Die Angst vor den Hormonen

Vor 56 Jahren kam die Anti-Baby-Pille auf den Markt. Die Euphorie ist der Angst vor den Nebenwirkungen gewichen: Thrombosen, Depression, oft sogar Tod. Immer mehr Frauen nutzen alternative Verhütungsmethoden.
Die Angst vor den Hormonen
Vor 56 Jahren kam die Anti-Baby-Pille auf den Markt. Die Euphorie ist der Angst vor den Nebenwirkungen gewichen: Thrombosen, Depression, oft sogar Tod. Immer mehr Frauen nutzen alternative Verhütungsmethoden.

19.00 Uhr, das Handy von Simone Schwarz vibriert. Sie zieht einen Blister aus ihrer Ledertasche, drückt sich eine Tablette heraus und schiebt sie schnell in den Mund. Seit sie 15 ist, macht Simone das jeden Tag zur selben Zeit. Damals hat sie ihren ersten Freund kennengelernt, hatte das erste Mal Sex, und ihre Mutter machte sich das erste Mal Sorgen, dass ihre Tochter zu früh schwanger werden könnte. Also schickte sie Simone zum Frauenarzt. Der verschrieb ihr die Antibabypille Yaz. Über die Nebenwirkungen aufgeklärt wurde sie nicht. Was man ihr jedoch sagte: es sei ein Gerücht, dass man durch die Pille zunimmt. Kein Wort über Hormone, Thrombosegefahr oder Todesfälle. Und kein Wort über alternative Verhütungsmittel. „Weil ich damals selbst nicht viel darüber wusste, habe ich dem Arzt vertraut und die Pille einfach genommen“, erzählt die Ultnerin sechs Jahre, 72 Pillenpackungen und 2.016 Pillen danach. Und nun ist Schluss.

Als Raucherin ist Simone zusätzlich gefährdet, durch die Pille an einer Thrombose zu erkranken. Das wurde ihr erst bewusst, als sie sich selbst über die Nebenwirkungen ihres Hormonpräparats informierte. Auf einmal verstand sie auch, dass ihre Migräne während der Periode, die schlechte Laune und auch die mangelnde Lust auf Sex den Hormonen geschuldet waren. „Ich fühlte mich einfach nicht mehr wie ich selbst“, erzählt sie, „ich war schlapp, unzufrieden und oft grundlos traurig“.

„Ich war schlapp, unzufrieden und oft grundlos traurig.“

Simone Schwarz

Simone Schwarz nahm sechs Jahre lang die Pille. Jetzt ist Schluss.

Wie Simone müssen zwischen einer und zehn von 100 Anwenderinnen mit Stimmungsschwankungen und Kopfschmerzen rechnen, wenn sie die Antibabypille der Marke Yaz einnehmen. Der Beipackzettel ist 19 DIN A4-Seiten lang. Die Kombinationspille der dritten Generation enthält die zwei weiblichen Hormone Drospirenon und Ethinylestradiol und birgt ein wesentlich höheres Thromboserisiko als Pillen der ersten Generationen.

Zusammen mit Yasmin und Valette ist sie eine der einträglichsten Arzneien überhaupt. Der Hersteller, die Bayer AG, muss sich seit Jahren jedoch auch mit Klagen herumschlagen. Mehr als 100 junge Frauen sollen wegen der Einnahme der Antibabypillen des rheinischen Pharmakonzerns ihr Leben verloren haben. Die britische Tageszeitung „The Guardian“ hat die Eltern einiger Opfer getroffen und über die Nebenwirkungen der Präparate aufgeklärt.

Der Beipackzettel ist 19 DIN A4-Seiten lang.

Es war der 9. Mai 1960, als das Präparat Enovid als erstes hormonelles Verhütungsmittel in den USA zugelassen wurde. Mit einer Tagesration von 100 Milligramm Östrogen wurde die Schwangerschaft planbar, der Grundstein für die sexuelle Revolution war gelegt. Keine zehn Jahre später nahmen bereits mehr als 13 Millionen Frauen in den USA die Pille. Mit einem Pearl Index von 0,03 bis 1,0 bietet die Antibabypille nach wie vor eine fast hundertprozentige Sicherheit nicht schwanger zu werden. Kein anderes Verhütungsmittel auf dem Markt war derart zuverlässig. Das gilt auch heute noch. Und so nehmen 56 Jahre später gut 16 Prozent der italienischen Frauen zwischen 15 und 44 die Nebenwirkungen in Kauf, weltweit sind es rund 100 Millionen Frauen. Dabei besteht laut Beipackzettel allein das Risiko für die Bildung eines Blutgerinnsels in einem Blutgefäß für ungefähr 9 bis 12 von 10.000 Frauen pro Jahr. Thrombose ist Nebenwirkung Nummer eins der Pille.

Die Bozner Frauenärztin Monika Malleier hält die Angst vor der Pille für übertrieben. „Gefühlt kriegen alle eine Thrombose, die eine Pille nehmen“, erklärt Malleier, die seit 20 Jahren Fachärztin ist, „das ist Schwachsinn“. Die Thrombose sei lediglich eine „Summation von Risikofaktoren“. Speziell in Südtirol kursierten „viel zu viele Mythen“ rund um das meistverwendete Verhütungsmittel. Malleier hält dagegen: „Die Risiken sind minimal“. Ihrer Ansicht nach überwiegen die Vorteile. Reduktion der Regelschmerzen, Verhinderung von Blutverlust und der Schutz vor Eierstockkrebs seien nur einige davon. Nebenwirkungen würden eigentlich nur während der Anpassungsphase auftreten, nach etwa drei Monaten würden die sich legen. „Die Pille ist ein wertvolles Instrument, mit dem wir Ärzte gewisse Beschwerden lindern und Pathologien wie Zyklusstörungen therapieren können. Zudem ist es eine sichere Verhütungsmethode“, resümiert die Gynäkologin. Was will man mehr?

Pearl-Index

Der Pearl Index gibt an, wie hoch der Anteil sexuell aktiver Frauen ist, die trotz Verwendung einer bestimmten Verhütungsmethode innerhalb eines Jahres schwanger werden. Je niedriger der Pearl-Index, desto sicherer die Methode.

Dass bei über 100 Millionen Anwenderinnen weltweit mindestens 100.000 Frauen jährlich eine Thrombose durch die Antibabypille erleiden und einige womöglich daran sterben, scheint für die Frauenärztin nicht so sehr ins Gewicht zu fallen. Die Opfer sind Frauen wie Lisa Verdorfer. Die junge Frau aus Burgstall war 16, als sie wegen starker Regelschmerzen zur Frauenärztin ging. Empfohlen wurde ihr, wie Simone, die Pille.

„Jede in meinem Umkreis hat die Pille genommen, also habe ich mir keine großen Gedanken gemacht“, sagt die heute 23-Jährige. Was eine Thrombose ist, wusste sie damals nicht. Obwohl die Burgstallerin nicht an Übergewicht litt, keine Raucherin war und sich gesund ernährte, sollte sie ihre Lektion ein dreiviertel Jahr später doch lernen. Diagnose: Thrombose (unter Kontrazeptiva). Ihre Thrombose war also den empfängnisverhütenden Mitteln zu schulden, die sie einnahm. Es folgten drei Monate mit Blutverdünnungsmitteln und Spritzen, die das Blutgerinnsel wieder auflösen sollten. „Meine Frauenärztin hat vor Einnahme der ersten Pille nie eine Blutuntersuchung verlangt“, erzählt Lisa. Als diese nachgeholt wurde, entdeckten die Ärzte, dass sie an einer genetischen Mutation leidet, die Thrombosen begünstigt. Anders gesagt: Sie hätte sterben können.

Anders gesagt: Sie hätte sterben können.

Lisa Verdorfer ist eine von mindestens 100.000 Frauen weltweit, die durch die Antibabypille eine Thrombose erleiden.

Die Visite bei einem Frauenarzt dauert keine dreiviertel Stunde. Deutlich mehr Zeit nimmt man sich in der Hebammenpraxis CoMadre in Klausen. „Man weiß ja nicht, wen man vor sich sitzen hat“, sagt Anna Gantioler, „herauszufinden, mit welchen Erwartungen die Frauen gekommen sind, ist zeitaufwendig“. Seit 25 Jahren ist die Mittvierzigerin Hebamme und dadurch laut Gesetz für die Begleitung der gesunden Frau von der Pubertät bis in die Wechseljahre zuständig. Eine Erstvisite dauert bei ihr mindestens eineinhalb Stunden. „Ich mache Vorschläge und berate die Frau, damit sie am Ende eine bewusste Entscheidung treffen kann.“

Gantioler klappt die aktuelle Ausgabe einer Hebammenzeitschrift vor sich auf dem Tisch auf. Auf zwei Heftseiten sind alle existierenden Verhütungsmittel samt Pearl-Index, Vorteilen, Nachteilen und dem Hintergrund angeführt. „Ich zeige die ganze Palette an Verhütungsmitteln“, sagt Gantioler. Sie weiß aus langjähriger Erfahrung: „Das Verhütungsmittel, das für jede ideal und richtig ist, gibt es nicht.“ Jede Methode habe ihre Berechtigung. In Bozen sieht man das anders: Verhütungsmethoden wie das Kontrollieren des Zervixschleims oder die Temperaturmessmethode spart Frauenärztin Malleier bei ihren Beratungsgesprächen aus. Ihre Begründung: „Wenn eine Methode eine 50-prozentige Versagensquote hat, ist das für mich keine valide Empfängnisverhütung.“ Anna Gantioler schockiert diese Aussage nicht, die Medizin habe nun mal nur zwei Lösungsansätze für Frauen: „Skalpell oder Hormone.“ Und auch die unglückliche Verquickung zwischen Pharmaindustrie und Medizin spielt ihrer Meinung nach eine große Rolle. Sie rät dazu, sich schlau zu machen, eine zweite Meinung einzuholen und Verschiedenes auszuprobieren.

„Wenn eine Methode eine 50-prozentige Versagensquote hat, ist das für mich keine valide Empfängnisverhütung.“

Monika Malleier

Basaltemperaturmethode

Jeden Morgen direkt nach dem Aufwachen wird die Temperatur gemessen. Pearl Index: 0,3-3,0

Jeden Tag muss die Beschaffenheit des Gebärmutterhalsschleims untersucht werden. Pearl Index je nach Erfahrung: 1,4-39,7

Diaphragma: Sogenanntes Kondom für die Frau. Pearl Index: 2-5

Kondom: Gummiüberzug für den Penis. Schützt gleichzeitig auch vor sexuell übertragbaren Krankheiten. Pearl Index: 3-5

In den vergangenen Jahren ist das Interesse an alternativen Verhütungsmethoden deutlich gestiegen. In Österreich hat 2012 noch fast jede zweite Frau im gebärfähigen Alter die Pille genommen. Heute sind es nur noch 38 Prozent. Auch in der Schweiz sind die Zahlen um sieben Prozent zurückgegangen. Bei drospirenonhaltigen Produkten sogar um 56 Prozent. Obwohl das Hormonpräparat heute von Ärzten und Herstellern oft als Lifestyleprodukt beworben und jungen Mädchen als Mittel gegen Akne, fettige Haut und Menstruationsbeschwerden angepriesen wird, denken viele um. „Schlussendlich müssen nicht die Werbetexter oder Ärzte mit den Nebenwirkungen leben, sondern die Frauen“, meint Anna Gantioler.

Ein Fakt, der der „Pille für den Mann“ zum Verhängnis wurde. Stimmungsschwankungen, Akne, eine gesteigerte oder verminderte Libido, Kopfweh, Muskelschmerzen, Gewichtszunahme und Depression sind Pillen-Nebenwirkungen, mit denen das männliche Geschlecht für die Empfängnisverhütung nämlich nicht leben will. Alle Versuche dazu scheiterten deshalb. So auch eine kürzlich begonnene Studie zur „Pille für den Mann“ mit nur 320 Probanden. Der per Spritze verabreichte Hormoncocktail, der den Mann kurzzeitig unfruchtbar machen sollte, wird alle zwei Monate gespritzt und schützt mit 96-prozentiger Sicherheit vor einer Schwangerschaft. Auf dem Markt ist er trotzdem nicht gelandet. „Erfunden haben sie die Männer und wir Frauen konsumieren sie“, sagt Gantioler, grinst und zuckt mit den Schultern „Solange die Männer in der Chemie das Sagen haben, werden sie bestimmt keine Pille für sich selbst entwickeln.“

Dank Internet seien Frauen mittlerweile aber so gut informiert wie nie zuvor. Das trage deutlich dazu bei, dass sie vermehrt bereit dazu seien, die Verantwortung für sich und ihre Gesundheit auch selbst zu tragen. Früher hätten Frauen ihre Gesundheit gerne dem Doktor überlassen, heute entschieden sie sich lieber selbst. Monika Malleier erklärt die rückläufige Tendenz der Pille ganz anders. Sie habe „primär mit Fehlinformation durch die Medien zu tun“. Die Nebenwirkungen der Hormonpräparate hätten in den letzten 56 Jahren nämlich nicht zugenommen. Das Gefühl dafür habe sich jedoch „total verzerrt“.

Glaubt man der Frauenärztin, so hätten auch 20 Jahre durchgehender Pillenkonsum keine negativen Auswirkungen auf den Körper. „Welchen Schaden soll sie machen?“ Sie habe „weder einen gesundheitlichen Nachteil noch einen Nachteil für die Fortpflanzung“. Dass die Wirkung jedoch nicht auf die Eierstöcke begrenzt bleibt, wird im Gespräch mit Anna Gantioler klar. Sie vergleicht den Hormonhaushalt einer Frau mit einem „riesigen Orchester“. „Alle Hormone spielen zusammen ein großes Konzert und beeinflussen sich gegenseitig“. Jahrzehntelang chemische Hormone einzunehmen, beeinflusse natürlich die selbst produzierten.

„Schlussendlich müssen nicht die Werbetexter oder Ärzte mit den Nebenwirkungen leben, sondern die Frauen.“

Anna Gantioler

Hebamme Anna Gantioler zeigt ihren Patientinnen die gesamte Palette an Verhütungsmitteln - auch alternative Methoden.

Frauen, die von frühester Jugend an Jahrzehnte lang die Pille nehmen, wüssten gar nicht, wie sie ohne Pille wären. Dazu kämen neben dem Thromboserisiko die Interferenzen mit anderen Medikamenten und auch psychische Nebenwirkungen. „Bis zu 70 Prozent der Frauen, die die Pille nehmen, erfahren nennenswerte psychische Veränderungen mit Tendenz zur Depression“, erklärt Gantioler und bezieht sich dabei auf eine Aussage des Primars Dr. Heidegger der Gynäkologie im Krankenhaus Meran.

Diese Aussage bestätigt auch eine Studie der Universität Kopenhagen, die im September diesen Jahres im bekannten „Journal of the American Medical Association - Psychiatry“ veröffentlicht wurde. Der dänische Professor für Geburtshilfe und Gynäkologie Oejvind Lidegaard erforscht die Nebenwirkungen der Antibabypille mit seinem Team bereits seit über 30 Jahren. In der aktuellen Studie wurden Daten von über einer Million Frauen im Alter von 15 bis 34 Jahren ausgewertet. Herausgekommen ist, dass das Risiko an einer Depression zu erkranken, bei Frauen die hormonell verhüten, in den ersten sechs Monaten nach der Einnahme um durchschnittlich 40 Prozent steigt. Bei Frauen zwischen 15 und 19 Jahren sogar auf ganze 80 Prozent. 

Vor allem nach der Geburt werden diese Einflüsse der Hormone den Frauen immer stärker bewusst, meint Gantioler. Die Pille nehmen ihrer Erfahrung nach dann nur noch wenige. Lisa und Simone sind da wohl etwas früher dran. Sie haben das Verhüten inzwischen ihren Partnern übertragen. Per Kondom.

„Bis zu 70 Prozent der Frauen, die die Pille nehmen, erfahren nennenswerte psychische Veränderungen mit Tendenz zur Depression.“

Anna Gantioler