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Zu Besuch auf dem Etschmannhof

Zwischen fairen Welten

Sie wollten nicht mehr Produzenten ohne Mitbestimmungsrecht sein. Ulli Kienzl und Joachim Bertoldi haben mit dem Gemüseanbau und ihrem Hofladen ein Stück Unabhängigkeit errungen.

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Bild: Lisa Maria Kager

Der Wecker klingelt. Es ist vier Uhr morgens, als Ulli Kienzl und ihr Mann Joachim Bertoldi sich aus dem Bett schleppen: Hochsaison auf dem Etschmannhof in Gargazon. Das Gemüse auf den Feldern ist reif, das Unkraut will gejätet und der Hofladen befüllt werden. Inmitten der Obstplantagen in der Talebene sticht das bunte Feld der jungen Bauern hervor. Kohl und Spinat wachsen hier neben Mangold, Karotten, Salat, Lauch und Artischocken. Zwei Folientunnel beherbergen Tomaten, Gurken, Auberginen, Zucchini und verschiedene Beerensorten.

bunte Felder

Bild: Lisa Maria Kager

Eine Vielfalt, für die sich die beiden vor knapp sechs Jahren entschieden haben. „Ich hatte es satt, der Produzent ohne Mitbestimmungsrecht zu sein“, meint Joachim, der von klein auf im Obstbaubetrieb seines Vaters mitgearbeitet hat. Die dort produzierten Äpfel werden an eine Genossenschaft geliefert. Ein Jahr dauert es, bis die Bauern die Sortierergebnisse ihrer Ware bekommen. Diese seien genauso schwankend wie der Lohn. Einfluss darauf haben die Bauern so gut wie keinen. „Mittlerweile bestimmt die Genossenschaft sogar, welche Apfelsorten der Bauer in seinem Feld pflanzen darf. Vom Pflanzenschutz gar nicht zu sprechen“, so Joachim.

Sein Gemüse ist zum größten Teil unbehandelt. Einzig Gurken und Tomaten schützt er mit Kupfer gegen Pilze. „Wir wollen selbst bestimmen, was, wie, wann und wie viel davon wir produzieren“, sagt Ulli. Zwei Hektar der Gesamtfläche des Betriebes bewirtschaftet das Paar mit Gemüse. Möglich sei dies nur durch den starken Zusammenhalt der Familie und den Verzicht auf viel Freizeit und Urlaub.

„Was hierzulande fehlt, ist das Bewusstsein und die Wertschätzung für das Essen.“

Ursprünglich stammt Ulli Kienzl von einem Milchhof in Hafling. Einen Bauern wollte sie eigentlich nie heiraten. Mit Joachim ist sie seit fast zehn Jahren liiert, vor Kurzem haben sie ihren zweiten Hochzeitstag gefeiert. Immer wieder führt das Paar Diskussionen darüber, wie man die Landwirtschaft wieder in die richtige Richtung leiten könnte. „Was hierzulande fehlt, ist das Bewusstsein und die Wertschätzung für das Essen“, sagt Ulli.

Voller Hofladen

Bild: Ulli Kienzl

Faire Landwirtschaft ist der 28-Jährigen seit jeher wichtig. Bereits zu Oberschulzeiten half sie als ehrenamtliche Mitarbeiterin im Weltladen in Meran aus. Seit sechs Jahren ist sie dort die Geschäftsleiterin. Genauso lange gibt es auch den Hofladen auf dem Etschmannhof. Auf beiden Feldern ringt Ulli täglich um Wertschätzung und Fairness. Immer wieder informiert sie Kunden über Produktionswege, Hintergründe und Missstände und will so zum Nachdenken anregen. „Im Weltladen und im Hofladen habe ich die Möglichkeit, Konsumenten direkt etwas zu erklären. Das ist ein großer Vorteil“, meint die junge Bäuerin. Im fairen Handel sollen Produzentengruppen und Plantagearbeiter ohne Zwischenhändler verkaufen können und so garantierte Mindestpreise für ihre Produkte erhalten. Die Arbeitsverhältnisse müssen stimmen und auch Kinderarbeit ist im fairen Handel verboten.

Mit der Direktvermarktung auf dem Etschmannhof haben sich Ulli und Joachim einen Traum erfüllt und ein kleines Stück Unabhängigkeit errungen. Vor zwei Jahren hatte das junge Paar den Gemüsebau soweit ausgebaut, dass sie einen Versuch mit der Produktion für den Großhandel starteten. Dass man sich dabei auch in Südtirol nicht immer fair behandelt fühlt, haben sie bald am eigenen Leib erfahren.

„Sobald man in Abhängigkeit von einem Großhändler gerät, geht es hier zu wie in den Entwicklungsländern, für die ich im Weltladen kämpfe. Es steht und fällt mit der Willkür der Großen.“

Ihre Ware müssen die Gemüsebauern in perfektem Zustand liefern. „Alles gleich groß, alles gleich schön und sauber“, sagt Ulli, „auch wenn das keineswegs ein Zeichen für Qualität ist“. Für Schäden durch Hagel oder Ernteausfall sind die Bauern selbst verantwortlich. Dass die Auszahlungspreise zur Erntezeit drastisch nach unten anstatt nach oben gedrückt werden, damit hätte keiner der beiden gerechnet. Doch der Preisdruck aus den Ausland und aus Süditalien, wo man Flüchtlinge als billige Arbeitskräfte einsetzt, schlägt sich auch in Südtirol nieder.

Qualität vom Etschmannhof

Bild: Lisa Maria Kager

„Sobald man in Abhängigkeit von einem Großhändler gerät, geht es hier zu wie in den Entwicklungsländern, für die ich im Weltladen kämpfe. Es steht und fällt mit der Willkür der Großen“, meint Ulli schroff. „Dabei könnten wir hierzulande eine super Zusammenarbeit starten, von der sowohl Großhändler als auch lokale Bauern profitieren würden“, ergänzt Joachim. An diesem Abend sitzt er am Küchentisch und isst die ersten eigenen Kartoffeln in diesem Jahr mit etwas Käse, Linsen- und Tomatensalat. Nebenbei berechnet er den Verdienst der heutigen Kohlernte, die an den Großhändler gegangen ist. Die Zahlen sind, dem Aufwand gegenübergestellt, ernüchternd. Die Enttäuschung der beiden ist spürbar.

Zum Glück liefern sie nur zehn Prozent ihres Gemüses an den Händler. Der Rest wird direkt vermarktet. Im Gespräch mit dem Kunden kann Ulli erklären, warum der Kohlrabi einen Sprung oder das Mangoldblatt ein Loch hat, und verkauft das Gemüse trotzdem. Insgesamt greifen die Konsumenten aber trotzdem oft lieber zur perfekten Ware. „Auch wenn von unbehandelter Landwirtschaft gesprochen wird“, meint Ulli, „die allgemeine Vorstellung von Qualität ist manipuliert.“

Im Vergleich zum Obstbau stecke im Gemüsebau für denselben Lohn zwar mehr Arbeit, doch die Befriedigung sei eine andere, erklärt Ulli. Das Produkt von der Pflanze bis zum Kunden zu begleiten, hat für sie einen großen Wert. Regionales Gemüse müsse insgesamt aber unbedingt an Wert gewinnen. Da sind sich die beiden einig. Als Alternative zur Apfel-Monokultur sehen sie den Gemüsebau nur dann, wenn sich Zwischenhändler, Gastronomie und Endkunde in ihrem Konsum ändern. Momentan fehle diese Wertschätzung für die Arbeit, wie sie Ulli und Joachim verrichten, noch.

geschafft aber glücklich: Ulli und Joachim

Bild: Lisa Maria Kager

Ulli und Joachim treiben in ihrer Arbeit die Leidenschaft und die Hoffnung, etwas zu verändern, an. Größer wollen sie nicht mehr werden. Einzig das Sortiment soll wachsen. In diesem Jahr gedeihen Pilze, Heidelbeeren und Granatäpfel auf dem Versuchsfeld. Joachim träumt aber auch von Hof-Eis und einer großen Kooperation unter Südtiroler Bauern. „Der produziert mehr Ideen als Gemüse und kommt mit der Ernte nicht mehr hinterher“, kommentiert Ulli die Ideen ihres Mannes und lacht. Die beiden Gemüsebauern stecken ihre Hoffnungen auch in die nächste Generation. „Vielleicht schaffen es ja spätestens unsere Kinder, in der Landwirtschaft etwas zu verändern“, meint Joachim und blickt auf Ullis kugelrunden Bauch. 

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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