manche kommen direkt aus dem Gefängnis, weil sie die Haftstrafe mit einem Therapieprogramm ersetzen durften. Während in Zentren wie etwa Bad Bachgart im Pustertal eine Therapie bisher maximal acht Wochen dauert, arbeiten Suchtkranke hier zwischen drei Monaten und zwei Jahren an ihren Problemen. „Außerdem haben wir Patienten mit einer Doppeldiagnose, da die Sucht von einer psychischen Erkrankung begleitet wird“, sagt Psychologin Manuela Gius, die seit mehr als zwei Jahren die Therapiestruktur leitet. Viele der Patienten sind zwar freiwillig in Sankt Isidor, Urlaub ist es aber keiner.

Wer hier landet, hat in der Regel eine lange Leidensgeschichte hinter sich.

Blick auf das Hauptgebäude und die große Terrasse des Therapiezentrums Sankt Isidor

Es ist ein warmer Frühlingstag kurz vor Ostern. Claudia* steht auf der großen Terrasse des Hauses und raucht eine Zigarette. Sie hat blonde lange Haare und ein Piercing an der Unterlippe, an der Innenseite des rechten Handgelenks trägt sie ein kleines Tattoo. „Das ist kein Platz für Junge“, sagt die 18-Jährige und lacht. Sie kommt gerade von der Kunsttherapiestunde, die einmal wöchentlich stattfindet. „Unsere Therapeutin ist krank, deshalb haben wir Ostereier bemalt, aber das war schon ok“, sagt die Schülerin. Zur Musiktherapie gehe sie gar nicht mehr hin, weil da nur auf den Trommeln herumgeschlagen werde. Aber was macht eine junge Frau hier, der alle Türen des Lebens offen stehen müssten? Ihre Geschichte beginnt in der Kindheit: Die Mutter stirbt als sie neun Jahre alt ist. Der Vater ist mit der Situation überfordert, holt sich aber keine Hilfe. Das Verhältnis zur Tochter ist schwierig, er kommt erst abends von der Arbeit nach Hause, sie empfindet ihn als zu streng. Mit 13 raucht sie ihren ersten Joint, mit 14 schluckt sie schon Ecstasy. Sie bewegt sich in der Techno- und Goa-Szene, kommt leicht auch an halluzinogene Drogen wie Pilze und LSD heran. Der Vater und Verwandte bekommen lange Zeit nichts davon mit. Entweder kommt sie erst nachts nach Hause oder schläft schließlich fast nur mehr bei ihrem Freund, der selbst zu Drogen greift. Als sie vor rund einem Jahr auf einer Goa-Party halluzinogene Pilze konsumiert, verfällt sie in eine Psychose und wird in die Psychiatrie des Bozner Krankenhauses eingewiesen. Einen Monat braucht sie, um wieder in die Realität zurückzukommen. Um ihre Probleme in den Griff zu bekommen, wird sie nach Sankt Isidor geschickt. Kaum dort, ruft sie sich ein Taxi und haut ab. Aber sie steht auf der Straße, weil der Vater sie rausschmeißt. So nimmt Claudia einen zweiten Anlauf. „Der Anfang war schwer“, sagt sie. „Mittlerweile glaube ich aber, dass mir die Zeit hier gut getan hat.“ Sie ist jetzt seit sechs Monaten in dieser Therapieeinrichtung. Dreimal die Woche arbeitet sie mit einer Psychologin ihre Probleme auf: Die fehlende Mutterrolle, die sie mit Drogen zu kompensieren versuchte, oder die schwierige Beziehung zum Vater, der sich bisher noch weigert, an den Therapiestunden teilzunehmen. Die Sucht versucht Claudia mit Gesünderem zu ersetzen: mit Schreiben oder mit Sport, den sie regelmäßig betreibt. „Wenn ich dann richtig schwitze, fühle ich mich danach total entspannt, so als ob ich einen Joint geraucht hätte.“ Sie lacht. Ist sie von der Sucht los? „Ich war nie körperlich abhängig, nur psychisch“, antwortet sie. „Aber ich weiß nicht, ob ich nicht doch einen Joint rauchen würde, wenn ich hier draußen wäre.“ Claudia hat einen Plan: Sie sucht einen Sommerjob und will wieder die Schule besuchen. Auf die Innenseite ihres linken Unterarms notiert sie ihre Ziele: „Unabhängigkeit, Ziele verwirklichen, Durchhaltevermögen, Schaug uanfoch af dir“.

„Das ist kein Platz für Junge.”

Claudia (18)

Bis zu 15 Patienten leben in diesem Therapiezentrum. Die Regeln sind streng: Kein Handy, im ersten Monat keine Kommunikation nach außen, geregelte Essens- und Fernsehzeiten, ab 23 Uhr ist Nachtruhe. Wenn etwas benötigt wird, von der Handcreme bis zum Botengang in Bozen, muss eine Anfrage gestellt werden, die mittwochs vom Betreuerteam besprochen wird. „Die Patienten müssen von ihrem Umfeld loskommen und wieder die kleinen Dinge lernen, die einen geregelten Alltag ausmachen“, sagt Manuela Gius. Mit einem Team an Psychologen, Sozialpädagogen und freiwilligen Helfern versucht sie, die Suchtkranken zu unterstützen – und das nicht nur in der Einzeltherapie. Der Gedanke der Gemeinschaft spielt eine wichtige Rolle. Bei Gruppensitzungen werden regelmäßig Probleme und Ziele des Alltags besprochen: Wie wird mit Konflikten umgegangen, die auftreten? Oder wohin geht der nächste Ausflug?

Außerdem packt jeder an, wenn das Haus zu putzen ist, und übernimmt individuelle Aufgaben, sofern es der Gesundheitszustand zulässt. Claudia erledigt etwa den Abwasch nach dem Frühstück. „Nicht jeder kommt aber mit den Regeln klar“, sagt Manuela Gius. Es komme immer wieder zu kleinen Problemen – und manchmal müssen Patienten das Zentrum wieder verlassen: Wenn sie etwa mehrmals Drogen in das Haus schmuggeln oder Betreuer und andere Patienten bedrohen. „Das ist aber selten der Fall“, betont Gius.

„Nicht jeder kommt mit den Regeln klar.“

Manuela Gius, Psychologin

st-isidor

Interview mit Psychologin Manuela Gius

An diesem Dienstag steht Maria in der Küche, es gibt Schweinsbraten, überbackene Paprika, Ofenkartoffel, Gemüse und Salat. Die quirlige Boznerin kommt zwei Mal die Woche hier hoch. Sie ist eine der vielen Freiwilligen, die den Verein unterstützen. An den restlichen Tagen der Woche kocht Cornelia* für die Truppe. Sie sitzt am frühen Nachmittag auf einem weißen Plastikstuhl auf der Terrasse, der an die rote Hausfassade lehnt. Sie redet ruhig und überlegt, die braunen Haare hat sie zu einem Rossschwanz zusammengebunden. Cornelia kommt aus einem kleinen Dorf, in dem jeder jeden kennt. Sie hat vier Kinder, die älteste Tochter ist bereits erwachsen. Seit Cornelia 20 ist, kämpft sie mit ihrer Alkoholsucht. Jetzt ist sie Ende 30. „Ich habe immer versteckt getrunken“, sagt sie, „weil ich mich privat und beruflich überfordert fühlte.“ Sie benutzt Wörter wie Wut, Frust und Ohnmacht, um zu erklären, warum sie auch zu Putzalkohol greift, wenn sie keinen Ausweg mehr weiß. Ihr Suchtverhalten ist lebensgefährlich, weil sie sich in kurzer Zeit auf einen Pegel von fast sechs Promille trinkt. „Ich wollte den Augenblick nicht mehr spüren müssen“, sagt sie offen. Ihre Leidensgeschichte ist geprägt von Rückfällen, im vergangenen Jahr hat sie einen Tiefpunkt. Sie verliert Arbeit und Führerschein, Familie und Freunde wenden sich von ihr ab, weil sie sie nicht mehr erreichen. Sie fühlt sich leer, sie versinkt in ihrer Depression. Seit fünf Monaten ist sie hier.

„Ich wollte den Augenblick nicht mehr spüren müssen.”

Cornelia (39)

Sankt Isidor by BarfussMagazin

Fotos von Patienten waren keine erlaubt, so kam es zu einem spontanen Fotoshooting mit deren Schatten.

Marco* kennt dieses Gefühl, er hat sich auf einen Stuhl neben Cornelia gesetzt. Auch er ist Alkoholiker,  auf der Rückseite seines T-Shirts steht in Großbuchstaben: „The world is not a perfect sphere“, darunter die Übersetzung: „Die Welt ist nicht nur rund“. Davon kann der 48-Jährige ein Lied singen: „Du machst morgens die Augen auf und denkst: Warum bin ich nur aufgewacht?“, sagt er nüchtern. Er denkt auch an Selbstmord. Was hat ihn davon abgehalten? „Das konnte ich meinen Eltern nicht auch noch antun“, sagt er. Mehr möchte er dazu nicht sagen.

Seit einem Unfall spürt er seine Fingerspitzen nicht mehr. Seinen Job musste der sportliche Mann an den Nagel hängen – vor allem wegen seiner Krankheit.  Die Probleme, die sich durch sein Privatleben ziehen, versucht er mit Superalkohol wegzuspülen, danach liegt er zwei Tage lang im Bett. „Probleme können aber schwimmen“, sagt er. Im Dorf, in dem er lebt, ist er geächtet, er spricht von sich als fünftes Rad am Wagen. Laut Psychologen sei er manisch-depressiv: In manchen Phasen könne er Bäume ausreißen, dann sei er wieder zu Tode betrübt. „Alles Quatsch“, sagt Marco, der mit den Regeln im Haus nicht zurechtkommt. Er sei sowieso bald weg, das hier sei nichts für ihn. Allerdings habe er in der Zeit im Therapiezentrum zu sich selbst gefunden, die eigene Schuld an seinen Problemen eingesehen und gelernt, an einem Projekt zu arbeiten. Jetzt will er körperlich wieder halbwegs fit werden und für seine betagten Eltern da sein. Sein Ziel: keinen Rückfall mehr.

„Probleme können schwimmen.“

Marco (48)

Cornelia will es langsam angehen. Der Abstand zu ihrem gewohnten Umfeld habe ihr gut getan, sagt sie. Sie weiß jetzt auch, wie sie mit Situationen umgehen soll, in denen sie bisher zur Flasche gegriffen hat. Aber trotzdem: Die Zeit ist noch nicht reif, von hier zu gehen, ihr fehlen noch einige Schritte. Sie müsse noch an sich arbeiten, vor allem ihren Selbstwert festigen und selbstständiger werden. Wenn sie Sankt Isidor verlässt, möchte sie sich eine Arbeit suchen und einen Neuanfang fern ihres Heimatdorfes starten. Erst dann möchte sie wieder den Kontakt zu ihren Lieben suchen, die sie schon zu oft mit Rückfällen enttäuscht habe. Als Ziel schreibt sie auf die Innenseite ihres Unterarms: „Lebensfreude“.

Für Cornelia ist es die vielleicht letzte Chance, aus dem Sumpf von Sucht und psychischer Erkrankung herauszukommen. Für andere, die in Sankt Isidor landen, ist der Zug häufig bereits abgefahren. Für Christian* etwa, er ist seit vielen Jahren heroinsüchtig. Als Ersatzdroge wird ihm hier Methadon verabreicht, das sich aber nicht gut mit den anderen Medikamenten verträgt, die er derzeit bekommt. Er macht einen verstörten Eindruck, er ist nur schwer zu verstehen, wenn er spricht. „Wir müssen uns eingestehen, dass wir nicht alle heilen können“, sagt Manuela Gius. „Bei einigen Patienten geht es vor allem darum, ihre Lebensqualität zu verbessern und zu schauen, dass es ihnen halbwegs gut geht.“

Europaweit kommen rund 30 Prozent von ihrer Sucht los. Kommt auch noch eine psychische Erkrankung hinzu, wird eine vollständige Heilung schwierig. Jüngere Patienten haben größere Chancen als solche, die schon eine lange Drogen- und Psychiatriekarriere hinter sich haben. Und es hängt auch davon ab, welche Funktion die Sucht erfüllt: „Soll sie ein Problem lösen, dann wird es schwierig, dass der Patient davon loskommt“, erklärt Psychologin Gius.

Peter wohnt seit rund drei Wochen in einer betreuten Wohngemeinschaft, die ihm den Wiedereinstieg in die Gesellschaft erleichtern soll. Er geht wieder seinem alten Job nach. Claudia hat einen Sommerjob gefunden und will so schnell wie möglich die Schule abschließen. Danach will sie mal weg, vielleicht nach Spanien, oder studieren, vielleicht Journalismus. Es schaut gut für beide aus. Über dem Berg sind sie aber noch lange nicht.

  * Name von der Redaktion geändert

„Wir müssen uns eingestehen, dass wir nicht alle heilen können.“

Manuela Gius, Psychologin

Manuela Gius

„Es kommt immer wieder zu Problemen.“ Die Psychologin Manuela Gius leitet das Therapiezentrum Sankt Isidor oberhalb von Bozen.

Marco

„Das konnte ich meinen Eltern nicht auch noch antun.” Marco ist Alkoholiker und dachte aufgrund seiner Probleme schon an Selbstmord.

Maria

„Ich koche gerne, außerdem ist auch mein Bruder beim Verein dabei.“ Maria ist eine der vielen Freiwilligen, die den Verein „La Strada “ unterstützen.