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Vom Traum zu Tanzen

Sie hat etwas geschafft, was Freiwild nicht gelungen ist: Ein Auftritt beim Echo. Die Südtirolerin Cate geht für ihren Traum einen harten Weg.

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Disziplin und harte Arbeit: Die Südtirolerin Cate arbeitet in Deutschland als Tänzerin.

Bild: Michael Pezzei

I have a Dream", meinte Martin Luther King einst. Fünfzig Jahre ist das mittlerweile her. Heute wird der jüngeren Generation gern vorgeworfen, dass sie keinen großen Traum mehr hätte, dass ihre Vorstellungen von einem erfüllten Leben nicht weiter gehen als bis zum hoffentlich geilen Wochenende und dem Wunsch nach Größe 36. Und hätte sie doch mal etwas gefunden, für das es sich zu kämpfen lohnt, sei jeder Aufwand gleich zu hoch und jede Entbehrung schon zu viel. Das mag wahr sein: Wir jungen Menschen sind doch auch die Wohlstandskinder und Verzicht nicht gewohnt. So treten wir lieber weiter auf der Stelle zwischen Hotel Mama und Altbewährtem, weil es dort so gemütlich ist, und fragen uns manchmal was wohl gewesen wäre, wenn wir mal ein wenig Mut bewiesen hätten.

Die Entscheidung
 
Cate ist ein Beispiel dafür, dass es auch anders geht. Ich kenne sie seit Ewigkeiten, zu Hause liegen Fotos herum, auf denen wir zwischen zwanzig Kuchen gemeinsam Kindergeburtstag feiern. Als wir die Matura machten und die Entscheidung anstand, wohin es denn nun gehen soll, landeten viele in Verona oder Innsbruck, weil das so schön nahe liegt. Oder in Wien, weil man dort schon zwanzig andere Leute kannte. Schön gemütlich war das, mutig war es nicht. Cate ging zur selben Zeit alleine nach Berlin. Übers Internet hatte sie eine Wohnung zur Zwischenmiete gefunden. Sie kannte in der Stadt noch keine Menschenseele, war zuvor auch noch nie dort gewesen. Was hat sie sich dabei gedacht? „Letztlich war es eine Bauchentscheidung“, sagt sie heute. „Ich dachte mir, ich gehe da hoch und probiere mein Glück.“ Das war im September 2008. 
Heute ist sie immer noch dort, studiert, arbeitet bei der Schülerhilfe und ist freiberufliche Tänzerin. Was Freiwild nicht gelungen ist, hat sie geschafft: Dieses Jahr stand sie auf der Echo-Bühne. Die 24-Jährige tanzte beim großen Opening an der Seite von Helene Fischer, die die Veranstaltung moderierte. Wir saßen zu Hause vor dem Fernseher.
 
Cate, leidenschaftliche Tänzerin seit Kindertagen, war klar, dass sie mit ihrem Berufswunsch bei uns in Südtirol nicht viel machen kann. Das war mit ein Grund, den Bergen den Rücken zu kehren. Natürlich sei es anfangs schwierig gewesen: „Ich musste bei null anfangen.“ Während man sich zu Hause auf altbewährte Strukturen aus Familie und Freunden verlassen kann, ist als kleiner Neuankömmling mit großen Träumen sehr viel Eigeninitiative gefragt. „Entweder du gehst raus und bemühst dich Fuß zu fassen, oder du bleibst allein zu Hause sitzen. Niemand klopft anfangs an deine Tür und fragt, wie es dir geht.“
 
Zurücklehnen geht nicht
 
Beruflich erweist sich unser kleines Land Südtirol als gnädig: Jeder Fisch scheint groß zu sein im kleinen Teich. In Berlin dagegen, Anlaufpunkt für Kreative aus allen Himmelsrichtungen, ist man auch als Tänzerin mit fundierter Ausbildung erst mal nur eine unter vielen. Zurücklehnen ist hier keine Option. Die Neuberlinerin meldete sich also bei der Flying Steps Dance Academy, eine der renommiertesten europäischen Tanzschulen im Bereich Urban Dance. Dort fing sie mit dem Training an, besuchte Workshops, wurde für erste Auftritte gebucht und baute sich langsam ihr berufliches Netzwerk auf. Schritt für Schritt zum Ziel, man braucht Durchhaltevermögen und einen langen Atem. Die harte Arbeit aber lohnt sich, findet Cate: „Man muss mehr tun, in jeder Hinsicht, aber dafür kriegt man auch mehr zurück.“
 
Nicht alle sind aber gewillt, Rückschläge und Heimweh hinzunehmen. Etliche kehren der Stadt wieder den Rücken. Ein stetes Kommen und Gehen sei es, sagt die Südtirolerin. Viele kommen mit großen Träumen und oft noch größerem Ego an, und finden ihre Illusionen wenig später von der Großstadt zerschlagen. Alle reisen an, mit Hoffnungen und Wünschen im Gepäck. Die Erwartungshaltung an das neue Leben in der Ferne mag manchmal zu hoch sein, um erfüllt werden zu können. Aber das macht nichts, sagt die Tänzerin. Alles was zählt sei, dass man es zumindest probiert. „Ich hätte es bereut, wenn ich es hier nicht versucht hätte.“
 
Bewunderung
 
Die, die nicht den Mut hatten, begegnen ihr bei ihren Aufenthalten zu Hause im Pustertal oft mit Bewunderung und eigener Sehnsucht. „Viele hier sagen zu mir: Du lebst meinen Traum. Ich sage dann: Du kannst das auch. Geh doch, wo ist das Problem? Wenn du in Südtirol Verkäuferin bist, kannst du auch in Berlin als Verkäuferin arbeiten. Wenn du das Gefühl hast, du fühlst dich hier nicht mehr wohl, dann pack den Koffer.“ Wer trotzdem bleibt, der solle nicht jammern. Letztendlich sei es wohl eine Sache des persönlichen Geschmacks. „Viele brauchen einfach dieses Heimatgefühl, das ist auch legitim und dann wohl eher eine Charaktersache. Ich war aber immer schon so, dass mich das Neue mehr gereizt hat, als das Altbekannte.“
Cate ist in Berlin glücklich, sagt sie, die Stadt sei mittlerweile ihr Zuhause geworden. „Das heißt nicht, dass man die Vergangenheit total hinter sich lässt. Ich bin trotzdem in Südtirol verwurzelt und auch froh, hier aufgewachsen zu sein.“ Irgendwann war es aber Zeit zu gehen. Was sie sich für ihre Zukunft noch wünscht? Dass sich weiterhin immer neue Türen öffnen und sich Disziplin und harte Arbeit bezahlt machen.

Vera Mair am Tinkhof

mag die deutsche Sprache, kämpft daher unermüdlich gegen notorische "besser als wie"-Sager. Barfüsslerin der ersten Stunde.
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