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Eine Steineggerin in Tansania

Zwischen zwei Welten

Sie hat ihr Leben in Südtirol aufgegeben, um jungen Frauen in Tansania zu helfen. Durch das Nähprojekt von Julia Lantschner können sie auf eigenen Beinen stehen.

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Durch das Projekt Pa1.together können diese Frauen in eine bessere Zukunft blicken.
Bild: Julia Lantschner

Angefangen hat alles mit einer jungen Frau aus Daressalam, der größten Stadt Tansanias. Als sie ihre Arbeit verliert, will ihre Nachbarin ihr helfen: Es ist die Südtirolerin Julia Lantschner. Die 26-Jährige fängt an, mit der jungen Frau zu basteln und zu flechten. Die Sachen verkaufen sie, so verdient die Frau aus der Hauptstadt Tansanias wieder etwas Geld. Einige Zeit später kommt Julia Lantschner auf die Idee mit dem Nähen. Der Startschuss für ihr jetziges Projekt Pa1-Together – der Name des Projektes ist eine Spielerei mit dem Wort pamoja, was gemeinsam bedeutet. Zusammen mit einer befreundeten Schneiderin und ausgerüstet mit zwei Nähmaschinen startet die Steineggerin ihr Projekt, mit dem sie jungen Frauen in schwierigen Situationen helfen möchte, einen Beruf zu erlernen und eigenständig für ihr Einkommen zu sorgen.

Ein anderes Leben

Es ist jetzt sechs Uhr Abend in Steinegg, null Grad. Bei Julia in Tansania ist es schon acht Uhr, aber immer noch so heiß, dass sie ihren Ventilator laufen lässt. Sie ist gerade nach Hause gekommen, in ihre kleine Wohnung in Daressalam. Jeden Tag fährt sie mit dem Rad um sieben Uhr früh eine Stunde zur Arbeit in die kleine Nähwerkstatt, am Abend wieder eine Stunde zurück. Das nimmt sie in Kauf, denn ihr Grundstück ist umzäunt, hier fühlt sie sich sicher. „Man muss hier aufpassen, wenn man weiß ist“, erklärt Julia. Der Stadtteil, in dem die junge Frau wohnt, ist wie ein Dorf. Gemütlich und ruhig, sagt sie. Die Leute sind nett und hilfsbereit. Familien bewohnen hier meist nur einen Raum, den sie zum Schlafen nutzen. Alles andere spielt sich draußen ab. Kochen, waschen, leben.

Nicht überall gibt es fließendes Wasser, falls Wasserhähne vorhanden sind, kommt daraus nicht immer Wasser. Selbst der Strom fällt hier schon mal für längere Zeit aus. Verrückt macht sich dabei niemand. Das ist eben Alltag.

Im Gegensatz zu manch anderen Regionen Afrikas ist Hunger in Daressalam kein großes Problem, aber es gibt meist dasselbe – jeden Tag weiße Polenta mit Bohnen und Spinat. Das Südtiroler Essen vermisst Julia manchmal. Die Knödel von Mama und den Käse, den ihr Bruder selber macht. Und was sie noch manchmal vermisst, ist eine Waschmaschine.

Julia Lantschner mit einer Nähschülerin.

Bild: Julia Lantschner

Reisen, um zu helfen

Das erste Mal reist Julia vor acht Jahren für drei Monate nach Tansania, im Alter von 17. „Ich wollte immer schon nach Afrika, das war mein Traum. Aber nicht, um Urlaub zu machen, sondern um dort an einem Projekt zu arbeiten und die Leute kennenzulernen“, sagt die junge Frau. Durch die Brixner Organisation OEW – Organisation für eine solidarische Welt – geht sie damals als Freiwillige in ein Waisenheim. Diese Erfahrung prägt sie und von da an weiß sie, dass dies nicht ihr letzter Besuch in Afrika gewesen sein wird. Julia bricht die Kunstschule in Gröden ab, jobbt künftig als Kellnerin und fliegt mit dem Ersparten jedes Jahr für drei bis sechs Monate nach Tansania, um in dem Waisenheim zu arbeiten. Die Arbeit gibt ihr viel: „Diese Kinder sind mit so wenig so glücklich und dankbar. Ich habe viele schöne Erinnerungen an diese Zeit.“

Julia sammelt Spenden in Südtirol und finanziert eine Hühnerfarm, damit das Waisenheim durch den Verkauf von Hühnern und Eiern Geld verdienen kann. Bevor sie sich schließlich ihrem neuen Projekt Pa1-Together widmet, verhilft sie dem Waisenheim zu einem Auto, mit dem man nun schneller in das drei Stunden entfernte Krankenhaus kommt. Die Kaffeerösterei Caroma aus Völs am Schlern unterstützte sie bei diesem Vorhaben und ist auch bei ihrem jetzigen Nähprojekt ein Partner, auf den Julia zählen kann. 

Julia Lantschner hat das Projekt ins Leben gerufen. Heute arbeiten um die acht Frauen mit.

Bild: Julia Lantschner

Jeden Tag verbringt Julia Lantschner nun in der vier Mal acht Meter großen Werkstatt mit den sechs neuen Nähschülerinnen. Die Werkstatt ist in einer Art Garage untergebracht, die man mit einem Rollo schließen kann. So sehen hier in Tansania die typischen Läden aus. An den Wänden stehen kleine Tische mit den sechs Nähmaschinen, die teilweise noch mit den Füßen angetrieben werden müssen.

Pa1-Together leistet Hilfe zur Selbsthilfe. „Alles, was die Frauen hier im Alltag tragen, nähen sie meist selbst. Deswegen gibt es immer Kunden“, ist sich Julia sicher. Zurzeit ist sie intensiv damit beschäftigt, die neuen Taschen, Oberteile, Dekorationen, Röcke und Rucksäcke zu designen. Die Frauen nähen sie dann aus den typischen, gemusterten afrikanischen Stoffen. Sie wollen die Produkte hier im Ort verkaufen. Ziel ist, dass die Näherinnen irgendwann vielleicht sogar selbst ein Geschäft aufmachen können. Geplant ist auch, diese Produkte nach Südtirol zu schicken und dort zu verkaufen. Noch ist Pa1-Together auf Spenden angewiesen, in Zukunft soll sich das Projekt aber selbst finanzieren.

Neue Heimat: Tansania

Julia hat vor drei Jahren den Entschluss gefasst, sich in Tansania ihre Zukunft aufzubauen. Obwohl sie in den acht Jahren nicht nur Schönes erlebte: „Wenn Waisenkinder gestorben sind, weil die medizinische Versorgung zu schlecht war, hat mich das besonders mitgenommen“, sagt die junge Frau. Immer noch fühlt sich Julia manchmal wie zwischen zwei Welten. Südtirol und Tansania. Der Abschied fällt ihr auf beiden Seiten immer schwer. Besonders der Abschied von der Familie und den Freunden zu Hause in Südtirol. „Sobald ich im Flieger bin, verfliegen die Gedanken an zu Hause aber“, sagt Julia. Dann überwiegt die Vorfreude auf ihre neue Heimat.

Julias Mutter unterstützt ihre Tochter bei ihrem Entschluss. Sie hat sie bereits zweimal in Tansania besucht. Vielleicht ist sie deswegen beruhigt, meint Julia. Ihr Vater ist da anders. Er hätte sein Mädchen lieber zu Hause und macht sich ständig Sorgen. So wie ihre drei Brüder, die bei jeder Abreise sagen, sie soll doch bleiben.

Heute ist Julia in Tansania angekommen, reist aber immer noch mindestens einmal im Jahr nach Südtirol. Es sind große Unterschiede zwischen den Kontinenten. Das Leben, die Mentalität. „Die Leute hier sind vielfach Überlebenskünstler“, sagt Julia. Die Lage in Tansania ist zurzeit „ziemlich schwierig“. Grund sei der neue Präsident John Magufuli. Er hat die Preise angehoben, vor allem Lebensmittel wurden teurer. In Kombination mit dem niedrigen Einkommen bedeutet das eine große Belastung für die Leute. Dazu kommen Krankheiten wie Malaria und HIV, die in Tansania ein großes Problem darstellen. „Aber die Leute schaffen es dennoch immer irgendwie“, sagt Julia beeindruckt von den Menschen in ihrer neuen Heimat Tansania. 

 

Ihr könnt das Projekt Pa1.Together unterstützen, indem ihr leere Kaffeesäcke der Firma Caroma kauft oder direkt an das Projekt spendet.

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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