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Zu Besuch bei Opas Diandl

Musiker ohne Stempel

Weder Genre noch Konzept – so beschreiben sich Opas Diandl selbst. Dieses Jahr feiert die Südtiroler Band ihr zehnjähriges Bestehen.

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Bild: Lisa Maria Kager

In einem Lananer Hinterhof, hinter türkisfarbenen Holztüren, irgendwo zwischen Nudelsieben und Kuscheltieren auf knapp zehn Quadratmetern Küche findet die Bandprobe von Opas Diandl statt. Die Sonne strahlt durchs offene Fenster und bringt frische Bergluft herein, die sich im kleinen Raum gleich mit dem Duft des gerade gekochten Kaffees vermischt. Während Jan Langer in einer Ecke seine Percussions aufbaut, hat sich Thomas Lamprecht mit seiner Gitarre bereits gemütlich auf einem Stuhl vor dem knallroten Kühlschrank positioniert.

Markus Prieth stimmt noch schnell die Geige mit seinem Handy, das auf dem Küchentisch direkt neben einem Teller voller Krapfen liegt. Und Veronika Egger hält den Bogen ihrer Geige ganz lässig in der Hand, mit der sie gleichzeitig den Wasserhahn öffnet, um sich ein Glas Wasser einzufüllen. Als Letzter drängt sich noch Daniel Faranna mit seinem Kontrabass in die Küche und findet das letzte Plätzchen neben dem warmen Ofen. In diesem kleinen Raum verschmelzen nicht nur Kaffee und Bergluft zu einer Einheit, es treffen auch fünf Musikergeschichten aufeinander. Zusammen bilden sie Opas Diandl, die es auch über Südtirol hinaus zu einer gewissen Bekanntheit gebracht hat.

Der Ursprung dieses bunten und unkonventionellen Ensembles ist zweiteilig: Markus, Veronika und Daniel kennen sich bereits aus Jugendzeiten und sind irgendwann aus der Jugendband herausgewachsen. Unabhängig davon hatten auch Daniel und Thomas ein gemeinsames musikalisches Projekt. „Und irgendwann habe ich Markus und Daniel im ‚Ost West Club‘ in Meran singen hören“, erzählt Thomas. Die Begegnung der vier Männer könnte man als „Liebe auf den ersten Ton“ bezeichnen.

Doch bei der ersten Probe fehlte der neuen Band-Besetzung dann doch die weibliche Seite. Heute steht Veronika ganz entspannt an die Küchenzeile gelehnt und zieht den Bogen über die Saiten ihrer Geige. Als einzige Frau in der Gruppe ist sie weder Mama noch Chef. „Ich fühle mich einfach wohl hier“, sagt sie und schaut zu Markus, „du musst aber dein C höher stimmen.“ Diesmal klappt das Nachstimmen ganz ohne Hilfe des Handys, dafür mit dem perfekt kalibrierten Gehör von Daniel. „Die Weiblichkeit dieser einen Frau gleicht ganz einfach die Männlichkeit von uns vieren aus“, fügt er charmant mit einem breiten Grinsen hinzu und zieht seinen Kontrabass leicht in den Flur, um der Hitze des Ofens zu entfliehen. 

Am Anfang der Proben gibt es immer eine Idee, die jemand in den Raum wirft. Manchmal sei diese mehr und manchmal weniger ausgearbeitet. Heute will Thomas Lamprecht etwas Funk in eines der aktuellen Stücke bringen, um es für die nächste Show ein wenig abzuändern. Jedes Konzert von Opas Diandl ist anders. „Weil man sich auf die Menschen und die Stimmung einlässt“, meint er und spielt einige Funk-Akkorde auf der Gitarre. Nach und nach stimmen alle anderen in den funkigen Beat ein und versuchen, das Ganze in den Rest des Stückes einzuweben. „Gemeinsam probiert man sich aus, doch das Veto-Recht liegt immer beim Ideen-Bringer“, meint Thomas und grinst. Veronika hat mittlerweile zum Kontrabass gewechselt. Bei Opas Diandl spielt jeder Musiker mehr als nur ein Instrument. Das Repertoire reicht von der Säge übers Raffele bis hin zu Löffeln und jahrhunderte-alten Geigen.

Blicke zur Kommunikation

Bild: Lisa Maria Kager

Weil Opas Diandl insgesamt auch sechs Kinder hat, zahle es sich ökonomisch nicht aus, nur von der Musik zu leben. Alle fünf Bandmitglieder haben daher zusätzlich einen Brotjob. Jede Probe wird so zu einer Organisationsleistung und findet am Ende meist direkt auf der Tour statt, die mehr oder weniger einmal pro Monat ansteht. Die Ehe mit Opas Diandl mit ihren Höhen und Tiefen haben die Fünf gemeinsam durchgestanden und feiern dieses Jahr zehnjähriges Jubiläum. „Wir sind wie eine tribù“, meint Thomas, „jeder einzelne mit seinen Stärken und Schwächen. Für jeden Reibungspunkt gibt es aber immer den passenden Kompromiss.“ Vorwiegend gehe es sowieso nur ums Musik machen und um das Gefühl, das dabei entsteht – ausnahmsweise ganz ohne Message. 

Welche Musik das ist, darüber streiten sich Freunde, Fans und Medien nach zehn Jahren immer noch. Während die einen sie als „Falschspieler” und „Musikpantscher” bezeichnen, ordnen sie andere in die Schiene der progressiven Volksmusik ein. Dabei ist es ihnen ohnehin am liebsten, gar keinen Stempel zu tragen und einfach ihren Stil auszuleben. „Wir sind totale Anti-Strategen“, resümiert Thomas. Am Anfang stand nur die „Hetz “. Ohne Hype haben sie sich in den vergangenen zehn Jahren konstant all das erspielt, was sie nun aus- und bekannt macht. Das Ergebnis sind zahlreiche Auftritte in Deutschland, Österreich und Südtirol und vier CDs. Die jüngste trägt den Titel „X“ – für zehn gemeinsame Jahre und die vielen Varianten in der eigenen Musik.

„Nein, eher so: ba, ba, ba, ba, ba, ba, taaaa“, singt Veronika Markus vor und spielt den Rhythmus gleich nochmal auf dem Kontrabass. „Ah!“, antwortet er und setzt mit der Geige ein. Hier in der kleinen Lananer Küche gibt es kaum Platz für klassische Journalistenfragen. Hier spricht man Musik.

 

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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