Bauchkribbeln auf Tinder

Swipe, Match, Sex. Oder doch nicht? Für die einen ist Tinder nur eine App für schnellen Sex, andere finden durch Tinder ihre große Liebe. Drei Paare und ihre Geschichte.
Bauchkribbeln auf Tinder
Swipe, Match, Sex. Oder doch nicht? Für die einen ist Tinder nur eine App für schnellen Sex, andere finden durch Tinder ihre große Liebe. Drei Paare und ihre Geschichte.

Einfacher ging flirten wohl nie. Anmelden, Standort eingeben und schon sieht man Fotos von Männern oder Frauen oder beiden, die sich in einem bestimmten Umkreis von einem selbst befinden. Gefällt einem, was man sieht, wischt man nach rechts, wenn nicht, nach links. Wischen beide nach rechts … it's a Match! Dann können Mann und Frau, Frau und Frau oder Mann und Mann über die App miteinander schreiben und sich auf Wunsch treffen. Für was-auch-immer.

Tinder ist eine App für schnelle Flirts und unkomplizierte One-Night-Stands – so zumindest die weitläufige Meinung. Auch in den Medien wird Tinder etwa als „the hookup app“ betitelt. „Spiegel Online” schreibt von „Sex per Chat“ und „The Guardian” über „Tinder: the app that helps you meet people for sex“.

Aber ist diese App mit dem Ruf Wir-treffen-uns-und-haben-Sex wirklich nur eine Vermittlung zwischen zwei Menschen, die nach einem One-Night-Stand suchen? Oder kann sie vielleicht doch noch mehr? BARFUSS wollte es genauer wissen, fragte bei Tinder selbst nach und startete einen Facebookaufruf. Mehrere Paare meldeten sich, die alle eines gemeinsam haben: Ihr Leben hat sich durch Tinder grundlegend verändert. Drei davon stellen wir vor. 

Tinder ist die größte Single-Community der Welt mit rund 26 Millionen Matches pro Tag.

Tinder wurde im September 2012 in Los Angeles auf den Markt gebracht. Heute gibt es die App in 190 Ländern und in mehr als 30 Sprachen. Ein Sprecher von Tinder bezeichnet die App im BARFUSS-Interview in erster Linie als „eine Plattform, um neue Leute kennenzulernen.“ Eine Social App also, die Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen, Generationen und Nationen zusammenbringt.

 

Die weltweit größte Single-Community der Welt verzeichnet weltweit täglich rund 1,6 Milliarden Swipes (also nach links oder rechts „Wischer”) und 26 Millionen Matches. Und wer Tinder nicht nur nutzt, um zu schauen, wem er oder sie gefällt, und damit einen „Tindergarten“ züchtet (so wird im Netz die Sammlung von Matches oder Kontakten zur Selbstbestätigung bezeichnet), der trifft sich auch offline mit seiner Tinderella oder seinem Tinder-Prinzen. Jede Woche gibt es so weltweit 1,5 Millionen Tinder-Dates, aus denen Freundschaften, Flirts, Romanzen und auch langfristige Beziehungen entstehen können.

 

Tinder-Kritiker behaupten immer noch hartnäckig, es gehe auf Tinder nach wie vor nur um Abenteuer und schnellen Sex. In einem Beschreibungstext eines Online-Tests der App steht: „Wer die Oberflächlichkeit satt hat und lieber einen Partner sucht, der wirklich zu einem passt, sollte sich bei Partnervermittlungen umsehen.“

Tinder bezieht im Interview Stellung dazu und kontert: „Das Tinder-Erlebnis spiegelt wider, wie wir auch im echten Leben neue Leute treffen. Und darauf sind wir stolz. Man muss nicht erst 50 Fragen beantworten und genau angeben, wonach man sucht.“ Das Unternehmen ist bemüht, sein oberflächliches Image abzustreifen. Seit Juli diesen Jahres gibt es sogar ein Feature für Transgender. Wo vorher nur die Einstellung männlich oder weiblich möglich war, gibt es jetzt 36 verschiedene Auswahlmöglichkeiten wie Transmann, Transfrau oder Gender-frei. 

Bis heute gab es auf der App mehr als 20 Milliarden Matches. Matches, wie das von Chris und Maria Stella. Die beiden BARFUSS-Leser aus Stuttgart haben vor zwei Jahren beide nach rechts gewischt. Inzwischen haben sie geheiratet und einen gemeinsamen Sohn.

„Das Tinder-Erlebnis spiegelt wider, wie wir auch im echten Leben neue Leute treffen."

Sprecher von Tinder

Chris und Maria Stella: Auf das Match folgten Hochzeit und Sohn Henry.

Chris und Maria Stella Schultze hatten bereits vor ihrem Kennenlernen im August 2015 einige Tinder-Dates. Daraus entstanden allerdings immer nur flüchtige Bekanntschaften oder kurzlebige Beziehungen. „Deswegen hat uns beide überrascht, dass über Tinder einmal eine Heirat und Kinder entstehen würden“, gibt Chris zu und lacht.

Damals schreiben sich der Schlossführer und die Hebamme rund eine Woche lang Nachrichten, bevor sie sich im Biergarten auf ihr erstes Date treffen. „Dann ging alles sehr schnell“, erinnert sich Maria Stella. Die 28-Jährige und der 38-Jährige verstehen sich auf Anhieb gut und bereits beim dritten Date sprechen sie das Thema Kinder an.

Ende November 2015, nur drei Monate nach ihrem ersten Date, hält Chris um die Hand seiner Maria Stella an, im Februar 2016 ziehen sie zusammen. Im Mai 2016 findet die Hochzeit statt und nicht ganz ein Jahr später kommt im Februar diesen Jahres Sohn Henry zur Welt.

Henry macht das Glück von Chris und Maria Stella Schultze komplett.

„Es ist so toll, Vater zu sein, und meine Frau freut sich unglaublich darüber, Mutter zu sein“, schwärmt Chris. Das Paar geht von Anfang an offen damit um, wie sie sich kennengelernt haben. Das sei in der heutigen Gesellschaft kein Tabu mehr, oobwohl immer noch alle überrascht seien, dass es gerade über Tinder geklappt habe.

 

„Jeder sollte die App versuchen. Egal ob nur für einen One-Night-Stand oder um die Liebe seines Lebens zu finden. Es ist eine gute Sache, um Leute kennenzulernen“, findet Chris und spricht das an, womit auch Tinder wirbt: „Ein Freund, ein Date, eine Romanze oder sogar eine zufällige Begegnung können das Leben eines einzelnen für immer verändern”, steht auf der Website. Das Leben von Chris und Maria Stella hat Tinder auf jeden Fall verändert. „Äußerst positiv sogar.“

„Jeder sollte Tinder versuchen. Egal ob nur für einen One-Night-Stand oder um die Liebe seines Lebens zu finden.“

Chris Schultze

Laut einer Studie sollen Paare, die sich online kennenlernen, länger zusammenbleiben.

Durch Apps wie Tinder und Co. lernen sich Menschen aus aller Welt und aus unterschiedlichen Kulturen kennen und auch lieben. Eine aktuelle Studie mit dem Titel The Strength of Absent Ties: Social Integration via Online Dating kam zudem zum Ergebnis, dass Paare, die sich online kennenlernen, länger zusammenbleiben. Weiters würden sie sich weniger häufig scheiden lassen, als Pärchen, die sich auf „herkömmlichen" Weg kennenlernten.

Die Einfachheit und der Spaß an der Plattform machen sie besonders für Millenials interessant, die vor Tinder eher wenig Online-Dating genutzt haben“, erklärt der Sprecher von Tinder. „Das hat auch dazu beigetragen, das Stigma abzubauen, das mit dem digitalen Kennenlernen neuer Leute verbunden ist."

 

Auch Sandra* hat mit Tinder zum ersten Mal eine Online-Dating-App benutzt. Und auch sie hatte bald schon das Match ihres Lebens.

Es war auf ihrer Amerikareise, als Sandra zum ersten Mal Tinder ausprobiert. Eine Freundin hat ihr davon erzählt. Sie hat öfters Tinder-Dates. Aber nicht, um Sex zu haben, sondern um etwa Tennis zu spielen, etwas Essen zu gehen, neue Freundschaften zu knüpfen. „Ich dachte mir: Ja klar, als ob die Männer auf Tinder nur Tennis spielen gehen wollen“, gibt Sandra lachend zu. „Tinder ist eben doch eine App, die einen gewissen Ruf hat.“

Als sich eine Freundin aus Amerika mit einem Fakeprofil auf Tinder anmeldet, um Sandra die App zu erklären, kommen innerhalb von wenigen Minuten die ersten Anfragen von Männern: Magst du mit mir essen gehen? Ich bin in der Bar ums Eck, hast du Lust auf Sex?

„Da drehte sich wirklich alles nur um das Eine“, erinnert sich Sandra. Dennoch neugierig, nutzt die 36-Jährige später doch noch selbst die App und trifft tatsächlich einen Mann, der mit ihr zu einer Weinverkostung geht. „Von da an dachte ich, es geht auch anders. Man kann auf Tinder auch nur Bekanntschaften schließen.“ Es ist ihr erstes Treffen mit einem Mann, den sie auf Tinder kennenlernte. Das zweite sollte dann ihr Leben verändern.

Im Mai 2015 entdeckt Sandra das Profil von Martin*. „Er hatte drei Fotos von sich drin und sah auf allen drei Fotos total anders aus“, erinnert sich die Meranerin. „Ich dachte mir, der hat bestimmt falsche Fotos eingefügt.“ Doch irgendwie lässt sie das Profil nicht mehr los. Sie will den 38-Jährigen kennenlernen.

Martin ist ihr gleich sympathisch. Im Gegensatz zu der quirligen Quasselstrippe, hat er einen ruhigen, ausgeglichenen Charakter. Schon bald treffen sich die beiden offline, im „realen Leben”. Bei ihrem ersten Date gehen sie ein Eis essen und anschließend noch in die Bar. Martin begleitet Sandra nach Hause, wo sie sich stundenlang unterhalten. Dann nimmt die Liebesgeschichte ihren Lauf.

„Ich dachte mir: Ja klar, als ob die Männer auf Tinder nur Tennis spielen gehen wollen.“

Sandra

Wenn aus einem Tindermatch die große Liebe wird.

Bereits im Juli ziehen Sandra und Martin zusammen und zwei Jahre später folgt dieses Jahr die Hochzeit und ihre gemeinsame Tochter kommt zur Welt. Sie macht das junge Glück perfekt. Und Sandras Freundin meint zur Liebesgeschichte auf Tinder nur: „Ich habs dir ja gesagt.“

Auch Anna* hätte nie gedacht, dass gerade sie einmal über Tinder ihre große Liebe finden würde. Bis vor diesem einen Abend im April 2014 hatte sie die App noch nicht mal auf ihrem Smartphone installiert. Wie so viele Tinder-Nutzer meldet sich die 30-Jährige damals aus Spaß an. Sie ist mit Freundinnen unterwegs und lässt sich bei einigen Cocktails und ausgelassener Stimmung überreden, die Dating-App zu installieren. „Mir fiel es schwer, jemanden kennenzulernen, und Tinder ist halt eine Chance, neue Leute zu treffen“, erklärt Anna rückblickend. Nach diesem Abend schreibt sie mit mehreren Männern, mehr als kurze Smalltalks sind das jedoch nicht. Nur mit einem Mann ist es anders.

Sie schreiben sich regelmäßig, nach einem Monat tauschen sie Telefonnummern aus, nach einem weiteren Monat trifft sie Stefan* zum ersten Mal. Der 31-Jährige ist beruflich oft unterwegs, dadurch dauert es immer lange, bis sie sich wiedersehen. Aber es funkt zwischen der Sekretärin und dem Soldaten. Nach einem Jahr ziehen die beiden zusammen, dieses Jahr haben sie eine Wohnung gekauft.

Familie und Freunde wissen, dass sich das Paar auf Tinder kennengelernt hat. Seit Kurzem ist sogar Annas Schwester auf Tinder. „Sie datet zurzeit regelmäßig eine Mann, den sie über die App kennengelernt hat“, grinst Anna, bei der es vor drei Jahren genau gleich angefangen hat. Auf Tinder, dieser App über die sich Mann und Frau, Frau und Frau oder Mann und Mann anscheinend nur für unkomplizierten Sex treffen.

Ja, Tinder hat einen gewissen Ruf und bei einer Dating-App, die es in 190 Ländern gibt und weltweit 26 Millionen Matches pro Tag erreicht, da gibt es eben auch Menschen, die nur auf der Suche nach schnellem Sex sind. Auch Anna sagt: „Bei Tinder dreht sich viel um Sex oder Sexbeziehungen, die App ist also mit Vorsicht zu genießen.“ Dennoch bereut sie es nicht. Ihre Erfahrung sowie die Erfahrung der zwei anderen Paare zeigt, dass Tinder eben auch anders geht.

„Wir haben herausgefunden, dass tatsächlich 80 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer auf Tinder nach ernsthaften Beziehungen suchen“, so der Sprecher von Tinder im Interview. Zwar gibt es keine offiziellen Zahlen über Beziehungen, die durch die App entstanden sind, aber Tinder selbst hat zehntausende Erfolgsgeschichten gesammelt, von Menschen, die durch ein Match die wahre Liebe getroffen haben. Geschichten von Beziehungen, Verlobungen, Hochzeiten und Tinder-Babys.

„Wir haben herausgefunden, dass tatsächlich 80 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer auf Tinder nach ernsthaften Beziehungen suchen.“

Sprecher von Tinder

Ein Tinder-Hack ließ 2015 heterosexuelle Männer miteinander flirten – während diese glaubten, mit einer attraktiven Frau zu schreiben. Ein Hacker erstellte mehrere Fake-Profile und spiegelte die Kommunikation anderer Nutzer über das Lockprofil, sodass diese miteinander schrieben. Mit der Aktion wollte der Hacker auf den sexistischen Unterton mancher Männer aufmerksam machen.

Männer wischen einen Tinder-Kontakt dreimal öfter nach rechts als Frauen. In einer Studie von Jess Carbino haben Frauen nur 14 Prozent aller männlicher Profile nach rechts gewischt. Dabei sind die beliebtesten Namen bei den Männern Patrick, Stefan und Mike. Bei den Frauen Laura, Mandy und Linda.

Josh Avsec und Michelle Arendas chatteten drei Jahre lang via Tinder und hörten dabei oft monatelang nichts voneinander. Sie zogen sich mit ihrer Schreib-Faulheit gegenseitig auf. Als Josh die witzigen Chatverläufe twitterte, wurden die beiden zum Internet-Hit und Tinder spendierte ihnen ihr erstes Date – und zwar einen Urlaub auf Hawaii.