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Regisseurin Stefanie Nagler

Schräg wie Dürrenmatt

Eine Karriere an den großen Theaterhäusern hat Stefanie Nagler immer abgelehnt. Nach dem Studium kehrte sie zurück nach Südtirol. Jetzt führt sie bei den Freilichtspielen Lana Regie.

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Bild: Stefanie Nagler

„Niemand wird leichter zum Mörder als ein Vaterland“, schreit Markus Oberrauch vom Erdhügel mitten im Kapuzinergarten in Lana. Hier spielen die Freilichtspiele Lana Dürrenmatts Komödie „Romulus der Große“. Stefanie Nagler kriegt Gänsehaut. Das passiert der jungen Regisseurin nur dann, wenn sie eine Rolle mit einem Schauspieler besetzt, der ohne große Absprache genau das umsetzt, was sie sich beim Lesen des Skripts vorgestellt hat. „Mein Romulus hat gleich verstanden, wie geil das Stück von Dürrenmatt ist“, sagt Stefanie. 

Romulus und seine Diener

Bild: Andreas Marini

Seit sechs Jahren arbeitet die junge Meranerin in Südtirol als Regisseurin. Einen anderen Berufswunsch hatte die 34-Jährige nie. Bereits in der Mittelschule besuchte sie Theatercamps und wirkte im Schultheater mit. Auf der Bühne fand man Stefanie selten. „Ich bewundere Menschen, die selbstbewusst genug sind, um Schauspieler zu sein“, meint die junge Frau, „ich fühle mich viel wohler im Hintergrund.“

Nach dem Lesen eines Textes die dazu passenden Bilder zu finden, das reizt sie an der Regie. Um das noch besser zu lernen, verschlug es Stefanie nach der Matura am Humanistischen Gymnasium nach Wien. Nach dem zehnjährigen Diplomstudium der Theater-, Film- und Medienwissenschaften schwor sie sich, nie mehr einen Klassiker zu inszenieren. Goethe und Schiller hatte sie genauso satt wie die Butterkekse in der Weihnachtszeit. Doch mittlerweile faszinieren sie die alten Texte immer mehr: „Klassiker haben einen anderen Rhythmus“, erklärt die Regisseurin und zeichnet mit ihrer Hand symbolisch eine Welle in die Luft, „und man kann sie jahrtausendelang spielen.“

„Wir lernen nichts aus der Vergangenheit.“

Schnitzler, Dürrenmatt und Dickens sind nur einige der alten Herren, die die junge Regisseurin bereits neu inszeniert hat. „Und wir lernen immer noch nichts aus dieser Vergangenheit“, wundert sie sich.
Bevor Stefanie ein neues Stück auf die Bühne bringt, liest sie sich erst durch die Klassiker. Gibt ein Text für die Regisseurin etwas her, diskutiert sie mit Bühne und Kostüm über die Stimmung, die sie bei der Lektüre empfinden. Schließlich folgen Bühnen- und Kostümideen, mit denen Stefanie die Bilder erstellt, die sie am Ende auf die Bühne bringen will. „Jeder hat seine eigenen Strategien und seine eigenen ‚Drogen‘ bei der Produktion eines Theaterstücks“, sagt sie und grinst. 

Proben zu Fräulein Else

Bild: Stefanie Nagler

Bis zur Generalprobe versucht die Regisseurin das Publikum stets auszublenden. „Dann realisiere ich plötzlich, dass am nächsten Tag die vielen Menschen zum Zuschauen kommen und bin mit den Nerven am Ende“, gesteht sie und muss über sich selbst lachen. Aufregung und Druck seien jedes Mal aufs Neue groß. Schließlich bringe sie als Regisseurin Bilder auf die Bühne, die in ihr Emotionen auslösen: „Ich habe noch nie herausgefunden, ob dem Zuschauer das so überhaupt bewusst ist“, sagt Stefanie.

Vielleicht mag sie es deshalb so gerne, wenn das Publikum nach der Aufführung bei einem Glas Wein über das Stück und die Art der Inszenierung diskutiert. Vor einem Glas Wein mit Dürrenmatt würde sich die junge Regisseurin aber fürchten. Obwohl sie glaubt, dass ihm ihre Inszenierung von „Romulus dem Großen“ sogar gefallen würde: „Er war ja auch schräg und absurd“, meint Stefanie.

Die Möglichkeit, an großen Häusern in Wien als Regieassistentin zu arbeiten, hat die Meranerin bisher dankend abgelehnt. Eine Karriere strebt sie nicht an: „Ich wollte nie in diese Maschinerie geraten, in der jeder seine Ellenbogen ausfährt“, sagt Stefanie. Der Druck hätte so manchen schon in den Abgrund getrieben. Die Entscheidung, zurück nach Südtirol zu kehren, war eine bewusste. Hier spüre sie seit einigen Jahren einen starken Wandel. Die neue Generation an Theaterspielern sei aufgeladen mit Energie. Und das Zusammentreffen der Schauspielgenerationen schaffe gerade Großartiges auf Südtirols Bühnen.

Während Stefanie Studienkollegen noch für Cateringfirmen jobben und nebenher am Theater assistieren, inszeniert sie seit 2012 selbst. „Anders als viele andere kann ich zumindest arbeiten, egal in welchem Rahmen“, sagt Stefanie. Schließlich seien es die Erfahrungen, durch die man sich weiterentwickle. Ihre Entscheidung, zurück zu gehen, hat sie noch nie bereut. Trotzdem wünscht sie sich eine intensivere Kollaboration mit ausländischen Schauspielern. Das würde nicht nur den Zuschauern, sondern auch den Schauspielern in Südtirol gut tun, ist sich Stefanie sicher.

Premiere im Ost West Club

Bild: Stefanie Nagler

Sowohl mit Profis als auch mit Amateuren arbeitet die junge Regisseurin gerne zusammen. „Bei den Amateuren ist eine Leidenschaft dahinter, die mich immer wieder ansteckt“, sagt sie. Mit Profis hingegen arbeitet Stefanie gerne, weil sie gelernte Techniken dabei gut umsetzen und man gemeinsam an psychologischen Hintergründen und der Figurenentwicklung feilen kann.

Zwischen sechs und acht Wochen dauert eine Theaterproduktion. Eine Zeit, in der die Beteiligten jeden Tag bis zu sieben Stunden zusammenarbeiten. „Im Laufe einer Produktion wird es sehr intim, da muss es angenehm sein, miteinander zu arbeiten“, sagt Stefanie. Auch wenn sie die Schauspieler nie in ein Korsett zwingen möchte, klare Linien und einen Rahmen gebe es trotzdem.

Stefanie lebt nicht allein von der Regie, arbeitet aber immer im Bereich Theater und betreut kleinere Projekte. Aber auch ehrenamtlich engagiert sie sich, etwa als Leiterin der Theatergruppe ThEATROstwest. Phasen, in denen man nicht beschäftigt ist, müsse man als Selbständige im kreativen Bereich immer wieder akzeptieren. Die Liebe zum Beruf müsse man sich trotzdem immer beibehalten. „Meine Arbeit ist spannend, weil sie jedes Mal unterschiedlich ist und ich ständig mit verschiedenen Menschen zusammenarbeite“, sagt Stefanie.

Einen Tag nach der letzten Vorstellung bei den Freilichtspielen in Lana feiert Stefanie am 31. Juli Premiere mit der Volksbühne Schenna. „Und dann ist mein nächstes Projekt ein sechswöchiger Urlaub“, lacht die junge Regisseurin.

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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