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Liebe auf den ersten Ton

Der Bozner Philipp Trojer ist Musiker und Songwriter. Jetzt meldet er sich mit einem Lied, das so persönlich ist, wie noch nie.

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Bild: Philipp Trojer

Als Kind konnte Philipp nicht singen. Zumindest behauptet der 23-jährige Musiker das. Jetzt laufen die Songs des Bozners nicht nur auf Südtirol1 rauf und runter, sondern Philipp steht auch regelmäßig mit Westbound auf der Bühne und ist seit 2016 als Session-Gitarrist mit Liedermacher Max von Milland bei dessen Livekonzerten in Bayern, Österreich und Südtirol zu sehen.

Vergangenes Jahr hat Philipp sein Studium in Tontechnik und Komposition sowie Politikwissenschaften mit Nebenfach Philosophie in München abgeschlossen. Seitdem widmet er sich jede Minute seiner Musik. Heute erscheint sein neuer Song: „Keine Liebeslieder“.

„Ich mag keine Liebeslieder, trotzdem ist der Song für dich“ lautet eine Zeile in deinem neuen Song. Das klingt dann aber doch sehr nach Liebeslied …
Ja, es ist auch eines. (lacht) Die Hintergrundgeschichte dazu ist, dass man als Musiker von der Frauenwelt häufig dazu aufgefordert wird: Du könntest ja mal ein Liebeslied für mich schreiben. Das ist aber nicht so einfach.

Du kannst und willst nicht auf Bestellung so ein Lied schreiben. Man kann so etwas nicht erzwingen. Daher war ich immer gegen Liebeslieder und wollte auch nie Liebeslieder machen. Dann war vor einem Jahr eine Trennung, die mich sehr belastet und traurig gemacht hat. Ich wollte in dieser negativen Situation doch noch etwas Gutes aus mir rausholen und meine Gefühle rauslassen. So ist das bestellte Liebeslied doch noch zustandegekommen. (lacht)

Philipp nimmt seine Songs immer mit seinem Produzenten-Team Mattia Mariotti und Marco Facchin auf. Das Musikvideo ist die Premiere von Mariotti als Video-Maker und Regisseur. Schauspielerin ist Sabrina Delazer.

 

 

Brauchst du bei solchen persönlichen Liedern einen gewissen Abstand, bevor du sie zu Papier bringst?
Ich schreibe sozusagen mitten im Gefecht. Für mich ist das die bessere Herangehensweise. Ich will ja das, was ich in diesem Moment fühle, in diesem einen Lied ausdrücken. Daher ist es für mich leichter, ein Lied zu schreiben, wenn ich voller Emotionen bin, als zu warten bis sie abgeklungen sind.

Bist du gespannt auf die Reaktionen?
Natürlich. Es ist ein sehr intimer Text, und ich habe das Lied anfangs eher für mich geschrieben. Ich wusste damals nicht, ob ich das jemals veröffentlichen würde. Ich finde dieser Song spiegelt mich musikalisch sehr gut wider. Deswegen bin ich auch unglaublich gespannt, wie er ankommt und welche Reaktionen es gibt.

Der neue Song lässt erkennen, dass du immer besser zu deinem eigenen Stil findest, der irgendwo zwischen Pop und Rock liegt. Hörst du privat auch diese Art von Musik?
Mein Hauptgenre ist sicher Rockmusik. Ich höre immer noch die Klassiker wie AC/DC, Bon Jovi, The Beatles usw. Deutsche Musik höre ich nicht so häufig, wenn ich ehrlich bin. Außer etwas rebellische Sachen wie Kraftklub oder die Donots. Sonst mag ich gerne Alternative wie Biffy Clyro, Steven Wilson oder The Foo Fighters und Oasis .…

„Bei englischen Songs kommt es mir mittlerweile so vor, als möchte ich jemand sein, der ich gar nicht bin.”

Du schreibst deine Songtexte selbst. Welche Orte, Momente inspirieren dich zum Schreiben?
Eine Ausgangsquelle ist, dass ich in irgendeiner emotionalen Situation bin, in der ich das Gefühl habe, ich muss meine Emotionen niederschreiben und sie aus mir rauslassen. So ist beispielsweise das Lied über meinen Opa entstanden oder meine neue Single.

In einigen Texten bist du auch mal kritisch, wie im Lied „Wenn die Erde sich dann nicht mehr dreht“ …
Manchmal denke ich über ein gesellschaftliches Problem nach und möchte niederschreiben, was ich davon halte. In diesem Lied geht es darum, dass wir mit der Welt umgehen, als könnten wir uns eine neue kaufen und nicht überlegen, ob das der richtige Umgang ist.

Wann hast du eigentlich mit dem Singen angefangen?
Als Kind konnte ich gar nicht singen (lacht). Ich habe zwar immer gesungen, aber schief. Mit zehn Jahren habe ich dann mit klassischer Gitarre angefangen. Später mit E-Gitarre.

Philipp spielt zuerst in diversen Schülerbands. 2011, im Alter von 15 Jahren, gründet er zusammen mit Claus Stecher von der Band Average das „AcousticDuo Since11“. Mit Since11 veröffentlichte Philipp auch seine erste CD, „NoLogo Gentlemens Club“, mit 10 Coversongs.

Bei Since11 dachte ich: Jetzt kann ich gut singen. Später wurde mir bewusst: Ich konnte es nicht. (lacht) Erst in der Stimmbildung habe ich gelernt, wie man es richtig macht.

Bild: Philipp Trojer

Was lernt man bei der Stimmbildung?
Die Stimme ist ein Instrument wie jedes andere, das jeder erlernen kann. Ich muss oft lachen, wenn jemand sagt, dass ich Glück habe, weil ich gut singen kann. Natürlich braucht es ein gewisses Talent, aber Singen lernen kann jeder. Bei der Stimmbildung geht es um richtige Atemtechniken über das Zwerchfell, um die richtige Mund- und Gaumenhaltung usw.

Auf deiner ersten EP „Do It Now“ singst du noch auf Englisch, warum jetzt auf Deutsch?
Als ich angefangen habe, waren meine Idole die ganzen Rock-Klassiker von The Beatles bis AC/DC, Guns’n’Roses usw. Die Lieder, die ich gemacht habe, waren dementsprechend auch auf Englisch.

Nun bin ich älter und reifer. Ich habe verstanden, dass Musiker zu sein mehr bedeutet. Wenn man Lieder schreibt, ist man ein Künstler, der sich ausdrückt. Und meine Muttersprache ist nun mal Deutsch. Auf Englisch ist es für mich schwieriger, mich auszudrücken.

Der erste deutsche Song von Philipp heißt „Wenn du da oben bist“. In diesem Lied geht es um den Tod von Philipps Opa. Nach diesem Lied ist Philipp klar: Deutsche Songs haben ihren Reiz.

Bei englischen Songs kommt es mir mittlerweile so vor, als möchte ich jemand sein, der ich gar nicht bin. Auf Deutsch zu schreiben fühlt sich für mich jetzt einfach richtiger und authentischer an.

Deutsche Musik ist auch in Südtirol wieder salonfähig und Südtiroler Musiker sind auch international erfolgreich, wie Max von Milland …
Auf jeden Fall. Bei meiner letzten EP bekam ich viel mehr Reaktionen auf meine deutschen Lieder. Ich glaube, weil die Leute nicht nur die Musik beurteilen, sondern auch mehr auf den Text hören. Hierzulande ist es meiner Meinung nach einfacher, mit dem Publikum eine Bindung aufzubauen, wenn man auf Deutsch singt.

Wo schreibst du an neuen Songs?
Verschieden. Es kommt vor, dass ich mich im Studio hinsetze und sage: Heute möchte ich ein Lied schreiben. Dann nehme ich meine Gitarre und probiere, bis mir etwas gefällt.

Es kommt aber auch ganz oft vor, dass ich spontan ein Lied schreibe. Das kann überall passieren. Die Idee zum neuen Lied kam mir beispielsweise, als ich in der Uni gerade mitten in einer Vorlesung war. Plötzlich sind mir die ersten Zeilen des Refrains eingefallen. Ich habe sie mir gleich aufgeschrieben und zuhause dann mit meiner Gitarre den Song komponiert.

Seit er volljährig ist, ist Philipp auch Mitglied der Band Westbound. Die achtköpfige Südtiroler Gruppe wurde vor über 30 Jahren von Arzt und Musiker Dr. Toni Pizzecco gegründet. Westbound spielt Benefizkonzerte für den Verein „Südtiroler Ärzte für die Welt“ und sammelt Geld für Hilfsprojekte in Äthiopien und Nepal. Jedes Jahr touren die Musiker durch ganz Südtirol.

Was bedeutet es dir, Teil von Westbound zu sein?
Ich finde das Projekt super, das hat einen guten Spirit. Es ist immer bärig, dabei zu sein. Wir waren mal zusammen in Äthiopien und haben dort Konzerte gespielt.

Wir konnten uns dort auch die Hilfsprojekte ansehen, die wir unterstützen. Das war schon prägend. Man kommt hin und sieht eine völlig andere Welt. Man kommt nachdenklich zurück und fragt sich, warum wir hier mit allem, was wir haben, trotzdem oft unglücklich sind. Und man ist motiviert, so ein Projekt zu unterstützen, weil man sieht, dass man etwas tun kann. Auch wenn es nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist.

„Für mich ist Musik eine riesengroße Welt, in die ich abtauchen kann und in der ich immer Verbündete finde, die mich in jeder Gefühlslage auffangen.“

Gibt es kuriose Orte, an denen du schon Musik gemacht hast?
In Äthiopien war die Situation kurios. Wir haben in einer Schule mit einigen tausend Schülern gespielt, die alle noch nie auf einem Konzert waren. Man hat gemerkt, dass sie nicht wussten, was sie tun sollen. Nach einem Lied schlägt der Schlagzeuger manchmal noch einen Trommelwirbel. Dabei haben die Schüler geklatscht und kaum haben wir aufgehört, haben sie auch aufgehört. (lacht) Das war schon kurios.

Ich habe auch schon mal als Session-Musiker für einen anderen Künstler in einem Wohnzimmer von Privatleuten ein Konzert gegeben.

Vor Freunden oder Fremden?
Fremden. Das war komisch (lacht). Es ist einfacher, auf einer Bühne vor vielen Leuten zu stehen, weil das anonymer ist, als beispielsweise ein Wohnzimmer. Dort kannst du jedem in die Augen schauen und siehst die direkte Reaktion.

Was bedeutet Musik für dich?
Musik ist mein Lebenszentrum. Ich beschäftige mich eigentlich den ganzen Tag mit Musik, indem ich Gitarre übe oder über meinen nächsten Song nachdenke. Und wenn ich etwas anderes mache, dann höre ich nebenbei Musik.

Für mich ist Musik eine riesengroße Welt, in die ich abtauchen kann und in der ich immer Verbündete finde, die mich in jeder Gefühlslage auffangen. Wenn es mir nicht gut geht, höre ich Musik und mir geht es besser; wenn ich feiern will, höre ich Musik und habe Lust zu feiern. (grinst) Ich sehe sie als ständige Begleiterin in jeder Lebenssituation.

Was sind deine Ziele für die nächste Zeit?
Im Abstand von je einem Monat wird nun ein neuer Song von mir veröffentlicht. Insgesamt sechs Songs. Zu dreien von den sechs Songs wird es voraussichtlich auch ein Video geben.

Am 7. Februar bin ich mit meiner Band beim Winter-Klong-Festival in Toblach. Dann werde mich für ein paar Festivals im Sommer bewerben und dazwischen kommt die Tour mit Max von Milland. Und im August/September bin ich wieder mit Westbound unterwegs.

Langweilig wird’s nicht.
Ich hoffe es (lacht). Wenn‘s langweilig wird, heißt’s, dass es nicht läuft. (lacht)

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Jazz-Schlagzeuger im Porträt

Der Weltmusiker

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Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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