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Jungschauspieler im Porträt

Vom Stall ans Set

Auf der Leinwand wird Martin Augustin Schneider bald von Ötzi verfolgt. Dabei sollte er eigentlich Kühe melken, denn Schauspieler wurde er nur durch Zufall.

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Martin A. Schneider

Brütend heiß ist es an diesem Augusttag. Auf einer grünen Wiese inmitten der Passeierer Berggipfel im hintersten Teil des Tales stehen Steinzeit-Hütten aus Holz. Einige haarige Männer laufen in dicke Felle verpackt herum und kämpfen mit Pfeil, Bogen und Axt gegeneinander. Mittendrin Martin Augustin Schneider. Der junge Pusterer hat gerade eine Frau vergewaltigt und eine der Hütten niedergebrannt. Nun ist er auf der Flucht vor Ötzi. „Im August war es unter den Fellen ganz schön heiß“, erzählt der junge Schauspieler heute und nimmt einen Schluck von seinem Cappuccino.

Als eine der Hauptrollen hat der 23-Jährige vergangenen Sommer beim Film über das Leben der Gletschermumie Ötzi mitgewirkt. Ende des Jahres soll „Iceman - Die Legende von Ötzi“ in den Kinos anlaufen. Für Martin ist es nicht das erste Mal auf einer Kinoleinwand. „Als Komparse war ich schon auf vielen Sets“, meint der Newcomer und zählt die Filme auf. „The Correspondance“, „Honig im Kopf“ oder „Grand Hotel“ sind nur einige davon.

Seinen ersten richtigen Auftritt in einem Kinofilm hatte er vor knapp fünf Jahren, als er seine Ausbildung zum Schauspieler noch nicht einmal begonnen hatte. In „Tränen der Sextner Dolomiten“ spielte Martin die Rolle eines 16-jährigen, frechen Jungen, der ständig provozierte. Die Rolle würde auch heute noch perfekt zum jungen Pusterer passen. „Frech bin ich immer noch, aber mittlerweile auf eine charmantere Art und Weise“, meint er und grinst. Dann streicht er sich durch seinen rotblonden Vollbart und fügt lachend hinzu: „Und damals war ich auch noch etwas glatter als heute.“

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Martin A. Schneider

Dabei hatte Martin eigentlich nie im Sinn, Schauspieler zu werden. Auf einem Hof in Antholz im Pustertal groß geworden, sollte er diesen von seinen Eltern übernehmen. Nach Abschluss der Landwirtschaftsschule in Dietenheim fehlte Martin jedoch jede Lust dazu. So fing er eine Malerlehre an. „Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich damals zufällig im Radio von der Theaterschule in Bruneck gehört habe“, erzählt er. „Ich war sofort begeistert und wusste, dass das mein Weg sein wird.“ Ohne jede Schauspielerfahrung ging er zum Vorsprechen und startete wenig später ins erste Schuljahr. „Jedes Jahr musste man eine Abschlussprüfung vor der Österreichischen Paritätischen Schauspielkommission in Wien ablegen“, erzählt er und zündet sich eine Zigarette an.

Bereits während der Schulzeit übernahm Martin viele Rollen auf der Bühne des Theaters in Bruneck. „Das waren meistens Stücke, in denen man einen Prinzen oder einen Liebhaber gebraucht hat, dann wurde ich halt genötigt, Frauen zu küssen“, scherzt der Pusterer und lacht laut auf. Dabei kneift er seine blaugrünen Augen so zusammen, dass sie hinter kleinen Fältchen fast verschwinden.

Im vergangenen Juni machte Martin als letzter Jahrgang an der europäischen Theaterschule Bruneck seinen Abschluss. Damals wurde die Schule noch vom europäischen Sozialfonds und der Südtiroler Landesregierung gefördert. Als die Förderungen ausblieben, fehlte das nötige Budget. „Hätte ich ins Ausland müssen, hätte ich mir den Traum von einer Schauspielausbildung bestimmt nicht erfüllen können“, meint Martin, denn die Schule in Bruneck war kostenlos. Umso trauriger macht es ihn, dass die Landesregierung dieses Projekt nicht mehr unterstützt.

Für die Abschlussprüfung bereitete Martin Goethes „Werther” vor. „Damals war ich im perfekten Zustand für diese Rolle“, erinnert er sich. Selbst gerade von seiner Freundin verlassen, ließ sich Martin ganz auf die Rolle des jungen Werthers ein. „Teilweise ging das sogar etwas zu weit, weil ich selbst auch Suizidgedanken hatte“, gesteht der junge Schauspieler. Diese Zeit sieht er heute als Schlüsselmoment in seiner Ausbildung. Als junger Werther habe er verstanden, worum es in der Schauspielerei eigentlich gehe: „Eine Figur muss man zu 100 Prozent fühlen und nachvollziehen können.“

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Martin A. Schneider

Nicht umsonst war der Pusterer auch die Monate vor dem Dreh über die Legende Ötzis nur barfuß unterwegs, überwiegend im Wald. Um seine Muskeln aufzubauen, trainierte er. Martin nähert sich seinen Rollen gern praktisch an. „Ich gehöre nicht zu denen, die sich Bücher und Dokus zur Figur ansehen, ich muss die Rolle spüren“, erklärt er, „ich beobachte viel und lasse das Gefühl in meinem Körper aufkommen.“

Dass seine Entscheidung für die Schauspielschule richtig war, ist sich Martin sicher – auch wenn es nicht immer glatt läuft. „Ich liebe die Schauspielerei einfach, deshalb nervt es mich auch, dass ich gerade keinen Job habe. Ich würde so gerne spielen“, sagt er und rührt in seinem Cappuccino. Nach einigen kleineren Projekten und dem letzten Dreh für den Film über Ötzis sind aktuell keine neuen Projekte geplant. Bauer will er jedenfalls immer noch nicht werden, in Südtirol bleiben hingegen schon. „Hier werden viele Filmprojekte gemacht und auch die Theaterszene ist gut. Wenn man schlau ist, bleibt man erstmal in Südtirol und sammelt praktische Erfahrung“, meint der Jungschauspieler. Er erzählt von verschiedensten internationalen Produktionen, die Südtirol als Drehort gewählt haben. Trotzdem sei es schwierig, von hier aus die richtigen Beziehungen zu knüpfen. „Vor allem, wenn man gerade Kühe melkt“, scherzt der Pusterer.

„Am Set spreche ich mit jedem gleich, mir ist egal, wer vor mir steht.“

Vor einigen Wochen ist Martin von der Berlinale zurückgekehrt, wo er nicht nur seinen Agenten, sondern auch eine Reihe von Kollegen zum ersten Mal kennengelernt hat. In Deutschlands Hauptstadt spüre man sofort, dass die Filmszene eigentlich recht klein ist. Sei man am richtigen Ort, habe man es daher recht einfach. „Dort oben habe ich die andere Seite der Arbeit kennengelernt“, erzählt Martin. Leute treffen, Smalltalks führen, feiern, all das gehöre genauso zum Filmbusiness wie das Spielen am Set. „Berlinale war mega“, resümiert er. Trotzdem hält der 23-Jährige vom Prominenten-Status nicht viel. „Am Set spreche ich mit jedem gleich, mir ist egal, wer da vor mir steht“, sagt er. Auch als er Jürgen Vogel in der Rolle des Ötzis oder aber Sabin Tambrea das erste Mal getroffen habe, sei das nicht anders gewesen. Tambrea kennt man etwa aus König Ludwig, im Sommer aber spielte er Martins Bruder im Film: „In Iceman gibt es den Stamm von Ötzi und den der Familie Krant. Sabin und ich waren Krants Söhne“, erklärt Martin.

Auch wenn es dem Pusterer am Set gut gefiel, seine Heimat bleibt nach wie vor das Theater. „Fürs Fernsehen muss man Mittelmaß spielen, damit die Leute gleich verstehen, was die Rolle verkörpert. Im Kino kann man das etwas mehr ausbauen – aber beides ist nichts im Vergleich zum Theater“, meint Martin. An keinem Ort könnten Schauspieler das Potential von Figuren so ausschöpfen werden wie auf der Bühne. Dort kann es auch schon einmal drei Monate lang dauern, bis eine Figur ausreichend entwickelt ist.

Momentan stellt der Traum von der Schauspielerei Martin auf die Probe. Um seine Kasse aufzubessern, jobbt er jetzt als Kellner. „Der Anfang ist einfach schwer und jeder weiß, wie dieser Job ist. Aber ich bin überzeugt, dass ich die Voraussetzungen dafür habe. Nun braucht es Geduld“, meint er ganz cool. Als nächstes will er besser Englisch lernen und an Castings für eine österreichische und eine deutsche Filmproduktion teilnehmen. Und spätestens in einem Jahr will Martin nach München oder Berlin ziehen und dort den nächsten Schritt hin zur Schauspielerkarriere machen.

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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