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Jazz-Bassistin im Porträt

Ruth mag tiefe Töne

Das Wesen von Ruth Goller ähnelt einem Bass. Jenem Instrument, mit dem die Brixnerin weltweit ihr Geld verdient – zurzeit auf dem Südtirol Jazzfestival.

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Bild: Ruth Goller

Rosa mochte Ruth Goller noch nie. Als Kind war sie viel lieber auf einem BMX-Fahrrad unterwegs als auf einem klassischen für Mädchen. Bei ihrer Erstkommunion trug sie eine kurze Adidas-Hose unterm weißen Spitzenkleid. Warum das so ist, hat sie bis heute nicht verstanden. „Aber irgendwie war ich schon immer ein Tomboy “, meint Ruth und muss lachen, „kann man das auf Deutsch überhaupt so sagen?“ Seit 18 Jahren wohnt die Brixnerin bereits in London. Das ist fast die Hälfte ihres Lebens. Ab und an mischt sie aus Versehen englische Wörter in ihre Sätze oder verdeutscht sie einfach auf ihre ganz eigene Art und Weise. Den Weg in den Norden hat sie direkt nach der Matura eingeschlagen.

„Wie ich die bestanden habe, verstehe ich bis heute nicht.”

„Damals habe ich noch in einer Punk-Band mit ein paar Freundinnen gespielt“, erinnert sie sich. Zum Bass habe sie zufällig gegriffen. Mal etwas Neues ausprobieren eben. Die Grundlagen waren schnell auf eigene Faust gelernt. Doch dann wollte Ruth mehr. Sie wollte etwas wissen über Harmonie und Notenlehre, über Rhythmus und Melodie. Nach einem Probejahr in London, in dem sie täglich von morgens bis abends übte, versuchte sie schließlich die Aufnahmeprüfung an der Middlesex University. „Wie ich die bestanden habe, verstehe ich bis heute nicht“, gesteht Ruth und zieht sich ihre schwarze Schildmütze etwas weiter ins Gesicht. Schwarz scheint die Bassistin zu mögen. Jedes Kleidungsstück und sogar ihre Tasche tragen die Farbe, die eigentlich gar keine ist. Einzig ihr Auto ist silbern. Und das gehört vermutlich ihrem Vater, den sie gerade in Brixen besucht.

Jazz in der Lagerhalle

Bild: Lisa Maria Kager

Auf der Bühne verschwindet Ruth hinter zwei Sängerinnen in bunten Kleidchen und gerichteten Haaren. Zwischen den blau-gelb-roten Nebelschwaden kann man ihre schwarze Schildmütze nur bei genauem Hinschauen erkennen. Die tiefen Töne ihres elektrischen Basses hingegen sind fast das gesamte Konzert über hörbar. Gemeinsam mit 17 anderen Musikern aus der Europaregion Tirol, Norwegen, Schweden, Finnland und Island eröffnet sie heute das Südtirol Jazzfestival. Die Bühne dafür steht mitten in der Lagerhalle der TopHaus AG in der Bozner Industriezone zwischen Dämmmaterialien und Schubkarren. Es duftet nach frischem Holz und der asphaltierte Boden ist noch warm von der heißen Sonne. Querflöte, Glockenspiele, Schlagzeuge, Saxophone, Keyboard, eine Gitarre und zwei hohe Stimmen ergeben eine Mischung, die nach Fabelwesen klingt. In einem verrückten Wechselspiel aus musikalischen Emotionen erleben die knapp 400 Zuhörer das Motto dieser Festspiele: „Exploring the North “. Mit Synthesizern und futuristischen Instrumenten wird die Idee vom klassischen Jazzkonzert immer wieder aufgebrochen.

„Vielleicht bin ich aber auch so geworden, weil ich Bass spiele.“

Hohe Töne mag Ruth eigentlich auch nicht. Als Kind hat sie Geige gespielt. „Dieses Laute, Hohe, Schrille resoniert bei mir total nicht“, sagt sie und verzieht heute noch ihr Gesicht unangenehm berührt. Was Ruth hingegen sehr wohl mag, sind tiefe Töne. Ihr Instrument passt wie die Faust aufs Auge zur Tomboy-Attitüde. Dass Ruth als Frau in dieser Männerdomäne quasi eine Ausnahme ist, hat sie so lange nicht bemerkt, bis sie darauf aufmerksam gemacht wurde. Und bis heute ist es ihr auch ziemlich egal. Aufkommenden Sexismus macht sie durch ihr Können wett. Der Bass sei schließlich eines der wichtigsten Instrumente in einer Band. Hört er auf zu spielen, bricht die Dynamik der ganzen Band ein. Ruth ist das Verbindungsstück zwischen Rhythmus und Harmonie. „Wenn ich nun auf die Entwicklungen mit meinem Instrument zurückschaue, merke ich, dass mein ganzes Wesen einem Bass ähnelt“, meint sie und muss selbst etwas grinsen. Ruth mag es, im Hintergrund zu agieren und alles zusammenzuhalten, auch sozial. Den Vordergrund überlässt sie lieber den anderen. „Vielleicht bin ich aber auch so geworden, weil ich Bass spiele“, resümiert sie schließlich.

Ruth in Aktion

Bild: Ruth Goller

Alles, was Improvisation erlaubt, ist für Ruth Jazz. „Das kann auch Reggae oder Hip Hop sein“, meint sie. Mit Kategorien tue sie sich schwer. Viel lieber mische sie verschiedene Richtungen in ihrer Musik zusammen. Um ihr Leben damit zu finanzieren, spielt Ruth in verschiedensten Bands. Die meisten von ihnen befinden sich in der Umgebung von London. Kooperationen gibt es aber auch andernorts, beispielsweise in Frankreich oder in Afrika oder wie heute auch in Südtirol. Bereits zum dritten Mal ist Ruth beim Südtirol Jazzfestival dabei. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem erfolgreichen britischen Jazz-Pianisten Kit Downes, hat sie in der „England“-Edition sogar beim Organisieren der Bands geholfen. „Gutes Geld verdienen wir eigentlich nur, wenn wir durch Europa touren“, meint Ruth. In London von der Musik zu leben, sei schwieriger als in Italien. Förderungen wurden in den vergangenen Jahren immer weiter runtergeschraubt. Zum Vorteil von Ruth braucht eigentlich jede Band einen Bass. „Wir sind eine gefragte Gruppe“, meint die Brixnerin, „und weil wir uns so oft anpassen müssen, sind wir auch vielseitiger als andere Musiker. Das hat viele Vorteile.“ Auf Tournee mit einem Weltstar war die Bassistin nur einmal für 18 Monate. Das habe ihr gereicht. 

Euregio Collective mit nordischen Musikern

Bild: Lisa Maria Kager
„Wenn man immer wieder dasselbe spielen muss, verlernt man am Ende die Improvisation und das Lesen der Noten“, erklärt Ruth. Viel lieber hat sie Abende wie heute, an denen Musiker aus verschiedenen Ländern und mit verschiedenen Einflüssen auf einer Bühne zusammenkommen und etwas Neues kreieren, das das Publikum – und oft sogar sie selbst – überrascht. Viele von ihnen haben noch nie gemeinsam gespielt. Vor dem Auftritt gab es nur drei Proben. Alltag im Leben einer Profi-Bassistin.

 

 

Vom 29.06. bis zum 08.07. ist das Südtirol Jazzfestival mit 55 Konzerten an 47 verschiedenen Locations zu Gast. Zwischen Steinbrüchen und Berghütten ist auch Ruth noch das eine oder andere Mal zu sehen.

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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