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Interview mit Nuno Escudeiro

"Natürlich brauchen wir Anwälte"

Nuno Escudeiros Film "The Valley" feiert Südtirolpremiere. Er zeigt, wie Menschen damit umgehen, wenn Unrecht zu Recht wird. Ist ziviler Ungehorsam die einzige Lösung?

Immer wieder stolpert Nuno Escudeiro in seinen Filmen und im Leben über Grenzen. Zufällig. Aber auch weil ihn diese immer wieder anziehen: Grenzen zwischen Staaten, zwischen Menschen verschiedener Herkunft, Sprachgruppen, aber auch Grenzen, die nur abstrakt definierbar sind. Sein Film “The Valley”, der bereits internationale Leinwände zierte und sich über zahlreiche Auszeichnungen freuen durfte, feiert beim diesjährigen Bozner Filmfestival Südtirolpremiere. Der Film zeigt Menschen an der italienisch-französischen Grenze: Flüchtlinge, aber auch jene, die versuchen, ihnen zu helfen. Ein Film, wie Nuno sagt, über Menschen, die über ihre eigene Staatsangehörigkeit hinausgehen.

So wie er auch: “Ich habe Portugal vor neun Jahren verlassen, bin viel gereist, habe in verschiedenen Ländern gearbeitet und studiert.” In Bozen, wo Nuno seit sieben Jahren wohnt und auch die Filmschule Zelig besucht hat, fühlt sich Nuno weder als Teil der italienischen noch der deutschen Sprachgruppe. “Ich versuche mich nicht durch Grenzen, sondern über das, was ich tue, zu definieren. Meine Position ist eine sehr europäische, vielleicht eine privilegierte Position. Ich treffe immer wieder auf Grenzen, aber sie schränken mich nicht ein; nicht in meiner Arbeit und auch nicht als Mensch”.

Regisseur und Filmkünstler Nuno Escudeiro

Bild: Michal Shany
Dein Dokumentarfilm “The Valley” zeigt eindrucksvoll, wie Flüchtlinge an innereuropäischen Grenzen behandelt werden: Manche bemühen sich, humanitäre Hilfe zu leisten, andere versuchen Flüchtlinge schnellstmöglich abzuschieben. Was hat dich zu diesem Dreh inspiriert? Und warum hast du den Schauplatz an der italienisch-französischen Grenze gewählt?
An der Filmschule Zelig in Bozen habe ich einen Film über Grenzübertretungen am Brenner gedreht. Es ging um die Menschen, die versuchten, die Grenze im Zug zu überschreiten. Menschen, die sich in Zügen versteckten, entdeckt und am Bahnhof ausgestoßen wurden. Zudem habe ich die Grenzsituation zwischen Schweden und Finnland beobachten können. In beiden Fällen habe ich viele Leute kennengelernt, die sich aktiv für Flüchtlinge einsetzten. Ihre Hilfe blieb jedoch meistens geheim. Es gab keine Proteste oder öffentliche Anprangerungen. Es ging ihnen darum, den Menschen, die an den Grenzen festsaßen, zu helfen; sie in Sicherheit zu bringen.

Die Menschen im Roya-Tal an der italienisch-französischen Grenze hatten eine andere Herangehensweise. Dort haben sich Helfende dazu entschlossen, mit dem Problem an die Öffentlichkeit zu gehen. Sie wollten, dass die Menschen darüber sprechen, anfangen zu diskutieren. Diese Herangehensweise hat mich fasziniert.

Was du beschreibst, könnte also an jeder europäischen Grenze passieren.
An jedem Durchgangspunkt in Europa können wir ähnliche Dinge beobachten. Dadurch, dass die Menschen im Roya-Tal sich an die Öffentlichkeit wandten, haben sie aber eine neue Reaktion vom Staat hervorrufen können: Einerseits hat sich der Staat – in Form der Beamten – gegen die Helfenden gewandt. Andererseits hatten die Menschen im Royal-Tal dadurch die Möglichkeit, die Gesetze verstehen und nutzen zu lernen. Was beschreibt das Gesetz? Wer ist im Recht? Wir? Der Staat? Auf diese Weise haben sie es geschafft, systematische Menschenrechtsverletzungen vonseiten des Staates bloßzulegen und vor Gericht zu bringen.

Es geht unter anderem um das Dubliner Übereinkommen der Europäischen Union: Jener Staat, in dem Flüchtlinge zuerst ankommen, trägt die Verantwortung für deren Aufnahme und Asylverfahren. Im Film wird dieses Verständnis jedoch infrage gestellt.
Was du beschreibst, ist jenes Verständnis, das wir alle kennen und glauben. Aber: Dass Flüchtlinge in dem europäischen Land, in dem sie ankommen, um Asyl ansuchen müssen, ist falsch. Flüchtlinge haben das Recht, wo immer sie können, Asyl zu beantragen. Das ist ein Menschenrecht und in der europäischen Menschenrechtscharta verankert.
Dann gibt es das Dubliner Übereinkommen: Dieses beschreibt das Verfahren, das die Asylanträge regelt und so entscheidet, welcher europäische Staat den Flüchtlingen Asyl gewähren wird. In vielen Fällen fällt die Verantwortlichkeit auf den Staat, in dem die Flüchtlinge zuerst in Europa ankommen, aber nicht immer. Es gibt Ausnahmen: für Frauen mit Kindern beispielsweise, Familienangehörige, manchmal auch vom Staat ausgewählte Einzelpersonen. Indem aber das Dubliner Übereinkommen vorgeschoben wird, um Grenzen zu schließen und Flüchtlinge abzuwehren, wird den Menschen ihr Recht verwehrt, in einem Land um Asyl anzusuchen.

Staaten haben aber die rechtliche Möglichkeit, Flüchtlinge zurück in ihr Erstankunftsland zu schicken.
Nein. Jedes Land ist rechtlich dazu gezwungen, Menschen Eintritt zu gewähren. Wenn eine Person an der Grenze steht und ihre Legalisierung in einem Land beantragen möchten, muss ihr diese Möglichkeit gewährt werden. Sollte der Antrag nach dem entsprechenden Verfahren abgelehnt werden, kann die Person in ihr Erstankunftsland zurückgeschickt werden.
Das kann natürlich – anders als im Moment – auf freundliche und unterstützende Weise erklärt und arrangiert werden: “Wir müssen dich zurück nach Italien schicken. Es gibt ein Transportmittel, das du verwenden kannst. Wir werden einen Kontakt herstellen…” Keinem Menschen aber darf ein Asylantrag verweigert werden. Wir beobachten, dass Menschen ohne Verfahren ausgeschlossen werden. Sie werden auf die Straße und in die Illegalität gedrängt. Sie erfahren ein gewalttätiges System, das ihre Menschenwürde verletzt. Was die Menschen im Roya-Tal sagen, ist folgendes: Es gibt Gesetze und Verfahren, die es den Menschen erlauben, ihre Legalisierung in einem Land zu beantragen. Wir wollen, dass diese auch korrekt angewandt werden.

Handlungen, die durch den Gebrauch der Gerichtshöfe legitimiert werden, können nicht mehr als ziviler Ungehorsam bezeichnet werden.

“The Valley” zeigt das Gesetz als verworrenes, unklares Instrument, das sich auf die Seite jener schlägt, die es zu nutzen wissen. Ist das die Wahrnehmung, die du zu vermitteln versuchst?
Es geht mir eigentlich darum, die positive Kehrseite davon aufzuzeigen: Viele von uns haben ein negatives Bild vom gesamten politischen System, das in etwa so aussieht: “Gewählte Regierungen gebrauchen die Gerichte zu deren Gunsten, weil sie Teil des Systems sind.” Wir müssen uns aber daran erinnern, dass die Judikative ein unabhängiges Organ ist: Es gibt unabhängige Gerichte, die nach unabhängigen Gesetzen handeln. Die Menschen im Film gebrauchen diese Unabhängigkeit von Gesetz und Gericht gegen die Macht der Exekutive und Legislative im Staat. Mit dem Film möchte ich die Menschen daran erinnern, dass das Gesetz uns gehört. Natürlich schweigt das Gesetz. Natürlich brauchen wir Anwälte. Aber diese Anwälte gibt es. So kann die Illegalität gewisser Vorgehensweisen des Staates an die Öffentlichkeit gelangen.

Es braucht also nicht unbedingt neue Gesetze, sondern vor allem einen Wandel in der praktischen Anwendung?
Ja, es geht darum, Gewohnheiten und Handlungsweisen neu zu erlernen. Wir müssen uns daran erinnern, dass Gerichte und Anwälte zugänglich sind. Wie können wir sie gebrauchen? Und wie lernen wir, davon Gebrauch zu machen?

Die Handlungen der Charaktere im Film werden als humanitäre Handlungen porträtiert. Gehen Menschlichkeit und ziviler Ungehorsam hier Hand in Hand?
Laut einem der Hauptakteure im Film, Cédric, können die Handlungen, die durch den Gebrauch der Gerichtshöfe rechtlich legitimiert werden, nicht mehr als ziviler Ungehorsam bezeichnet werden: Zusammen mit anderen kümmert er sich darum, dass sich der Staat an die eigenen Gesetze hält. Andere Helfende, die im Film zu sehen sind, können dieser Argumentation nichts abgewinnen und stellen sich weiterhin gegen den Staat. Es gibt verschiedene Wege, aktiv zu werden.

Das “P.O.V Magazine” schreibt: “Ein Film, der das Publikum herausfordert, sich dem geltenden Regelwerk zu entziehen (“to go rogue”), wenn wir nicht länger untätig zuschauen können.” Ist es das, was die momentane Situation von uns verlangt?
Was an den innereuropäischen Grenzen passiert und wie wir darauf reagieren, definiert, wer wir sind, als politisches Konstrukt, aber auch als Gesellschaft. Was ich heute beobachte, ist nicht das Europa, das ich aus meiner Schulzeit kenne. Jenes vereinte Europa endet für mich 2008. Die Idee eines vereinten Europas existiert aber weiterhin; nur dürfen wir es nicht in den politischen Institutionen suchen. Wenn ich Menschen wie Cédric sehe oder jene, die den Flüchtlingen am Brenner helfen, weiß ich, dass es diese Idee, Europa, noch gibt. Wir brauchen ein neues politisches Konstrukt, wir müssen daran arbeiten und uns dafür einsetzen.
Manchmal kommen Zuschauer nach der Vorstellung auf mich zu, umarmen mich und sagen, sie hätten nicht genug getan. “Ich hätte viel mehr machen können.” Das alleine ist ein großer Schritt.

Es ist kein aktivistischer Film, der mit Parolen um sich schlägt. Es geht mir darum, zu verstehen, warum die Menschen handeln, wie sie handeln.

Andererseits schreibt das “bfi London Film Festival”, dass es sich um ein “Feel-Good-Movie” handelt, das die Normalisierung der Flüchtlingskrise infrage stellt. Inwiefern ist die Doku ein Feel-Good-Movie, ein Wohlfühl-Film? Sollte es einer sein?
Hah! Es gibt auch schöne Momente im Film, die die zwischenmenschlichen Verbindungen zeigen und wir haben versucht, nicht allzu schwer an das Thema heranzugehen. Es ist in dem Sinn ein “Feel-Good Film”, dass er dir die Kraft gibt, an andere Menschen zu glauben. Ich brauche das; ich muss wissen, dass es diese Menschen gibt. Ansonsten tendiere ich zum Zynismus.

In Frankreich wurde “The Valley” bereits gestreamt. Gab es auch Kritik an deiner Schilderung der Tatsachen?
Es gab Menschen, die das Flüchtlingsproblem an sich verneinten. Abgesehen davon glaube ich, dass die Erzählung im Film sehr nachvollziehbar ist. Es ist kein aktivistischer Film, der mit Parolen um sich schlägt. Es geht mir in meiner Arbeit darum, zu verstehen, warum die Menschen handeln, wie sie handeln. Ich versuche Vertrauen zu den Menschen aufzubauen, höre ihnen zu. Bei einem Film wie diesem geht es nicht um mich, sondern darum, zu zeigen, was eine Situation wie diese den Menschen abverlangt und wie sie darauf reagieren. In dem Sinn zieht der Film nicht allzu viel Kritik auf sich: Auch wenn die Zuschauer vielleicht anderer Meinung sind, können sie verstehen, warum die Menschen im Roya-Tal so handeln, wie sie handeln.

Glaubst du, dass ein anderes Narrativ möglich gewesen wäre?
Wir haben uns sehr darum bemüht, das vorherrschende Narrativ zu ändern, oder besser: zu differenzieren. Bevor dieser Film gedreht wurde, bestand der Diskurs in Frankreich hauptsächlich aus zwei Seiten: Hat eine Person das Recht, das Gesetz zu brechen, um Menschen in Not zu helfen, ja oder nein? Ein rhetorisches Problem, bei dem einmal die eine und einmal die andere Seite gewann, das aber keine von beiden weiter brachte. Cédric hat dieses Narrativ durch eine neue Perspektive bereichert. Er arbeitet mit dem Gesetz, um Menschen in Not zu helfen. Das ist das Narrativ, das ich hervorheben wollte: Es geht nicht so sehr darum, wozu Menschen gezwungen werden, sondern darum, was sie tun können. Die Frage ist weder moralisch noch rhetorisch. Sie ist konkret.

Welche Reaktionen erwartest du dir von der Premiere deines Films in Bozen?
Das Bozen, das ich kenne, ist ein sehr gutes Publikum. Viele kennen Bozen als eine konservative, verschlossene Stadt. Diese Seite von Bozen habe ich nie kennengelernt.

Ich hatte tatsächlich ein konservatives Publikum im Kopf…
Wir haben beide Recht und beide Unrecht. Am Ende ist die Geschichte komplexer, als man glauben möchte!

Der Film “The Valley” läuft vom 14. bis 18. April beim Filmfestival Bozen online.

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