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Das Rotierende Theater

Unterhalten und aufrütteln

Zwischen selbstgeschriebenen Stücken und Klassikern, Unterhaltung und kritischem Zeitgeist: Zu Besuch bei den jungen Schauspielern des Rotierenden Theaters.

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Bild: Viktoria Obermarzoner

Auf der Sprosse einer Leiter in der Ecke des Kapuzinerkellers in Brixen sitzt ein Rabe. Der trägt seine Federn jedoch nur auf dem Kopf, angeklebt auf einem Stirnband. Thomas heißt der Rabe und er ist ein Schauspieler. Wenn er von der Leiter springt, seinen Text aufsagt und dazu mit seinem schwarzen Sakko wedelt, kauft man ihm die Rolle aber mehr als ab.
Was hier gerade stattfindet, sind die Proben zum aktuellen Stück des Rotierenden Theaters. Die kleine Bühne aus Vahrn gibt es seit mittlerweile drei Jahren. Entstanden ist sie aus einer spontanen Idee, umgesetzt haben sie ein paar motivierte junge Menschen zwischen 17 und 29 Jahren.

Bei den Proben

Bild: Lisa Maria Kager

„Von der Buchhalterin bis zum Studenten und der angehenden Mama ist beim Rotierenden Theater mittlerweile alles dabei“, sagt Hanna Gfader, Obfrau des Vereins und streicht dabei einmal über ihren kugelrunden Schwangerschaftsbauch. Nicht nur Requisiten und die Buchhaltung, sondern auch die Kostüme, die Maske und die Regie machen die jungen Leute selbst. Diese Unabhängigkeit macht die Schauspieler einmal mehr kreativ. Sie müssen nicht nur auf der Bühne, sondern auch dahinter und davor immer wieder in neue Rollen schlüpfen.

„Wir sind eine Sparte, die es so sonst nicht gibt“, sagt Viktoria Obermarzoner, die selbst als Gründungsmitglied von Anfang an mit dabei ist. Sie schiebt sich ein knallrotes Bonbon in den Mund und erklärt: „Das Rotierende Theater ist eine Kombination aus professionellem Theater und Amateurbühne. Das taugt den Leuten.“ Fragt man Viktoria, was Theater für sie persönlich sei, dann antwortet sie mit einem Wort: „Zauberei.“

Das Rotierende Theater finanziert sich durch Eintritte und Mitgliedsbeiträge. Das Bühnenbild ist aber nicht nur aus Kostengründen oft spartanisch gestaltet, sondern auch, weil man das Publikum zum Denken anregen will. Was die Bühne außerdem von anderen Südtiroler Bühnen unterscheidet, sei der Blickwinkel: „Wir wollen nicht nur unterhalten, sondern auch Werte vermitteln“, meint Viktoria. So greifen die jungen Schauspieler immer wieder auch geschichtliche Themen wie die Terror-Organisation Rote Armee Fraktion auf. Oder das Thema der Homosexualität im Nationalsozialismus, wie Anfang des Jahres mit „Immer Lieben. Berlin 1943“.

„Kinder sind das schwierigste und das ehrlichste Publikum.“ Viktoria Obermazoner

Neben dem ein oder anderen selbstgeschriebenen Stück werden Klassiker, Komödien oder Kinderstücke aufgeführt. Auch die kommende Premiere wird ein Kinderstück sein – „Die kleine Hexe“ von Otfried Preußler. Regisseurin ist diesmal Viktoria selbst. Gelernt hat sie das Handwerk nie. Sie ist Autodidaktin und Schauspielerin, hat selbst ein Jahr lang die Schauspielschule in Wien besucht und ist danach als Privatistin zur Prüfung angetreten. Momentan versucht sie einen Platz an einer Südtiroler Theaterbühne zu kriegen. Der zierlichen 29-Jährigen würde man auf den ersten Blick gar nicht zutrauen, dass sie auch mal laut werden kann als Regisseurin. Die größte Herausforderung für sie bei ihrer Arbeit: „Den Kindern zu gefallen. Kinder sind das schwierigste und das ehrlichste Publikum.“

Mitten im Gespräch kommt Andrea zur Tür herein, die kleine Hexe. Kurzes, braunes Haar und breites Grinsen. Sie verschwindet hinter der Bühne. Wenig später kommt sie in einem violett karierten Rock, hochgezogenen, bunten Strümpfen, mit einem kleinen Rucksack und Hexenstiefeln wieder hinter dem Vorhang hervor. „Viktoria ist nie wirklich böse“, lacht sie. Trotzdem treibe sie die jungen Schauspieler durch klare Linien und eine gewisse Strenge in ihrer Entwicklung voran. Dann verschwindet die kleine Hexe wieder hinter die Bühne, wo sie auf ihren Einsatz bei der Probe wartet.

Texte lernen

Bild: Lisa Maria Kager

Normalerweise probt das Rotierende Theater zwei Mal in der Woche. Immer abends und am Wochenende, weil viele der Mitglieder arbeiten oder zur Schule gehen. Pro Jahr werden vier bis sechs Stücke aufgeführt. Außerdem macht die Theatergruppe zu bestimmten Anlässen auch Performances, wie etwa im Januar für die Kulturzeitschrift „zebra“ in Klausen. In Zukunft wolle man sich dann auch einmal an ein Musical wagen. Davon träumen die Mitglieder seit Langem. „Der Aufwand ist größer und ehrlich gesagt fehlen uns dazu auch noch die singenden Männer“, meint Viktoria. Männermangel hat die Bühne aber nicht wirklich. Von den 22 Mitgliedern sind immerhin sieben Jungs.

„Es ist extrem schön, wenn man sieht, wie die Menschen in diesem Verein wachsen.“ Viktoria Obermarzoner

„Von jeder Rolle nimmt man etwas anderes mit. Man lernt und wird selbstbewusster“, meint Viktoria. Jedes Jahr organisieren die jungen Leute neben einer Vereinsschulung auch verschiedene Sprechtrainings, Stimm- und Tanzbildung. „Uns ist wichtig, dass wir immer weiter an uns arbeiten. Dann gewinnt man auch etwas“, sagt die 29-Jährige. Außerdem wolle man so nicht nur die verschiedenen Talente fördern, es werde auch die Professionalität gewahrt. „Die Leute sind immer wieder erstaunt über unsere Professionalität und wir kriegen gutes Feedback“, meint Viktoria stolz.

Manchmal würde man sich schon fragen, warum man den Schritt zum professionellen Theater nicht einfach wagt: „Theoretisch arbeiten wir hier ja, uns fehlt nur noch das Geld, das wir dafür verdienen“, meint Viktoria. Warum sie das trotzdem auch ohne Bezahlung machen? „Weil wir es lieben.“ „Und weil man immer etwas dafür zurückkriegt“, ergänzt Hanna Gfader. „Und wer weiß, was noch kommt“, träumen die beiden. Jetzt steht erst einmal die nächste Premiere an.

Wer das Rotierende Theater live sehen will, hat am 18. Dezember bei der Premiere von „Die kleine Hexe” von Otfried Preußler im Kapuzinerkeller in Klausen die Möglichkeit dazu.

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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