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Interview mit Fridays for Future Southtyrol

Von wegen politikverdrossen!

Die Bewegung „Fridays for Future“ erfasst Europas Städte. Auch in Südtirol gehen junge Menschen auf die Straße. Sie fordern, dass Politiker ihren Worten endlich Taten folgen lassen.

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Lizenz: CC by-nd
Bild: Jörg Farys / Fridays for Future

Schüler weltweit streiken unter dem Motto „Fridays for Future“ (übersetzt: Freitage für die Zukunft) für mehr Klimaschutz – auch in Bozen. Der 16-jährige Ivan Gufler aus Lana ist einer von ihnen und Mitglied des Komitees von Fridays for Future Southtyrol.

Wer steht hinter Fridays for Future Southtyrol?
Wir sind eine Gruppe von Schülern, die Klimastreiks in Südtirol organisiert. Den ersten Klimastreik hat offiziell der italienische Landesbeirat der Schülerinnen und Schüler organisiert. Unser Komitee hat sich nach diesem ersten Klimastreik gegründet und dann auch den zweiten organisiert.

Ivan Gufler

Bild: Ivan Gufler

Wie organisiert ihr euch?
Wir organisieren uns vor allem über die sozialen Medien. Begonnen haben wir mit einer WhatsApp-Gruppe, in die wir alle Interessierten eingeladen haben. Mittlerweile treffen wir uns auch regelmäßig.

Am 15. März habt ihr im Rahmen des globalen Klimastreiks den zweiten Klimastreik in Bozen organisiert. Wie geht es weiter?
Darüber reden wir in den nächsten Tagen. Wir fühlen uns verpflichtet, Aufklärungsarbeit zu leisten. Viele wissen nämlich nicht, welches Problem der Klimawandel tatsächlich darstellt. Deswegen versuchen wir, hier mehr zu machen. Erste Ideen reichen von organisierten Veranstaltungen bis hin zu Vorträgen in Schulen. 

Organisiert ihr weitere Klimastreiks?
Wir beobachten die globale Bewegung. Wenn die zu weiteren internationalen Klimastreiks aufruft, sind wir sicher dabei. Im Gegensatz zu anderen Ländern oder Städten ist die Teilnehmerzahl bei unseren Klimastreiks nicht langsam gewachsen, sondern es waren von Beginn an sehr viele Leute dabei. Es ist schwierig, dieses Niveau zu halten. Deshalb wissen wir nicht, ob eine weitere Demonstration die gleiche Durchschlagskraft hätte. 

„Hätten wir diese Kundgebungen in unserer Freizeit veranstaltet, hätten wir nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen.”

Warum wurden die Klimastreiks nicht außerhalb der Unterrichtszeit veranstaltet?
Da folgen wir der globalen Bewegung. Wir bestreiken die Schule und verzichten zeitweise auf Bildung, um zu zeigen, wie wichtig das Thema ist. Hätten wir diese Kundgebungen in unserer Freizeit veranstaltet, hätten wir nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen. Wir sagen damit, dass uns das Klima wichtiger ist als Bildung. Manchmal heißt es, wir würden nur Schule schwänzen, dabei ist es nicht so witzig, den Unterricht zu verpassen. Den verpassten Stoff müssen wir schließlich nachholen.

Wie finden es eure Eltern und Lehrer, dass ihr fürs Klima streikt?
Die Meinungen gehen auseinander. Die meisten Eltern und Lehrer sind aber der Ansicht, dass es eine gute Sache ist, für die wir auf die Straße gehen und unterstützen uns. 

Glaubst du daran, dass eure Aktionen etwas bewirken?
Unsere Aktionen sollen ein Weckruf an die Politik sein, die unserer Ansicht nach in der Pflicht ist, etwas gegen den Klimawandel zu tun. Wir wollen daran erinnern, dass es dieses Problem gibt, dass es uns betrifft und dass etwas dagegen unternommen werden muss. Es geht nicht nur darum, dass in Südtirol etwas gemacht wird. Wir sind Teil einer internationalen Bewegung und als solche richten wir uns auch an die internationale Politik. Wenn Politiker die Demokratie respektieren und verstehen, dass sie sich für Dinge einsetzen müssen, die den Menschen wichtig sind, können wir etwas bewirken. Solange uns die Politiker nicht zuhören und ihren Worten keine Taten folgen lassen, wird sich nichts ändern. Durch unsere Proteste wird der Klimawandel in den Medien aber zumindest verstärkt diskutiert. Dadurch kommt das Thema in der Bevölkerung an. 

Ist es nicht einfach, für mehr Klimaschutz du demonstrieren und dann womöglich mit dem Flugzeug auf Maturareise zu gehen?
Nimmt jemand am Klimastreik teil, zeigt er damit, dass ihm der Klimaschutz wichtig ist. Wenn aber ein Flug günstiger ist, als mit dem Zug zu fahren, ist es logisch, dass viele Leute den Flug wählen. Es ist doch absolut nachvollziehbar, dass jemand ein schnelleres und günstigeres Transportmittel bevorzugt. Wir wollen auch niemandem verbieten zu fliegen. Entscheidet sich trotzdem jemand bewusst dazu, mehr auszugeben und den Zug zu nehmen, ist das wirklich lobenswert. Zu den politischen Maßnahmen rund um den Klimaschutz gehört es auch, umweltfreundliche Verkehrsmittel wie Züge stärker zu fördern. Wenn das Zugfahren günstiger ist, als zu fliegen, würden sicher mehr Leute mit dem Zug fahren.

„Wir wollen der Politik einfach sagen: Hört den Experten zu!“

Ist Fridays for Future ein Trend? Ist es wieder modern, rebellisch zu sein?
Es spielt sicher für viele Jugendliche eine Rolle, sich aufzulehnen – ähnlich vielleicht, wie es bei der 68er-Bewegung war. Ich glaube aber, dass diese Bewegung auch deshalb so viele junge Leute auf die Straße bringt, weil die meisten von ihnen verstanden haben, welches Problem der Klimawandel darstellt. Mit einem anderen Thema hätte Fridays for Future nicht so ein großes Echo erzeugt.

Der Jugend wird oft nachgesagt, sie sei nicht an Politik interessiert. Liefert Fridays for Future den Gegenbeweis?
Wir haben sicher den Beweis geliefert, dass sich die Jugend noch immer für Politik interessiert und bereit ist, für politische Themen auf die Straße zu gehen. Wenn man sich aber einmischt und seine Meinung äußert und dann hört, dass das sowieso nichts bringt, ist das schon ein Schlag ins Gesicht – vor allem für jene von uns, die sich gegen den Vorwurf wehren, die Jugend sei faul, naiv und schaue nur auf ihr Smartphone.

Welche Forderungen stellt ihr an die Landesregierung und an Landeshauptmann Kompatscher?
Wir fühlen uns nicht dazu verpflichtet, Politikern zu sagen, was sie tun sollen. Unterm Strich sind wir nur Schüler, die sich mit der Materie nicht im Detail auskennen. Wir verweisen deshalb gern auf die „Scientists for Future“, die sich in Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammengeschlossen haben. Wir haben aber auch gehört, dass in der EURAC ein Dokument mit konkreten Maßnahmen zum Klimaschutz in Südtirol ausgearbeitet wurde. Wir wollen der Politik einfach sagen: Hört den Experten zu! Wir sind die laute Masse, die euch dazu bewegen will, denen zuzuhören, die in dieser Sache wirklich etwas verstehen und die konkrete und realistische Lösungen aufzeigen.

Umweltlandesrat Vettorato hat als Reaktion auf den zweiten Klimastreik in Bozen gesagt, er wolle Klimaexperten in die Schulklassen schicken. Was sagst du dazu?
Wir demonstrieren für eine bessere Klimapolitik. Wir wollen nicht von Experten erklärt bekommen, was der Klimawandel ist. Das ist nicht unser Ziel. Mit dieser Maßnahme versucht man, uns die Schuld in die Schuhe zu schieben. Dabei haben die älteren Generationen Schuld daran. Wir machen nur darauf aufmerksam, damit etwas dagegen unternommen wird. 

„Wir haben gemeinsam entschieden, dass wir nicht mit Politikern reden werden. Wir können ihnen ja nicht erklären, was sie zu tun haben. Wir wollen schlicht, dass sie auf die Experten hören.”

Eine Gruppe von Schülern, die sich als Fridays for Future ausgegeben hat, war zum Gespäch bei Landesrat Achammer. Dabei wurden Maßnahmen zum Klimaschutz besprochen, etwa dass in den Schulen Wasserspender anstatt Getränkeautomaten aufgestellt werden sollten. Wie bewertest du als Mitglied des Komitees von Fridays for Future Southtyrol dieses Treffen?
Landesrat Achammer hat uns eingeladen, mit ihm zu sprechen. Wir haben gemeinsam entschieden, dass wir nicht mit Politikern reden werden. Wir können ihnen ja nicht erklären, was sie zu tun haben. Wir wollen schlicht, dass sie auf die Experten hören. Während des Treffens sind sicher tolle Maßnahmen besprochen worden. Damit rettet man aber leider nicht die Umwelt. Dafür braucht es schon größere Maßnahmen. Außerdem ist es ein wenig eigenartig, dass Schüler dem Landesrat sagen sollen, welche Maßnahmen getroffen werden müssen. 

Gab es auch von anderen Parteien Gesprächsangebote?
Wir haben von mehreren Parteien Gesprächsangebote bekommen, aber bei allen gleich entschieden. Wir sind froh, wenn uns Politiker unterstützen, wollen aber auch, dass sie etwas unternehmen. Wenn uns ein Politiker dafür lobt, dass wir auf die Straße gehen, dann sagen wir: Danke, aber mach du auch einmal etwas für den Klimaschutz. Bis jetzt haben wir nichts in diese Richtung gesehen. Vielleicht ändert sich das ja noch – mal sehen.

Lust auf mehr? Der Faktencheck zum Klimawandel in Südtirol.

Michael Keitsch

Interessiert sich für Geschichte und Geschichten. Mag es Fragen zu stellen und neues zu lernen.
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