Armes Südtirol

Armut ist auch für viele Südtiroler eine tägliche Realität. Die Scham dabei ist oft groß. Ein 67-jähriger Rentner erzählt, wie er fast auf der Straße gelandet wäre.
Armes Südtirol
Armut ist auch für viele Südtiroler eine tägliche Realität. Die Scham dabei ist oft groß. Ein 67-jähriger Rentner erzählt, wie er fast auf der Straße gelandet wäre.

Er führte ein ganz normales Leben. Ging jeden Tag zur Arbeit und kleidete sich adrett. Dann erkrankte er an Krebs, und mit dem Krebs kam die Armut.

Jetzt sitzt der ältere Mann bei Martin Niederstätter, Schuldnerberater der Caritas in Meran. In schwarzer Anzughose, Hemd und rotem Wollpullunder. Sein Gesicht ist leicht eingefallen. Tiefe Furchen in der Haut und Augenringe, die vor Jahren noch nicht da waren, zeugen von seiner schwierigen Vergangenheit. Er wirkt gepflegt, kann die kleinen Mottenlöcher im Strick und die eingerissene linke Hosentasche aber nicht verbergen.

Er nimmt seine schwarze, etwas zu große Lederjacke ab, setzt sich und faltet seine knochigen Hände auf dem Tisch. Bereit, offen über die schwere Zeit in seinem Leben zu sprechen, aber er will anonym bleiben. Wir nennen ihn Josef.

Viele ältere Menschen in Südtirol sind von Armut betroffen. 

Josef ist 67 Jahre alt. Seit 2009 lebt er in einem Sozialzimmer eines Seniorenhauses der Gemeinde. Ein Zimmer mit Dusche, WC und „schönem großen Balkon“. Die Küche mit vier Elektro-Öfen und Backrohr teilt er sich mit den anderen Bewohnern. Dort fühle er sich wohl, auch wenn es zwischen den Bewohnern hin und wieder Reibereien gebe. „Es ist klein, aber perfekt. Für diesen Preis würde ich nirgends sonst so eine Wohnung finden“, sagt er mit leiser, etwas kratziger Stimme. Aus seinem Mund blitzen dabei die paar Zähne, die er noch hat.

Seit Herbst vergangenen Jahres kriegt Josef eine Altersrente in Höhe von 638 Euro im Monat. Der Sozialsprengel zahlt alle Nebenkosten der kleinen Wohnung. Er selbst muss nur die 121 Euro Miete begleichen. 517 Euro bleiben zum Leben. Damit kann er leben, heute gehe es ihm gut, sagt er. Auch wenn er beim Einkaufen auf vieles verzichten muss. „Ich will halbwegs angezogen sein, aber ein Paar Hosen kostet locker um die 80 Euro. Früher habe ich einfach das gekauft, was mir gefallen hat. Heute geht das notgedrungen nicht mehr“, sagt er. Dennoch sei er zufrieden, denn vor kurzer Zeit sah seine Situation viel schlimmer aus. Josef stand kurz davor, sein Dach über dem Kopf zu verlieren. Seine Koffer hatte er schon gepackt. „Das war schlimm“, sagt er leise, mit gesenktem Kopf. Dann atmet er tief ein: „Hoffnung hatte ich keine mehr.“

Seit zwölf Jahren sind in Südtirol mehr als 30.000 Haushalte armutsgefährdet. In den Essensausgaben der Caritas in Bozen und Brixen wurden im vergangenen Jahr 46.500 warme Mahlzeiten verteilt – 38 Prozent mehr als in den letzten zwei Jahren. In der Obdachloseneinrichtung „Haus der Gastfreundschaft“ in Bozen suchten insgesamt 105 Leute Zuflucht, in den vergangenen 10 Jahren waren es noch nie so viele.

Wenn plötzlich keine Hoffnung mehr da ist.

Das Dach über dem Kopf zu verlieren, wäre für Josef das Schlimmste gewesen. Der Obdachlose auf diesem Bild verstaut sein Hab und Gut in einem Einkaufswagen.

Auch bei der Caritas Schuldnerberatung gibt es jährlich viel zu tun. Und zwar nicht nur, um die Schuldensituation der Klienten zu regulieren, sondern auch um sie bei Miete, Strom oder Gasrechnungen zu unterstützen. Ein geringes oder fehlendes Einkommen wird immer problematischer. Bei 44 Prozent der Neuzugängen ist das Einkommen eine Ursache für die Verschuldung.

„Es kommen Leute, die zu wenig Geld zur Verfügung haben, um in Würde ans Monatsende zu kommen. Es geht um existentielle Dinge“, sagt Petra Priller, langjährige Mitarbeiterin der Caritas Schuldnerberatung. Die Einrichtung betreut jedes Jahr über 1.300 Personen und Familien, die sich aus unterschiedlichen Gründen verschuldet oder überschuldet haben. 2015 waren von den 1.300 Personen insgesamt 644 Neuzugänge. Fast zwei Drittel verfügten dabei über ein monatliches Einkommen von weniger als 1.500 Euro, ein Drittel hatte im Monat sogar weniger als 1.000 Euro zur Verfügung. „Bei unerwarteten Ausgaben stoßen diese Personen schnell an ihre Grenzen“, weiß Priller. Von Armut betroffen sind hauptsächlich Rentner mit Mindestpensionen, kinderreiche Familien, Alleinerzieher, Immigranten und Ex-Selbstständige. „Grundsätzlich kann es aber jeden treffen. Auch einen Top-Manager.“

Dennoch haben laut Statistik über 50 Prozent der Menschen, die verschuldet bzw. überschuldet sind, nur eine Pflichtschule besucht. Je niedriger also der Bildungsstand, desto eher eine Schuldnerkarriere, denn „je niedriger das Gehalt, desto schwieriger ist es, damit bis ans Monatsende zu kommen.“ Laut der Einkommens- und Vermögensstudie der ASTAT vom Jahr 2013 sind in Südtirol 17,1 Prozent der Bevölkerung von der relativen Armut betroffen. Das heißt, sie verdienen nur 60 Prozent oder weniger des errechneten durchschnittlichen Prokopfeinkommens in Südtirol.

Und während die Armut hierzulande und global wächst, gibt es auf den anderen Seite immer reichere Menschen. 62 Milliardäre besitzen heute so viel wie 50 Prozent vom Rest der Welt.

„Armut kann jeden treffen. Auch einen Top-Manager.”

Petra Priller, Caritas Schuldnerberatung

Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Letzte Stufe: Obdachlosigkeit.

Josef führte ein ganz normales Leben, Geldsorgen hatte er keine. Er arbeitete zuerst als Kellner in Meran, später sechs Jahre lang als Abspüler. In seiner Freizeit ging er gerne spazieren und traf sich mit Freunden. Dann bekam der damals 58-Jährige 2007 die Diagnose Lungenkrebs. Und seine Odyssee begann. Er wurde operiert, war eine lange Zeit außer Gefecht, verlor seine Arbeit und sein Zimmer, das er in der Gaststätte hatte. Anfangs bekam eine Invalidenrente von 460 Euro, mit der er das Sozialzimmer bezahlen konnte.

2011, in dem Jahr, in dem er zuletzt Kontakt zu seiner älteren Tochter und seinen Enkelkindern hatte, wurde seine Invalidenrente gestrichen und das Geld wurde knapp. Vom 1. Januar 2012 bis zum 1. Januar 2014 bekam er keine Rente. „Ich habe es nicht mehr geschafft, meine Miete zu zahlen“, flüstert Josef. Er spricht leise und sehr langsam. Es fällt ihm schwer, über die Vergangenheit zu sprechen.

In den zwei Jahren hatte er kein Geld zum Einkaufen und „wurschtelte sich so durch“. Für Essen lieh er sich manchmal Geld von Freunden und seiner Schwester. Aber irgendwann gaben sie ihm auch nichts mehr. „Sie geben mal fünf Euro. Aber damit kauft man einen Liter Milch und fünf Semmeln“, erzählt er rückblickend.

Es ist eine der Folgen von Armut, die Josef langsam spürt – die soziale Ausgrenzung. Immer öfter sucht er sich sein Essen auf der Straße. „Man findet überall etwas, was die Leute nicht mehr wollen. Und man verdurstet auch nicht. Es gibt genug Brunnen“, sagt er wie selbstverständlich und lacht. Damals konnte er über seine Situation aber nicht lachen. Der Rentner zog sich immer mehr zurück, wurde einsam. „Das führt zu psychosozialen Problemen“, sagt Priller. „Es kann sein, dass Leute, die von Armut betroffen sind, anfangen zu trinken, zu spielen oder in die Schwarzarbeit abdriften, weil sie Angst vor einer Gehaltspfändung haben.” Josef macht nichts von alledem, aber er häuft Mietrückstände an. Irgendwann hat er über 6.000 Euro Mietschulden. Die Gemeinde fordert eine Ratenzahlung von monatlich 260 Euro. „Das wäre nie möglich gewesen. Das hättest du nie geschafft“, sagt Josefs Schuldnerberater Niederstätter heute zu ihm.

„Es kann sein, dass Leute, die von Armut betroffen sind, anfangen zu trinken, zu spielen oder in die Schwarzarbeit abdriften.”

Petra Priller, Caritas Schuldnerberatung

Armut ist auch hierzulande präsent. Vielen bleiben nur ein paar Euro nach Abzug der Fixkosten.

Hilfe suchen wollte Josef anfangs nicht. Er schämte sich, wie so viele. Doch irgendwann ging er doch zum Sozialsprengel. „Die schickten mich aber weiter an verschiedene Stellen, niemand war zuständig. Schließlich schickte man mich wieder nach Hause“, sagt Josef bedrückt. Hilfe hat er keine bekommen. „Sie sagten, meine Töchter müssten mir helfen.“ Aber auch zur ersten Tochter aus der vorigen Beziehung hatte er damals schon keinen Kontakt mehr. Seine Partnerin trennte sich 1979 von ihm, daraufhin gab es nur noch Streitereien, weswegen der Kontakt abbrach.

Auf Anraten einer Sozialassistentin ging Josef zum Vinzenzverein. Dort hat man ihn an die Caritas verwiesen. „Ich habe öfter gehört: zur Caritas brauchst du nicht gehen, die geben dir sowieso nichts. Also bin ich auch nicht her“, sagt Josef und lacht.

Priller will mit diesen Vorurteilen aufräumen. Denn wer bei der Caritas Hilfe sucht, der muss Unterlagen wie Kontoauszüge oder Kreditverträge vorweisen, bestimmte Regeln einhalten und sich auf den Prozess einlassen. „Wenn jemand drei Autos und Mietrückstände hat, dann muss er zuerst zwei Autos verkaufen, bevor er einen Beitrag kriegt. Damit können Klienten oft nicht umgehen.“

Wer aus einem bestimmten Grund abgelehnt wird, projiziere seinen Zorn auch oftmals zu Unrecht auf Migranten, so Priller. „Die Südtiroler brauchen aber keine Angst zu haben, dass ihnen die Arbeit weggenommen wird oder Migranten mehr kriegen als die Einheimischen. Man muss für eine finanzielle Sozialhilfe mindestens fünf Jahre ansässig sein. „Gerät man dann in Not, hat man inzwischen auch seine Beiträge bezahlt, warum sollte man dann keine Hilfe bekommen?“ Wenn jemand in Armut abrutscht, werde geholfen. Nicht nur bei der Caritas, die den Betroffenen eine Zeitlang finanziell unter die Arme greift, sondern auch bei den Sozialdiensten der Gemeinde, wo fürs Lebensminimum, für Mietbeiträge und Sonderleistungen angesucht werden kann.

Als Josef kurz davor war, seine Wohnung zu verlieren, wagte er sich am 2. September 2015 dann doch zur Caritas Schuldnerberatung. In genau dieses Büro, in dem er gerade sitzt, zu Martin Niederstätter. „Es sah sehr schlecht für ihn aus. Wir haben ihn aber in Zusammenarbeit mit anderen Sozialpartnern gleich finanziell unterstützt und konnten seine Wohnung retten“, sagt Niederstätter. „Ohne Hilfe hätte ich alles verloren. Es hätte schlimm ausgesehen und ich weiß nicht, ob ich dann heute hier sitzen würde“, sagt Josef.

„Zur Caritas brauchst du nicht gehen, die geben dir sowieso nichts.”

Erscheint die Situation irgendwann aussichtslos, kann Armut sogar zum Suizid führen.

Wie Josef kann es jeden treffen. Unvorhergesehenes wie eine Trennung, eine Betriebsauflösung oder eine Krankheit können Menschen in die Armut treiben. Es gibt aber noch ein weiteres Problem, das bei der ansteigenden Armut in Südtirol eine Rolle spielt: „Die Mieten sind viel zu hoch, die Löhne im Verhältnis und in bestimmten Arbeitskategorien zu niedrig. Die Mindestrenten müssen erhöht werden“, sagt Priller. Das sei zum Teil auch schon passiert, aber die Lebenshaltungskosten seien in den letzten Jahren auch gestiegen.

Um Existenzen zu sichern und Familien davor zu bewahren, nicht auf der Straße zu landen oder ohne Heizung und Strom leben zu müssen, sei es wichtig, dass die Politik und die Wirtschaft handeln. Denn auch wer Eigentümer einer Wohnung sei, habe es mit einer Mindestrente von 506 Euro schwer, seine vier Wände zu erhalten. „Das Gebäude wird älter, es gibt außerordentliche Instandhaltungskosten und mit dem Einkommen schafft man es gerade mal bis ans Monatsende“, erklärt Priller.

Ebenso müsse man dafür sorgen, soziale Akteure im Land besser zu vernetzen, es Arbeitgebern erleichtern, jemanden einzustellen und es brauche die Voraussetzungen, dass Jugendliche ihr Einkommen so nutzen können, um sich für die Zukunft abzusichern. „Aufgrund des niedrigen Einkommens haben viele nicht die Möglichkeit, eine private Rentenversicherung abzuschließen. Wenn sie später zur staatlichen Rente keine zusätzliche Rente erhalten, wird es schwer“, warnt Priller. Deshalb sei es wichtig, sich für die Zukunft abzusichern. Man muss wieder sparen lernen. „Aber wenn man kein Einkommen hat, weil man arbeitslos ist, oder man ein zu geringes Einkommen hat, wie soll man dann vorsorgen? Für solche Leute ist es wie eine Watsche ins Gesicht, zu sagen, sie sollen sparen.”

„Die Mindestrenten müssen erhöht werden“

Petra Priller, Caritas Schuldnerberatung

Petra Priller bei einer Beratung in ihrem Büro in Bozen.

Josef bekam Hilfe von der Caritas und deren Sozialpartnern wie dem Sozialsprengel, dem Vinzenzverein und der Organisation „Südtirol hilft“. „Verschuldet habe ich mich ja selbst …“, murmelt er fast ein bisschen peinlich berührt, dass man ihm geholfen hat. „Bei einer Katastrophe helfen die Leute ja gern aber bei so jemanden wie mir sagen sie: Das ist ja nur ein Taugenichts“, flüstert er.

„Aber Diagnose Lungenkrebs ist eine Katastrophe“ entgegnet Niederstätter, der Josef sehr bescheiden findet. „Wenn es so bleiben würde, könnte ich mir nichts Besseres wünschen. Wenn ich die Wohnung verloren hätte, dann weiß ich nicht, ob ich heute hier sitzen würde …“, wispert Josef erneut. Dieses mal mit gebrochener Stimme. „Ich hatte kein Vertrauen mehr zu mir und keine Hoffnung.“ Dann bricht er in Tränen aus und vergräbt sein Gesicht in seine knochigen Händen.

Ohne die finanzielle Unterstützung von Südtirolern wäre die Arbeit der Caritas nicht möglich. 2015 haben 9.938 Spender insgesamt 3,4 Millionen Euro gespendet. „Man hat mir so sehr geholfen. Ich danke den Spendern so sehr“, wiederholt Josef immer wieder im Laufe des Gesprächs. „Und so wie es jetzt ist, geht es mir gut. Ich komme über die Runden.“ Dann geht er über die Treppe hinunter nach draußen in den Regen. Hinauf nehme er immer den Fahrstuhl, sagt er. Die Anstrengung würde seine Lunge nicht mitmachen.

„Bei einer Katastrophe helfen die Leute ja gern aber bei so jemanden wie mir sagen sie: Das ist ja nur ein Taugenichts.“

Josef