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Mein Freund, Gevatter Tod

Gerlinde Waldner hat Krebs. Die Diagnose hat die 68-Jährige verändert, sie hat sich mit dem Tod arrangiert. Ein Portrait.

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Bild: Majda Brecelj

Sie hat die Wahl: Stuhl, Ohrensessel oder Couch. Gerlinde Waldner wählt den Ohrensessel. Aufrecht sitzt sie in der Lounge des Bozner Cafés, eine Laterne wirft warmes Licht auf ihr fast faltenfreies Gesicht. Das weiße Haar trägt sie kurz; passend zum leuchtendroten Lippenstift hat sie ein azurfarbenes Tuch mit roten Punkten um den Hals gebunden. Ihre Bewegungen sind langsam, sie hört genau zu, lächelt, atmet, redet bedacht. Der Hauch einer Schauspielerin umgibt sie.

Wer so viel Wert auf sein Äußeres legt und derartige Harmonie ausstrahlt, kann nicht mit dem Tod hadern. Die 68-Jährige tut es auch nicht, sie hat sich mit dem Tod arrangiert. In ihrem inneren Bild teilt sie das Pferdegespann mit vier Rössern, das ihrer Lebenskutsche vorangestellt ist, mit Gevatter Tod: Zwei Rösser dirigiert sie, zwei er. „Eine Zeitlang dachte ich, er will mich vom Bock runterstoßen, mir die Zügel aus der Hand nehmen.“ Doch dann ließ er sich sichtlich von ihrem Wunsch überzeugen, noch eine Zeitlang auf der Erde zu verbringen: Seit ihrer Krebsdiagnose im April 2013 sind drei gute Sommer ins Land gezogen.

Wollte sie wirklich leben, mit Krebs leben? „Dann sterbe ich halt“, dachte sie anfangs, so wäre es zumindest vorbei.

Hätte sie damals keine Nachricht von einem weit fortgeschrittenen aggressiven Tumor in ihrer Brust erhalten, sie würde wohl wie früher weitergaloppieren: sich im Haus der Familie am Ritten um Garten und Deko genauso kümmern wie um die Einteilung des Personals – und um die Gäste sowieso. Müde sei sie in den Monaten vor der Untersuchung manchmal gewesen, die Kraft habe nachgelassen. Sie beschloss, in Pension zu gehen. Dass der Tod dann plötzlich so klare Konturen bekam, erschreckte sie nicht allzu sehr. Sie ließ sich operieren, verweigerte aber die vorgeschlagene Chemotherapie und Bestrahlung; ärztliche Zustimmung war dafür nicht zu erwarten. Die Antwort auf die schwierigste Frage stand bevor: Wollte sie wirklich leben, mit Krebs leben? „Dann sterbe ich halt“, dachte sie anfangs, so wäre es zumindest vorbei.

Bild: Majda Brecelj

Die beiden erwachsenen Töchter taten sich schwer mit ihrer Todesgelassenheit. Und so schnell stirbt man nicht. Gerlinde Waldner begann, sich mit Fachliteratur zu befassen und anderen Menschen von ihrer Krankheit zu erzählen. In München begegnete sie einem anthroposophischen Arzt, der sie in ihrem Willen, auf alternativem Weg Heilung zu finden, unterstützte. „Über die Heilerfolge solcher Methoden wird hauptsächlich geschwiegen“, bedauert sie. Gerlinde Waldner verließ das Haus der Familie, sie hätte trotz Krankheit dort bleiben können. „Ich machte mich auf den Weg, um mir ein neues, ein letztes Zuhause zu schaffen, wo ich mich ausschließlich um meine Gesundheit kümmern kann“, sagt sie. Nie hatte sie davor alleine gelebt, ihre langjährige Ehe ist zwar vor 15 Jahren in die Brüche gegangen. Aber als sie die gemeinsame Wohnung verließ, zog sie in das Haus der Familie ein. Dort hatte sie stets Leute um sich, dort hat sie auch ihr Männerbild revidiert: Kinderbetreuer und Referenten haben sie mit ihrer humorvollen und temperamentvollen Art und Weise beeindruckt. Unter den Gästen des Bildungshauses hat sie viele verantwortungsbewusste, liebevolle und zugewandte junge Familienväter und Ehepartner beobachtet, die sich viel Zeit für ihre Familie nehmen.

Seit einem halben Jahr lebt Gerlinde Waldner nun in einer kleinen Wohnung in Meran; sie ist zu ihren Wurzeln zurückgekehrt. Sie hat die Texelgruppe vor sich: Die Mut- und die Zielspitze wecken nicht nur Kindheitserinnerungen. „Mit Mut kommt man zum Ziel“, hat sie die Berge auch inhaltlich besetzt. Sie ist in Algund geboren und dort aufgewachsen, hat in Meran die Mittel- und Hotelfachschule besucht und in verschiedenen Betrieben gearbeitet. Die Heirat hat sie zu den Blumen und nach Bozen gebracht: Jahrelang führte sie mit ihrem Mann ein Blumengeschäft. Am meisten erfüllte sie die Begleitung ihrer Töchter ins Leben. Genau in jenen Minuten, als die ältere geboren wurde, bebte die Erde in Südtirol, im Leben hat es sie noch öfters durchgeschüttelt.

„Ich hatte kein langweiliges Leben“, meint sie. „Aber ich bin einfältig und unvorbereitet hineingegangen.“ Eine Krise in ihrer Lebensmitte zwang sie, sich ab 45 schonungslos mit sich selbst auseinanderzusetzen. Starke Panikattacken, Suizidgedanken und Existenzängste trieben sie fast in den Abgrund. Genetisch sei sie prädestiniert für psychische Probleme, sagt Gerlinde Waldner. Beide Eltern seien an der damaligen Handhabung von Psychopharmaka zugrunde gegangen.

Die Krise vor fast einem Vierteljahrhundert hat sie schlimmer gebeutelt als die Krebsdiagnose vor zweieinhalb Jahren.

Aber sie ließ sich nicht überwältigen, suchte und fand alternative Methoden, besuchte zehn Jahre lang persönlichkeitsbildende Seminare, ließ sich psychologisch begleiten, holte bei Familienaufstellungen und in der Astrologie Rat. „Stets ging es um die Frage: Wer bin ich?“, erklärt sie, die sich bis dahin hatte fremdbestimmen lassen. Sie wollte endlich Verantwortung für ihr Leben und für ihr Glück übernehmen. „Es geht nichts über Selbsterfahrung“, sagt sie und lächelt. Die Krise vor fast einem Vierteljahrhundert hat sie schlimmer gebeutelt als die Krebsdiagnose vor zweieinhalb Jahren. Als sie aber genau in der Woche vor der Hochzeit ihrer jüngeren Tochter im heurigen Frühjahr einen Knoten am rechten Schlüsselbein ertastete, stiegen zum ersten Mal starke Ängste in ihr auf: „Holla, der Tod rückt noch einmal ein Stück näher“, wurde ihr bewusst. Beruhigt war sie erst, als die Ärztin ihr sagte, dass es keine Metastasen gebe und die Lunge in Ordnung sei.

Bild: Majda Brecelj

Sie legt die Hand auf die Brust und bemerkt erleichtert: „Die Ärztin meinte: Nach so einer Erstdiagnose dürften Sie gar nicht mehr vor mir sitzen, müssten Sie eigentlich schon gestorben sein.“ In dem Moment war sie froh, ihrer Intuition vertraut und sich um alternative Methoden gekümmert zu haben. Seit der Operation hat sie das Essen auf biologisch und vegetarisch umgestellt, nimmt nahrungsergänzende Mittel, versucht seelisch Balance zu halten, pflegt soziale Kontakte bewusst und vertieft sich in die Spiritualität und ins Gebet: Letzteres gibt ihr besonderen Halt. Sie hat verstanden: Wie damals in ihrer Mittlebenskrise geht es wieder um Eigenverantwortung, dieses Mal bei der Gesundheit.

„Krisen machen stark. Ich glaube nicht, dass Sterben die schlimmste Krise meines Lebens wird.“

Die konsultierten Heilpraktiker, Ärzte und Zusatzstoffe haben sie zwar die gesamte Abfertigung gekostet, aber das war ihr die jetzige Lebensqualität wert. Sie macht täglich ausgedehnte Spaziergänge auf dem Tappeinerweg und möchte nicht in das Gejammer anderer Leute einstimmen, die darüber klagen, ständig allein zu sein oder zu wenig zu haben: „Alles, was über die gedeckten Grundbedürfnisse hinausgeht, ist eigentlich schon Luxus“, sagt Gerlinde Waldner. Jede Seele, glaubt sie, habe eine vorgegebene Lebenszeit, ihre sei gefühlsmäßig mit 70 zu Ende: „Ich bin sozusagen auf der Zielgeraden.“ Die selbstbewusste Frau ist Christin und glaubt doch an eine Wiedergeburt. Im nächsten Leben will sie sich dem Sport, der Sexualität und Musik stärker widmen. „Die sind dieses Mal zu kurz gekommen.“ Sie lächelt. Den Übergang in die nächste Dimension stellt sie sich von einem Raum in einen anderen gehend vor, nicht ins Nichts, aber in etwas Neues. „Wenn ich über meine Krankheit nachdenke, geht es nicht um die Frage: Warum ich?“, sagt Gerlinde Waldner. „Ich frage mich eher: Warum ich nicht?“ Verunsichert wird sie, wenn sie an ein Ende mit Schmerzen denkt. Obwohl es gute Schmerztherapien gibt, ist sie überzeugt: „Sollten irgendwann Schmerzen dazukommen, wird das meine Lebensdynamik noch einmal ändern, dann werde ich erneut lernen müssen.“ Es braucht Demut, um zu sterben. „Es wird mir nicht erspart bleiben, mich in die Hände anderer zu begeben.“ So lange wie möglich will Gerlinde Waldner auf eigenen Füßen stehen, in den eigenen vier Wänden leben. Bevor sie sich aus dem Ohrensessel erhebt, zieht sie den Lippenstift nach und die Jacke straff. Im Weggehen meint sie: „Krisen machen stark. Ich glaube nicht, dass Sterben die schlimmste Krise meines Lebens wird.“ Auch andere Menschen schauen der gutgekleideten, hochgewachsenen Frau nach: Am Abend nach dem Treffen meldet sie sich: „Ich habe mich heute sehr lebendig gefühlt und weit entfernt von einer etwaigen Todesstunde.“

Hallo Gevatter Tod,
wia kimp dir denn fir?
Klopfsch jo viel zu friah an meine Tür.
I hon nou nit es Stroah vom Weizen getrennt
und bin viel zu long
in die folsche Richtung grennt.
Deswegn war nou ollerhond
nui zu bedenken,
tasch mor nit nou a bissl Zeit
dafür schenken? 

(Gerlinde Waldner)

von Maria Lobis

Der Text erschien erstmals in der 12. Ausgabe von „zebra”, November-Dezember 2015. Auf BARFUSS kann nun regelmäßig mit einem ausgewählten Beitrag in die aktuelle zebra-Ausgabe geblickt werden.

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