Einkaufen ohne Plastik

Zwei Südtiroler Ehepaare haben dem Plastik den Kampf angesagt. In Mühlbach und bald auch in Bozen kann verpackungsfrei eingekauft werden.
Einkaufen ohne Plastik
Zwei Südtiroler Ehepaare haben dem Plastik den Kampf angesagt. In Mühlbach und bald auch in Bozen kann verpackungsfrei eingekauft werden.

Es gibt sie etwa in Berlin, Dresden, Leipzig, München und Mainz, in Wien, Linz und Innsbruck und auch in Verona, Bergamo und Mailand. Verpackungsfreie bzw. plastiklose Läden boomen. Immer mehr Menschen scheint es wichtig zu sein, beim Einkaufen auf Nachhaltigkeit zu achten, die Umwelt zu schützen und Müll zu vermeiden. Nudel, Getreide oder Hülsenfrüchte werden nicht mehr in 500-Gramm-Packungen aus Plastik in den Einkaufswagen geladen, sondern aus großen Behältnissen im Laden direkt in die eigene Glasdose gefüllt. Milch gibts in Pfandflaschen aus Glas, die leere Waschmittelbox bringt man mit und lässt sie nachfüllen. Es fühlt sich ein wenig so an wie zu Omas Zeiten. Ganz praktisch und bequem ist das Einkaufen in verpackungsfreien Läden nicht immer – die Einkauftaschen, die man heimschleppt, haben aufgrund mancher Glasverpackungen doch ein beachtliches Gewicht. Dafür tut das Einkaufen hier dem Gewissen gut, weil man weiß, durch den bewussten Einkauf Müll vermieden zu haben. Nun kommen auch die Südtiroler in den Genuss, umweltbewusst in verpackungsfreien Läden einzukaufen – zwei Ehepaare sprangen mit unterschiedlichen Konzepten auf den Zero-Waste-Zug auf. Sandra Costa und Alessandro Chiari betreiben in Mühlbach bereits seit fünf Monaten den kleinen Laden Purnatur, Maria Lobis und Stefan Zanotti planen derzeit den ersten verpackungsfreien Supermarkt Novo in Bozen.

Zero-Waste in Südtirol

Purnatur in der Katharina-Lanz-Straße in Mühlbach hat derzeit donnerstags, freitags und samstags geöffnet. Bald soll der Laden nach Brixen umsiedeln.

In einem kleinen Laden in der Katharina-Lanz-Straße in Mühlbach steht Sandra Costa und fegt den Boden. Alte Schränke, Kästen und Schubladen aus Holz bilden das Interieur von Purnatur, auf den Regalbrettern stehen Glasgefäße mit Getreide, Hülsenfrüchten und Dörrobst. Aber es gibt auch selbst genähte Taschen aus recycelten Materialien und zwischendrin steht sogar noch etwas Flohmarkt-Krimskrams. Auch nach einer ganzen Stunde in dem liebevoll eingerichteten, kleinen Geschäft entdeckt man immer wieder etwas Neues. Purnatur macht neugierig, immer wieder schauen Touristen gespannt durchs Schaufenster. Was es hier wohl gibt?, scheinen ihre Blicke zu fragen, während sie durch die offene Tür ins Geschäft kommen. „Wir sind ein Mischmasch. Uns kann man nicht richtig definieren“, sagt Sandra Costa über ihren Laden, versucht aber dann doch dessen Konzept zu erklären. 

„Wir sind ein Mischmasch. Uns kann man nicht richtig definieren.“

Sandra Costa

Volle Regale

Die alten Regale sind voll mit Lebensmitteln und Handwerksarbeiten aus recycelten Materialien.

Dörrobst ohne Zucker

Einen Teil des Dörrobstes macht das Ehepaar selbst, der Rest wird zugekauft. Zucker enthält weder das selbstgemachte noch das gekaufte.

Vollkornnudeln aus der Pastamanufaktur

Im hinteren Teil des kleinen Ladens befindet sich eine kleine Küche, die Pastamanufaktur Purnatur. Das ist Alessandro Chiaris Reich. Die Nudeln und Pastasnacks werden schließlich in Papier-, Bio-Plastik-Säckchen oder offen verkauft.

Pastasnack

Die frittierten Nudeln zum Knabbern sind bei den Kunden sehr beliebt.

Im März 2016 hat Sandra Costa mit ihrem Mann Purnatur eröffnet. Die Idee entstand, als sich der gelernte Koch und seine kreative Frau entschlossen, Vollkornnudeln aus Südtiroler Korn herzustellen. „Aber nur Nudeln allein waren uns zu wenig “, erzählt Costa. Deshalb kam zur Nudelmanufaktur der verpackungsfreie Laden dazu. Der Ladenbesitzerin geht es vor allem um Müllvermeidung – ganz auf Verpackung zu verzichten klappe allerdings nicht. Aber Sandra setzt auf Papier und Stoff als wiederverwendbares Verpackungsmaterial, das wenige Plastik, das man im Laden findet, ist abbaubares Bio-Plastik. „Ich versuche komplett auf Plastik zu verzichten. Wir haben auch keine eigenen Einkaufstaschen, sondern ich verwende alte Papiertaschen, die mir die Leute bringen. Es sind schon so viele Taschen im Umlauf, da braucht man keine neuen mehr“, findet Costa. Stammkunden bekommen selbst genähte Stoffsäckchen – etwa aus Hemdärmeln oder Kissenbezügen. Diese kann man immer wieder verwenden. Manche Kunden bringen auch schon ihre eigenen Behälter mit in den Laden, diese sind aber noch in der Minderheit.

Purnatur Sandra Costa by BarfussMagazin

Es brauche Zeit, bis sich die Kunden an das Konzept des Ladens gewöhnen, erzählt Sandra Costa.

Recycling gehört für Sandra Costa zum Alltag. In Portugal, wo sie geboren ist, hat man kaum recycelt, in der Schweiz hingegen, wo Sandra aufwuchs, war das Recyceln schon vor Jahrzehnten Usus, erinnert sie sich. Mit ihrem Südtiroler Mann lebt Sandra in Mühlbach und hier hat sie vor drei Jahren die Koordination der Frauenwerkstatt Marieta übernommen. Dort steht vor allem Upcycling auf dem Programm. Die Frauen, vorwiegend Migrantinnen, nähen aus alter Kleidung Neues. Deshalb findet man auch in den Regalen im Purnatur – nur wenige Häuser von Marieta entfernt – kleine Taschen aus BHs oder Krawatten, Schmuckstücke aus alten Brillengläsern oder gehäkelte Schlüsselanhänger. Der Erlös des Verkaufs dieser Handwerksarbeiten geht an die Frauenwerkstatt Marieta.

Aus alten BHs nähen die Marieta-Frauen kleine Täschchen. Im Purnatur werden sie für den Verein verkauft.

Verpackungsfrei, plastikfrei, bio, regional, fair? Als Kunde fühlt man sich heute teilweise bereits überfordert. Auch wenn man bewusst, nachhaltig und umweltfreundlich einkaufen möchte, ist dies nicht immer so einfach. Ist es gesünder Bio-Zucchini in Plastikfolie aus Spanien zu kaufen? Oder greift man besser zu regionalen Zucchini, die konventionell angebaut wurden? Wie vertrauenswürdig ist ein Fair-Trade-Siegel und warum gibts das auf den Bananen, aber nicht auf den Tomaten? Mit solchen Fragen ist jeder von uns beim täglichen Einkauf konfrontiert. Aber auch die Ladenbesitzer müssen sich entscheiden: Was nehmen sie in ihr Sortiment auf? Sandra Costa zieht es etwa vor, Walnüsse vom Bauern, den sie kennt, zu kaufen oder Hülsenfrüchte eines Lieferanten aus Italien, dem sie vertraut. Dafür verzichtet sie auf das Biosiegel: „Viele sind so auf der Bioschiene, dass sie gar nicht auf die Transportwege schauen“, kritisiert Costa. Für Purnatur fällt sie deswegen stets individuelle Entscheidungen. Wichtig sei ihr auch, dass die Lieferanten die Produkte nicht in kleinen Säcken verpackt liefern. Dann hätte ihr Laden zur Müllvermeidung nämlich keinen Sinn. 

Verpackungsfrei, plastikfrei, bio, regional, fair?

Das Ehepaar Zanotti-Lobis lebt mit seinen Kindern Zoe und Lenny am Ritten. Auch nach der Eröffnung ihres Bio-Supermarkts wird Maria Lobis weiter als freiberufliche Hebamme arbeiten.

Maria Lobis ist gerade beim Einkaufen, sie steht im Supermarkt, als ihr schlagartig bewusst wird: „Mich umgibt nur noch Plastik!“ Die Lebensmittel, die sie kaufen will, sind doppelt und dreifach verpackt, erst wenn sie sich durch mehrere Schichten Plastik wühlt, kommen die eigentlichen Lebensmittel zum Vorschein. Das war vor ungefähr eineinhalb Jahren, als Maria Lobis den Beschluss fasst: Es muss sich etwas ändern. Sie und ihr Ehemann Stefan Zanotti wollen den ersten verpackungsfreien Bio-Supermarkt in Südtirol eröffnen. Derzeit sind sie noch in der Planungsphase. Fest steht, er soll in Bozen sein. Die Sichtbarkeit ist dabei die oberste Priorität. Ein Geschäftslokal in der Fußgängerzone der Bozner Altstadt steht bereits in der engeren Auswahl.

Irgendwo im Bozner Zentrum wird Novo seine Tore öffnen.

Novo heißt das Projekt des Rittner Ehepaars. Ursprünglich bedeutete der Name Natürlich, Ökonomisch, Verpachungsarm, Ökologisch. Mittlerweile hat sich dessen Bedeutung erweitert, es geht um etwas Neues, Anderes, das Maria Lobis und Stefan Zanotti umsetzen möchten. Die freiberufliche Hebamme und der selbstständige Getränkehändler möchten im Herbst 2016, spätestens im Frühjahr 2017 ihren Supermarkt eröffnen. Es soll ein innovativer Bio-Supermarkt sein, der so gut es geht, auf Verpackung verzichtet. „Ganz verpackungsfrei zu sein, ist nicht realistisch, wenn man ein gewisses Sortiment haben möchte. Sonst kann man nur Trockenware, Obst und Gemüse anbieten“, erklärt Lobis und verweist etwa auf Hygiene- und Kosmetikprodukte, die ohne Verpackung nicht auskommen. Im Novo wird Plastik aber nur in Form von abbaubarem Bio-Plastik zu finden sein, der Rest wird lose, oder in Glas, Papier oder Stoff verkauft. Die Köpfe hinter Novo haben sich entschlossen, ausschließlich regionale Lebensmittel anzubieten. „Regional bedeutet für uns Europa“, präzisiert Lobis, die schon seit Langem darauf achtet, nachhaltig und umweltbewusst einzukaufen. Deswegen greift sie vorwiegend zu Bioprodukten, worauf sie vertraut. Novo soll deshalb auch ein Biomarkt werden.

Neben Lebensmitteln wie frischem Obst und Gemüse, Nudeln und anderer Trockenware, sowie einer kleinen Auswahl an Fleisch ist auch ein großer Non-Food-Bereich im Novo vorgesehen. Dort findet man plastikfreie Haushaltsprodukte, Putz- und Reinigungsmittel, Hygieneartikel wie Holzzahnbürsten und sogar Büromaterial. Im Babybereich will sich die freiberufliche Hebamme ihrem Spezialgebiet widmen. Von der Erstausstattung, über plastikfreies Spielzeug bis hin zu Stoffwindeln und Tragetüchern wird hier alles zu finden sein, was junge Eltern und ihre Babys brauchen. Lobis will im Novo auch Workshops und Vorträge halten und so etwa Eltern das Wickeln mit Stoffwindeln näherbringen. Bereits heute merkt sie, dass vor allem junge Eltern sensibilisiert sind: „Viele verwenden schon Stoffwindeln, um Müll zu vermeiden. Das ist bemerkenswert, weil es doch sehr viel aufwändiger ist. Ich glaube, es hat schon ein Umdenken stattgefunden“, überlegt Lobis. 

„Ganz verpackungsfrei zu sein, ist nicht realistisch, wenn man ein gewisses Sortiment haben möchte.”

Maria Lobis

Bei der Planung

Das Ehepaar Zanotti-Lobis tüftelt bereits fleißig am Konzept ihres Geschäfts.

Verpackungsfrei

Wie Sandra Costa kennt auch Maria Lobis die Schwierigkeit, Händler zu finden, die die Produkte nicht in Plastikverpackungen liefern. „Wir haben bei der Anfrage bei Lieferanten immer nachgefragt, wie sie liefern. Die meisten unserer Partner liefern in Kartonen. Nudel bekommen wir in großen Säcken, aber die kann man wieder zurückschicken und sie werden wiederverwertet“, so Lobis. 

Ob die Zeit für einen verpackungsfreien Supermarkt in Bozen schon reif ist, kann Maria Lobis selbst noch nicht mit einem klaren Ja beantworten: „Ich hoffe, dass sich auch in Bozen genug Leute dafür interessieren, wie es morgen ausschaut, wie es für unsere Kinder ausschaut. Sensibilisierung braucht Zeit.“ Die Zweifel sind nicht ganz unberechtigt, weiß Lobis doch von Liebe und Lose in Innsbruck oder Holis in Linz. Beides verpackungsfreie Supermärkte, deren Konzept – zumindest im ersten Versuch – nicht aufgegangen ist. Liebe & Lose feiert gerade das Re-Opening des verpackungsfreien Supermarkts in der Innsbrucker Markthalle. Holis musste vor rund einer Woche auf Facebook verkünden: „holis is gone”. Maria Lobis und ihr Mann kennen die Geschichte der Läden, sie versuchen herauszufinden, was schiefgelaufen ist und für sich selbst daraus Schlüsse zu ziehen. Durch die Vernetzung mit anderen hoffen sie, einige Tipps zu bekommen. „Wir sind sonst alle Einzelkämpfer und versuchen, die Welt ein bisschen in eine andere Richtung zu schieben“, erklärt Lobis. Ein gemeinsames Netzwerk könnte Halt geben. Auch Sandra Costa hat versucht, mit anderen Läden in Kontakt zu treten. Mit einer Supermarktbesitzerin aus Dresden tauscht sie sich öfters aus, aber sie hat auch schon andere Erfahrungen gemacht: „Manche möchten an ihren Konzepttipps verdienen. Eine wollte 100 Euro pro Stunde für ein Skypegespräch. Das finde ich schade“, sagt Costa. Ob ein verpackungsfreier Supermarkt in Südtirol funktionieren könne, bezweifelt sie momentan noch. Sandra findet, es komme sehr stark darauf an, wie ein Geschäft aufgebaut sei. Ihres punkte vor allem, weil es so besonders sei und die Leute neugierig mache. Von Novo hat sie bereits gehört und wünscht sich sehr, dass das Projekt klappt. „Wenn du von etwas überzeugt bist, dann ist mir wurscht, was die anderen Leute sagen. Du musst dahinterstehen“, sagt sie bestimmt. In Südtirol hieße es oft: Die Politik macht nichts. Wenn ich etwas tu, hilft es eh nichts. „Aber ich denke, wenn jeder für sich anfangen würde, dann würde sich schon etwas ändern“, so Costa. Die Möglichkeit dazu haben die Südtiroler jetzt. Derzeit in Mühlbach, und bald auch schon in Bozen.

„Wenn jeder für sich anfangen würde, dann würde sich schon etwas ändern.“

Sandra Costa