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Strip dich schön?

Joggen ist Geschichte. Federboas, sexy Dessous und ein Mann als Instructor, so muss Work-out heutzutage aussehen. Fitness Burlesque im BARFUSS-Test.

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Die Burlesque-Truppe nach dem Work-out.

Bild: Lisa Kager

Als ich vom Workshop für Fitness Burlesque in Bozen gelesen habe, sind mir sofort die typischen Bilder in den Kopf geschossen: Moulin Rouge, Dita von Teese, lange bunte Federboas, sexy Dessous und Frauen, die sich in riesigen Champagnergläsern räkeln. Das soll Fitness sein? Höchstens eine sinnlichere Form des Striptease. Dachte ich zumindest. Bis ich mit sieben anderen Frauen mittleren Alters in einem Raum stehe und sich mein Blick auf einen Mann mit Strapsen richtet. Mein Instructor. Mario Martinelli. Frisch aus Parma importiert. Im Gepäck hat er begeisterte Anhängerinnen seines Unterrichts, drei verschiedene Paar Strapse, zwei Paar XXL-Stöckelschuhe, vier Korsetts und jede Menge Federboas.

Auf die Plätze, fertig, shake, shake

Bevor sich mein starrer Blick vom hin und her wackelnden Hinterteil meines Lehrers wenden kann, erklingt bereits das erste Lied. Wie sollte es anders sein. Gitchi gitchi ya, ya, da, da ... Gitchi gitchi ya, ya, here ... Voulez-vous coucher avec moi, ce soir.
Im Gegensatz zu mir, scheinen meine Soulsisters den Anblick des Mannes in Strapsen bereits gewohnt zu sein. Trotzdem gebe ich mir einen Ruck und ehe ich mich versehe, summe ich schon vor mich hin und stöckle mit Mario und den anderen im Takt. Drei Schritte rechts. Schnipsen. Drei Schritte links. Schnipsen. Arschwackeln nicht vergessen und immer schön sinnlich nach vorne schauen. Ich bin froh um meine Tanzerfahrung, einfach ist das alles nicht.
Anfangen dürfen wir in bequemen Tanzschuhen. Nach dem dritten Lied steigen wir jedoch auf Stöckelschuhe um. Das bringe den weiblichen Körper zur Geltung, meint Mario. Einige Lieder tanzen wir mit, andere ohne einen Stuhl, der als zu umtänzelndes Accessoire dient. Von der Bühne schallen uns immer wieder Marios Motivationsschreie im Wechsel mit der jauchzenden Christina Aguilera entgegen. 

Popo hin, Popo her, das soll Fitness sein?

Nach 30 Minuten und etlichen neuen Schritten machen sich bei mir erste Hitzewallungen breit. Meine Nachbarin, die sonst vermutlich eher hinterm Herd als auf den großen Burlesquebühnen der Welt steht, wischt sich ganz außer Atem bereits den ersten Schweiß von der Stirn. Mario macht eine kurze Pause, um uns in die Welt des Burlesque einzuweisen. Unter Burlesque verstand man ursprünglich eine humorvolle, theatralische Darstellung mit parodierenden und grotesken Elementen, haben mich Wikipedia und Youtube einige Stunden vorher bereits belehrt.

„Der Name Burlesque stammt vom italienischen Wort burla, das für Schabernack steht", ergänzt Mario. Doch lustig soll es bei uns keineswegs zugehen, sagt er. In seinen Stunden soll der Körper der Frau ernst genommen werden. Seine Schülerinnen sollen lernen, ihren Körper so zu lieben, wie er ist, und ihn so auf beste Art und Weise in Szene zu setzen. Sinnlich sollen wir sein. Vulgäres hat bei Mario nichts zu suchen. Die Erotik gehört ins Rotlichtmilieu. Doch da wollen wir auf keinen Fall hin.
Im Gegensatz zum normalen Burlesque werden beim Fitness Burlesque die typischen Elemente wie Shimmy oder Quiver vertieft. Man geht tiefer in die Hocke, spannt die Muskeln fester an, führt die Bewegungen immer mit gespanntem Körper aus. Fitness eben.
„Im Retrolook zur Traumfigur" oder „Strip dich schön", so preisen zahlreiche Internetseiten den neuen Trend an. Zumba wird schon bald Geschichte sein, so heißt es.
Nach einer weiteren halben Stunde, glaube ich auch daran. Ich liebe den Workshop mit all seinen sinnlichen Bewegungen und denke im Tanz gar nicht mehr an die Anstrengung. Doch beim Stehenbleiben spüre ich meine angespannten Beinmuskeln. Zum Glück gibt es ein cool down. Ich schlüpfe aus meinen Stöckelschuhen und spüre meine Zehen wie noch nie zuvor. Klatschnass lange ich beim Dehnen nach meiner Wasserflasche und kippe den halben Liter in meinen Magen, als wäre ich einen Tag durch die Wüste spaziert.

Classic Burlesque - Zurückversetzt in die goldene Ära Hollywoods

Damit wir auch verstehen, wo denn der neue Fitnesstrend herkommt, gibt uns Mario die letzte dreiviertel Stunde noch einen Einblick ins Classic Burlesque. Ich gönne mir eine kurze Toilettenpause und als ich zurückkomme, traue ich meinen Augen kaum. Der Raum ist übersät mit bunten Federn. Inmitten des Federchaos Marios Anhängerinnen, die sich in Schale werfen. Strapse, Korsetts, Höschen in allen Farben und Formen. Sogar Nipple Tassels, die kleinen, klebenden Abdeckungen für die Brustwarzen, haben die tanzenden Hausfrauen in ihren Trolleys mit nach Bozen gerollt.

Classic Burlesque

Bild: Lisa Kager

Echte Burlesquetänzerinnen schützt dieses Accessoire vor der völligen Nacktheit, die in den 30ern, der Blütezeit des Burlesque, verboten war. Zum typischen Kostüm gehören neben den Nippelschützern noch Handschuhe, Strümpfe, Höschen, Korsett und Federboa. Wie uns Mario ausführlich erklärt und vorführt, werden einige dieser Accessoires im Verlauf der Performance gekonnt abgelegt. Aber niemals alle.
So gut wie die anderen Damen bin ich leider nicht ausgerüstet. Also schnappe ich mir meine Stöckelschuhe und ziehe die Handschuhe aus meiner Sporttasche. Mario wirft mir zum Glück noch eine rote Federboa um die Schultern. Beinahe hätte ich mich ohne sie etwas nackt gefühlt unter den Profis aus Parma. Auch er wirft sich schnell in Schale, packt sein zweites Korsett und dazu passend sein zweites Paar Stöckelschuhe und Strapse aus. Rot in rot wohlgemerkt.
Somit ist die zweite Runde eröffnet. Hinter Mario stackle ich einige Runden im Kreis. Jede Runde beginnt mit einer anderen Schrittfolge. Schön gehen, sollen wir lernen. Von einem Mann?, denke ich mir. Doch kurz darauf stelle ich verzweifelt fest, dass wirklich einzig und allein der Hahn im Korb fähig ist, schön auf Stöckelschuhen zu laufen. Egal. Unbeirrt stöckle ich weiter hinter Mario her. Dann werden wir noch in die Kunst des Ausziehens eingewiesen. Handschuhe und Socken fliegen im Takt durch den Raum. Dita von Teese wäre stolz auf uns und unseren Mario. Er zeigt uns, wie wir Handschuhe, Schuhe und Strümpfe ausziehen, ohne, dass es vulgär aussieht. Weiblichkeit und Sinnlichkeit stehen im Zentrum. Der Gesichtsausdruck muss passen. Neun Frauen starren auf Marios wackelndes Hinterteil und das Bein, dass er auf dem Stuhl vor sich stehen hat. Die Strumpfhose gleitet gekonnt über seine maskulinen Beine. Kaum eine von uns schafft das so sinnlich wie er.

Von England über Frankreich nach Bozen

Burlesque hat eine lange Tradition, bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sprach man zum ersten Mal davon. Damals verstand man darunter noch US-Burlesque in Gastspielen britischer und französischer Travestie-Shows, in denen Frauen in Hosen auftraten. Ein knappes Jahrhundert später entwickelte sich unter dem Einfluss der großen Pariser Varietétheater wie dem Moulin Rouge dann das moderne Burlesque.

So wie die berühmte Dita von Teese, die man dem New Burlesque zuordnen kann, beenden wir in Bozen auch unseren Workshop mit der letzten Performance. Dreimal um den Stuhl, Bein drauf, Strumpf aus, Schuh aus. Das gleiche auf der anderen Seite. Die Handschuhe schleudern wir wie Cowboys von uns. Stets begleitet von der guten Christina Aguilera: Creole Lady Marmalade, ooooooohh, yeeessss.
Tosender Applaus für Mario.
Mit dem Ende des Liedes, werde ich aus meinen eigenen 30ern gerissen. Was bleibt, ist ein Muselkater am nächsten Tag. Vom unteren Rücken über meine Arschbacken in die Oberschenkel. Doch auch ein Hauch der schicken 30er bleibt an meiner Haut hängen. 

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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