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Unser Onkel Taa

Karl Platino ist ein Kunstwerk für sich: Er ist Bildhauer, Sammler und züchtet Schnecken. BARFUSS durfte sich im Reich des Tausendsassas umsehen.

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Bild: Petra Schwienbacher

Das Haus auf der Töll bei Partschins ist verwachsen. Schon draußen erkennt man Vorboten von dem, was einem im Inneren von Onkel Taas Reich erwartet. Masken aus Stein und Holz säumen den Weg – 1200 Stück, wie mir Taa später erzählt – Korblampen aus Glas und Teile von Strommasten hängen von den großen Laubbäumen. Daneben ein Zaun, der aus alten Gittern und 270 Millionen Jahre alten Steinen besteht. Alles selbst gemacht oder gesammelt.
Früher war das hier Bad Egart, das älteste Badl Tirols. Heute befindet sich hier das k. u. k. Museum mit der größten Habsburger-Privatsammlung der Welt, geschaffen von Onkel Taa. Onkel Taa, mit bürgerlichem Namen Karl Platino, ist eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Und selbst das ist wohl zu milde ausgedrückt für den Künstler, Bildhauer und Sammler. Er ist ein Tausendsassa. Heute gebührt mir, ich würde schon fast sagen die Ehre, von ihm durch sein Reich geführt zu werden. Alles zu sehen, was er in über fünfzig Jahren angehäuft hat, würde wohl Tage dauern.

Kurioses. Antikes. Kunst.

Die Wände des Eingangsbereichs sind tapeziert mit Bildern von Sissi und ihrem Franzl. Vitrinen voller Stücke aus der Habsburger Monarchie, Puppen, antike Puppenhäuser und alle erdenklichen Sammlerstücke lehnen an der historischen Wand. Mit 14 Jahren begann die Sammelleidenschaft des gebürtigen Kuensers. Seine Tante schwärmte damals von Sissi, besaß selbst auch Kaiserbilder. „Mich hat das fasziniert und ich habe begonnen, alles Mögliche zu sammeln“, sagt Onkel Taa, während wir in den nächsten Raum gehen. Auch er ist voll von Sammlerstücken. „Sie war eine seltsame Frau“, sagt Onkel Taa und zeigt auf ein Gemälde von Sissi. Trägt Taa Bart, könnte er glatt selbst als Kaiser Franz Joseph I. durchgehen. Jetzt sei er kurz, weil sie den Bart nicht mehr gewollt hätten, die Weiber. „Aber nächstes Jahr, zum 185. Geburtstag des Kaisers, lasse ich ihn wieder wachsen“, verspricht er.

Im nächsten Raum entspringt eine der Quellen – die Heilwasserquelle. Onkel Taa sagt über sein Reich: „Das Interessante ist, dass für jeden etwas dabei ist. Man wird nicht stuff.“ Und man muss ihm Recht geben. Keine Spur vom trockenen, langweiligen Museumsflair. Es gibt unendlich viel zu sehen. Auch die nächsten Räume sind bis oben hin gefüllt mit allerlei Schätzen. Im hinteren Teil des Museums bekommt man Einblicke in das Leben und die Kulturgeschichte der Südtiroler Bauern. Ein Bauernladen mit alten Küchen- und Arbeitsgeräten und wieder Vitrinen mit allerlei kuriosem Inhalt: sakrale Gegenstände, Reliquien, antike Schlüssel und Maulorgeln, die Taa Fotzenhobel nennt. Wo findet man nur all diese Sachen? „Ich habe in den Kommodkasten gestrialt und gestrialt und mit der Zeit immer mehr gesammelt“, sagt Taa, der mit seiner Familie den oberen Stock bewohnt. Seit 34 Jahren betreibt er jetzt sein eigenes Museum, seit sieben Jahren gehört es offiziell zu den Südtiroler Museen.

Grün. Kitsch. Schneckenzucht.

Wir gehen in den Hinterhof des Museums. Hier zeigt Onkel Taa mir voller Stolz seine begrünte Mauer, die er jeden Tag mit Wasser besprüht. „Ist sie nicht schön?“, fragt der Künstler, der sein Alter lieber für sich behält. „Schreib einfach ich habe mehrere Jahrgänge. Überhaupt wenn so ein junges Mädel neben mir steht, dann ist der Jahrgang ganz jung“, sagt er und lacht. Zwischen Moos und Farn findet man auch hier immer wieder Sammlerstücke, sogar die Hausmauer ist voll davon. Taa zeigt mir Papagallo und Papagalla, alte Urinale aus Glas, Pfannenknechte und Schusterzeug. „Du kannst dir vorstellen, wie die Leute staunen und schauen“, sagt er. Einige Besucher würden manchmal sogar weinen, weil sie sich beim Anblick der Sammlerstücke an früher erinnern. Viele kämen jedes Jahr wieder, weil das Museum von Jahr zu Jahr wächst. Im hinteren Bereich ist ein kleiner Wasserfall an der Mauer, in der Mitte stehen Zuber, in denen man im Mittelalter gebadet hat. Dieser Bereich hat ein tropisches Flair – nur die Temperatur spielt hier nicht ganz mit.

„Ja, hier ist Material“, gibt der leidenschaftliche Sammler zu. Wie viele Stücke hier insgesamt sind, weiß wohl niemand. Ich stelle die Frage, die mir schon seit Beginn des Rundgangs auf der Zunge brennt. Gefällt die Sammelleidenschaft auch der Familie? „Ja klar ... Na, der Frau nicht so, weil sie immer abstauben muss. Einmal im Jahr wird hier alles geputzt, da ist sie manchmal ein bisschen böse“, so Taa. Zwei Monate Grundreinigung liegen hinter der Familie. Das sei die größte Arbeit. Neben zehn Vitrinen voller – manchmal kitschiger – Schneckenfiguren zeigt Taa stolz auch seine Schneckenfossilien, eines sogar 150 Millionen Jahre alt. Aber wer denkt, die Sammlung beschränke sich darauf, der irrt. Onkel Taa züchtet die schleimigen Tiere sogar. Alle legen Eier, erzählt mir Taa, denn Schnecken sind Zwitter und befruchten sich gegenseitig. Noch sind sie leider nicht zu sehen, erst etwa Ende April kommen sie aus ihren mit Kalkdeckeln verschlossenen Häusern heraus.

„Mein Großvater hat bereits Schnecken gekocht, ich musste sie als Bub immer sammeln“, so Taa, der damals mit seiner Familie auf dem Hilberhof in Kuens wohnte. Sie seien die einzigen im Dorf gewesen, die Schnecken aßen. „Alle sagten, die Hilber spinnen“, erzählt er und lacht. Ihm schmecken die Weichtiere auf verschiedenen Arten: mit Pfifferlingen, Steinpilzen oder Ziegenkäse. Außerdem seien sie reich an Mineralien und bestünden aus nur 0,25 Prozent Fett. Während wir wieder zurück gehen, erzählt mir Taa, der vor fünfzehn Jahren zum Schneckenkönig geadelt wurde, dass viele Gäste neugierig seien und die Schnecken einmal probieren möchten. „Schnecken essen ist Kopfsache. Wenn man sich ekelt, dürfte man Schweine auch nicht essen.“

Kreativität. Kapelle. Krankheit.

Ich komme zugegebenermaßen aus dem Staunen nicht mehr heraus. „Ein neugieriger Mensch kann hier stundenlang schauen“, so Onkel Taa. Selbst in den Toiletten gibt es einiges zu sehen. Erotische Schneckenbilder an den Türen, alte Pissoirs bei den Herren, Waschkannen bei den Damen. „Die Malereien waren sogar schon mal im Playboy abgedruckt“, sagt Taa, der seinen Namen übrigens seinen zehn Geschwistern zu verdanken hat, die ihn bereits als Baby Taa genannt haben. Das sei einfach zu merken gewesen. „Aus Spaß habe ich mal Onkel gesagt und seitdem ist mir das geblieben.“ Durch eine knarrende Tür im Museum gelangen wir ins angrenzende Restaurant. Hier stellt mir Taa seine Tochter Janett vor. Sie zaubert hier neben der Schnecken-Spezialität auch Flusskrebsschwänze, Schlutzer oder ein ganzes kaiserliches Menü. „Wir kochen mit frischen Kräutern, Blüten und Gemüse aus dem eigenen Garten“, sagt sie. Das Restaurant steht dem Museum in nichts nach. Münzen kleben auf dem Boden, Kugeln aus Schneckenhäusern hängen von der Decke und wieder erblicke ich etliche Sammlerstücke an den Holzwänden.

Zum Schluss will mir Onkel Taa noch die kleine Pilgerkapelle zeigen. Sie sei als Hasen- und Hühnerstall genutzt worden, bis er sie restaurierte. Heute erstrahlt sie wieder in vollem Glanz. Gefüllt mit Marienstatuen, beinhaltet sie auch die Turmuhr vom Reschensee aus dem Jahr 1723 und soll getrennte Paare wieder versöhnen. Auf der anderen Straßenseite führt eine kleine Treppe hinauf zum Wasserturm. Früher habe man hier die Lokomotive aufgetankt und seit einem Monat thront an diesem Ort auch wieder ein alter Wasserkran – der einzige im Jugendstil, den es in Südtirol noch gibt.

Das schöne am ganzen Reich hier, sei nicht der Besitz, sondern das Schaffen, sagt Onkel Taa, während er mir alle seine selbst gemachten Masken aus Holz zeigen will. „Ich mache immer wieder etwas neu, die ganzen Ideen und die Kreativität hört nicht mehr auf. Nur ist heute alles viel zu groß geworden.“ Obwohl er mit der Arbeit kaum mehr nachkomme und auch keine Unterstützung vom Land bekomme, mache er es gerne. Denn im Gegensatz zu anderen Sammlern, können die Leute seine Stücke bewundern und die Komplimente seien die größte Freude. Hört man irgendwann auf zu sammeln? Onkel Taa lächelt. „Nein, die Leidenschaft ist eine Krankheit.“ 

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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