„Komplett vergessen“

Die Gesellschaft zeigt sich bereit für den Neustart. Und lässt dabei viele zurück.
„Komplett vergessen“
Die Gesellschaft zeigt sich bereit für den Neustart. Und lässt dabei viele zurück.

Alexandra K. wunderte sich anfangs selbst, wie abgehärtet sie ist. Wie kalt es sie ließ, wenn sie jetzt nur noch ein Tuch über die Leichen legen musste, bevor sie unmittelbar zur Bestattung abgeführt wurden. Früher wurden die Toten noch gewaschen, einbalsamiert, schön eingekleidet. Mit solchen Aufmerksamkeiten ist seit Beginn der Corona-Epidemie bis auf Weiteres Schluss.

Alexandra K. arbeitet in einem ländlichen Südtiroler Altersheim, das für rund 30 Bewohner Platz hat. Normalerweise. In den letzten Wochen sind neun Heimbewohner gegangen – passed away, wie man im Englischen diskret sagt. Covid-19 hat auch innerhalb der Mauern des Altersheims die Runde gemacht. Von den Verstorbenen wurden vier positiv auf das Virus getestet. Bei den anderen schlug der Test negativ an, die Symptome deuteten aber ebenfalls auf eine Infizierung hin.

Vielmehr als die Behandlung der Toten war für die Betreuer des Altersheims die Behandlung der Lebenden gewöhnungsbedürftig. Die Vorgaben waren klar: Die Betroffenen sollten in einem isolierten Raum ausharren, Besuch von Angehörigen ist offiziell nicht gestattet. Der einzige persönliche Kontakt sollte zu den Heimbetreuern bestehen, die sich alle Mühe gaben, trotz ihres unter der Maske unkenntlichen Gesichts Wohlwollen und Sicherheit zu vermitteln.

„Wenn man sich mit dem eigenen Namen zu erkennen gab, leuchteten die Augen der Bewohner schon auf. Man kennt sich in der Regel ja schon seit Jahren“, berichtet Alexandra K., die das Durchhaltevermögen und die Zähigkeit der alten Menschen in der Isolation bewundert.

Als das Leid von Bewohnern und Angehörigen zu groß wurde, entschied man sich im Heim – auch auf Anraten der kommunalen Hausärzte – für ein Vorgehen, das technisch illegal und aus ethischer Sicht vielleicht als Akt des Widerstands zu werten war. Das Personal ließ Angehörige zu denen vor, die im Sterben lagen. Ein völlig abgeschottetes Aus-dem-Leben-Scheiden: das fanden Alexandra K. und die anderen Betreuer einfach nicht zumutbar. Damit stellten sie sich gegen die offiziellen Vorgaben, die zugunsten des unmittelbaren Schutzes des Lebens und auf Kosten der Frage nach einem würdevollen Leben und Sterben aufgestellt worden waren.

Das Personal ließ Angehörige zu denen vor, die im Sterben lagen.

Warten auf bessere Zeiten: Wer den Lockdown in einem Altersheim verbrachte, musste viel Geduld aufbringen.

Die soziale Isolation gefährdet aber auf lange Sicht nicht nur ein gutes, sondern auch das nackte Leben. Vor allem bei älteren Menschen erhöht Einsamkeit nachweislich Morbidität und Mortalität. Darauf wiesen Forscher und Forscherinnen der Claudiana noch am 15. April in einem Brief an die Landesregierung hin. Sie forderten die Politik auf, endlich Maßnahmen zu ergreifen, die sowohl mit dem Seuchenschutz als auch mit präventivmedizinischen Prinzipien und einer würdevollen Behandlung der Patienten vereinbar sind. Von der Landesregierung kam als Antwort: nichts. „Nicht einmal ein ‚zur Kenntnis genommen‘ “, erinnert sich Barbara Plagg, eine der Absenderinnen des Briefes, der anschließend in der renommierten Zeitschrift „Archives of Geriatrics and Gerontology“ publiziert wurde.

Alexandra K. kann die Spuren, welche die soziale Isolation an ihren Heimbewohnern hinterlassen hat, bereits erkennen. Die eingeschränkte Mobilität hat sie physisch geschwächt, der fehlende Kontakt hat den kognitiven Verfall beschleunigt. „Viele haben in diesen letzten Wochen merklich abgebaut“, berichtet die Betreuerin.  Ob von der Phase Zwei Besserung zu erwarten ist? Die Landesregierung hat Anfang Mai eine Taskforce ins Leben gerufen, mit der eine Öffnung der Pflegeheime geplant werden soll. Wie zu Beginn der Epidemie, als sich das Personal in Eigenregie Masken und Schutzanzüge besorgte, weil vom Land nicht genügend Material geschickt wurde, ist man im Altersheim, in dem Alexandra K. arbeitet, der öffentlichen Verwaltung jetzt wieder weit voraus. Hier lässt man Angehörige einzeln und unter bestimmten Sicherheitsregeln bereits in die Zimmer der Heimbewohner vor.

Kinder zuletzt

Wenn das Wohl derjenigen, denen die allgemeinen Einschränkungen das Leben retten sollen, in der Ausarbeitung der Maßnahmen oft unberücksichtigt blieb, wie steht es dann erst um andere Gruppen, die über keine mächtigen Lobbys verfügen? Die Auswirkungen der Seuchenschutzmaßnahmen auf Kinder, Behinderte und Menschen in Entwicklungsländern fanden nicht nur in den Reden der Politiker keinen Platz. Auch die Medien haben über diese Menschen lange Zeit hinweggeschaut.

So sieht es jedenfalls Christa Ladurner, Koordinatorin der Fachstelle Familie beim Forum Prävention. „Es ist so, als würden die Kinder und Jugendlichen gar nicht existieren. Man hat sie komplett vergessen“, sagt Ladurner.

„Viele haben in diesen letzten Wochen merklich abgebaut.“

Alexandra K., Betreuerin in einem Altenheim

„Es war, als würden Kinder und Jugendliche gar nicht existieren.” – Christa Ladurner vom Forum Prävention

Im Rahmen ihrer Arbeit an der Schaltstelle zwischen konkreten Familienanliegen und Politik konnte Ladurner sowohl die konkrete Not und die Ratlosigkeit der Familien als auch die Tatenlosigkeit der Politik miterleben. Viele Geschichten, die ihr zu Ohren kamen, werden nur hinter vorgehaltener Hand erzählt. Da sind verzweifelte Eltern, die ihre Kinder vor der Arbeit jeden Tag illegal zu Verwandten brachten, damit sie nicht zuhause sich selbst überlassen blieben. Da sind überforderte Sozialarbeiter, die auf telefonischem Wege versuchen, die Situation in Brennpunktfamilien weiterhin zu betreuen. Viele Kinder und Jugendliche, die teils in von Gewalt und Missbrauch geprägten Haushalten leben, gerieten in dieser Zeit aus dem Blickfeld. Ihr Leiden blieb in den offiziellen Zahlen und Statistiken zu Covid-19 bisher unerwähnt. Eine Umfrage unter 8.000 deutschen Eltern aber zeigt: In mehr als jeder fünften Familie herrscht ein konflikthaltiges Klima. Dabei befanden sich in der Stichprobe überdurchschnittlich viele Familien mit hohem Bildungsgrad und ohne finanzielle Sorgen.

Mit Sorge denkt Ladurner auch an die Familien, die mit dem Homeschooling nicht mithalten können: „Man tut immer so, als ob es in jeder Familie Akademiker gäbe, die außerdem zu Hause sind und so ihre Kinder gut fördern können“, gibt sie zu bedenken. Die etwas andere Realität erreicht Ladurner über zahlreiche Telefonate besorgter Eltern, die das Homeschooling nicht bewältigen können, entweder weil es sie intellektuell überfordert, weil jemand in der Familie körperlich oder psychisch krank ist oder weil sie aus einem anderen Kulturkreis sind und hier noch nicht Fuß gefasst haben.

Wie groß die Auswirkungen des Homeschoolings auf die Chancengleichheit der Kinder und Jugendlichen tatsächlich sind, wird sich erst zeigen müssen. In Südtirol wurden noch keine Umfragen dazu durchgeführt. Die Ergebnisse einer Umfrage aus Österreich lassen aber bereits erkennen, wo die Probleme liegen. Demnach sind etwa 20 Prozent der Schülerschaft für die Lehrpersonen gar nicht erreichbar, hauptsächlich wegen fehlender Hardware und schlechter Internetverbindung.

Etwa 20 Prozent der Schülerschaft sind für die Lehrpersonen nicht erreichbar.

Nur ein lästiges Anhängsel? In den skandinavischen Ländern ist der gesellschaftliche Umgang mit Kindern ein anderer.

Dass es anders geht, zeigen die skandinavischen Länder. In Schweden und Island etwa blieben die meisten Schulen und Kitas von Beginn an geöffnet. In Dänemark nahmen sie bereits Mitte April wieder ihren Betrieb auf – ohne unerwünschte Folgen für die Zahl der Neuinfektionen. Auf die Frage, warum sein Land sich weigerte, die Vor- und Grundschulen zu schließen, erklärte der Generaldirektor der schwedischen Behörde für Volksgesundheit in einem Interview: „Für die Kinder ist es sehr nachteilig, nicht in die Schule zu gehen.“ Die Schulschließungen bezeichnete er im Kampf gegen die Epidemie als überflüssig.

Dass die skandinavischen Länder so unterschiedlich mit dem Problem umgehen, sei wohl eine Frage der Mentalität, mutmaßt Ladurner: „Während in Skandinavien das Wohl der Kinder ein gesellschaftliches Anliegen ist, werden die Kinder hier noch immer als private Angelegenheit gesehen. Im Zweifel sind sie lästige Anhängsel, die ihre Eltern als funktionierende Arbeitskräfte einschränken.“

Behindert sein – oder behindert werden?

Ähnlich schonungslos entblößte sich der gesellschaftliche Umgang mit beeinträchtigten Menschen in Krisenzeiten.

„Er hat schon unsere halbe Wohnung kleingeschlagen“, beklagte sich eine Angehörige kürzlich am Telefon über ihren Bruder, der an Schizophrenie leidet und es zuhause nicht mehr aushielt. Am anderen Ende der Leitung: Sara Rabensteiner, Leiterin der Genossenschaft GWB. In gewöhnlichen Zeiten ermöglicht es GWB auch behinderten und psychisch erkrankten Menschen, mit ihrer Arbeit in den Behindertenwerkstätten einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten und sich gebraucht zu fühlen.

Als jedoch Anfang Mai die meisten Betriebe wieder ihre Arbeit aufnehmen konnten, mussten die Behindertenwerkstätten weiterhin geschlossen bleiben. Seitdem war Rabensteiner häufig damit beschäftigt, ungeduldige Mitarbeiter und ratlose Angehörige am Telefon zu beschwichtigen. Um Linderung zu schaffen, schickte sie in den letzten Wochen den Mitarbeitern Arbeitspakete nach Hause. Gleichzeitig versuchte sie, etwas zu bewegen, schrieb Pressemitteilungen und machte auf die prekäre Situation der beeinträchtigten Menschen aufmerksam.

Mittlerweile hat sich auch etwas getan: Ab morgen, Dienstag, werden die Werkstätten mit verkleinerter Mann- und Frauschaft wieder den Betrieb aufnehmen. „Die Belegschaft freut sich riesig!“, kommentiert Rabensteiner den Erfolg.

„Wenn es hart auf hart kommt, werden Behinderte wieder bevormundet.”

Sara Rabensteiner, Leiterin der GWB

„Die allermeisten können sehr wohl Verantwortung übernehmen und sich an Maßnahmen halten”, sagt Sara Rabensteiner, Leiterin der GWB.

Die Lösungsfindung für die Werkstätten hatte sich zuvor über Wochen hingezogen. Das lag zum einen daran, dass alle Menschen mit Behinderung und psychischen Erkrankungen, unabhängig von der einzelnen Pathologie, zur höchsten Risikogruppe gerechnet werden. Außerdem bestand bei den Entscheidungsträgern die Sorge, dass die Behinderten nicht in der Lage seien, sich an entsprechende Sicherheitsvorkehrungen zu halten. „Das stimmt aber so nicht“, wirft Rabensteiner ein. Die meisten ihrer Mitarbeiter seien sehr wohl in der Lage, Verantwortung zu übernehmen. Umso schlimmer sei es für diese Menschen gewesen, als sie zuhause bleiben mussten.

In dieser Zeit hatte Rabensteiner oft den Eindruck, dass sich die Prinzipien von Teilhabe und Selbstbestimmung in einer Krise nur als schöne Worte herausstellten. „Wenn es hart auf hart kommt, werden die Behinderten wieder bevormundet“, meint Rabensteiner.

In den Behindertenwerkstätten wird es nun einen Vormittags- und einen Nachmittagsturnus geben, damit die Abstände eingehalten werden können. Die Belegschaft ist aber auch ohne die Turnusse stark verkleinert. Die Menschen, welche in betreuten Wohngemeinschaften wohnen, dürfen die WG noch immer nicht verlassen, aus Sorge, sie könnten sich draußen anstecken. Rabensteiner wird also versuchen, ihnen wenigstens die Heimarbeit weiterhin zu ermöglichen.

Der Hunger kommt langsam

Die entsetzlichste Folge des eingeschränkten öffentlichen Lebens benötigt wohl noch einige Wochen oder sogar Monate, um ihre ganze Wucht zu entfalten. Es gibt aber bestimmte Vorwarnsignale, die Duncan Kimani nur allzu gut kennt. Kimani ist 39 Jahre alt und leitet in Kenia die Hilfsorganisation „Oasis of Endless Hope“. Als er vor einigen Wochen beobachtete, wie die ersten seiner kenianischen Mitbürger anfingen, sich zu verschulden, um Essen zu kaufen, wusste er, dass es übel kommen würde.

Wegen der Lockdowns in reichen Staaten finden Produkte aus Entwicklungsländern keinen Absatz.

Wie lange reicht es noch? Der aktuelle Nachfrageschock gefährdet die Lebensgrundlage von hunderten Millionen Menschen.

Der Hunger als Folge gesellschaftlicher Verwerfungen kommt schleichend und breitet sich zuerst auf dem Land, dann in den Städten aus. Zuerst verbrauchen die Menschen, denen das Einkommen fehlt, ihre Ersparnisse, dann verkaufen sie ihre Habe und zuletzt kommt das Schuldenmachen. Damit das nicht passiert, hatte Kenia eine Ausgangssperre nur von 19 Uhr abends bis 5 Uhr morgens verhängt. Dadurch sollten diejenigen, die auf ihr Einkommen nicht verzichten können, weiterhin tagsüber arbeiten können.

Der Plan funktionierte aber nur in der Theorie. Die meisten Jobs wurden dennoch gestrichen, insbesondere in der Produktion von Tee, Kaffeebohnen und Schnittblumen: Kenias Exportschlager. Verantwortlich dafür ist die fehlende Nachfrage auf dem Weltmarkt.

Duncan Kimani (Mitte)

Bild: Duncan Kimani

So geht es zurzeit vielen Entwicklungsländern. Wegen der Lockdowns in reichen Staaten finden ihre Produkte keinen Absatz mehr. Und den Menschen in den betroffenen Ländern fehlt das lebensnotwendige Einkommen. Zusätzlich erschwert wird ihre Lage durch weltweite Hamsterkäufe. Der Preis für Reis, das Grundnahrungsmittel von über drei Milliarden Menschen, stieg dadurch erheblich an und ist für viele nicht mehr leistbar. In Teilen Afrikas kommen zudem Dürre und eine Heuchreckenplage hinzu. Die UN warnt deshalb vor einer Hungersnot „biblischer Ausmaße”.

In Kenia wird wohl auch die kommende Tourismussaison ausfallen. Kimani will in der aktuellen Krise aber auch eine Chance für sein Land erkennen. Weil jetzt viele Produkte, die Kenia hauptsächlich aus China importiert, wegen der schwierigen Transportbedingungen wesentlich teurer auf den Markt kommen, versuchen die Händler, auf lokale Produkte umzustellen. Damit könnte Kenias Wirtschaft auf lange Sicht autonomer und industrialisierter werden. „Ein Schritt, der schon lange notwendig war“, sagt Kimani: „Ich wünschte nur, er könnte unter anderen Bedingungen stattfinden.“

Auf lange Sicht könnte Kenias Wirtschaft auch autonomer und industrialisierter werden.