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Vom guten Leben

Früher arbeitete er für den Erdölkonzern Ecuadors, heute gilt er als Vorreiter der lateinamerikanischen Umweltbewegung: Alberto Acosta propagiert ein Konzept zum „Guten Leben“.

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Bild: Alberto Acosta

Der Ecuadorianer Alberto Acosta tourt seit Jahren durch Europa, um ein Konzept zum guten Leben zu propagieren, das aus dem Denkraum der indigenen Völker Lateinamerikas stammt. Dabei gehört der studierte Volkswirt selbst keinem indigenen Volk an und arbeitete einst sogar für den staatlichen Erdölkonzern. Mittlerweile gilt der 69-Jährige als einer der prominentesten Kritiker des Entwicklungskonzeptes und hat als Präsident der verfassunggebenden Versammlung wesentlich dazu beigetragen, die Weltanschauungen und nachhaltigen Lebenskonzepte der indigenen Völker seines Landes in die neue Verfassung Ecuadors mit einzubeziehen. zebra. hat ihn im Rahmen eines Vortrags in Brixen getroffen.

Die Welt strebt vermeintlich nach Entwicklung, Sie halten das Konzept aber für gescheitert. Warum?
Ich weiß nicht, ob die Welt nach Entwicklung strebt. Die Menschen streben nach einem würdigen Leben. Wie das zu verstehen ist, sollten wir die Menschen selbst fragen. Ich halte nichts mehr vom Konzept der Entwicklung, weil ich im Laufe der Jahre verstanden habe, dass es in eine Sackgasse führt. Wie viele Länder haben sich entwickelt? Sind die sogenannten entwickelten Nationen tatsächlich entwickelt? Zudem müssen wir uns fragen, ob es überhaupt möglich ist, dieses vermeintliche Entwicklungsniveau auf der ganzen Welt zu garantieren. Und ich stelle fest, dass das schon unter ökologischen Gesichtspunkt nicht zu bewältigen ist.

Die Alternative, die Sie vorschlagen, ist ein Konzept zum „Guten Leben“, auch „Buen Vivir“ oder „Sumak Kaswsay“ genannt. Woher kommt dieser Vorschlag?
Dieser Ansatz kommt aus dem Denkraum indigener Völker. Ähnliche Konzepte tauchen sowohl in Südamerika als auch in Teilen Afrikas und Asiens auf. Sie können nicht ohne Weiteres in der westlichen Welt übernommen werden. Die indigene Bevölkerung in Lateinamerika wurde und wird noch immer sehr stark marginalisiert, und ich finde es besonders spannend zu beobachten, dass neue und zukunftsfähige Konzepte anscheinend immer häufiger aus der Peripherie kommen.

Was umfassen diese Ideen des „Guten Lebens“?
Sie umfassen eine neue Lebensauffassung, eine andere Weltanschauung. Das „Gute Leben“ in den indigenen Gemeinschaften beinhaltet eine harmonische Beziehung mit der Natur und eine gleich wichtige harmonische Beziehung mit den Mitmenschen. Es geht nicht um die Anhäufung materieller Dinge, sondern um Solidarität. Nicht um Egoismus, sondern um gemeinschaftlichen Sinn. Es geht nicht um Wachstum, sondern um Nachhaltigkeit. Nicht nur um Effizienz, sondern um Suffizienz; also Maßhalten, Bescheidenheit. An diesem Punkt gelangen wir zu den großen Fragen unserer Zeit: Wie viel ist genug? Für wen? Wofür?

2008 war das entscheidende Jahr, in dem es gelungen ist, das „Buen Vivir“ in die Verfassung Ecuadors zu integrieren. Wie kam es dazu?
Die indigenen Gemeinschaften in Ecuador haben sich seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts verstärkt politisch engagiert, und plötzlich war die Rede vom plurinationalen Staat, von kollektiven Rechten und von Rechten für die Pachamama – die Mutter Erde, oder eben vom „Guten Leben“. Es kam zu einer gewissen Akzeptanz in Teilen der Bevölkerung, und es war denkbar, dass uns die Indigenen ihre Lebensauffassung nicht nur zeigen, sondern wir sie auch auf unsere Gesellschaft übertragen könnten. In diesem Rahmen sind diese Ideen schließlich in die Verfassung aufgenommen worden.

War dieser Prozess schwierig?
Dieser Prozess war nicht unbedingt sehr schwierig, denn ich muss gestehen, dass die Diskussion nicht in jedem Moment besonders tief war. Es gab Leute, die sich stark gegen diese Anschauungen wehrten und behaupteten, dass diese Ideen rück­wärts­ge­wandt seien und sie uns zurück in die „unzivilisierte Welt“ führen würden. Andere haben gesagt, es seien sozialistische Ideen. Das Konzept des „Buen Vivir“ wurde nicht richtig verstanden. Aber trotzdem war es unglaublich wichtig, dass diese Inhalte in der Verfassung verankert wurden, auch wenn sie nicht in die Praxis umgesetzt worden sind. Ein Schritt in Richtung Dekolonialisierung ist gemacht. Und wir müssen uns alle noch von diesem kolonialen Gedanken befreien, in dem der sogenannte Westen der restlichen Welt vorgibt, was „richtig“ und was „falsch“ ist, oder was als erstrebenswert gilt.

In Ihrem Buch* sprechen Sie auch von der Emanzipation vom Eurozentrismus. Also von der Bemühung, die Welt nicht einzig durch die europäische Brille zu betrachten. Wie kann diese Sichtweise überwunden werden? Von Europäer*innen und Südamerikaner*innen?
Diese Forderung geht ganz klar an beide Seiten. Das Gedankengut, das aus Europa kam, wie Liberalismus oder das gesamte Christentum, wurden weit verbreitet. Aber Europa ist nicht mehr der Kontinent der Lichter, der er etwa zur Zeit der Aufklärung war. Die Europäer*innen lernen zu wenig aus ihrer Geschichte. Europa hat seine Werte in den Museen versteckt. Beide Seiten müssen einen Dekolonialisierungsprozess in Gang setzen. Europa muss verstehen, dass sein propagiertes Modell der Ausbeutung nicht zukunftsfähig ist.

Beim Konzept des „Buen Vivir“ und somit auch in der Verfassung Ecuadors wird die Natur zum Rechtssubjekt. Das heißt, sie oder ein*e Stellvertreter*in für sie, kann Rechte für die Natur einklagen. Warum ist das wichtig und was bedeutet das?
Das ist entscheidend wichtig. Für die indigenen Völker stellt die Natur die Basis jeden Lebens und damit auch die Basis der gesamten Menschheit dar. Ohne Natur können wir nicht leben. Wir sind nicht nur ein Teil der Natur – wir sind Natur und das ist das Entscheidende. Aber diese Ideen sind auch in anderen Teilen der Welt präsent. Albert Schweitzer hat sich etwa mit diesen Gedanken auseinandergesetzt oder auch der italienische Schriftsteller Italo Calvino.

Gibt es Beispiele, wo jemand im Namen der Natur bereits gerichtlich vorgegangen ist?
Das ist schon passiert, aber nur begrenzt. Ein Ehepaar in Loja, im Süden Ecuadors, hat gegen die Region eine Klage eingereicht, weil diese beim Bau einer Straße einen Fluss geschädigt hat. Es gibt noch andere Beispiele. Aber die Umsetzung in die Praxis ist noch nicht ausgereift. Die Jurist*innen etwa fragen sich, wie die Natur ihre Rechte überhaupt selbst verteidigen soll. Sie wollen oder können nicht verstehen, dass wir Menschen das tun müssen. Genau wie auch ein neugeborenes Kind jemanden braucht, der für dessen Rechte einsteht. Ich gestehe, das ist ein sehr komplexes Thema, aber ich vertrete die feste Meinung, dass wenn Menschenrechte universale Geltung haben, dann gilt dasselbe auch für die Rechte der Natur. Ganz wichtig: In Zusammenhang mit den Rechten der Natur sprechen wir nicht von Reparation. Das heißt, wenn es zu Schäden kommt, klagen wir kein Geld ein.

Sondern?
Die Natur muss wieder hergestellt werden.

Wie ist die aktuelle Lage? Sind sie zufrieden mit der Umsetzung des „Buen Vivir“ in Ecuador?
Ich bin überhaupt nicht zufrieden. Aber trotzdem finde ich es sehr interessant, dass in Ecuador darüber diskutiert wird. Zwar nicht in dieser Tiefe, wie ich es mir wünsche, aber immerhin. Viele Leute wissen nicht, dass diese Ideen von den indigenen Gemeinden kommen und es kann sein, dass mit der neuen Regierung diese Ideen komplett weggewischt werden. Aber wenn im Ausland darüber diskutiert wird, so wie hier in Brixen, dann ist es gut möglich, dass es auch in Ecuador wieder aufgegriffen wird. Denn schließlich gilt auch heute noch: Alles was vom Ausland kommt, ist gut. Leider wird das Konzept aber auch in Europa missverstanden. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel hat vor einiger Zeit einen Bürgerdialog organisiert, denn in Deutschland wurde das „Gute Leben“ sehr stark diskutiert. Was dabei heraus kam, war aber sehr schwach. Merkel hat auf die Frage, warum sie diesen Bürgerdialog anstößt, geantwortet „Damit alles bleibt wie es ist“ – also keine Veränderung!

Europäer*innen denken in der Regel sehr strukturiert und fordern ausgereifte Konzepte für die konkrete Anwendung. Was halten Sie davon?
Die Europäer*innen und speziell die Deutschen hätten gerne eine Bauanleitung für das „Gute Leben“. Das spiegelt sich auch im Begriff der „Leitkultur“ wieder. Wer sich an diesen Begriff hängt, braucht offenbar sogar eine Anleitung für die Kultur.

Genau dies, eine Anleitung nämlich, liefern Sie aber ganz bewusst nicht und lassen die konkrete Umsetzung zu einem guten Leben offen. Wie können wir Europäer*innen lernen, mit solchen Entwürfen, die zwar sehr gut klingen, aber keine Gebrauchsanweisung mitliefern, konstruktiv umzugehen?
Ich habe mich schon jahrelang damit beschäftigt und ich weiß selbst nicht, ob dieser Entwurf des „Guten Lebens“ außerhalb des indigenen Kosmos überhaupt funktioniert.

Bleibt die Realisierung eines „Guten Lebens“ für alle letztlich also eine Utopie?
Es ist eine Utopie. Es klingt nach Utopie. Aber wir müssen diese Utopie machbar machen. Ganz im Sinne von Ernst Bloch, der von der „konkreten Utopie“, also einer, die auch verwirklicht werden kann, gesprochen hat. Eine Utopie ist gut, um weiter zu marschieren, um Orientierung zu gewinnen, aber einholen werden wir sie womöglich nicht.

von Matthäus Kircher und Verena Gschnell

Der Text erschien erstmals in der 32. Ausgabe von „zebra.”, Dezember/Jänner 2017.

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