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Ultimate Frisbee im Selbsttest

Sport ohne Schiri

Den einzigen selbstregulierten Teamsport der Welt gibt es auch in Bozen. BARFUSS hat das Fair-Play beim Ultimate Frisbee getestet.

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Das Team der „Goats“
Bild: Lisa Maria Kager

Es ist kalt auf dem Fußballplatz neben der Talfer. So kalt, dass ich mir die olivgrüne Kapuze meines Pullovers über die Ohren ziehen muss, um sie vor dem beißenden Wind zu schützen. Dass meine Frisbee-Scheiben im Strandurlaub immer in Richtung Brandung anstatt in Richtung Mitspieler geflogen sind, ist für diesen Abend eine ebenso schlechte Voraussetzung wie der starke Wind. Ich bin mit Trainer Marco Dalla Riva nämlich zu meinem ersten Ultimate-Frisbee-Training verabredet. Als ich ihm zur Begrüßung davon erzähle, wie schlecht ich beim Scheiben-Werfen bin, grinst er und zeigt mit einem „ci pensiamo noi“ zu David Gruber.

Trainer Marco Dalla Riva

Bild: Lisa Maria Kager
Gemeinsam mit dem Trainer hat dieser 2015 die erste Ultimate-Frisbee-Mannschaft in Südtirol initiiert. „All' inizio non c'era nessuna squadra. Lostesso ho fatto un sito su facebook e ho invitato la gente a venire ad allenamento“, erinnert sich Marco an die Anfänge zurück. Während die Mannschaft in der vergangenen Saison hauptsächlich aus Studenten bestand und sich zeitweise auch nur drei Leute zum Training einfanden, stehen heute 15 Spielerinnen und Spieler auf dem Feld. Auf dem Papier sind es sogar 23. Viele von ihnen kannten Ultimate Frisbee bereits von Studienzeiten und waren froh, in Bozen eine eigene Gruppe zu finden.
Sie laufen auf und ab, werfen sich die weißen Scheiben in schnellen Zügen zu und machen Einwärmbewegungen. Seit vergangenem Herbst trainieren die Goats zwei Mal in der Woche auf den Kunstrasenplätzen an der Talfer in Bozen.

Die „Ziegen“ in Aktion

Bild: Lisa Maria Kager

David stellt mich mit anderen drei Anfängern an die Seite des Feldes und drückt uns jeweils eine weiße Frisbee-Scheibe in die Hand. 175 Gramm Plastik. „Habt ihr denn schon mal Frisbee gespielt?“, fragt er. Klar, alle nicken mit dem Kopf. Komisch, dass trotzdem keiner weiß, dass es beim Frisbee-Spielen einen Vorhand- und einen Rückhandwurf gibt. Letzterer ist leichter und deshalb fangen wir auch mit ihm an. „Man hält die Scheibe in der Hand als würde euch jemand die Hand geben“, sagt David und legt seine Finger gekonnt an den Rand des Frisbees. Der Griff ist fest, der Daumen liegt für den richtigen Gripp auf den Rillen auf der Oberfläche der Scheibe, der Schwung kommt aus dem Handgelenk. Für den Wurf steht der linke Fuß fest auf dem Boden, mit dem rechten macht man einen seitlichen Ausfallschritt über den linken drüber und wirft. Soweit die Theorie. 

Übung macht den Meister

Bild: Lisa Maria Kager

Gemeinsam mit Sarah werfe ich mich ein wenig ein und bin verblüfft, dass ich plötzlich doch Frisbee spielen kann. Von Wurf zu Wurf fällt das Zielen leichter. Auch wenn der eine oder andere Wurf doch bei der einwärmenden Mannschaft landet. „Heute habt ihr es auch nicht leicht mit dem Wind“, gesteht David. Weil Turniere aber meistens im Freien stattfinden, ist es gut, sich beim Training bereits auf die verschiedensten Wetterverhältnisse vorzubereiten.

Erfahrene Spieler können die Scheibe ohne Probleme bis zu 70 Meter weit werfen.

Mit dem Vorhandwurf wird das Ganze schon etwas komplizierter. Man mimt mit den Fingern eine Pistole und legt Zeige- und Mittelfinger unter die Scheibe, den Daumen erneut auf die Scheibe. „Der Vorhandwurf ist sehr viel flexibler, aber auch komplizierter, weil er so unnatürlich ist“, meint David. Um den richtigen „Spin“ zu erreichen, kommt der Schwung vom Druck des Mittelfingers gegen den inneren Scheibenrand. Als wir erneut etwas hin- und her spielen, stößt Lamin zu uns. Er ist aus dem Senegal und kommt hie und da zum Spielen vorbei. Er versteht nur etwas italienisch, deshalb wechselt David gleich die Sprache. „Quando volete prendere il disco dovete usare due mani“, erklärt er, „questo è il sandwich catch“. Mit seinen langen Armen mimt er ein großes Krokodil-Maul und lässt uns gleich weiter üben. Während Sarah und ich bereits mit den vier Metern zwischen uns zu kämpfen haben, denke ich daran, wie mir der Trainer kurz vorher erklärt hat, dass erfahrene Spieler die Scheibe ohne Probleme bis zu 70 Meter weit werfen können.

David erklärt uns die verschiedenen Griffe

Bild: Lisa Maria Kager

Obwohl weltweit um die fünf Millionen Spieler verzeichnet sind, habe ich vorher noch nie wirklich etwas von Ultimate Frisbee gehört. „Le sue origini le ha nei college americani. I studenti che sono venuti a studiare nel nord Europa poi ci hanno portato l'ultimate“, erklärt Marco in einer kurzen Trinkpause. Schweden, Dänemark und Deutschland seien europaweit daher auch immer noch die Vorreiter. In Italien gibt es den Sport jedoch auch bereits seit den 70er-Jahren. Mailand, Rimini und Bologna haben sich schließlich zu Hochburgen entwickelt und sind auch noch heute die Spitze des itlaienischen Ultimate Frisbee.

Marco selbst nimmt mit der Mannschaft aus Trient, den Ufos, an der Italienmeisterschaft teil und war sogar schon bei den Europameisterschaften in Kopenhagen dabei. Europa- sowie Weltmeisterschaften werden auf Gras oder Sand gespielt, erklärt der Coach. „Su spiaggia si gioca su un campo più piccolo, cinque contro cinque, sull' erba campo più grande sette contro sette.“ Ein reguläres Feld sei dabei so lang wie ein richtiges Fußballfeld und halb so breit. „Sono i tornei che ti fanno crescere“, meint Marco. Bei Turnieren spiele man nämlich an die sieben Spiele in zwei Tagen und das immer gegen gute Spieler. Die Verbesserung sei dann umgehend zu sehen. Das ist auch der Grund, warum er die aktuelle Mannschaft immer wieder aus Südtirol raus und auf andere Felder bringt. Vor einigen Wochen haben die Bozner jedoch ihr erstes eigenes Turnier organisiert.

schnelle Pässe

Bild: Lisa Maria Kager

Die Regeln im Ultimate sind einfach: Wie im Football oder im Rugby gibt es auf jeder Seite eine Linie, hinter der man einen Punkt erzielen kann. Wie im Basketball darf man mit der Scheibe in der Hand nicht mehr weiterlaufen, sondern nur noch werfen. Bis zu zehn Sekunden darf die Scheibe gehalten werden. Körperlicher Kontakt ist nicht erlaubt. Man versucht, sich die Scheibe innerhalb des eigenen Teams zuzuwerfen, wird sie in der Luft von den Gegnern abgefangen, erhalten diese die Scheibe, fällt sie runter, ebenso. Und auch wenn eine Mannschaft einen Punkt erzielt hat, geht die Scheibe zum Weiterspielen an die andere. Außerdem werden nach einem Punkt die Spieler ausgewechselt.

Wer zuerst 17 Punkte erreicht, hat gewonnen. Um das zu schaffen, muss man jedoch passen können, denn nur so kommt man im Feld voran. Deshalb stellt uns David als erstes kleine, bunte Hütchen auf dem Kunstrasen auf und markiert so unser eigenes kleines Feld. Zwei Leute spielen im Angriff, zwei in der Abwehr. Wer fünf Pässe schafft, kriegt einen Punkt. Wir stellen uns voreinander auf und spielen los. Sofort decke ich Lamin, um seinen Pass zu vermeiden. „Haaaalt!“, ruft David vom Rand des Spielfeldes. „Frauen decken Frauen und Männer Männer, sonst wäre das ja unfair.“ Macht Sinn, immerhin ist Ultimate Frisbee eine gemischte Sportart. Sowohl Frauen als auch Männer stehen auf dem Feld.

„Schiedsrichter gibt es keinen, denn beim Ultimate Frisbee geht es ums Fair-Play. Jeder kann zu jederzeit ein Faul anklagen. Dieses wird dann untereinander ausdiskutiert und man spielt direkt weiter.“ 

Zwei Pässe zu schaffen, scheint mir ein Ding der Unmöglichkeit. Der Kunstrasen knirscht unter meinen Füßen und langsam macht mir auch der kalte Wind von der Talfer nichts mehr aus. Als ich pausiere, fällt mir auf dem Feld etwas Komisches auf. Immer wieder wird das Spiel, das dort gerade stattfindet, nämlich von den Spielern selbst unterbrochen, es wird diskutiert und schließlich weitergespielt. Es gibt keinen Schiedsrichter! Schnell klärt David mich auf: „Schiedsrichter gibt es keinen, denn beim Ultimate Frisbee geht es ums Fair-Play. Jeder kann zu jederzeit ein Faul anklagen. Dieses wird dann untereinander ausdiskutiert und man spielt direkt weiter.“ Am Ende eines Turniers muss man außerdem einen Fragebogen ausfüllen, in dem man die gegnerische Mannschaft bewertet. So wird nicht nur die Siegermannschaft, sondern auch die „Spirit of the game“-Mannschaft auserkoren. Beide Preise sind ungefähr gleich gut angesehen. Damit ist Ultimate Frisbee der einzige selbstregulierte Teamsport der Welt.
Sollten die Bozner sich doch einmal aufregen, ist auf dem Feld jedoch nur ein einziges Schimpfwort erlaubt: capra. Warum, erklärt der Trainer selbst: Das habe mit den Fernsehauftritten des Intellektuellen Vittorio Sgarbi zu tun. „Quando si incazzava con la gente in tv per non ricevere denuncie insultava sempre dicendo: sei una capra!“ Das gut gemeinte Schimpfwort capra hat sich zuerst bei Marcos Arbeit, schließlich in der Mannschaft in Trient und am Ende auch in Bozen eingebürgert. So stand fest, dass die Mannschaft goats heißen müsste.

Logo der Goats

Bild: facebook/GOATS-Ultimate-Frisbee-Bolzano-Bozen
Marcos Zieglein kommen nicht nur aus allen Teilen des Landes, sondern sogar aus allen Teilen der Welt. In der Bozner Mannschaft spielen Leute aus Kolumbien, Mali, Spanien, Irland, Österreich und dem Senegal mit. Mittendrin hört man jedoch auch immer wieder den Südtiroler Dialekt. Eine kleine Gruppe von Rittnern ist seit Anfang November dabei. Trotzdem sehen sie auf dem Feld bereits aus wie die Profis. „Vielleicht für diejenigen, die sich noch nicht auskennen“, lacht Magdalena Mair.

Magdalena Mair

Bild: Lisa Maria Kager
 Sie hat mit Ultimate Frisbee begonnen, weil sie etwas anderes ausprobieren wollte. „Auf dem Ritten spielt jeder Eishockey“, erklärt sie und blickt aufs Spielfeld, „Ultimate Frisbee kann mit etwas Motivation jeder lernen.“ Das bestätigt auch Max Schatzer. Er ist 24 und schätzt es, dass man bei diesem Sport mit jedem Alter einsteigen und immer noch gut werden kann. Marta hingegen kommt aus der Nähe von Barcelona und lebt seit mehr als einem Jahr in Bozen, wo sie als Physiotherapeutin arbeitet. „È una bella combinazione tra atletismo e tecnica e non si deve avere il fisico“, sagt sie, „e poi c'è anche la combinazione tra maschio e femmina che mi piace.

Die Spanierin Marta

Bild: Lisa Maria Kager

Zum Training kommt sie deshalb gemeinsam mit ihrem Freund. Auch wenn man ihren spanischen Akzent noch hört, spricht Marta fließend italienisch. Für einige andere auf dem Feld trifft das nicht zu, doch das scheint niemanden zu stören. Man ruft sich Tipps auf Italienisch zu, diskutiert auf Deutsch oder Englisch. „Die Sprache des Sports ist nicht Deutsch, Italienisch oder Englisch, sondern eine eigene“, meint Max Schatzer.

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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