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Von Mücken und Elefanten

Mit Trump und Weinstein ist eine Welle der Empörung nach Europa geschwappt und hat die Debatte um Gewalt an Frauen neu entfacht. Wie relevant ist das Thema hierzulande? Eine Spurensuche.

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Bild: Jörg Oschmann

Die Herbstsonne scheint auf das Haus für alleinerziehende Mütter in Brixen, im Garten steht ein Kinderfahrrad, ein paar Rosen blühen noch. Bruni Pichler, die Leiterin des Hauses, öffnet die Tür, im Hausflur stehen Kinderwägen, man hört das Trippeln von Kinderfüßchen im oberen Stock. „Neuanfang“ steht auf der Wand im Eingangsbereich und neu anfangen wollen sie alle, die Frauen hier. Bruni gibt einer Mitarbeiterin noch letzte Informationen, streicht sich das blonde Haar aus dem Gesicht und lächelt mir zu: Viel Zeit habe sie nicht, sagt sie dann entschuldigend und legt ihr Diensthandy ins Blickfeld.

Seit einer Dekade begleiten Bruni und ihr Team Frauen mit Kindern, die sich in einer schwierigen Lebensphase befinden. Aktuell sind es vor allem geflüchtete Frauen, die hier Zuflucht gefunden und im Gepäck nichts als Tränen, Trauer und Trauma haben. „Und Heimweh“, fügt Bruni nach kurzem Nachdenken hinzu, „Heimweh nach der eigenen Mutter“. Dass der Weg nach Europa vor allem für Frauen ein Spießrutenlauf sexueller und physischer Gewalt ist, hat Amnesty bereits zu Beginn der Flüchtlingskrise verlauten lassen - offizielle Zahlen gibt es dazu selbstverständlich nicht. Mit ihren Schändungen kommen die Frauen hier an und meistens irgendwie zurecht, versuchen sich mit viel Verbissenheit und trotz Trauma durchzuschlagen. „Das Muttersein aber“, sagt Bruni, „macht das Trauma plötzlich relevant: Die Beschränkung und die Lebensblockade durch die erfahrene Gewalt führt zum Eingeständnis der eigenen Grenzen, die Frauen erleben sich im Scheitern.“ Die Unfähigkeit, das eigene Kind schützen zu können vor einer Welt, der sie selbst schutzlos ausgeliefert sind, wird zum existenziellen Leiden. Gewalt an Frauen, das wird im Gespräch mit Bruni deutlich, zieht weite Kreise und bleibt selten ein individuelles Problem: Letztlich wird jede Gewalt, die einer Frau angetan wird, auch ihrem Kind und dem Familiensystem angetan.

Titel & Urheber des Bildes: 
Jörg Oschmann

Gewalt gegen Frauen ist nicht immer ein trauriges Einzelschicksal, sondern häufig ein strukturelles Problem. Als extremste Form werden unter dem Deckmantel der kulturellen Tradition inakzeptable Rituale durchgeführt – dass Witwen verbrannt oder Mädchen im Genitalbereich verstümmelt werden, gehört etwa zum Sammelsurium der Brutalitäten. Man muss aber nicht in die Ferne schweifen, wenn Diskriminierung doch so nahe liegt und auch subtiler geht: Der Gender Equality Progress Index 2017 zeigt auf, dass noch immer 73 Prozent der Führungspositionen in Italien männlich besetzt sind, wenngleich mehr Frauen einen höheren Bildungsweg als Männer genossen haben. Gleichzeitig arbeiten 81 Prozent der Frauen jeden Tag im Haushalt, während lediglich 19,7 Prozent der Männer die Spülmaschine ausräumen, dafür aber ihren Alltag mit mehr Sport und Freizeitaktivitäten füllen. Dass sowohl Kindererziehung als auch Pflegetätigkeiten so erfüllende wie wichtige Arbeiten sind, steht dabei außer Frage – problematisch wird es dann, wenn sie als solche nicht anerkannt werden und die Frau dadurch benachteiligt wird, stellt Gleichstellungsrätin Michela Morandini am Telefon in ihrer ruhigen Art sachlich fest. Etwa, wenn ihnen nach der Mutterschaft der Wiedereinstieg ins Berufsleben erschwert wird oder sie a priori eine Stelle nicht bekommen, weil der Arbeitgeber den mutterschaftsbedingten Ausfall befürchtet. Statistisch gesehen bleibt die Rollenverteilung damit klassisch, gerne wird dafür das Adjektiv „traditionell“ verwendet. Aber nur, weil ein Klischee lange genug bestehen bleibt, kann es nicht zu einer kulturellen Tradition hochgeschwindelt werden.

Es ist ein alter Hut, unter dem Kind und Karriere noch immer nicht passen: Italien rangiert, was Familienfreundlichkeit angeht, nach wie vor auf den hintersten Plätzen. Hier ist die freie Marktwirtschaft in ihrer Benachteiligung allerdings geschlechterunspezifisch: „Viele Männer treffen, wenn sie etwa Elternzeit nehmen wollen, auf die gleichen Schwierigkeiten wie Frauen“, berichtet Morandini. In den schlimmsten Fällen klagt die Gleichstellungsrätin, in den meisten Fällen aber kann bereits vor dem richterlichen Einschreiten ein Ausgleich erreicht werden: Dass etwa auch eine Frau mit Kindern eine realistische Chance auf einen Arbeitsplatz hat oder während der Schwangerschaft nicht plötzlich Aufgaben unter ihrer Qualifikation übernehmen muss. Solange Unternehmen an ihren patriarchalen Prinzipien kleben bleiben und Schwangerschaft und Mutterschaft wie eine Krankheit und vordergründig als finanziellen Ausfall begreifen, ist noch viel zu tun.

„Unternehmen müssen begreifen, dass es normal ist, wenn sich Prioritäten in unterschiedlichen Lebensphasen verändern und Muttersein oder Pflegetätigkeiten dazugehören“, betont Morandini. Wenngleich das gesamte Unternehmen nachweislich von einer positiven Familienpolitik profitiert, ist in bestimmten Bereichen wie etwa der Wissenschaft die Luft für Frauen besonders dünn. Für die akademische Riege, die es eigentlich besser wissen müsste, bedeutet Mutterschaft in erster Linie mangelnde Karrierebereitschaft. Ein Trugschluss, der Italien teuer zu stehen kommt: Immer mehr hochqualifizierte Frauen zieht es auf der Suche nach adäquateren Arbeitsumgebungen ins Ausland. Die Universität Wien etwa, auf deren Campus Kinder zum Alltagsbild gehören, verfolgt einen strikten Frauenförderungsplan, während an der Uni Bozen die regelmäßige Tagesstätte für Kinder wieder eingestellt wurde: Bei insgesamt 29 Prozent Frauen, die eine Forschungs- oder Professorenstelle innehaben, war die Nachfrage schlicht zu gering. Medial und politisch wird das Problem oft bagatellisiert, in der Debatte um Gleichberechtigung müsse man, wie etwa die junge Journalistin Ronja von Rönne schrieb, nicht aus jeder Mücke einen Elefanten machen. Das ist grundsätzlich richtig, setzt aber voraus, dass man das Eine vom Anderen unterscheiden kann.

Im Schneckentempo aber, schreibt das EIGE (European Institute for Gender Equality), verändert sich Italien insbesondere im privaten Sektor in die richtige Richtung. „Letztlich sind es kleine Schritte, aber immerhin Schritte“, bringt die Gleichstellungsrätin die Bemühungen der Unternehmen auf den Punkt.

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Jörg Oschmann

Dass die Gewalt an Frauen gleichermaßen niveau- wie klassenlos ist, zeigt der gegenwärtige Sexismus-Skandal in den USA: Filmmogul Weinstein nutzte über Jahrzehnte seine privilegierte Machtposition und demütigte, belästigte und missbrauchte in mutmaßlich verbrecherischer Art zahlreiche Frauen. Von stiller Duldung ist jetzt viel die Rede und vom alltäglich gewordenen Sexismus. Sogar bei der Oscarverleihung 2013 witzelte der Moderator, die Nominierten für beste Nebendarstellerinnen müssten jetzt endlich nicht mehr so tun, als fänden sie Weinstein attraktiv. Ein Herrenwitz, der nur für ein Publikum funktioniert, das Sexismus und sexuelle Nötigung als lustige Marotte versteht. Über Twitter rief infolgedessen die Schauspielerin Alyssa Milano auf und hunderttausende Frauen antworteten: Unter dem Hashtag #MeToo machen sie deutlich, wie verbreitet Sexismus und sexuelle Übergriffe sind. In Deutschland wurde das bereits 2013 unter #Aufschrei thematisiert, in Frankreich wehren sich Frauen aktuell unter #BalanceTonPorc („verpfeif dein Schwein“) zumindest digital vor übergriffigen Männern und unter #EqualPay wird auf die Gehaltsschere hingewiesen. Das aktuelle Beben, das durch den Weinstein-Skandal losgetreten wurde, zeigt in erster Linie auf, dass Sexismus auch in der Sheraton-Suite eines Linksliberalen nicht salonfähiger ist, und dass sobald das Bewusstsein dafür ansteigt, die Toleranzschwelle sinkt. „Gewalt an Frauen ist in allen sozioökonomischen Schichten zu finden“, fasst Bruni Pichler zusammen, „wenngleich sie oft unterschiedliche Formen annehmen kann.“

Und sie findet nicht ausschließlich durch Männer statt. Oft sind es die Frauen, die Vorurteile und Diskriminierungen reproduzieren und mit harten Bandagen in den eigenen Reihen kämpfen. Als „bitteren Wermutstropfen“ bezeichnet Bruni die Entsolidarisierung unter den Frauen. Dafür muss man gar nicht erst das Abendprogramm einschalten, wo Heidi im Halbjahrestakt ein ganzes Geschlecht blamiert. „Die weibliche Mehrheit setzt einander herab und schafft es nicht, eine entschlossene Solidarität zu zeigen“, fasste eine Spiegel-Reporterin kurz nach dem Kölner Silvester-Desaster zusammen. Selbst Frauen an der Führungsspitze stellen den weiblichen Führungsnachwuchs kalt, während Männer eher Seilschaften bilden. Die deutsche Psychologin Mechthild Erpenbeck erklärt das damit, dass sich bei Frauen – im Gegensatz zu Männern – im Falle von Niederlagen leicht das Gefühl der persönlichen Vernichtung einnistet und Konkurrenzkämpfe deshalb auf unterschwelligere und nachtragendere Weise ausgetragen werden. „Oftmals inkorporieren Frauen die frauenfeindliche Haltung eines Unternehmens“, erklärt Morandini auf meine Frage, warum nun selbst die Sekretärin die Nachricht einer Schwangerschaft mit Herrje und Augendrehen quittiert. Ein Schuss, der nach hinten losgeht, denn wer Seilschaften bilden kann, ist in der Regel im Vorteil – besonders als „schwaches Geschlecht“.

Als ich das Haus für Alleinerziehende verlasse und auf mein Auto zugehe, läuft mir ein kleines Mädchen hinterher. „Soll ich“, sagt es geflissentlich und stellt sich bereits in Position, „dir beim Ausparken helfen?“ Während ich im Rückspiegel amüsiert beobachte, wie sie mit hochkonzentriertem Gesicht mit ihren kleinen Ärmchen rudert, überlege ich kurz, ob ich mich jetzt freuen soll, dass sie sich solidarisch mit mir zeigt – oder ihr sagen sollte, dass es nur ein Klischee ist, dass wir Frauen nicht ausparken können.

von Barbara Plagg

Der Text erschien erstmals in der 31. Ausgabe von „zebra.”, November 2017.

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