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Elektrorollstuhl-Hockey

Tiger auf Rollen

Die Wheelchair Tigers sind Südtirols einzige Elektrorollstuhl-Hockeymannschaft. Erst bei einem Selbstversuch versteht man, worum es wirklich geht.

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Bild: Lisa Maria Kager

Heute bin ich mit 12 Stundenkilometern unterwegs. Aber nicht etwa, weil ich am Straßenrand jogge oder Fahrrad fahre. Ich sitze in einem elektrisch betriebenen Rollstuhl mit oranger Stoßstange und eisernem Reifenschutz. Dem Gefährt, das den Wheelchair Tigers aus Bozen ermöglicht, ihren Sport auszuüben – das Elektrorollstuhl-Hockey. „Prova un po' a fare slalom“, hat mir Trainer Giorgio Pizzo aufgetragen und mich zu den grell-orangen Hütchen ans andere Ende der Turnhalle in der Bozner Roenstraße geschickt.

Als ich losfahren will, reißt mich die Schwerkraft in den Sitz und weil ich, erschrocken, reflexartig gleich wieder ausgleichen will, katapultiert sie mich fast vom Sitz. Wie meine ersten Versuche im Slalom wohl ausgesehen haben, darf sich jetzt jeder selbst ausmalen. Umso mehr Respekt habe ich, als ich kurz später in einem ruckartigen Vor und Zurück wieder in Richtung Spielfeld fahre, wo bereits das erste Trainings-Match angepfiffen wurde.

Vier Spieler, ein Tormann

Bild: Lisa Maria Kager

Nur gemeinsam ist man stark

Ein Team besteht beim Wheelchair Hockey aus vier Spielern plus Tormann. Die Bozner Tigers haben insgesamt acht Spieler und treten beim Training daher einfach gegeneinander an. Inmitten der knöchelhohen Bande versuchen sie sich immer wieder gegenseitig auszuspielen und schließlich gegen Tormann Andreas anzukommen und den weißen Plastikball hinter ihm im Netz zu versenken.

Aufgrund ihrer Krankheitsbilder haben die Spieler zu wenig Kraft in den Armen, um einen Unihockey-Schläger aus Plastik zu halten. Deshalb spielen sie mit einem fixen Stick, einem T-Stück aus weißem Plastik, das an der Fußplatte des Rollstuhls befestigt ist. Nur Manuel hält seinen Schläger in der rechten Hand. Mit der Linken steuert er gleichzeitig den Joystick des Rollstuhls. Doppelte Koordination ist zwar schwieriger, belohnt ihn aber am Ende mit Wendigkeit. So kann der Lananer seinen Ball mit dem Stock beispielsweise an der linken Seite des gegnerischen Rollstuhls vorbeischießen und gleichzeitig mit seinem Rollstuhl auf der rechten Seite vorbeifahren.

Der T-Stick

Bild: Lisa Maria Kager

In der vergangenen Saison waren die Spieler mit flexiblen Stöcken zu zweit. „Adesso devo abituarmi ad essere da solo e devo allenarmi di più a passare con i stick fissi“, meint Manuel und schwingt seinen orangen Schläger exemplarisch zwei, drei Mal hin und her. Natürlich ist das – aufgrund der fehlenden Flexibilität der anderen – viel schwieriger. Umso glücklicher macht es den Stürmer, seine Mannschaft mit seiner speziellen Fähigkeit zu unterstützen.

Im normalen Alltag läuft Manuel mit Krücken. Ein frühkindlicher Hirnschaden hat seinen Gleichgewichtssinn und bestimmte motorische Fähigkeiten eingeschränkt. Trotzdem sitzt der IT-Mitarbeiter in jeder freien Sekunde entweder auf seinem Handbike oder auf den Skiern. Auf dem Feld schießt er am liebsten die Tore. „Come io“ ruft Klaivert frech von der Seite herüber, dreht seinen Rollstuhl um und flitzt damit, so flink wie er gekommen ist, wieder zu den anderen aufs Feld.

Der jüngste Tiger ist erst zehn Jahre alt, aber bereits seit drei Jahren fixer Bestandteil des Teams. In Höchstgeschwindigkeit durchs Spiel zu brettern gefalle ihm wesentlich besser, als still in der Schule herumzusitzen und zuzuhören. Immer wieder fährt er auf dem Feld blitzschnell hinter dem Tor vorbei und passt den Ball, den er mit dem fixen Stick vor sich her führt, am Ende direkt zu den anderen. Die müssen ihn nur noch im Netz hinter dem Tormann versenken. „No, non così!“, schreit der Trainer etwas böse. Obwohl Klaivert einer der wenigen Spieler mit fixem Stick ist, der auch Tore schießt, scheint Pizzo trotzdem nicht zufrieden und holt den Frechdachs mit einer großen, winkenden Handbewegung an den Rand der Bande, wo er ihm etwas ins Ohr flüstert.

Tipps vom Trainer

Bild: Lisa Maria Kager

„Io li tratto come atleti normali, mica come disabili“

Vor vier Jahren hat Giorgio Pizzo sich in das Team vernarrt. Er selbst spielte in den 1980ern beim HC Bozen Eishockey. Nach einer Krankheit war ihm das nicht mehr möglich. Als er die Tigers bei ihrem jährlichen Turnier auf dem Bozner Waltherplatz das erste Mal sah, habe er eine für sich wertvolle Aufgabe gefunden. „Hanno uno spirito fantastico“, schwärmt der Trainer und blickt stolz auf das Spielfeld.

Zwei Mal in der Woche steht er nach seiner Arbeit hier und trainiert die Mannschaft drei Stunden lang. Natürlich ist Pizzo auch bei den Spielen immer mit dabei. Finden diese auswärts statt, bedeutet das, frühmorgens mit drei Kleinbussen, fünf elektrischen Rollstühlen, acht Spielern und einigen Eltern loszufahren und spätabends erst wieder in Bozen einzutrudeln. Immer wieder organisiert er gemeinsame Pizza-Essen, Kastaniengrillen und Ausflüge. Verdienst habe er dabei keinen. „Per essere una squadra, bisogna essere una famiglia“, meint er.

Und dann erzählt er von einem Turnier in Sizilien, zu dem die Tigers bereits seit Jahren eingeladen wären. Mit der Teilnahme dort würde sich für viele in der Mannschaft ein kleiner Traum erfüllen. Die Überfahrt auf die italienische Insel stellt sich jedoch kompliziert dar. Weil in einem Flugzeug nur jeweils ein Rollstuhlplatz vorgesehen ist, könnte die Mannschaft nur mit dem Schiff ab Genua in Richtung Süden fahren. Die 24 Stunden Fahrt würden die Tigers gern auf sich nehmen. Doch das Budget von 15.000 Euro ist schwer aufzutreiben. Die Ausgaben, die in einer normalen Saison anfallen, übernehmen entweder die Sponsoren oder die Eltern selbst. Zuschüsse gibt es wenige. Dabei kostet allein ein Elektrorollstuhl schon zwischen 16.000 und 18.000 Euro.

Matthias liebt Adrenalin-Kicks

Bild: Lisa Maria Kager

Alles vergessen

Etwa eine halbe Stunde nach Trainingsbeginn trudelt Matthias, der Bruder von Tormann Andreas, mit seinem Betreuer ein. Er kommt direkt von der Uni Bozen, wo er seit diesem Semester Informatik studiert. Der 21-jährige Eppaner fährt auch im Alltag einen Elektrorollstuhl. Doch das war nicht immer so. Als Kind konnte Matthias noch laufen, mit vier Jahren wurde das Treppensteigen schwierig, später das Laufen. Seit einigen Jahren sitzt er im Rollstuhl.

Matthias leidet an Muskeldystrophie, einer Erbkrankheit, die nach und nach immer mehr Muskeln im Körper schwächt. Kortison kann das Fortschreiten der Krankheit zwar etwas hemmen, andere Medikamente gibt es aber nicht. „Das Spielfeld ist der einzige Ort, an dem ich richtig abschalten kann“, meint Matthias, der bereits seit fünf Jahren mit im Team ist. In den vier Vierteln eines Spiels, die jeweils zehn Minuten dauern, steht er auf der Verteidigerposition. Sein Job: Anderen den Weg abschneiden und das Tor für gegnerische Schüsse blockieren. Ab und an wagt sich Matthias auch in den Angriff. Doch mit dem fixen Stick sei es für ihn überaus schwierig, Tore zu schießen. „Für Körperkontakt gibt es so etwas wie Elfmeter“, erklärt Matthias.

Das erste Spiel der Saison haben die Tigers in diesem Jahr mit 2:0 gewonnen. Und das obwohl in der gegnerischen Mannschaft drei Spieler mit flexiblen Stöcken gespielt haben. „Das war super“, meint der Eppaner, „aber wir brauchen eindeutig noch mehr Spieler.“ Dem Zuwachs würde er nicht nur eine nette Gemeinschaft, sondern auch den Adrenalin-Kick auf dem Feld versprechen. Matthias möchte diesen nie mehr missen.

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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