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Sprachrohr des syrischen Volkes

Operation Daywork hat dem Syrer Sheik Abdo den Menschenrechtspreis 2018 verliehen. Der ehemalige Lehrer setzt sich für eine friedliche Zukunft des syrischen Volkes ein.

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Bild: Anna Mayr

Zwei Telefonanrufe am 9. August 2011 änderten das Leben von Sheik Abdo schlagartig: Es sei ernst, er solle schnell fortgehen, warnte ihn ein Freund vom syrischen Sicherheitsdienst. Er floh in den Libanon, wo er sich fortan unter anderem für die Schulbildung geflüchteter Kinder einsetzte. Die Jugendorganisation Operation Daywork verlieh ihm dafür den Menschenrechtspreis 2018 und hieß ihn vergangenen März in Südtirol willkommen.

Noch am Abend seiner Flucht wurde Sheik Abdos Haus in Al-Quasayr, einem Vorort von Homs, von der syrischen Miliz durchsucht und geplündert. Der heute 42-Jährige arbeitete dort als Grundschullehrer und wie bereits sein Großvater war er ein Vermittler innerhalb seiner Gemeinde: Er förderte den interreligiösen Dialog und das Zusammenleben – auch nach Beginn der syrischen Revolution im März 2011. Der syrischen Regierung war dies ein Dorn im Auge. Nach seiner Flucht und der Ratlosigkeit der ersten Tage setzte Sheik Abdo im Libanon seinen Kampf fort: für die Gemeinschaft der syrischen Flüchtlinge, für das Recht auf Bildung und eine humanitäre Zone in Syrien.

Sheik Abdo, was ist Ihr derzeitiger rechtlicher Status?
Ich bin ein anerkannter Flüchtling. Allerdings nicht im Libanon, sondern hier in Italien. Weil mein Leben erneut in Gefahr war, bin ich im Dezember 2018 mit meiner Familie über einen humanitären Korridor nach Italien gekommen. Wir hatten es bereits im November versucht, aber die libanesische Regierung hat uns aus dem Flieger geholt. Sowohl die libanesische als auch die syrische Regierung will Aktivisten nicht aus den Augen verlieren. Außerhalb des Landes haben sie keine Kontrolle mehr über uns und die Wahrheit kann ans Licht kommen.

Laut dem World Report 2019 von Human Right Watch haben 74 Prozent der Syrer*innen im Libanon keinen rechtlich anerkannten Status. Warum?
Der Libanon ist der Genfer Flüchtlingskonvention nicht beigetreten und muss deshalb Flüchtlinge nicht anerkennen. Wir reisen als Touristen ein und sind nach drei Monaten illegal im Land. Wir haben also kein Recht auf Gesundheitsversorgung und dürfen nicht arbeiten. Die meisten arbeiten deshalb illegal für einen Hungerlohn in der Landwirtschaft oder im Bausektor. Dies führt zu Unmut in der libanesischen Bevölkerung, denen wir Arbeitsplätze wegnehmen. Der Libanon ist ein sehr kleines Land mit etwa sechs Millionen Einwohnern und zwei Millionen Flüchtlingen aus Syrien, Palästina und dem Irak. Das Land kann das alleine nicht stemmen. Der libanesischen und syrischen Regierung, die eng zusammenarbeiten, geht es natürlich auch ums Geld. Um viel Geld! Die Hilfsorganisationen bringen es ins Land und die Regierungen heimsen davon einen großen Teil ein.

Es ist inzwischen schon fast acht Jahre her, dass Sie mit Ihrer Frau in den Libanon geflohen sind. Welche Gefühle verbinden Sie mit diesem Tag?
Am Anfang wollte ich es nicht wahrhaben. Als mein Haus geplündert wurde, wurde mir die Gefahr erst richtig bewusst. Ein Gefühl der Angst breitete sich aus. Viele andere Aktivisten wurden auf der Flucht festgenommen und getötet. Wir hatten Glück. Die Angst, nicht zu wissen, ob wir es schaffen würden, die eigene Heimat hinter sich zu lassen und eine ungewisse Zukunft vor sich zu haben, war schrecklich. Wir haben sehr viel geweint.

Libanon

Bild: Lukas Clara

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Tag im Libanon?
Diesen Tag werde ich nie vergessen. Ich habe mit niemandem gesprochen. Nicht mal mit meiner Frau. Ich habe den ganzen Tag geweint und furchtbare Angst gehabt. Ich hatte meine Angehörigen in Syrien zurückgelassen. Wurden sie festgenommen, befragt oder sogar eingesperrt? Ich konnte mich nicht mit ihnen in Verbindung setzen, da die Telefone abgehört wurden. Ich wollte wissen, wie es ihnen geht und wie es mit uns weitergehen würde.

Und wie ging es weiter?
Die ersten Wochen waren sehr schwierig. Ich konnte kaum schlafen. Ich versuchte weiterhin eine Verbindung zu meinen Angehörigen herzustellen. Ich überlegte, was ich im Libanon machen könnte um die Situation für mich und auch die anderen syrischen Flüchtlinge zu verbessern. Ich begann den Kontakt zu anderen Syrern zu suchen.

Was bedeutet für Sie nach all den Jahren das Wort Flucht?
Ich denke dabei sofort an das Wort Flüchtlinge. Obwohl ich dieses Wort überhaupt nicht mag. Das hat mit der Darstellung der Flüchtlinge im Libanon und Syrien zu tun. Wir werden als Verbrecher und als Schuldige angeprangert. Es kommt erst zu einer Flucht, wenn man keine Rechte mehr hat. Das ist schlimm. Flucht bedeutet für mich aber auch Hoffnung. Die Hoffnung auf einen Neuanfang.

Die Lebensbedingungen Geflüchteter im Libanon verschlimmern sich täglich. Wie können wir uns deren Alltag vorstellen?
Die Syrer im Libanon haben sich an den schwierigen Alltag gewöhnt. Auch daran, sich alleine durchzukämpfen. Viele waren Ärzte, Anwälte oder Ingenieure und haben von einem Tag auf den anderen alles verloren. Das ist schmerzlich. Tatenlos rumsitzen und jammern, ist aber keine Option. Sie versuchen aus dem Wenigen, das sie haben, das Beste zu machen. In Syrien ist es unüblich, dass Frauen arbeiten. Im Libanon gehen nun aber sowohl syrische Männer als auch Frauen illegalen Jobs nach, um überleben zu können. Sie organisieren untereinander Kurse. Jeder bringt sich ein, so gut es geht.

Nur etwa ein Drittel der rund 630.000 schulpflichtigen syrischen Kinder und Jugendlichen im Libanon besuchen die Schule. Sie setzen sich für deren Recht auf Bildung ein und gründeten das Malaak Center, ein Bildungszentrum im Flüchtlingscamp bei Akkar im Libanon.
Viele Kinder und Jugendliche sind wie tickende Zeitbomben. Sie haben Schreckliches erlebt. Einige haben ihre Eltern vor ihren Augen sterben sehen. Das ist unvorstellbar. Deshalb brauchen sie einen Ort, wo sie sich aufgehoben fühlen, einfach nur Kinder sein können, mit Gleichaltrigen spielen und sich austauschen und die Realität einfach mal ein paar Stunden ausblenden können. Die psychologische Betreuung spielt dabei eine zentrale Rolle. Wir zeigen den Kindern, dass es nicht nur Hass und Gewalt gibt und dass es trotz der Ungewissheit sehr wohl eine Zukunft für sie gibt.

„In ein Land ohne Menschenrechte ist eine Rückkehr nicht möglich.”

In der Neuen Zürcher Zeitung vom 12. Jänner 2019 stand die Headline „Die Libanesen haben genug von den syrischen Flüchtlingen“. Viele Libanesen fordern die inzwischen ca. 1,5 Millionen Syrer auf, in ihr Land zurückzukehren. Einige Gemeinden zwingen sie sogar dazu. Möchten die Geflüchteten überhaupt zurück?
Natürlich möchten wir alle wieder zurückkehren. Syrien ist unsere Heimat. Das ist aber kompliziert. Für die libanesische Regierung sind wir eine inzwischen untragbare Last. Die syrische Regierung um Bashar al-Assad möchte unsere Rückkehr erzwingen, da sie von vielen Ländern weltweit viel Geld bekommen würde, um das Land für uns wiederaufzubauen. Sobald wir aber einen Fuß über die syrische Grenze setzen, werden wir verfolgt und die Männer sofort von ihren Familien getrennt und verhaftet, falls sie sich nicht dem Militär anschließen. Wenn sie sich weigern, werden sie gefoltert und verschwinden oft spurlos. In ein Land ohne Menschenrechte ist eine Rückkehr nicht möglich.

Gibt es eine Lösung?
Ich habe mit der italienischen Hilfsorganisation Operazione Colomba einen Friedensappell verfasst. Nach acht Jahren Bürgerkrieg wären die Voraussetzungen, die eine Rückkehr der Flüchtlinge nach Syrien denkbar machen, folgende: ein kriegsfreies Land ohne Diktator sowie ein freier Zugang zu Bildung und zum Gesundheitswesen. Die Grenzen müssten wieder wie vorher verlaufen. Derzeit ist das aber reines Wunschdenken.

Im Friedensappell geht es auch um die Errichtung einer „neutralen“ humanitären Zone in Syrien unter internationalem Schutz. Wie könnte die aussehen?
Die humanitäre Zone ist eines der Ziele des Friedensappells. Syrien sollte ein Land für alle sein. Deshalb braucht Syrien eine Zone, in der jeder Mensch respektiert wird. Alle ethnischen Gruppen und alle 60 anerkannten Religionen sollen dort friedlich zusammenleben können. Mit einer demokratischen Regierung, die sich für alle Bürger*innen gleichermaßen einsetzt, wäre dies möglich. Ohne Korruption und mit Gesetzen, die für alle gelten.

„Die syrischen Flüchtlinge brauchen eine Stimme.”

Um auf die Notwendigkeit dieser Zone aufmerksam zu machen, waren Sie 2017 mit dem Verein Operazione Colomba in Europa und haben dem italienischen Parlament, dem Präsidenten der parlamentarischen Versammlung des Europarates Michele Nicoletti und dem Vizepräsidenten der EU-Kommission Frans Timmermans ihren Appell vorgestellt. Wie waren die Reaktionen?
Ich glaube die Repräsentanten waren oft sehr überrascht. Sie wussten Vieles nicht und hatten ein verzerrtes Bild der effektiven Situation im Libanon und in Syrien. Sie waren auch sehr verwundert, dass die Realität oft nicht mit den Medienberichten übereinstimmt. Bei solchen Treffen geht es vor allem um die Sensibilisierung. Ich will verdeutlichen, dass dieser Krieg inzwischen seit acht Jahren herrscht und dass das syrische Volk nicht vergessen werden darf. Es gab Versprechungen, wie es sie schon seit acht Jahren gibt. Was umgesetzt wurde, kann ich nicht sagen. Unabhängig von den Reaktionen werde ich mich aber weiterhin für ein kriegsfreies Syrien und die Anliegen meines Volkes einsetzen. Die syrischen Flüchtlinge brauchen eine Stimme.

Maryam El Abbassi (Südtiroler Übersetzerin), Sheik Abdo (Menschenrechtspreisträger), Sara Hussein, Karina Machado (beide von Operation Daywork)

Bild: Anna Mayr

Sie haben den Menschenrechtspreis von „Operation Daywork“ erhalten. Was bedeutet für Sie dieser Preis?
Der Preis ist für mich und meine Projekte sehr wichtig. Er zeigt mir, wie wichtig meine Arbeit ist und ermöglicht eine große Sichtbarkeit. Als Grundschullehrer freut es mich umso mehr, dass an Operation Daywork viele Schülerinnen und Schüler beteiligt sind und Interesse zeigen. Das gibt mir die Kraft weiterzumachen.

Beim Aktionstag am 12. April 2019 werden die beteiligten Schüler*innen ihre Bücher in den Schultaschen lassen und einen Tag lang arbeiten. Die gesammelten Spenden der Arbeitgeber werden Ihren Projekten zugutekommen.
Ein Teil des Geldes fließt in das Malaak Center, das von keiner großen Organisation getragen wird, sondern lediglich von Freunden, Verwandten und freiwilligen Helfern. So können wir den Kindern dort weiterhin Kurse, die nötige Betreuung und auch warme Mahlzeiten anbieten. Ein weiterer Teil wird dem Projekt „Al Ihsan“ zugutekommen, das die medizinische und psychologische Versorgung der Flüchtlinge gewährleistet und künftig auch Workshops zu friedlicher Konfliktlösung anbieten wird.

Können Sie sich ein normales Leben noch vorstellen? Zurückkehren nach Al-Quasayr und wieder Lehrer sein?
Die Hoffnung stirbt natürlich zuletzt. Obwohl ich jetzt in Italien lebe, werden meine Gedanken immer bei meinem Volk und meinem Land sein, solange in Syrien Unruhen herrschen. Deshalb kann die Normalität eines Alltags für mich wohl erst eintreten, sobald dieser sinnlose Krieg endlich zu Ende ist.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Patrick Taschler. Es ist erstmals in der 46. Ausgabe (April 2019) der Straßenzeitung zebra. erschienen.

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Straßenzeitung zebra.

Beim Zebrastreifen am Bahnhof, vor der Bäckerei, neben dem Dom – die VerkäuferInnen der Organisation für eine solidarische Welt bringen zebra. druckfrisch unter die Leute. Sie sind an ihren Ausweisen gut erkennbar und verkaufen die Straßenzeitung für zwei Euro. Ein Euro davon geht in die Produktion, der andere bleibt dem/der VerkäuferIn. Pro Ausgabe wird ein zebra-Artikel hier auf BARFUSS veröffentlicht – zum Reinschnuppern ins neue Heft.

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