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Schiffskommandat oder Schiffbrüchiger?

Mamon Fahsas Heimat ist die syrische Hafenstadt Baniyas. Krieg, Folter und Krankheit trieben den 60-Jährigen nach Italien. Sein größter Traum: endlich seine Familie wiederzusehen.

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Bild: Anna Mayr

Vor zwei Jahren kam ich nach Italien. Nachdem ich in Syrien einfach so ins Gefängnis gesteckt und gefoltert wurde, ging es mir sehr schlecht. Ich hatte Probleme mit den Augen, Diabetes und wegen der erlittenen Elektroschocks gelangte das Blut nicht mehr in meinen Kopf. Mein Bruder lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Südtirol und er half mir dabei, nach Italien zu kommen.

„Ich kenne alle großen Häfen von Südamerika bis Nordeuropa. Ich habe als Schiffskommandant gut verdient.”

In Syrien gibt es kein Gesundheitssystem mehr und kaum Medikamente. Vor dem Krieg war ich Schiffskommandant und fast 40 Jahre lang mit großen Frachtschiffen auf den Weltmeeren unterwegs. Ich kenne alle großen Häfen von Südamerika bis Nordeuropa. Ich habe gut verdient, und ich bin über einen humanitären Korridor mit dem Flugzeug nach Italien gekommen, um wieder gesund zu werden. Ich war viele Monate im Krankenhaus. Irgendwann waren auch meine Ersparnisse aufgebraucht. Mein Bruder hat mir sehr geholfen, doch die Situation wurde immer schwieriger. Ich wollte ihm nicht zur Last fallen, also bin ich gegangen.

Nirgends gab es eine Unterkunft oder Hilfe für mich. Ich habe in Italien politisches Asyl bekommen, aber keinen Platz, wo ich schlafen konnte. Eine Zeitlang schlief ich in der Notschlafstätte in Bozen. Diese ist nur bis April geöffnet und jeden Tag um sieben Uhr morgens müssen die Leute wieder auf die Straße. Die kalten Tage waren sehr hart, ich konnte wegen meiner Diabetes und meinem offenen Fuß kaum laufen. Durch die Kälte wurden meine Probleme mit den Augen schlimmer und ich ging in die erste Hilfe im Krankenhaus. Dort habe ich auf dem Boden geschlafen. Die Polizei kam und hat mich gefragt: „Was machst du hier?“ Ich habe geantwortete: „Ich habe kein Zuhause, ich bin krank und draußen ist es kalt. Was soll ich tun?“

„Meine Söhne sind 17, 16 und 13 Jahre alt. In Syrien können sie nicht zur Schule gehen.”

Im vergangenen Frühling schlief ich in Parks und in den Gärten hinter Kirchen. Mit nichts als den Kleidern, die ich am Leib trug. Seit einigen Monaten lebe ich nun im Haus der Solidarität in Brixen. Derzeit habe ich monatlich 200 Euro zur Verfügung, den Großteil davon gebe ich für die Fahrt zu den Arztvisiten in Meran aus. Ich kann nicht nach Syrien zurückkehren. Sofort würden die Behörden mich wieder ins Gefängnis stecken oder noch schlimmer. Ich möchte, dass meine Familie zu mir kommt, aber derzeit ist das nicht möglich. Ich kann nicht arbeiten, ich bin über 60 Jahre alt und schwer krank. Jeden Tag telefoniere ich mit meiner Frau und den Kindern. Meine Söhne sind 17, 16 und 13 Jahre alt. In Syrien können sie nicht zur Schule gehen. Meine Verwandten unterstützen sie dort mit Lebensmitteln, aber für die Schule haben wir kein Geld mehr. So viele junge Menschen haben das Land schon verlassen. Sie haben keine Perspektive mehr, der Krieg hat alles zerstört. Die Tage hier sind sehr lang für mich und ich fühle mich wie gelähmt. Ich kann nichts tun, außer zu beten.

Mamon Fahsa

(aufgeschrieben von Lisa Frei) 
Der Artikel ist erstmals in der 40. Ausgabe (September 2018) der Straßenzeitung zebra. erschienen.

 

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Straßenzeitung zebra.

Beim Zebrastreifen am Bahnhof, vor der Bäckerei, neben dem Dom – die VerkäuferInnen der Organisation für eine solidarische Welt bringen zebra. druckfrisch unter die Leute. Sie sind an ihren Ausweisen gut erkennbar und verkaufen die Straßenzeitung für zwei Euro. Ein Euro davon geht in die Produktion, der andere bleibt dem/der VerkäuferIn. Pro Ausgabe wird ein zebra-Artikel hier auf BARFUSS veröffentlicht – zum Reinschnuppern ins neue Heft.

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