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Mo und die Arier

Nach einer Morddrohung suchte die Moderatorin und Filmemacherin Mo Asumang das Gespräch mit Rechtsradikalen. Sie traf Neonazis, Anhänger des Ku-Klux-Klans und Verschwörungstheoretiker.

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Bild: Mo Asumang

Mo Asumang wurde 1963 als Tochter einer Deutschen und eines Ghanaers in Kassel geboren. Sie arbeitete als Sprecherin, Moderatorin und Schauspielerin im deutschen Fernsehen. Als Gründerin einer Produktionsfirma führt sie heute Regie für Dokumentarfilme. Mit ihren Filmen hält sie in Schulen und Universitäten weltweit Vorträge zum Thema Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Im Herbst 2019 war sie zu Besuch in Südtirol.

Mo Asumang

Bild: Georg Hofer

Die Morddrohung einer Neonazi- Band war der Beginn Ihrer direkten Auseinandersetzung mit Rechtsradikalismus. Was hat Sie motiviert?
Ängste zu überwinden war eine große Motivation. Ich musste etwas verändern, weil ich nach der Morddrohung nicht mehr normal weiterleben konnte. Ich hatte ständig Angst, konnte eigentlich nicht mehr ich selbst sein.

Angst wird im Film auch im Gespräch mit Rechtsradikalen angesprochen. Die meisten betonten, sie kennen keine Angst. Stimmt das?
Man muss zwischen Populisten und Mitläufern unterscheiden: Erstere füttern die Angst, die anderen fressen sie. Populisten schüren Angst und einige fallen darauf rein. Der ganze Rassismusapparat, das Hetzen gegen andere Menschen, und die Behauptung, dass wir angeblich nicht miteinander können, das alles ist ein Geschäft mit der Angst. Viele Mitläufer leiden darunter, entwickeln durch diese Negativität mitunter sogar Depressionen oder Essstörungen, wie mir ein damals noch aktiver Neonazi einmal erzählte. Der Populist sitzt im Warmen, der Mitläufer nicht.

Es passiert was, wenn Menschen einander ihre Geschichten erzählen.

Was hilft gegen die Angst?
Es muss etwas mit Emotionen zu tun haben. Wenn jemand etwa Angst vor Menschen mit „anderer“ Hautfarbe hat, wäre es das Klügste, man trifft mal jemanden und spricht mit ihr oder ihm, um sich selbst ein Bild zu machen. So kann man mit seinen Ängsten vor dem „Fremden“ umgehen. Selbst habe ich das auch gemacht. Ich hatte Angst vor den Nazis und der nächste Schritt war dann eben die Begegnung: Von der ersten Nazidemonstration mit 3.000 Nazis, als ich fast in Ohnmacht gefallen wäre vor lauter Angst, bis hin zu einem Treffen mit einem der bekanntesten Nationalsozialisten, bei dem ich einfach nur dort saß und mir die Anfeindungen angehört habe, ohne mit der Wimper zu zucken. Mir hat sehr geholfen, dass ich wusste: Sie wollen mich aus dem Gleichgewicht bringen. Wenn man das weiß, kann man auch ruhig bleiben und seine Mitte nicht verlieren.

Was bringen Begegnungsräume?
Es ist wichtig, Begegnungsräume zu schaffen. Es ist nicht natürlich, dorthin zu gehen, wovor man Angst hat. Da wäre die Politik gefragt, Förderprogramme zu unterstützen, die sich darum kümmern. Es ist eines der wichtigsten Themen, die wir weltweit zu behandeln haben. Es passiert was, wenn Menschen einander ihre Geschichten erzählen. Gehen die mit demselben Gefühl aus dem Gespräch raus, wie sie reingegangen sind? Ich glaube nicht. Es kann Empathie entstehen, die eben nicht entsteht, wenn man nur über „die Anderen“ redet.

Lassen Rechtsradikale den Dialog zu?
Rassisten wollen nicht reden. Ich habe erlebt, dass einer zum anderen gesagt hat: „Wir dürfen nicht mit der reden.“ Sie wissen, dass man Probleme lösen kann, wenn man ins Gespräch kommt. Und da sie das nicht wollen, versuchen sie das Gespräch zu unterbinden. Das machen sie entweder durch Hetze oder sie sagen ihren Leuten: „Sprecht nicht mit den anderen!“ Zu Menschen mit Migrationshintergrund sagen sie: „Geht zurück nach Afrika!“ Dann ist das Gespräch beendet. Es gibt viele Arten, Kommunikation zu zerstören.

Mo Asumang mit einem Anhänger des Ku-Klux-Klans

Bild: Mo Asumang

Wie kann die Kommunikation gefördert werden?
Fragen sind essenziell. Am Anfang war es mein Ziel, ins Gespräch zu kommen, um mir abends auf die Schulter zu klopfen und dann zu sagen: „Ich habe die bessere Rhetorik, den habe ich an die Wand geredet.“ Aber dann bin ich selbst überheblich und mache genau dasselbe wie sie, die auch überheblich sind und denken, sie wären besser als andere Menschen. Später habe ich gemerkt, dass die Leute verblüfft waren, weil ich genau nachgefragt habe. Ich habe Fragen gestellt, die ungemütlich waren und dadurch die anderen unter Zugzwang gebracht. Das hat etwas geöffnet. Ungemütliche Fragen werden in geschlossenen Gruppen, etwa rassistischen Gesellschaften, IS, Boko Haram, niemals gestellt. So bleiben sie im Alten verhaftet und es gibt keine Weiterentwicklung.

Geschlossene Gesellschaften stellen sich keine Fragen. Woher sollen die Fragen kommen?
Die müssen von außen kommen und diese Menschen in die Reflexion bringen. Wie oft hört man zum Beispiel Sätze wie: „Die Flüchtlinge sollen im Meer ertrinken.“ Einfach so daher gesagt, – ohne Herz – wie ein abgelesener Satz, der in die Runde geschmissen wird. Anhänger lachen dann auch noch. Jetzt habe ich zwei Möglichkeiten, damit umzugehen: Einerseits könnte ich hingehen und ihnen irgendwelche Zahlen, Statistiken oder sonst was um die Ohren hauen – oder aber ich könnte sie fragen: „Ertrinken: Könntest du mir das mal erklären? Wie sieht das denn aus, wenn ein Mensch ertrinkt?“ Mit so einer Frage bist du schon auf einer komplett anderen Ebene. Dann bist du auf der Ebene von Realität und nicht mehr auf jener des Sprüche-Klopfens. Die Realitätsebene schaut jedoch ganz anders aus. Da kannst du gar nicht anders, als zu denken „Wahnsinn!“ Da bist du Mensch. Es wird oft gesagt, Rassismus hat was mit Bauchgefühl zu tun. Ich glaube, es ist umgekehrt – es ist eingetrichterte Ideologie, ein Hirngespinst, dem man nachjagt und das die Realität ausklammert.

Ich sehe, dass die Gesellschaft zwar gegen Nazis kämpft, aber nicht sieht, dass Probleme nur gelöst werden, wenn man ins Gespräch kommt.

Welche Rolle haben Frauen im Kampf gegen rechts?
Als Schwarzer Mann hätte ich mich nicht unter die Nazis begeben, weil Männer untereinander nochmal gewalttätiger und rücksichtsloser sind. Als Frau hatten die keine Angst vor mir und haben sich eher auf das Gespräch eingelassen. Wobei ich denke, dass ich viel gefährlicher bin. Eben deshalb, weil ich durch das Gespräch vielleicht auch an ihrer Ideologie kratze.

Hat sich seit der Veröffentlichung von „Die Arier“ etwas getan?
Für mich schon. Aber überall, wo ich hinkomme, ist es für die Leute Neuland. Dann fange ich wieder bei null an. Ich sehe, dass die Gesellschaft zwar gegen Nazis kämpft, aber nicht sieht, dass Probleme nur gelöst werden, wenn man ins Gespräch kommt. Und damit meine ich nicht, dass man AfDler in eine Talkshow einlädt!!! Drei Ausrufezeichen! Da breiten Populisten nur ihre Ideologie aus. Das bringt niemandem was. Man muss mit jenen Leuten reden, die Sprüche klopfen, die in der Mitte der Gesellschaft sind und dann vielleicht Rassismus wählen. Diese Menschen darf man nicht aufgeben.

Bild: Mo Asumang

Das klingt einfacher als es ist, oder?
Man könnte sagen, die sind sowieso verloren. Wenn ich einen Hassposter auf meinem Facebook-Account sehe, drücke ich auf eine Taste und er ist weg. Aber wo ist er hin? Wohin schiebt man die Leute dann? Man schiebt sie nur noch mehr in diese Hassgesellschaft hinein, wo sie immer weiter abdriften und von morgens bis abends mit ihrem Smartphone in ihrer Blase sind. Die Leute sind in dem Moment verloren, in dem wir sie aufgeben.

Kann jede*r Rassisten zum Umdenken bewegen?
Es ist seltsam, wenn wir an Rassisten denken, fallen uns sofort Springerstiefel und Baseballschläger ein. Das hält uns davon ab, ein Gespräch anzufangen. Aber der Rassist sitzt in der Mitte der Gesellschaft, trägt gebügelte Hosen und Schlips oder ein Kostüm und Pumps. Man kann an jeder Straßenecke oder im Bus einer rassistischen Äußerung mit einer klugen einfachen Frage begegnen: „Seit wann trägst du diesen Hass in dir?“ Vielleicht ist die spontane Antwort „na wegen der Flüchtlinge“, und dann zu Hause fällt der Person ein, dass der Hass von ganz woanders kommt. Ohne unsere Fragen wird sich nichts ändern. Was ich auch gelernt habe: Ich muss nicht die ganze Welt verändern. Wenn ich den pöbelnden Nachbarssohn wieder ein Stück in die demokratische Gesellschaft zurückhole, habe ich 100 Prozent erreicht.

Sie bieten Menschen die Möglichkeit, an Ihnen zu lernen und geben sich als Projektionsfläche her. Wie geht es Ihnen dabei?
Es ist anstrengend und ich habe zwischenzeitlich sogar Traumatherapie gemacht deswegen. Aber ich glaube einfach, dass mehr Leute in diese Richtung gehen müssen. Ich muss mir jetzt überlegen, wie andere für mich mit dem Film und dieser Haltung an Schulen gehen und Vorträge machen können. Alleine schaffe ich es nicht mehr.

Haben Sie schon eine konkrete Idee, wie das Projekt weitergehen könnte?
Das Schöne am Ende des Films ist, dass ich dort mit einem jungen Mann spreche, der inzwischen aus der Szene ausgestiegen ist. Das zeigt: Es geht. Man könnte zwei Leute zusammenbringen, der eine ist vielleicht ein Aussteiger und der andere ist ein Mensch mit Migrationsgeschichte und die beiden könnten mit dem Film durch die Gegend touren. Da könnte man mehrere Paare überall losschicken. Das ist meine Idee.

Sie waren kürzlich in Südtiroler Schulen unterwegs. Wie war es da?
Ich habe schöne Gespräche geführt. Die Jugendlichen haben mucksmäuschenstill den Film angeschaut und waren dann erst mal platt von so vielen Eindrücken, neuen Aspekten und Blickwinkeln. Sie wollten wissen, wie ich mit der Angst umgegangen bin, welche Motivation ich hatte, diesen Film zu machen. Und sie wollten herausfinden, wie sie sich einbringen können. Diese Begegnungen machen mir Mut.

 

Von Judith Waldboth 

Der Artikel ist erstmals in der 55. Ausgabe (Januar 2020) der Straßenzeitung zebra. erschienen.

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Straßenzeitung zebra.

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