Abwarten und hoffen

Hundert junge Männer warten im Haus Noah in Prissian und im Heim am Meraner Bahnhof auf ihren Asylbescheid. Zu Besuch in ihrem Zuhause auf Zeit.
Abwarten und hoffen
Hundert junge Männer warten im Haus Noah in Prissian und im Heim am Meraner Bahnhof auf ihren Asylbescheid. Zu Besuch in ihrem Zuhause auf Zeit.

Kelly Samota wirkt etwas nervös, als er mit einem „Good Morning everybody“ vor die versammelten Journalisten tritt. Auf einem Zettel hat er sich aufgeschrieben, was er im Namen der Bewohner des Hauses Noah in Prissian erzählen möchte – es sei nur Positives, nimmt er vorweg. Seine Rede ist voll mit Dankesworten, gerichtet an die Mitarbeiter und Freiwilligen im Haus, aber auch an die gesamte Dorfbevölkerung: „The people here are lovely and nice.“ Einige der Freiwilligen sind sichtlich gerührt, als der junge Nigerianer dies ausspricht. 

„The people here are lovely and nice.“

Kelly Samota

Kelly Samota spricht zu den Journalisten

Er bedankt sich für die Unterstützung der Freiwilligen und der Dorfbevölkerung.

Bewohner des Hauses Noah

Das rege Treiben bei der Pressekonferenz, die neugierigen Blicke und Fragen der Journalisten waren manchen Heimbewohnern nicht ganz geheuer. Sie beobachteten das Ganze zunächst von ihren Zimmern aus.

Buffet für die Pressekonferenz

Gemeinsam mit engagierten Frauen der Pfarrcaritas haben die Heimbewohner ein kleines Buffet für die Journalisten vorbereitet.

Die Anfang September einberufene Pressekonferenz im Flüchtlingsheim Haus Noah in Prissian stand unter dem Motto „50 Tage gemeinsam“ – seit 13. Juli sind Kelly und die 39 anderen Asylsuchenden schon im von der Caritas geleiteten Haus untergebracht. Die „neuen Prissianer“ leben im Ex-Salus-Gebäude in elf Zimmern. Drei oder vier junge Männer teilen sich ein solches, dazu gibt es ein Badezimmer und pro Stockwerk eine Küche. Gekocht wird selbst, ebenso wie eingekauft, gewaschen und geputzt. Dafür erhalten die Flüchtlinge acht Euro Taschengeld pro Tag, das muss reichen für Lebensmittel, Handykosten, Bustickets und persönliche Einkäufe, erklärt Caritasdirektor Franz Kripp. Auch um bösen Gerüchten den Zunder zu nehmen, legt Kripp in seiner Ansprache die Kosten klar und deutlich offen: 28 Euro zahlt der Staat pro Tag und Flüchtling an das Land, davon gehen 25,20 Euro an die Caritas, die damit das Haus instand hält, die Personalkosten abdeckt und acht Euro Taschengeld an die Flüchtlinge weitergibt.

Im Haus müssen sich die jungen Männer aus Nigeria, Gambia, Mali, Guinea und Ghana an bestimmte Regeln halten: Rauchen ist in den Räumlichkeiten nicht erlaubt, ebenso tabu ist Alkohol. Um 23 und 6 Uhr wird anhand von Präsenzlisten kontrolliert, ob jeder im Haus ist. Die Listen werden täglich an die Quästur weitergeleitet. Bei dreimaligem Fehlen hätte das harte Konsequenzen, der Bewohner müsste dann nämlich das Haus verlassen. Gemeinsam wurde ein Putzplan aufgestellt, an den sich die Bewohner auch halten. „Die Jungs sind sehr sauber“, erzählt Angelika Kofler, die Leiterin des Hauses. Es tue ihnen gut, dass sie Verantwortung übernehmen und selbst einkaufen und kochen – „sie haben natürlich auch eine andere Essenskultur“, fügt Kofler hinzu. 

Ein Flüchtling erhält acht Euro Taschengeld pro Tag.

Leiterin der Caritas-Einrichtung Haus Noah

„Dokumente und Arbeit“, sagt Angelika Kofler, „sie denken nur an Dokumente und Arbeit, alles andere ist nur Beschäftigung, damit sie etwas abschalten können.“ Die Leiterin des Flüchtlingsheims bringt damit die Wünsche der Bewohner auf den Punkt – das monatelange Warten auf den Asylbescheid zehrt an den jungen Männern, Beschäftigung ist dabei wichtig.

Willkommen!

Kelly steht im Eingangsbereich seines derzeitigen Zuhauses. In verschiedenen Sprachen ist dort „Willkommen” zu lesen. So fühlen sich die Bewohner hier auch, sagen sie.

Betreuer Alfonso und „seine Jungs"

Bunte Bilder hängen an den Wänden im Eingangsbereich der Unterkunft. Links kommt man ins Büro der Mitarbeiter, rechts schließt der Gemeinschaftsraum mit dem Tischtennistisch an.

Zusammensitzen vor dem Haus

Ihr Handy ist den Heimbewohnern sehr wichtig: Damit halten sie nicht nur Kontakt zu ihren Familien und Freunden, sondern hören auch den ganzen Tag Musik.

„I‘m a good cook“, sagt John. Der erst 20-jährige Nigerianer steckt mich mit seinem Lachen an. Reis, Bohnen, Suppe – das koche er mit seinem Zimmerkumpanen gerne. John fühlt sich wohl im Haus Noah, er mag die Leute hier und auch die Landschaft. Irgendwann würde er einmal gerne auf den Berg gehen, schwärmt er. John ist froh um die Aktivitäten, die die Mitarbeiter und Freiwilligen für die Bewohner im Haus organisieren. Während die anderen Bewohner aber gerne Fußballspielen, hat er sich ganz seiner Leidenschaft, der Musik, verschrieben – auch weil er nicht gut im Fußball ist, gesteht er lächelnd. Sein Traum wäre es, irgendwann mal selbst in einem Studio Musik zu produzieren, ein Traum, wie ihn wohl viele Gleichaltrige auf der ganzen Welt haben. John ist aber realistisch, er weiß, er würde jeden Job machen, Hauptsache, er darf endlich arbeiten. Für die Zukunft wünscht er sich, irgendwann ein glückliches Leben zu führen, zu heiraten und eine eigene Familie zu gründen. In Nigeria hat er niemanden mehr: „I‘m alone.“ 

„I’d like to have a good life.”

John

Angelika Kofler ist dabei, als ich mit John spreche. Man ist vorsichtig im Umgang mit der Presse, die Hausbewohner haben alle ihr Asylverfahren laufen. Bis dieses durch ist – das kann bis zu 18 Monaten dauern – sind Interviews heikel. Ich habe der Heimleitung versprochen, John nicht zu seinem Fluchtweg zu befragen, auch Antworten, die er mir gibt, könnten nämlich sein Asylverfahren beeinflussen. Ich verstehe die Sorge von Angelika Kofler, sie fühlt sich für ihre Jungs verantwortlich. Die 30-jährige Deutschnonsbergerin arbeitet seit 2011 für die Caritas und war auch schon im Haus Arnika in Meran tätig. In den sozialen Bereich ist sie „hineingerutscht“, aber nun richtig angekommen, meint die studierte Betriebswirtin. Gemeinsam mit vier anderen Mitarbeitern ist sie von der Caritas angestellt – drei Mitarbeiter sind untertags im Haus, zwei teilen sich den Nachtdienst.

Dies sind aber noch längst nicht alle, die sich um die 40 Bewohner kümmern – um die 50 Freiwillige sind um Aktionen und Projekte bemüht und wollen die neuen Prissianer im Dorf willkommen heißen. Eine Situation, die die Hausleiterin bisher nicht kannte, noch nie sei bei einer Hauseröffnung schon so viel positive Resonanz da gewesen. Auch daran mussten sich die hauptamtlichen Mitarbeiter erst gewöhnen. Thomas Dalsant, der Koordinator der Freiwilligen, erzählt, dass man sich zu Beginn erst einspielen musste, um die Zusammenarbeit zu optimieren. Das Arbeitsinstrument der Freiwilligen ist eine Facebookgruppe. Dort werden Ideen gesammelt, Projekte vorgeschlagen und sich ausgetauscht. „Haben wir eine konkrete Idee, kommen wir damit zu Angelika.“ So klappt die Zusammenarbeit gut, die Heimleiterin wird nicht mit Vorschlägen und Ideen überhäuft und man kann sich konkret an die Planung einer Aktion machen.

Um die 50 Freiwillige engagieren sich im Haus Noah.

Im Umgang mit der Presse sind die Betreiber der Flüchtlingsheime, aber auch die zuständigen Landesämter sehr reserviert: Eine BARFUSS-Anfrage für eine Genehmigung, um im Asylheim zu filmen, hatte einen langen Weg: vom Haus Noah, über die Caritas, das Amt für Soziales und das Regierungskommissariat, landete sie schließlich im Innenministerium in Rom – von diesem kam bis heute keine Rückantwort.

Es gab aber nicht nur positive Reaktionen auf das Flüchtlingsheim in Prissian. Auch Bürgermeister Christoph Matscher selbst war vor der Eröffnung des Hauses eher skeptisch, wie er zugibt. Nun stehe die Gemeinde aber voll hinter dem Flüchtlingsheim, man wolle einen Beitrag leisten, um konkrete Aktionen zu unterstützen und versuche die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die Flüchtlinge sich etwa durch kleinere Arbeiten in der Gemeinde einbringen könnten. Auf die Facebookgruppe „Bürgerinitiative Unser Prissian“ angesprochen, die die Schließung des Asylbewerberheims in Prissian fordert, findet Bürgermeister Matscher klare Worte: „Wer sich nicht zeigt, ist für mich auch nicht wirklich da.“ Laut Matscher sei diese Gruppe keine richtige Bürgerinitiative, da sie nie ihr Gesicht gezeigt habe und man auch nicht wisse, wie viele Personen dahinter stünden. Ein Dialog sei mit der Gruppe deshalb nicht möglich, so Matscher, der der Facebookgruppe mit aktuell 275 Likes keine große Bedeutung zusprechen mag. Gerüchte über die Identität der anonymen Drahtzieher gibt es einige, auch die Vermutung, dass es Personen von auswärts sind, die hier mitmischen, steht im Raum. Wenn auf der Facebookseite von Gefahren wie der „steigenden Kriminalitätsrate“ oder dem „Identitätsverlust“ der Bevölkerung durch die 40 neuen Prissianer geschrieben wird, zeigt sich dies aber in direktem Widerspruch mit den seit 13. Juli in Prissian gemachten Erfahrungen. Weder wurden von den Asylbewerbern Einbrüche verübt, noch hat sich Prissian zu einem Drogenumschlagplatz gewandelt. Selbst der Prissianer Bauer, den man in der Dorfbar antrifft, trägt noch seinen blauen Schurz. Identitätsverlust sieht anders aus.

„Wer sich nicht zeigt, ist für mich auch nicht wirklich da.“

Bürgermeister Matscher über die Facebookgruppe „Bürgerinitiative Unser Prissian”

Prissian Bürgermeister by BarfussMagazin

Bürgermeister Christoph Matscher über die ersten 50 Tage der Flüchtlinge in Prissian.

Julia Dalsant ist eine, die bewusst den Dialog mit der Gegenseite sucht. Auf Facebook ist sie fleißig am Kommentieren, auch wenn dies oft Kraft raubt. „Aber ich suche mir das ja selbst aus. Jeder gibt so viel an Ressourcen, wie er hat, man muss selbst haushalten“, erklärt die junge Frau. Es fällt auf, dass ihre Kommentare nie beleidigend sind – diesen sachlichen Ton vermisst man auf Facebook immer häufiger, sowohl auf der Flüchtlingsgegner als auch -befürworterseite. Julia erklärt ihre Einstellung: „Es geht nicht darum, andere zu diffamieren, zu sagen: Deine Meinung ist schlecht. Aber ich habe etwas dagegen, wenn es unmenschlich wird. Wenn ein System kritisiert wird, das ich auch kritisiere – aber diese 40 Menschen sind nicht Schuld an dem System.“ Julia Dalsant ist vom ersten Tag an aktiv als Freiwillige im Haus Noah mit dabei. Schon im Frühjahr hat sie sich für die Flüchtlinge am Brenner engagiert und über Facebook eine kleine Spendensammlung organisiert. Als sie hörte, dass ein Heim in ihrer Heimatgemeinde geöffnet werden soll, war es für sie nur logisch und konsequent, sich dort einzubringen, auch wenn sie selbst nicht mehr in Tisens wohnt.

Anfang Juli hat die Gemeinde zu einer Bürgerversammlung in Tisens geladen. Die Stimmung im Dorf danach war schlecht. Es war „schwierig“, beschreibt Julia einsilbig und wählt ihre Worte sehr bedacht. Ein anderer Helfer wird da schon konkreter: „Die war krass.“ Bei manchen Wortmeldungen habe er Gänsehaut bekommen. Er meint damit wahrscheinlich jene, die Befürchtungen aussprachen, wie dass Touristen abreisen würden oder dass dann nur noch laute „Negermusi“ durch Prissian schallen würde und die Polizei nichts dagegen machen könne. „Ich muss sagen, vor diesen Leuten hab ich mehr Angst, als vor den Leuten hier im Haus Noah. Wenn es langsam salonfähig wird, dass du jeden Scheiß laut sagen darfst – auch wenn viele es vielleicht nicht ganz so meinen – dann haben wir morgen ein Problem und sind das Heidenau von Südtirol“, erzählt der Freiwillige. Konkrete Vorfälle gab es allerdings nicht, die Stimmung im Dorf hat sich in den letzten zwei Monaten verändert. Auch wenn längst nicht alle Befürworter des Heimes sind, so hat sich doch eine Vielzahl an Helfern gefunden, die in das Haus Noah gegangen sind, die Bewohner kennengelernt und etwaige Ängste abgebaut haben.

„Die Bürger-versammlung in Tisens war krass.“

Ein freiwilliger Helfer

Prissian Julia by BarfussMagazin

„Die beste Präventionsarbeit"

Julia Dalsant über ihre Tochter Leonie, die sehr oft im Haus Noah dabei ist. 

Wenn Julia Dalsant vom Engagement ihres Vaters erzählt, strahlt sie. Von den Hausbewohnern wird er liebevoll „Opa“ genannt. Nie habe sie sich vorstellen können, dass er einmal fast täglich nach der Arbeit im Haus Noah vorbeischaut, sich in seinem gebrochenem Englisch mit den jungen Männern unterhält, mit ihnen den Rasen mäht, Hecken schneidet und Tischtennis spielt. „Das ist durch uns Kinder passiert“, sagt Julia stolz, die Freiwilligenarbeit hätten sie aber schon immer von ihren Eltern vorgelebt bekommen. Und sie lebt sie ihrer eigenen Tochter vor, die 7-jährige Leonie geht im Haus Noah ein und aus, als wäre es ihr Zuhause. Berührungsängste hat sie keine. „Mir grausts vor dem Moment, wenn die Asylbescheide kommen“, sagt Julia und mag gar nicht daran denken. Sie weiß, dass auch negative Bescheide dabei sein können und sehr wahrscheinlich auch werden. Die Jungs sind nun auch Freunde geworden.

„Mir grausts vor dem Moment, wenn die Asylbescheide kommen“

Julia Dalsant

Ortswechsel. Kelly und seine Freunde haben sich herausgeputzt – auch wenn sie nicht viel haben, für das Fest in Meran haben sie sich ihre besten Klamotten angezogen. Alles soll so gut wie möglich zusammenpassen, da ist mancher schon eitel. Warum auch nicht, denke ich mir. Wir tun das ja schließlich auch, wenn wir ausgehen. Das Flüchtlingsheim am Meraner Bahnhof hat zu einem kleinen Fest geladen. Dies habe man organisiert, um Begegnung zu ermöglichen, sagt der Künstler Erwin Seppi, einer der Organisatoren dieses Abends. Meranerinnen und Meraner sollten die Möglichkeit haben, sich mit den Flüchtlingen auszutauschen, mit ihnen in Kontakt zu treten. „Aus diesem Kennenlernen sollen sich Ideen und Projekte ergeben“, wünscht sich Seppi. Musik, Essen und ein Calcettotisch warten auf die Besucher des Festes vor dem Flüchtlingsheim.

„Aus diesem Kennenlernen sollen sich Ideen und Projekte ergeben.“

Erwin Seppi über das Fest der Begegnung am Meraner Bahnhof.

Erwin Seppi mit Anne Volgger, der Leiterin des Flüchtlingsheims am Meraner Bahnhof. Diese Einrichtung wird vom Verein Volontarius geführt.

Die Einrichtung am Meraner Bahnhof hat wie jene in Prissian im Juli ihre Tore geöffnet. Allerdings wird dieses Heim vom Verein Volontarius geführt. „66 Männer aus Mali, Senegal, Gambia, Ghana, Guinea-Bissau, Bangladesch und Pakistan wohnen hier“, berichtet Anne Volgger, die Koordinatorin des Heimes. Sie sind in Zweibettzimmern untergebracht, es gibt Gemeinschaftsbäder und drei Gemeinschaftsräume. „Leider haben wir keine Kochgelegenheiten, mittags und abends gibt es Catering, so wie in einer Mensa“, erklärt Volgger. Auch James, ein Bewohner aus Nigeria, erzählt mir, dass er und seine Mitbewohner gerne selbst kochen würden. Oft sei das Essen gut, oft würde es auch gar nicht schmecken, gesteht er mir. Dass er trotzdem sehr froh und glücklich sei, hier zu sein, vergisst er nicht anzufügen. 

 „Leider haben wir keine Koch-gelegenheiten, mittags und abends gibt es Catering“

Anne Volgger, Leiterin des Flüchtlingsheims in Meran

Zwei Bewohner des Flüchtlingsheims am Meraner Bahnhof
Im Gemeinschaftsraum

Die Gemeinschaftsräume im Heim sind noch sehr karg eingerichtet. Ein Sofa, eine Stereoanlage, ein paar alte Gesellschaftsspiele und eine Djembe – viel mehr findet sich darin noch nicht.

Der Frühstücksraum

Zwei Teekocher und ein paar Tische und Bänke stehen in diesem Raum bereit.

Bewohner des Heims am Meraner Bahnhofsareal

Die Vorbereitungen für das Pflanzen eines Afrikanischen Seidenbaums werden getroffen.

Afrikanischer Seidenbaum

Als Symbol wird beim Fest gemeinsam ein Afrikanischer Seidenbaum gepflanzt. Er bringt nun etwas Farbe in den Hof vor dem Heim.

Man merkt, dass diese Struktur ganz andere Voraussetzungen mitbringt als etwa das Haus Noah in Prissian. Das Arbeiterhaus war nicht als Wohnhaus konzipiert, sondern wurde bloß adaptiert – die kargen Gemeinschaftsräume lassen kaum Gefühle eines richtigen Zuhauses zu. Man ist erst dabei, sich gemütlich einzurichten. Bis jetzt haben es erst ein Sofa und ein paar Tische und Bänke in die Gemeinschaftsräume geschafft. Der Sprachunterricht klappt hingegen schon gut. Der Sprachunterricht sei Pflicht, erklärt Volgger, die meisten hier seien ohnehin motiviert zu lernen. Pro Woche erhält jeder Bewohner zweimal Deutsch- und zweimal Italienischunterricht. Natürlich sei es für viele schwer, gleich zwei Sprachen auf einmal zu lernen, aber sie haben gemerkt, dass Deutsch in Meran sehr wichtig ist und wollen es lernen.

„Der Sprachunterricht klappt schon sehr gut.”

Anne Volgger, Leiterin des Flüchtlingsheims in Meran

Sprachunterricht durch Freiwillige

Leo Matzneller ist 71 Jahre alt, pensionierter Gymnasiallehrer und gibt als Freiwilliger den Flüchtlingen Deutschunterricht. „Die deutsche Sprache ist nicht einfach für sie, aber einige haben Motivation und Ausdauer. Das freut mich sehr.”

„Manche grüßen daheim nicht mehr"

Gabriel Hertscheg aus Schenna ist 17 Jahre alt. Im Sommer hat er ein Praktikum im Haus Arnika in Meran gemacht, dadurch kam er auch mit dem Flüchtlingen am Bahnhof in Kontakt. Bei manchen im Heimatdorf komme sein Engagement nicht so gut an, erzählt er.

Zum Zeitvertreib – auch die Bewohner dieses Heimes dürfen nämlich noch nicht arbeiten, da sie erst auf ihren Asylbescheid warten – wurde eine kleine Tischlerei hinter dem Haus eingerichtet. Gemeinsam mit Freiwilligen, die für Volontarius eine der Hauptsäulen seien, wurden Gartenmöbel aus Pellets hergestellt und ein Gartenprojekt mit Hochbeeten realisiert. Auch ein Schneiderprojekt soll bald starten. Gemeinsam mit den Obermaiser Fußballern trainieren einige Flüchtlinge regelmäßig – Aktionen zur Integration, aber auch Aktionen, um auf andere Gedanken zu kommen und sich abzulenken. Der eine, große Wunsch ist bei allen Flüchtlingen, den Prissianern und Meranern, nämlich stets präsent: Endlich Dokumente zu bekommen, um arbeiten zu dürfen. Bis dahin heißt es: Abwarten. Und hoffen.

Der große Wunsch: Dokumente bekommen, um zu arbeiten.

calcetto_v1

Begegnung beim gemeinsamen Calcetto-Spielen.