Festivalhochburg Südtirol

Vom „kleinen Woodstock“ 1970 zum Profi-Event 2015. Was macht Südtirols Festivalszene aus, wer steckt dahinter und wie gelangt man durch den Bürokratie-Dschungel?
Festivalhochburg Südtirol
Vom „kleinen Woodstock“ 1970 zum Profi-Event 2015. Was macht Südtirols Festivalszene aus, wer steckt dahinter und wie gelangt man durch den Bürokratie-Dschungel?

Mit einem „kleinen Woodstock“ fing alles an. Es ist das Jahr 1970, als Karlheinz „Kalle“ Ausserhofer mit seinen zwei Freunden Hans Pohlin und Peter Baumgartner das Free Festival am Schlossberg in Bruneck organisiert. „Den Schlossberg als Location haben ja wir quasi erfunden. Das war für uns einfach der passende Ort“, erzählt Ausserhofer von einem der ersten Open Airs in ganz Oberitalien. Auf den Fotos sehen wir unsere Elterngeneration beim ausgelassenen Feiern – da werden selbst wir Kinder der 90er nostalgisch. Bis heute hat sich viel getan in Südtirols Festivalszene. Die Veranstaltungen sprießen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Ein Grund, mal etwas genauer hinzuschauen: Was zeichnet die Südtiroler Festivallandschaft aus? Wer stemmt die Organisation der immer professioneller werdenden Festivals? Und was läuft schief im Bürokratie-Dschungel? BARFUSS hat mit Organisatoren, Experten und dem zuständigen Landesrat gesprochen – eine Festivalgeschichte fernab der lauten, spaßigen Partynächte. 

Free Festival 1970 – das erste Open Air Oberitaliens

Karlheinz „Kalle” Ausserhofer

Das Free Festival 1970 am Schlossberg war eine einmalige Veranstaltung, lange Zeit passierte dann nicht viel, bis sich die Macher des UFO Bruneck an eine Rehabilitation des Festivals machten. Das Schlossberg-Festival war geboren und damals „das einzige, alleinige große Highlight“, erzählt Martin Stampfer, einer der Organisatoren des Rock-im-Ring-Festivals auf dem Ritten, „da sind wir alle hingepilgert. Als das dann vor ungefähr 15 Jahren weggefallen ist, tat mir das persönlich auch sehr leid. Ich wäre gerne weiterhin auf den Schlossberg gefahren.“ Dass sich nun aber wirklich etwas in der Südtiroler Festivalszene tut, hat man in den letzten sechs Jahren besonders gut bemerkt. „Ganz Europa hatte einen Aufschwung in der Festivalszene“, so Stampfer. Eine solche Dichte wie derzeit mit über 30 Veranstaltungen im Sommer habe es in der Vergangenheit nie gegeben. Die Festivals unterscheiden sich vor allem durch ihre Größe, manche – wie etwa Rock im Ring oder Full Tension – haben mehrere Tausend Besucher, andere rechnen mit einigen Hundert. Unabhängig von der Größe, sei es aber immer ein großes Aufwand, Festivals zu organisieren, so Stampfer. Die wachsende Professionalisierung der Festivals kommentiert er so: „Unprofessionelle Festivals gibt es in Südtirol nicht, das geht schon wegen der ganzen Bürokratie nicht.”

Das Schlossberg-Festival war die Mutter aller Open Airs in Südtirol.

Martin Stampfer, Rock im Ring

Die Bühne beim Free Festival 1970 am Schlossberg
Die Bühne beim Full Tension 2013
Das Publikum beim Feiern 1970
Die Menge tobt beim Full Tension Festival
Love Electro in der Franzensfeste

Wer 30 Veranstaltungen in einem begrenzten Gebiet wie Südtirol und einem begrenzten Zeitraum von wenigen Monaten unterbringen will, der muss miteinander kommunizieren. Deshalb wurden Treffen der Festivalorganisatoren organisiert (Reinhold Giovanett spielte dabei eine beachtliche Rolle), bei denen sie sich untereinander absprachen, sei es terminlich als auch andere Fragen betreffend. Mittlerweile geschieht dies auch über eine eigens eingerichtete Facebookgruppe: „Da berät man sich gegenseitig: Wo kriege ich Stagebarrieren her, wo gibt es Becher zum Ausleihen, wer hat welche Erfahrungen mit der Security gemacht ... Hier geht es oft um banale Dinge, die aber sehr wichtig sind und wo man sich gegenseitig weiterhelfen kann. Da gibt es kein Betriebsgeheimnis“, schmunzelt Stampfer. 

Kommunikation untereinander ist also wichtig, um in einem begrenzten Raum wie Südtirol bestehen zu können. Deshalb treffe ich mich mit Alex Giovanelli (Dump Town), Stefano D’Agostino (Full Tension) und Arno Parmeggiani (Love Electro), um sie als junge Festivalorganisatoren zu Wort kommen zu lassen. 

Hier gibt es kein Betriebsgeheimnis. 

Martin Stampfer, Rock im Ring

Stefano D’Agostino, Arno Parmeggiani und Alex Giovanelli beim Interview.

Giovanelli ist einer der zehn Organisatoren des Dump Town Festivals, das sich als Alternativfestival versteht. Er bemerkte in den letzten Jahren einen Anstieg der Qualität des  Südtiroler Festivals, man legt mehr Wert auf das Drumherum, auf das Ambiente und schafft einen Rahmen, in dem es nicht nur mehr ausschließlich um Musik geht. „Ein Festival ist mehr als eine Bühne und ein Bierbudel“, sagt der junge Meraner. Dump Town macht deswegen auch im Line-Up Platz für alternative Kulturangebote, Podiumsdiskussionen, Poetry Slam und Live-Kunst. Dabei geht es weniger darum, sich von anderen Festivals abzuheben, sondern Nischen abzudecken. „Wir versuchen mit diesen verschiedenen Angeboten auch, die Dorfgemeinschaft näher zueinander zu bringen. Die Jugend muss nicht abgesondert etwas machen, man kann auch zusammenwachsen und Leute jeder Altersgruppe können sich mit den Inhalten des Festivals auseinandersetzen“, erklärt Giovanelli das Konzept des Festivals.

In den letzten Jahren ist der Trend der Green Events in Südtirol zu beobachten. Damit ist eine Zertifizierung des Landes gemeint, für die man sich mit seiner Veranstaltung qualifizieren muss. Ein Maßnahmenkatalog muss abgegeben werden, es gibt bestimmte Auflagen wie etwa die Müllreduzierung durch eine Reduzierung der Drucksorten. „Die Leute sind einfach ernährungs- und umweltbewusster geworden“, erklärt sich D’Agostino vom Full Tension Festival diesen Trend. „Auch bei internationalen Festivals ist das Line-Up nicht mehr so wichtig, wie etwa vor zehn Jahren. Der Gast schaut jetzt zusätzlich auch darauf: Was bekomme ich zu essen, kann ich mich gesund ernähren, kann ich mich vegan oder vegetarisch ernähren, gibt es genug Duschen und eventuell auch ein anderes kulturelles Angebot, oder muss ich den ganzen Tag nur auf die Bühne starren.“ Insgesamt seien die Festivalbesucher anspruchsvoller geworden. 

Ein Festival ist mehr als eine Bühne und ein Bierbudel.

Alex Giovanelli, Dump Town

Die regionalen Speisen aus der Räuberkuchl beim Dump Town Festival: Pressknödel und Vintschger Burger. „Uns ist es wichtig regionale Lebensmittel zu verwenden”, erzählt Giovanelli das Konzept der Nachhaltigkeit.

Die Festivalszene bedingt die Musikszene eines Landes und umgekehrt. Im Großen und Ganzen ist Südtirol immer noch ein sehr rockaffines Pflaster. Die Festivalorganisatoren bemühen sich, lokalen Bands eine Bühne zu geben, die durch solche Auftrittsmöglichkeiten auch wachsen können. Es ist aber nicht immer einfach, diesen Spagat zwischen lokalen Bands und internationalen Größen zu schaffen, so D’Agostino, dessen Full Tension Festival heuer an drei Tagen mit Acts wie Juli und Bilderbuch durchwegs etwas vorlegt. „Heuer ist es aber insgesamt schon gewaltig, auch mit Limp Bizkit beim Rock the Lahn“, so Giovanelli. Die Südtiroler Festivalszene braucht sich also nicht zu verstecken.

Es ist nicht einfach, den Spagat zwischen Südtiroler und internationalen Bands zu schaffen.

Stefano D’Agostino, Full Tension

5 YEARS LOVE ELECTRO! FESTIVAL /// 1st Teaser!

Eine neue Richtung eingeschlagen hat Arno Parmeggiani vor fünf Jahren mit seinem Team: Südtirol entdeckte die Electro-Szene. „Wir wollten elektronische Musik salonfähig machen und haben es hetzhalber probiert. Wir rechneten bei der ersten Ausgabe mit 400 Leuten, gekommen sind 1.500“, erzählt der 26-Jährige, der selbst als DJ auflegt. Dann ist ein richtiger Hype entstanden. „Wenn man einer Subkultur eine Basis bietet, kann sie sich auch entwickeln.“ Aus den anfänglichen nur drei Südtiroler DJs sind in wenigen Jahren um die 40 geworden, eine rasante Entwicklung.

Wenn es schließlich ums Thema Bürokratie geht, dann geht’s ans Eingemachte. Man merkt, hier kochen die Gemüter hoch. Grund dafür ist ein Staatsgesetz, das 2013 verabschiedet wurde und die Zuständigkeiten für Veranstaltungen nicht mehr in Landeskompetenz legt, sondern in die Verantwortung der einzelnen Gemeinden. Damit änderten sich für die Organisatoren nicht nur die Ansprechpartner, sondern in gewisser Weise auch die Regeln. „Es regiert die Willkür. Der Bürgermeister ist nun dein wichtigster Ansprechpartner geworden, wenn er dir gut gesinnt ist, dann hast du keine großen Schwierigkeiten“, so Parmeggiani. Was in einer Gemeinde erlaubt ist, ist in der Nachbargemeinde verboten, hier gibt es große Differenzen. Grund dafür ist vor allem eine allgemeine, große Verunsicherung. Plötzlich stehen Bürgermeister und Gemeindetechniker ohne Erfahrung im Veranstaltungsbereich in der Verantwortung. Dass sie sich deshalb bestmöglich absichern möchten, ist verständlich.

„Es regiert die Willkür.”

Arno Parmeggiani, Love Electro

Giovanelli by BarfussMagazin

All diese Verordnungen müssen Veranstalter beachten. Alex Giovanelli über den Bürokratie-Dschungel.

Aus allen Mündern der Festivalorganisatoren hört man dieselben Worte: Niemand hat etwas gegen Sicherheitsauflagen, jeder versteht, dass diese benötigt werden, es ist ja auch im Sinne des Veranstalters, dass nichts passiert. Gefordert sind aber mehr Klarheit und einheitliche Regeln in allen Gemeinden, sowie eine Unterscheidung in Größe und Art der Veranstaltung. Konkret heißt dies etwa: „Es ist klar, dass ein so großes Festival wie Full Tension Auflagen wie etwa eine bestimmte Anzahl an Security-Männern erfüllen muss. Das liegt ja auch in meinem Interesse. Aber wenn die gleichen Auflagen für ein Fest mit 300 Leuten angewandt werden, dann kann dieses die Kosten dafür gar nicht stemmen“, so D’Agostino.

Mehr Klarheit und einheitliche Regelungen.

Stefano D’Agostino, Full Tension

Ohne optimale Budgetierung läuft gar nichts. Ein Restrisiko bleibt immer. Giovanelli: „Wir rechnen immer mit Minimalpublikum. Letztes Jahr hat es beim Dump Town zwei Tage lang geregnet. Wenn wir nicht gut kalkuliert hätten, wären wir auf die Fresse gefallen.”

Für die Vergabe der Lizenzen sind jetzt also die Gemeindetechniker zuständig, nicht mehr die Landeskommission. In den Gemeinden ist man nun oftmals überfordert, die Techniker haben in dem Bereich kaum Erfahrung, der Gemeindenverband hat noch keine allgemeinen Regelungen und es ist immer noch nicht genau definiert, wer für was zuständig ist. Alex Ploner, Präsident der Eventdienstleister im Handels- und Dienstleistungsverband Südtirol (hds), kennt das Problem. Er betont, dass die Gesetze nicht neu seien, bloß die Zuständigkeiten hätten sich geändert: „Früher hat man eben noch ein Auge zugedrückt, jetzt geht dies nicht mehr. In einer Infotour durch Südtirol informierte er Veranstalter im ganzen Land – die Säle waren immer voll. Das zeigt, wie viele von diesen Regelungen betroffen sind: Nicht nur Festivals, auch jedes Fest einer Musikkapelle oder eines Schützenvereins muss sich an diese Regeln halten. Ist man bei solchen Vereinen ebenso strikt wie bei jungen Festivalorganisatoren? Darüber gehen die Meinungen auseinander. „Ich habe das Gefühl, bei uns wird schon etwas genauer hingeschaut“, so Giovanelli. D’Agostino machte diese Erfahrung nicht. Die jungen Festivalorganisatoren möchten die Veranstaltungen untereinander aber nicht ausspielen. Auch ein Schützenfest und ein Fest der Musikkapelle hätten Daseinsberechtigung und eine lange Tradition, es müssen aber die gleichen Regeln für alle gelten, betonen sie.

Ploner fordert die Politik auf, sich mit Gemeinden und Veranstaltern an einen Tisch zu setzen und Lösungen zu finden, „damit die Leute nicht die Lust verlieren.“ Auch Martin Stampfer sieht dringenden Handlungsbedarf: „Wir haben in Südtirol die einzigartige Situation, dass so viele Events über das Ehrenamt laufen. Da ist nun etwas in Gefahr, was unser Land seit Langem auszeichnet! Auch die Festkultur und Festivalkultur ist ein Kulturgut, das schützenswert ist.“ Arno Parmeggiani bringt es auf den Punkt: „Dies alles ist eine Frage der Toleranz und Sensibilität. Südtirol muss sich endlich klar positionieren. Will es eine Jugendkultur? Will es eine lebendige Veranstaltungsszene in Südtirol, die auch eine Subkultur anspricht? Wenn ein solcher positiver Nährboden entsteht, dann werden wir alle viel weniger Probleme haben.“

 

Interview mit dem Landesrat Philipp Achammer

Philipp Achammer, der zuständige Landesrat für Kultur, reagierte bei der Konfrontation mit den Forderungen und Fragen der Festivalorganisatoren einsichtig und zuversichtlich. Geplante Änderungen wurden angekündigt. Bleibt zu hoffen, dass diese bald realisiert werden, sodass zumindest die nächste Festivalsaison davon profitieren kann.

Früher hat man noch ein Auge zugedrückt, jetzt geht das nicht mehr.

Alex Ploner, hds-Eventdienstleister

Philipp Achammer

„Diese Kompetenz soll nun auf Gemeindeebene bleiben. Das ist auch von Gemeinden vor dem Übergang eingefordert worden. Sicherlich hat es einige Schwierigkeiten nach dem Übergang gegeben, man war nicht ausreichend darauf vorbereitet.”

Philipp Achammer

„Die zuständigen Techniker müssen noch gezielter auf diese neue Aufgabe vorbereitet werden. Bisher, das muss offen gesagt werden, war die Anwendung einfach sehr unterschiedlich. Wichtig ist, Klarheit zu haben, deshalb muss auch der gemeindeübergreifende Austausch besser werden.”

Philipp Achammer

„Wir müssen alles tun, um jene Freiräume zu nutzen, die es gibt. Man muss Vereinfachungen anstreben und analysieren, wo Auflagen bereits ein gesundes Maß überschritten haben. Wir müssen versuchen, mehr Freiraum und weniger Belastungen für die Vereine zu schaffen.”

Philipp Achammer

„Es gibt den Vorschlag, Veranstaltungen mit zertifizierter Eigenerklärung zu melden, und dabei ist genau das vorgesehen: Veranstaltungen bis zu 500 Personen sollen einen deutlich vereinfachten Genehmigungsweg haben. Diese gesetzliche Änderung wäre fast schon eine kleine Sensation.”

Philipp Achammer

„Ich bin zwar kein regelmäßiger Festivalgänger, gehe aber gerne hin. Wir haben eine so reichhaltige Festivalszene in Südtirol wie kaum irgendwo anders, deshalb können wir auf diese Veranstaltungen genauso stolz sein wie auf unsere anderen Kulturinitiativen.”