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Interview mit dem Regisseur von „Blutrache“

Theater für die Netflix-Generation

Regisseur Jethro Compton bringt Kinoatmosphäre auf die Bühne. In seinem packenden Alpenwestern „Blutrache“ ist es eine Frau, die auf Rache sinnt.

Jeder hat ihn schon einmal gesehen: den typischen Vertreter der Spezies britischer Tourist, der – egal ob Juli oder November – stoisch Shorts und Flipflops trägt. Zu dieser Spezies zählt auch Jethro Compton, Theaterautor und -regisseur aus Cornwall, der mit seinem Alpenwestern „Blutrache“ gerade an den Vereinigten Bühnen Bozen gastiert. In der kühlen Frische der Studiobühne lässt er sich dann doch zu einem Kapuzenpulli hinreißen. Lässig und beinahe unauffällig schlappt er durch die stilisierten Bretterbäume der Kulisse, bespricht letzte Bühnendetails und scherzt mit einem Darsteller über dessen Textunsicherheit. Dass hinter einem guten Western weit mehr als nur eine eindrucksvolle Landschaft und ein paar schießende Männer auf Pferden stecken, erzählt er im Interview.

Im Jahre 1904 kehrt eine Frau nach langer Zeit in ihr Heimatdorf in den Alpen zurück, um die Ungerechtigkeit, die ihr Vater erlitten hatte, zu rächen. Bei der Beschreibung von „Blutrache” kommt man – gerade in Südtirol – nicht umhin zu denken, das ist doch die Geschichte von „unserem“ Alpenwestern, „Das finstere Tal“. Nur die Hauptrolle wurde durch eine Frau ersetzt. Was ist denn in Ihrem Theaterstück anders als im Film?
Die Handlung von „Blutrache“ basiert auf einer wahren Geschichte. Ich habe als Theaterautor und -regisseur hauptsächlich Western auf die Bühne gebracht, deshalb habe ich nicht unbedingt eine Verbindung zu genau diesem Film gesehen. Ich kannte „Das finstere Tal“ noch gar nicht, als ich das Stück zu schreiben anfing. Natürlich bestehen Ähnlichkeiten, weil das Genre und die Berge als Handlungsort übereinstimmen. Aber tatsächlich hatte ich das Stück in seiner englischen Urfassung als amerikanischen Schneewestern konzipiert und auch in einem südamerikanischen Dialekt geschrieben, weil ich die Charaktere entsprechend angelegt hatte. Der Schneewestern ist einfach ein Subgenre des Western und der Schnee auch nur eine andere Form von Wüste, wo die Menschen unter harten Bedingungen leben.

Bild: Sophie Menegaldo

In der Originalfassung spielte es also gar keine Rolle, ob das Stück in den Alpen angesiedelt war. Wurde die deutsche Fassung, die auch die VBB zeigen, angepasst, um das Stück einem deutschsprachigen Publikum näher zu bringen?
In der Übersetzung wurde zwar der Handlungsort, die Personennamen und kleinere Details geändert, aber die Gefühle und Themen sind universell. Ich schreibe jetzt schon mehrere Jahre amerikanische Westernstücke, aber das war mir schon klar geworden, als ich an meinem bisher erfolgreichsten Stück arbeitete. Dieses Stück wurde in über fünfzig Städten in Amerika aufgeführt, in denen ich niemals gewesen bin. Ich komme aus einer ländlichen Gegend in England, aber die Ideale der Gesellschaft in einem Dorf in England sind die gleichen wie in einem Dorf in Amerika oder Österreich. Wir halten uns oft für weit unterschiedlicher, als wir in Wirklichkeit sind. Wir Menschen ähneln uns viel mehr, als wir zugeben wollen.

„Stars Wars ist doch im Grunde auch nur ein Western.“

Unsere Generation hat den Westernhype ja eher aus den Erzählungen der Eltern mitbekommen. Dennoch schreiben Sie mit „The Man Who Shot Liberty Valance“, „The Frontier Trilogy“ und jetzt „Blutrache“ einen Western nach dem anderen. Was fasziniert Sie so an dem Genre?
Zur Zeit unserer Eltern erlebte der Western seine Blüte. Dann ließ dieser Hype nach, weil die Welt sich weiterentwickelte und nach etwas Neuem suchte. Aber tatsächlich war der klassische Western nur in einen Winterschlaf gefallen und zeigte sich in anderen Formen, zum Beispiel in Science-Fiction. Stars Wars ist doch im Grunde auch nur ein Western. Die Filme heute, die uns so neu und anders erscheinen, sind gar nicht so anders. „96 Hours“ mit Liam Neeson etwa, wo ein Mann nach einem entführten Mädchen sucht und dabei alle Leute rundherum umbringt, erzählt die gleiche Geschichte wie „Der schwarze Falke“ mit John Wayne. Auch der Western entstand aus den japanischen Samurai-Geschichten. Für mich ist das Westerngenre eine Möglichkeit, wichtige Themen auf die Bühne zu bringen. Viele meiner Freunde in England, die auch als Drehbuchautoren arbeiten, schreiben über Dinge, die sie kennen und die ihnen vertraut sind oder über ihr eigenes Leben. Mich hat das nie interessiert. Ich wollte über etwas anderes schreiben, auch wenn man in den Geschichten immer ein Stück weit sein eigenes Leben verarbeitet. Wenn ich einen Western schreibe, ist vieles darin autobiografisch und spiegelt meine Sicht auf die Welt wider. Aber das Genre gibt mir die Möglichkeit, Dialoge anders zu erzählen. Wenn zwei Menschen im Jahr 2019 in einem Café in Bozen an einem Tisch sitzen und sich unterhalten, sprechen sie anders über die Dinge, als wenn das Gespräch im Wilden Westen stattfindet und auf dem Tisch ihre Waffen liegen.

In einem Westernfilm hat man ganz andere Möglichkeiten, Spannung zu erzeugen, etwa durch gezielte Schnitte und Spezialeffekte. Wie gelingt es, die Westernatmosphäre auf eine Bühne zu bringen?
Ich versuche, eine Kinoatmosphäre auf der Bühne zu schaffen, oder wie ich es gerne nenne: Theater für die Netflix-Generation zu machen. Wir müssen uns bewusst sein, dass sich Unterhaltungsformen und unser Zugang zu Geschichten konstant verändern. Trotzdem macht den wichtigsten Teil eines filmischen Werks das Drehbuchschreiben aus, die Themen, die behandelt werden, die Art, wie die Figuren sprechen und was sie sagen. Damit erschafft man eine Welt. Wenn die Leute an Western denken, denken sie an endlose Landschaften und Menschen, die auf Pferden reiten. Das allein macht noch keinen Western. Ein Western ist ein Kampf zwischen Richtig und Falsch, es geht um Gerechtigkeit und persönliche Moralvorstellungen – da sind wir wieder bei den Samurai-Geschichten. Insgesamt liegt dieses Westernfeeling viel mehr in den Figuren und in dem, was sie sagen, als in der filmischen Bearbeitung. Das ist die Essenz des Western.

Bild: Sophie Menegaldo

Im Stück spielen aber auch die Musik und die Geräuschkulisse eine wichtige Rolle ...
Das Theater hat sehr oft Stille als Ausgangssituation, dabei ist die Welt doch fast nie still. Das merkt man auch im Film. Wenn im Film Stille herrscht – und ich meine damit nicht, dass niemand spricht, sondern dass es wirklich total still ist –, fühlt sich das für uns seltsam und unnatürlich an. Trotzdem ist im Theater, wenn keine Figur spricht, kein Geräusch zu hören. Ich hingegen mache mir Töne und Geräusche zunutze, um eine Welt zu erschaffen. In „Blutrache“ gibt es wenige Momente, in denen wir uns für komplette Stille entschieden haben. Der Komponist und Sound-Designer Jonny Sims hat für das Stück eine Filmmusik komponiert, die für Kinofeeling sorgt, und eine Geräuschkulisse, die das Publikum in die Atmosphäre der Wälder und Berge mitnimmt.

„Als ich Blutrache zu schreiben begann, wurde mir schnell klar, dass diese Geschichte mit einer männlichen Figur im Zentrum der Handlung nicht diese Wucht hätte.“

Wie der Titel verrät, geht es im Theaterstück um Rache. Im Grunde haben die Menschheitsgeschichte und die meisten fiktionalen Geschichten gezeigt, dass Rache zu nehmen eine dumme Idee ist und selten aufgeht. Warum fasziniert uns der Rachetopos trotzdem so sehr?
Rache geht vom Herzen und nicht vom Kopf aus. Wenn jemand eine uns nahestehende Person oder uns selber verletzt, regt sich in uns ein natürlicher Racheinstinkt. Über diese Schiene kann man sehr leicht eine Verbindung zwischen dem Publikum und einer Figur herstellen. Zuerst muss das Publikum Sympathie für eine Figur entwickeln, dann wird dieser Figur etwas Schlechtes angetan und das Publikum wünscht sich, dass diese Tat gerächt wird. Wir können uns eine rationalere Art der Rache wünschen, etwa dass das Gesetz für Gerechtigkeit sorgt. Jemanden hinter Gittern sehen zu wollen, ist auch eine Form der Rache. Sie ist nur vernünftiger, als eine Waffe zu ziehen und die andere Person zu erschießen oder – in Ländern mit Todesstrafe – jemanden auf den elektrischen Stuhl zu setzen oder zu Tode zu steinigen. Im Grunde sind das aber nur verschiedene Facetten unseres Racheinstinktes. Und damit kann man gute Geschichten erzählen.

In „Blutrache“ ist es eine weibliche Figur, die auf Rache aus ist. In den meisten anderen Western sind Frauen unterrepräsentiert bzw. spielen nur passive Rollen. War es Ihnen ein Anliegen, diese Rolle umzukehren?
In vielen meiner Projekte in den letzten Jahren habe ich versucht, Stereotype aufzubrechen. Frauen haben dabei aber meistens die für den Western typischen Rollen gespielt: die Ehefrau, die Mutter, die Prostituierte. Als ich mit den Westernstücken anfing, war mein Ziel hauptsächlich, das Filmgenre für die Bühne zu adaptieren. Als ich „Blutrache“ zu schreiben begann, wurde mir schnell klar, dass diese Geschichte mit einer männlichen Figur im Zentrum der Handlung nicht diese Wucht hätte. Alle, die das Stück gelesen haben, konnten sich sehr stark mit dieser Frau identifizieren. Durch die rachesuchende Frauenfigur ist die altbekannte Geschichte plötzlich eine ganz neue. Die Gesellschaft von damals, aber vielfach auch die heutige Gesellschaft, sieht Frauen als verletzlich und schutzbedürftig an. Wenn man einer Frau eine Waffe in die Hand gibt, wird diese falsche Vorstellung plötzlich über den Haufen geworfen.

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